Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Gar nicht so traurig wie immer alle behaupten"

Musik, Film, Heiteres

Alexandra Augustin

West Coast, wahnwitzige Künste und berauschende Erlebnisse. Steht mit der FM4 Morningshow auf.

27. 3. 2009 - 10:59

Gar nicht so traurig wie immer alle behaupten

Maximilian Hecker saß gestern Abend am Bösendorfer Flügel im Wiener Radiokulturhaus. Gleich neben ihm Bob Dylan, Lou Reed, Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Kollegin M. hat mir gestern Nachmittag von einem Konzerterlebnis mit Maximilian Hecker von vor ein paar Jahren berichtet: Es war so still im Publikum, man konnte das anzünden jeder einzelnen Zigarette lautstark hören. Kollegin J. hat vorher noch gemeint, vor ein paar Jahren bei einem Wienkonzert hat man Herrn Hecker nur von hinten bewundern dürfen, er hätte nämlich ausschließlich, der Schüchternheit wegen, mit dem Rücken zu seinen Fans gespielt. Beide Abende, anscheinend Erlebnisse sondergleichen, blieben mir verwehrt.

Gespannt war ich deshalb auf die Radiosession im kleinen und besonderen Rahmen. Schon am Nachmittag habe ich mich heimlich und neugierig ins Radiostudio geschlichen, um dem Live-Interview mit ihm zu lauschen und um vorzufühlen, worauf ich und die paar Hand voll glückliche Kartengewinner sich freuen dürfen. Und um seinen Geschichten zu lauschen, die er in der Zeit seit seinem letzten, 2006 erschienen Album "I'll be a Virgin, I'll be a Mountain" erlebt hat.

Maximilian Hecker betritt den Konzertsaal

Pamela Rußmann

Being Maximilian Hecker

Alle Fotos: Pamela Rußmann

Nein, obwohl das aktuelle Album "One Day" sein mittlerweile fünftes ist, schätzt er sich eigentlich nicht als produktiver Mensch ein, erzählt Maximilian. Denn eigentlich schreibe er pro Jahr nur 12 Lieder. Dividiert also eines pro Monat. Addiert quasi eine Albumlänge in 365 Tagen. Und seine Liederskizzen, die klängen oft nach 'Schulband-Liedern'. Nur eine von 20 würde da herausstechen und sei es Wert, dass er an der Idee weiterarbeitet. Bescheidene Worte für einen Musiker, der auf der anderen Seite der Erdkugel als Superstar abgefeiert wird. Aber das Publikum selbst sei ihm sowieso nicht ganz so wichtig:

"Musik machen ist vordergründig eine Kommunikation mit mir selber. Wenn dieser Kreislauf stimmt, diese Kommunikation, die in sich geschlossen ist, dann bin ich in diesem Moment unabhängig von der Welt und brauche weder Resonanz von Außen, noch das Musikbusiness, noch irgendwas anderes."

Ausverkaufte Konzerthallen in Japan, China und Taiwan. Zurück in Berlin stellt sich Maximilian Hecker trotzdem immer noch gerne mit der Gitarre in der Hand auf die Strassen der Großstadt, um seine Lieder preiszugeben, so wie zu der Zeit als er noch ein fast Unbekannter war. Asiatische Touristen die vollkommen aus dem Häusschen sind, wenn sie bemerken, wer der singende Herr der da an der Strassenecke eigentlich ist, inbegriffen.

Aber zurück zum gestrigen Konzert. Eben nicht in einer Konzerthalle oder auf der Strasse, sondern in einem bis auf den letzten Sessel besetzten Radiokulturhaus.

Maximilian Hecker am Klavier

Pamela Rußmann

Das schöne an den FM4 Radiosessions im Saal des Radiokulturhauses ist nicht nur, eine/n MusikerIn in einen ganz anderen Rahmen als sonst wahrnehmen zu können. Wirklich spannend wird es, wenn die Musiker selbst diesen Rahmen ausschöpfen und völlig neue Dinge ausprobieren. Mit gewohnten Konzerthabiten brechen, sich zum Beispiel an andere Formen der Selbstpräsentation wagen oder andere Instrumente als sonst bespielen und einen Abend so unvergesslich und besonders machen.

