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Musik, Film, Heiteres

Rafael Reisenhofer

Rafael Reisenhofer Osnabrück

Lebt und studiert in Osnabrück

10. 3. 2009 - 11:20

20 Jahre World Wide Web

Das Netz der Netze feiert runden Geburtstag und ist trotzdem für immer ein Jahr jünger als ich. Eine sehr persönliche Chronologie.

Tim Berners-Lee

Er hat's erfunden! In der Schweiz. Ein echter Sir und Held.

Vor rund 20 Jahren erblickte das World Wide Web das Licht der Welt. Es tat dies standesgemäß virtuell, als unschuldiges Konzept nämlich, ersonnen vom britischen Forscher Tim Berners-Lee, der damals am CERN den feuchten Traum eines jeden Physikers leben und dabei zusehen durfte, wie unvorstellbar kleine Teilchen unvorstellbar schnell aufeinanderprallten. Um nun diese große Freude mit der weltweiten Kollegenschaft möglichst effizient teilen zu können, entwickelte er einige Standards für Erstellung und Austausch beliebiger Inhalte, versah sie mit knackigen Abkürzungen wie HTTP oder HTML und hoffte auf das Beste.

Ich war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend weiter. Lange noch bevor Spammails und Popups der vernetzten Allgemeinheit zusetzten, hatte ich mein Umfeld bereits monatelang mit verlässlich unregelmäßigen Schreiattacken terrorisiert. Zwar war mein Wirken beschränkt, durch unerreichbare Türschnallen und besorgte Bezugspersonen und doch war mir in dieser ersten Zeit unseres gemeinsamen Daseins wohl mehr Aufmerksamkeit beschieden, als jenen visionären Ideen, die in den Händen der Genfer Entscheidungsträger ihrem Schicksal harrten. Vorerst.

Entwicklung

Ein schwarzer Rechner mit schwarzem Bildschirm und schwarzer Tastatur, der erste HTTP-Server.
Der erste Webserver, weiß die Wikipedia.

In den folgenden Jahren gaben wir uns denkbar unabhängig voneinander der Muße hin, uns zu entwickeln. Während ich mühsam Laufen lernte, wurden erste HTTP-Server installiert und langsam aber sicher mit Inhalten befüllt, die sich, im krassen Gegensatz zu heute, vornehmlich aus der Arbeit von Wissenschaftern und Studenten speisten. Überhaupt muss in jenen frühen Tagen des Webs eine romantische Stimmung des Aufbruchs geherrscht haben, unvergleichbar mit der mittlerweile schulterzuckenden Hinnahme der absoluten Durchdringung unseres Alltags von Facebook, Google und Konsorten. Während der moderne User sich in Torrent Netzwerken und Blogosphären bewegt, wie James Bond in einer russischen Militärbasis und an Content nicht genug bekommen kann, gab es zu Beginn der 90er noch das verbreitete Prinzip, für jede konsumierte Information eine möglichst gleichwertige selbst zur Verfügung zu stellen.
Eine Sichtweise der ich, meiner natürlichen Entwicklung als egozentrisches Kleinkind geschuldet, mit fünf Jahren an Lebenserfahrung wenig bis gar nichts abgewinnen konnte. Brüderliches Teilen stand nicht auf meiner Agenda. Entsprechend moralisch vertretbar geriet ich zusehends ins Hintertreffen.

Ein Netzplan des Internets von 2004

Das Internet. 2005.

Während ich also die klassisch trübselige Karriere eines von den Mühen des Alltags und der konsequenten Feindseligkeit der Klassenkameraden geplagten Volksschülers beschritt, griff das Internet, befeuert durch die einfache Verwendung und freie Verfügbarkeit der neuen WWW-Standards, wie rasend um sich. Immer mehr private Haushalte gingen online, vom Trend kalt erwischte Geschäftsführer ließen sich von selbsternannten Webdesignern dilettantisch zusammengestöpselte HTML-Konstrukte teuer verkaufen und letztlich geschah, was unvermeidlich war:

Der erste Kontakt

Die Oberfläche de Mars. Gestein und Sand, ein bärunlicher Horizont.
Der Mars. Es fehlen: Captain Kirk mitsamt away team, hauteng und pastellfarben gewandet, inmitten mäßiger special effects. Aber immerhin.

