Erstellt am: 5. 3. 2009 - 16:27 Uhr
Die Norm hinterfragen
"Integration!! - Wundermittel am Prüfstand" lautet der Titel der Lecture die Mark Terkessidis am 5. März in Wien hält. Seine Kritik richtet sich an eine Idee von Integration, die aus den 70ern, der Zeit des Wohlfahrtsstaats stammt. Ein Konzept, das schon die letzten 30 Jahre nicht wirklich funktioniert hat, kann heute, in den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen schon gar nicht mehr aufgehen.
Der in Köln lebende freie Journalist, Autor, Psychologe und Pädagoge hat Anfang der 90er für die Spex geschrieben, den Sammelband "Mainstream der Minderheiten" herausgegeben - neben Popkultur forscht und arbeitet Mark Terkessidis zum Thema Migration, ist Mitglied von Kanak Attak. Seine Doktorarbeit über das Wissen über Rassismus in der Zweiten Migrantengeneration wurde 2004 publiziert.

Gesellschaft in Bewegung - Mark Terkessidis und Tom Holert über Touristen und Migranten. Kiepenheuer&Witsch, 2006
Mission Integration
Für die jüngste Publikation hat Terkessidis gemeinsam mit Tom Holert Bewegungen von MigrantInnen und TouristInnen untersucht und dafür an jenen Orten recherchiert, wo sich die Routen von Flüchtlingen und Strandurlaubern, von Arbeitsmigranten und Individualtouristen kreuzen.
Zurück nach Deutschland, nach Österreich - hier wird, so Mark Terkessidis im Interview, Integration als individuelle Leistung von Einwanderern verstanden. Allerdings würden die Maßstäbe für das Gelingen der individuellen Mission Integration permanent verändert - Terkessidis bemüht das Bild der Karotte, die vor der Nase baumelnd, nie erreicht werden kann. Ausgegeben wird der Köder von einer Mehrheitsgesellschaft, die Integration als Angleichung an die Norm versteht, einer Idee von Norm und Durchschnitt, die der aktuellen Einwanderungsgesellschaft nicht entspricht.
Ein Auszug aus dem Interview mit Mark Terkessidis

"Ich glaube, dass man sehr viele Fehler in der Bewältigung der Probleme macht, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt. Ich will mal ein Beispiel nennen - die Bildungspolitik: Momentan ist es in Deutschland so, dass sehr stark darauf abgezielt wird, dass man Sprachförderung macht für Kinder mit Migrationshintergrund. Da richten sich aber alle Bemühungen auf Kinder mit Migrationshintergrund. Es werden in den Kindergärten sogenannte "Sprachstandserhebungen" durchgeführt, die primär abtesten, was diese Kinder für Defizite haben. In jeder modernen Pädagogik würde man sagen, "Okay, wenn das Kind die deutsche Sprache noch nicht so beherrscht, dann fragen wir mal in der Muttersprache nach, was dieses Kind auch kann - was hat das Kind eigentlich für Potenzial?"
Wir fragen aber nur nach den Defiziten, und die Lösung lautet dann, dass wir Sonderklassen einführen – schon in den Kindergärten Sprachkurse, die dann das Kind sozusagen bei Einschulung – also "Stunde Null" – auf das Niveau des deutschen Normkindes bringen sollen. Da gibt es dann zwei Probleme: Einerseits bringen es diese Sprachkurse nicht, das weiß man mittlerweile auch, weil für Kinder Sprachkurse überhaupt nicht geeignet sind, sondern man im Kindergarten natürlich mit dem geeigneten professionellen Potenzial mit anderen Kindern zusammen die Sprache lernt; und auf der anderen Seite einfach dieses "deutsche Normkind" einfach nicht mehr existiert. Das heißt; in einer Klassenzusammensetzung, wie sie jetzt üblich geworden ist in deutschen Großstädten, wo die Anzahl der Unter-5Jährigen mittlerweile bei dem Anteil der Leute mit Migrationshintergrund über der Hälfte liegt hab‘ ich eine ganz neue Zusammenstellung von Leuten – dieses "Normkind" funktioniert gar nicht mehr. Anstatt die Kinder mit Migrationshintergrund zu "reformieren" bräuchten wir eine Reform der Schule selbst.
Du sprichst eben öfters eine "Reform der Institutionen" an, die es braucht – was meinst du damit genau?
Ich glaube, dass es so etwas geben muss wie eine interkulturelle Öffnung gemäß solcher Konzepte wie es sie in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, aber auch in den skandinavischen Ländern gibt. Wo man "Diversity Konzepte" hat. Das bedeutet, man richtet die komplette Institution darauf aus, dass es Vielfalt gibt. Das ist ein Konzept, das auf das Individuum abzielt, und zwar in dem Maße, dass man sagt, "dieses Individuum soll sein volles Potenzial ausschöpfen können", und dafür müssen Barrieren beiseite geschafft werden. Diese Barrieren sind jeweils unterschiedlich. Nehmen wir mal Kulturinstitutionen; Theater zum Beispiel, das ist in Deutschland oder in Österreich oder in anderen Ländern genauso: Das sind Institutionen, die sind auf Publikum angewiesen. Wenn man jetzt aber sagt, das Publikum wird demnächst zu über der Hälfte aus Leuten bestehen, die Migrationshintergrund haben; wie eigentlich hat diese Institution diese Leute angesprochen? Die gehen immer noch von der Idee aus, dass sie es mit dem "deutschen Bildungsbürger" zu tun haben, der sozusagen der "Normtypus" dieser Institution ist, nur dieser "Bildungsbürger" stirbt quasi aus. Dann muss man natürlich viele Dinge tun, man muss ein neues Publikum ansprechen, in dem man andere Themen, aber auch andere Zugänge schafft - auf der anderen Seite muss sich die Institution aber auch in sich selbst verändern. Man muss zum Beispiel Leute mit Migrationshintergrund in die Institutionen reinholen, man muss sich eben von dieser Idee der "Norm", die in Deutschland oder auch in Österreich sehr stark verankert ist, verabschieden.
Wie sieht es denn aus mit Jugendkultur oder Popkultur, wie sind da die Möglichkeiten für Menschen mit migrantischem Hintergrund, als ProtagonistInnen auch ganz vorne zu stehen und damit vielleicht auch eine neue Form von "role model" zu sein?
Bislang hat das nicht zu so tollen Ergebnissen geführt – gut, dieser Bereich der Populärkultur wird ja nicht staatlich subventioniert. Das heißt, das ist ein Bereich, in dem erst mal jeder machen kann, was er will. Wenn er allerdings in Institutionen kommt, dann meistens instrumentell. Das heißt, den Jugendlichen mit Migrationshintergrund, von denen denkt man, "die machen Hip Hop, und die können dann etwas über die Straße erzählen". Das führt aber am Ende dazu, dass man denen sozusagen diesen Hip Hop gewissermaßen aufdrängt und damit auch einen ganz bestimmten Themenkanon. Die gucken dann in die USA und denken, "Hey, 50 Cent, der hat echt viel interessantere Probleme als ich, weil meine Probleme sind gar nicht so interessant". Es geht gar nicht um dicke Autos oder Gewalt und Drogenhandel und all das, sondern ich habe viel profanere Probleme, und dann entsteht quasi ein im Jugendheim eingeübter, nicht besonders guter Rap, der quasi sich mit aus Amerika importierten Phantasieproblemen beschäftigt, und dann hat man Bushido. Das ist dann gleichzeitig auch wieder der Typus, vor dem sich der Bildungsbürger fürchtet, und das kann es nicht sein.
Ein Thema, mit dem du dich auch beschäftigst, ist Rassismus – du verwendest den Begriff "banaler Rassismus" – was ist damit gemeint?