"Bei der heutigen FM4 Radiosession entspricht dieser Saal endlich dem, wofür er ursprünglich gebaut wurde. Für klassische Konzerte und Orchestermusik", meinte Kollege Martin Blumenau noch vor dem Konzert in seiner Ansprache. Denn Maximilian Hecker hat gestern all seine Lieder alleine an einem Bösendorferflügel dargeboten. Zum allerersten Mal überhaupt in dieser Form. Im schwarzen Abitur-Anzug, der Anno Dazumal 20 DM gekostet hat. "Kiloware aus dem Kaufhaus", wie Maximilian Hecker spaßhalber meint.

Maximilian Hecker am Klavier

Pamela Rußmann

Like a rolling stone

"Habt ihr's eilig?", fragt Maximilian Hecker schüchtern und mit einem Grinser nippt er an seinem Bier. Er muss ja noch warm werden, damit er sich auch ja nicht verplappert, verspielt und daneben benimmt. Ein bisschen angespannt wirkt er, wird doch das ganze Konzert mitgeschnitten und von den vielen Kameras die ihm umzingeln, auch noch mitgefilmt. Aber egal, das Motto des Abends soll, wie man es in den kommenden eineinhalb Stunden auch noch selbst erleben wird, "Narrenfreiheit" sein. Und los legt er mit dem ersten Song, einer Coverversion von Bob Dylans "Mr. Tambourine Man".

Maximilian Hecker hat nämlich nicht nur eigene Songs mitgebracht, sondern eben auch die des großen Meisters, inklusive Akzent und der für Dylan typischen Art zu singen. Lieder wie "Like A Rolling Stone" und "I Want You" wechseln mit eigenen, fragilen, ins Mikrophon gehauchten Stücken wie "Miss Underwater". Ein Song der kürzlich von einer taiwanesischen Musikern erfolgreich gecovert worden ist und eigentlich Maximilians Mama gewidmet ist.

Maximilian Hecker hat sich das Hemd ausgezogen

Pamela Rußmann

Ambivalenzen

Und so nahe man Maximilian Hecker während den einzelnen Songs auch zu kommen scheint, so schnell entgleitet er einem auch wieder durch die vielen selbstironischen Zwischenansagen und "Showeinlagen", nichts da mit den prophezeiten hängenden Mundwinkeln.

"Na? Seid ihr gut draaauf? Und habt ihr euch die neue Scheibe schon illegal runtergeladen? Wer hat sie schon? Aufzeigen! Ich hätte heute ja gerne welche verkauft, aber ich hab's verpeilt. Ich habe meinen Merch nicht mitgebracht. Zerstreuter Künstler und so."

Und hallo? War das etwa gerade Joshua Kadisons "Jessie" anstatt des angekündigten "The End of Longing"? Und Barry Manillows "Mandy"? Und Robbie Williams "Misunderstood"? Immer wieder wird die Schwere und Stille - in der man sogar das leise donnernde Pedaltreten am Flügel bis in die hintersten Reihen hören kann - und der Pathos sabotiert und an eine kippende, erleichternde Spitze getrieben. Eine Möglichkeit, um auch mal ungeniert ein bisschen "lauter" durchatmen zu können, nicht nur für das gebannte Publikum, "denn ich muss ja auch herauskommen aus dieser Anspannung", erklärt Maximilian Hecker.

Maximilian Hecker

Pamela Rußmann

Da wo ich sitze, erste Reihe links, ergibt sich übrigens ein interessantes Bild: Eine auf dem Kopf stehende Spiegelung von Maximilian Hecker auf der Innenseite des Deckel seines Flügels. Und wirklich: Als würden tatsächlich zwei Personen diesen Abend bestreiten, als würden Dr. Jekyll & Mister Hyde höchstpersönlich tauziehen, so schnell wechselt der Musiker zwischen den Persönlichkeiten. Einerseits wohlbekannter, eindringlicher Melancholiker, andererseits beschwingter Entertainer. Und inmitten des Konzerts wird dann auch noch der Flügel verlassen um kurz auf die Toilette zu verschwinden!