Wir schrieben 1997. Mein Vater hatte einen verheißungsvoll blinkenden grauen Kasten mit nach Hause gebracht, von dem ich abgesehen davon, dass er es mit 28.8 k in der Sekunde konnte, nicht genau wusste was er tat und Zentimeter vor meinen Augen bauten sich zeilenweise(!) Bilder auf, welche die Marssonde Pathfinder gerade einmal Minuten zuvor auf einem fremden Planten, weit weit von der Erde entfernt, geschossen hatte. Ich war in jeder Hinsicht euphorisiert ob der sensationellen technischen Errungenschaft und wähnte mich am Puls von Welt und Zeit. Obwohl rückblickend festzustellen ist, dass die Mondlandung 1969 bereits live im Fernsehen übertragen wurde, und man damals zwischen zwei Bildern weder Zeit für ein gemütliches Frühstück noch zwei Partien Schach fand.

In weiterer Folge entwickelte sich unsere Beziehung langsam, aber stetig. Zwar verschwand das Modem nach einiger Zeit aus unserem Haushalt, ich war aber hartnäckig genug, meinen Vater an Wochenenden zur Arbeitsstätte zu begleiten, um mich dort nach Möglichkeit zu vernetzen. Mein erster e-Mail Account blieb mangels virtueller Freundschaften weitestgehend ungenützt und in Chats war ich lange der Meinung, "cu" wäre sehr spezieller Geheimcode unter Eingeweihten, aber immerhin konnte ich meine geliebte PC Player nun auch online lesen und auf debatte.orf.at oberflächlich über heimische Songcontest Teilnehmer lästern.

Pubertät

Die Schachtel des Computerspieles "Unreal Tournament"
Zack, Krach, Bumm! Blut und Beuschel! DAS Ventil meiner frühen Jugend.

Wirklich ernst wurde es nach der Jahrtausendwende. "The Matrix" war gerade auf DVD erschienen und der blasse, Kung Fu begabte Hacker Neo zum personifizierten Bubentraum einer ganzen Generation pubertierender Möchtegern-Nerds geworden. Einer meiner Klassenkollegen hatte neben einem äußerst spielefähigen Rechner einen Breitbandanschluss und kein romantisches Abenteuer der Welt hätte mich dazu bringen können, die Einladung, bei ihm zu übernachten, auszuschlagen. Nachdem wir die obligatorische Visite auf rotten.com hinter uns gebracht, und uns auf krone.at - wo das Prinzip der "täglichen Nackerten" konsequent fortgeführt wurde - durch ein paar entblößte Körper geklickt hatten, gings ans Eingemachte. An den auf "Ballerspiele" äußerst allergisch reagierenden Augen meiner fürsorglichen Eltern vorbei hatte ich die Unreal Tournament "Game of the Year Edition" erstanden und nach einer kurzen Installationsroutine wurden meine hohen Erwartungen nicht im Geringsten enttäuscht. Die schlichte Freude, nach Jahrtausenden an Evolution endlich wildfremde Menschen unterschiedlichster Nationalität, beliebigen Alters und Geschlechts mit Railguns, Pistolen und Raketenwerfern ins virtuelle Nichts zu ballern, war eine nicht zu ermessende.

Der Videoblogger und Webkünstler Ze Frank.

Ze Frank, populärer Videoblogger, hielt 2004 bei der TED einen ebenso gehaltvollen wie unterhaltsamen Vortrag. Thema: "What's so funny about the Web?"
Es kommen vor: Skrupellose eMail-Halsabschneider und Ego Googling. Unbedingt anschaun!

Partnerschaft

Je höher die Schule, desto zweckmäßiger gestaltete sich unsere Beziehung. Spätetestens in meinem zweiten Jahr als HTLer ersetzte ich jede bis dahin noch rudimentär geführte Mitschrift durch panisch flehentliche Rundmails, in denen ich einige Tage vor wichtigen Prüfungen herzerweichend um ein entsprechendes Skript bettelte. Referate waren themenunabhängig ein Best of Wikipedia und wenn zwei Stunden vor der per Mail zu erfolgenden Abgabe drei unterschiedliche Versionen einer Hausübung in angewandter Datentechnik kursierten, so reichte das locker für eine ganze Klasse. In dieser Zeit blickte ich oft ein wenig mitleidig auf die Generation unserer Eltern zurück, deren Weg hin zur befreienden Matura gepflastert war, von stundenlangem Abschreiben aus Büchern und dem Lernen mit schwer entzifferbaren, handschriftlichen Skripten.