Die Doktorarbeit in Buchform - Mark Terkessidis "Banalität des Rassismus", Transkript Verlag, 2004
In Deutschland – ich glaube, in Österreich ist das ähnlich – ist es immer so, dass über Rassismus dann gesprochen wird, wenn es um Gewalt und Rechtsextremismus geht. Die meisten Leute mit Migrationshintergrund haben gar keine Erfahrungen mit Gewalt oder mit dem "Monster-Skin", der gerade um die Ecke geschossen kommt. Die haben eher Erfahrung damit, dass ihnen im Alltag die Zugehörigkeit streitig gemacht wird. Ich will mal ein Beispiel nennen – ein ganz kleines Erlebnis aus einer meiner Untersuchungen – der kleine Mehmet türkischer Herkunft gewinnt den Wettbewerb "Sicher durch den Straßenverkehr". Der wird dann zum Bürgermeister eingeladen, und der fragt ihn dann vor versammeltem Saal, wo er denn herkommt. Er sagt natürlich, weil er denkt, das sei selbstverständlich, "Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Bielefeld." Daraufhin bricht der komplette Saal in Lachen aus, weil: Falsche Antwort. Richtige Antwort wäre gewesen, "aus der Türkei". In dem Moment merkt aber der kleine Mehmet, dass sein Selbstbild mit dem, was die anderen denken, überhaupt nicht überein stimmt. Stattdessen denkt er, "Aha, ich bin also doch irgendwie anders als die anderen". Das ist natürlich etwas, das sich über die Jahre ständig wiederholt. Der Name, das Aussehen, bestimmte Auffassungen darüber, wie der Türke oder auch andere Gruppen im Allgemeinen zu sein haben, bestimmte Auffassungen davon, in welchem Klima man am besten gedeiht, etc. führen dazu, dass man ständig darauf angesprochen wird, dass man anders ist. Das ist glaube ich ein riesiges Problem.
Eine Freundin von mir, die nach Großbritannien gegangen ist – sie ist relativ dunkel, türkischer Herkunft - , meinte kürzlich zu mir, dass sie dort das Bewusstsein für ihr Gesicht verloren hat. In Deutschland verliert man dieses Bewusstsein nicht, wenn man einen Nachnamen hat, der aufs Ausland hinweist, oder wenn man anders aussieht. Das ist eine Form von Rassismus, über die wir sehr selten diskutieren.<<
Das gesamte Interview zum Nachhören
Am 5. März hält Mark Terkessidis im Semper Depot in Wien den Vortrag "Integration!! Wundermittel am Prüfstand" organisiert von SOS Mitmensch und der Zeitschrift "DerWisch"
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