Heute zweifle ich ernsthaft an meiner Überlebensfähigkeit in einer analogen Welt. Meine studentischen Nebeneinkünfte erarbeiten sich ausschließlich am heimischen Rechner oder unterwegs am Notebook. Der Konsum tagesaktueller Zeitungen erscheint mir ob der Fülle und Qualität der auf den entsprechenden Webpräsenzen gebotenen Informationen immer obsoleter und so wie ich bei meinen seltenen Besuchen in Fußballstadien nach Torszenen immer instinktiv auf eine Wiederholung warte, fehlt mir bei der Lektüre eines tatsächlichen Blattes die Möglichkeit, mir anhand der dazugehörigen Postings ein Bild der öffentlichen Meinung zu machen. Will ich möglichst effizient von A nach B gelangen, hilft mir unabhängig vom Fortbewegungsmittel maps.google.at, für alle anderen Sorgen gibts die zugehörige Suchmaschine. Steuererklärung - online, Studium - online, Beziehungen - online, Geldsorgen online, Nachrichten - online, Radio - online, Zeitverschwendung - online, ich - online.

PS

Für Klugscheißer, und da es an sich unhöflich ist, Geburtstagskinder mit falschem Vornamen anzureden: World Wide Web verhält sich zu Internet in etwa so, wie Salzwasser zu Ozean. eMails wären dann zum Beispiel Fische. Näheres weiß wie immer die Wikipedia.

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Forum

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  • mistersimpson | vor 1170 Tagen, 20 Stunden, 15 Minuten

    jaja, rotten.com war auch bei mir eine der ersten internetseiten, die ich besucht habe. das galt ja soviel ich noch weiß als cool, wenn man sich die ansah. hab aber gar nicht gewusst, dass es die immer noch gibt.

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  • arnonymous | vor 1171 Tagen, 6 Stunden, 33 Minuten

    hmm

    fuck, jetzt fühl ich mich alt.

    pc player!? asm und happy computer/power play.

    internet?

    ich war noch auf PHYSISCHEN tauschbörsen. so schön auf illegal, 30 amigas in einer halle und viele viele disketten.

    now get off my lawn

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  • darthy | vor 1171 Tagen, 7 Stunden, 59 Minuten

    hach

    zu früh maturiert... ich musste meine referate tatsächlich noch selbst vorbereiten oder hoffen, dass ältere jahrgänge eine zusammenfassung derer kopiert hatten :)

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  • druid | vor 1171 Tagen, 8 Stunden, 36 Minuten

    oh ja genau den gleichen artikel hätt ich (mit nur ein paar marginalen abänderungen) auch schreiben können :)

    als kleiner tipp für die oldschool egoshooter fraktion, ich war zwar selbst auch immer ein vertreter der UT seite aber seit neuestem spiel ich quakelive (Quake3 gratis, als web-browser community game www.quakelive.com) und erfreue mich der virtuellen gegnervernichtung wieder wie früher. hach schön :)

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    • c0mput3r | vor 1170 Tagen, 14 Stunden, 18 Minuten

      na besser spät als gar nicht ...

  • rynia | vor 1171 Tagen, 12 Stunden, 4 Minuten

    *kopfnicken und sich zurück erinnern*

    Ach waren das tolle Zeiten.

    Win 3.11, dann Win 95 und dann fast jede Generation erlebt. Bei Spielen habe ich auch zu nächst Descent und gleich als nächstes UT gespielt. Einfach schöne Zeiten. Man spürte, dass sich die Welt am Ändern ist und man direkt vor dem Medium sitzt, dass dafür verantwortlich ist.

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    • rynia | vor 1171 Tagen, 12 Stunden, 4 Minuten

      Korr

      ,das dafür

  • alpiarts | vor 1171 Tagen, 13 Stunden, 14 Minuten

    Dieses ewige Auseinanderdividieren zwischen "analog" und digital ist engstirnig und kleinkariert. Inzwischen geht längst Alles synchron/parallel. Eine Frage des Umgangs mit den verschiedenen Kommunikationsformen. Übrigens : auch das Digitale ist echt, wirklich. Wenn man allerdings dadurch physische Begegnungen vernachlässigt, verkommt man zu einem entkörperten Otaku.

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  • diqits | vor 1171 Tagen, 14 Stunden, 1 Minute

    liebe auf den ersten Blick

    DOS Spiele waren anscheinend hier nicht vertreten aber auch schon zu der Zeit konnte man sich die Zeit vertreiben, egal ob mit Lemmings, Monkey Island, Doom oder Commander Keen. Ich war begeistert von den Gerät.. danach gab es dann diese neue innovative Software.. Windows was mich auf den Boden zurückholte. das Grafik doch nicht aus 2D Pixeln bestand.., Quake 3 und UT, Counterstrike.. und mein erster Trip durch die Welt um virtuellen Noobs da draußen das fürchten zu lehren. Natürlich konnte man mit dem Gerät nicht nur spielen, aber das interessiert keinen
    12 jährigen^^

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    • kirschensindambaum | vor 1171 Tagen, 13 Stunden, 35 Minuten

      monkey island...

      ... :) :)

      allein die musik...

  • robertglashuettner | vor 1171 Tagen, 15 Stunden, 34 Minuten

    ah, ein freund des ehemals periodisch erscheineden opus magnum der herren lenhardt und schneider.

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    • rafael | vor 1171 Tagen, 13 Stunden, 22 Minuten

      in der tat!

      aber ich bin ja erst anfang 98 so richtig eingestiegen, da war heinrich lenhardt grad am sprung in die staaten, boris schneider zwischnzeitlich gar nicht mehr dabei und chefredakteur dann ziemlich bald manfred duy(wenn ich mich jetz dumpf richtig entsinne). aber es waren ein paar herrliche jahre. hab damals fast mehr spaß beim lesen gehabt als beim spielen (was auch ein bisserl am geringen budget lag) und die vollversion (im speziellen mi2 von ausgabe 01/98) geradezu kultisch verehrt. mit dem future verlag wurde dann alles irgendwie ein bisserl komischer und früher oder später wars ja dann sowieso aus. hab noch versucht auf gamestar umzusteigen, aber das hat für mich nicht mehr wirklich funktioniert.

      achja, hab kürzlich eine durchaus brauchbare sammlung an alten mmlbriefen
      auf youtube gefunden: tinyurl.com/ce6spt

  • manicstreetpreacher | vor 1171 Tagen, 16 Stunden, 15 Minuten

    1. wikipedia ist sicher netter zeitvertreib aber bitte nie, nie, nie als verlässliche quelle für irgendeine info sehen.

    2. wie können postings "die öffentliche meinung" reflektieren. das klammert doch genügend nicht-online vernetzte menschen aus.

    sehr, sehr unreflektiert, dieser artikel. aber nostaglisch, ja.

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    • rafael | vor 1171 Tagen, 14 Stunden, 49 Minuten

      1. dass nicht alles was in der wikipedia steht stimmen muss, facebook wie studivz die privatsphäre gefährden können, google ein beängstigendes informationsmonopol aufgebaut hat - das wissen wir alle. und das ist auch zu recht gegenstand vieler medialer auseinandersetzung. hier ging es bewusst nicht um eine kritische aufarbeitung dieser dienste sondern meinen persönlichen konnex zum medium internet an sich.

      2. wenn man miteinbezieht, dass sich zum beispiel auf den standard foren nur eine gewisse klientel herumtreibt kann man erstens direkt auf diese rückschließen und zweitens indirekt auch ein wenig auf andere. das fügt sich dann in kombination mit klassischen leserbriefen und alltäglichen diskussion oft zu einem sehr stimmigen bild.

  • daddyd | vor 1171 Tagen, 16 Stunden, 47 Minuten

    Okay, I'm a klugscheisser

    But the Birthday (as in when it actually saw the light of day) would be in the Fall of 1990.

    1989 the web was just a twinkle in TBL's eye, or to be more specific, a proposal that he was floating around. In other words, Mom and Dads first date.

    IN september of 1990 he got the okay to actually buy the Next Cube he would use to write and host the software he called Worldwideweb (I guess that would be the conception) and in October it startes getting written and demo'ed.

    That would have been the Birthday.

    As in the day it was actually here, in the world, as something we could use. something more than a concept.

    Because the Hypertext concept is actually much older. TBL's first proposal is online by the way, as are some screenshots of his first program.

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