"Seid ihr noch da wenn ich wieder komme? Nach dem Konzert is nämlich Disko! Wo kann man denn hier in Wien fortgehen?"

Und ein paar Minuten später beim wieder kommen dann die Zugabe: Hemd vom Leib gerissen, 60er Jahre Fliegerbrille auf der Nase und Anekdoten über ein Zusammentreffen mit Julie Delpy Backstage. Ironisiertes, unterhaltsames Rockstargehabe, geparrt mit einer Coverversion von The Velvet Undergrounds 'Heroin'.

Maximilian Hecker hat sich in den knapp 100 Minuten auf der Bühne als schillerndes Chamäleon erwiesen. Er ist in alle erdenklichen Rollen geschlüpft. Hat mit seiner Persönlichkeit, seiner Stimme, eigenen Songs und vielen geliehenen musikalisches Ping Pong gespielt. Und vor allem die fremden Songs gelungen zu seinen eigenen gemacht.

Und es würde mich übrigens nicht wundern, wenn ihm nach dem Klavierkonzert tatsächlich noch jemand beim wilden herumhüpfen in einer Disko getroffen hat. Hat wer?

Maximilian Hecker geht mit nacktem Oberkörper von der Bühne

Pamela Rußmann

Playlist

artist song  
Maximilian Hecker Mr. Tambourine Man  
Maximilian Hecker Velvet Son  
Maximilian Hecker The Space That You´re In  
Maximilian Hecker Miss Underwater  
Maximilian Hecker This Poison Called Love  
Maximilian Hecker This House Called Love  
Maximilian Hecker The End of Longing  
Maximilian Hecker All These Cradles’ Blankets Will Never Veil My Whole Substance  
Maximilian Hecker Misery  
Maximilian Hecker One Day  
Maximilian Hecker Like A Rolling Stone  
Maximilian Hecker I Want You  
Maximilian Hecker Just Like A Woman  
Maximilian Hecker Misunderstood  
Maximilian Hecker Sad Eyed Lady of the Lowlands  
Maximilian Hecker Heroin  
Maximilian Hecker Messed-up Girl  

Radiotipp

Für alle die gestern nicht dabei sein konnten: Am 26. Mai wird Maximilian Hecker samt Band in der Wiener Szene zu sehen sein! Das Konzert zur gestrigen Radiosession wird am 2. April ab 19 Uhr in der FM4 Homebase ausgestrahlt.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • abaum | vor 1937 Tagen, 6 Stunden, 21 Minuten

    Hier Mitschnitt downloaden

    Wer die heutige Ausstrahlung verpasst hat, der kann sich einen Mitschnitt unter http://remixshare.com/?file=n9kmwlga1e herunterladen. Die Datei bleibt mindestens 30 Tage online.
    Viel Spaß! :-)

    Auf dieses Posting antworten
  • robertglashuettner | vor 1942 Tagen, 8 Stunden, 50 Minuten

    die zwischenansagen klingen sympathisch und amüsant. und dass der in japan, china, taiwan so ein star ist! unglaublich. da kann man in aller ruhe scherze über illegale tonträger-kopien machen :)

    Auf dieses Posting antworten
  • trrravnicek | vor 1943 Tagen, 12 Stunden, 15 Minuten

    Es hätte max. 2 Sekunden gedauert, um herauszufinden, wie man Kadisons Jessie korrekt schreibt. Und eine weitere Sekunde, um Julie Delpy nicht "Delphy" nennen zu müssen.
    Tambourine hat erst beim 2. Mal funktioniert.
    Gnädigerweise lasse ich "phrophezeiten" als Tippfehler durchgehen, aber wie kann man denn "Musikbuizness" so falsch schreiben?

    Okay, das sind keine Todsünden. Aber:

    Ich fordere mehr Herzblut.

    Von den alten Deppen erwartet ja niemand mehr ein Wunder, aber die Jung-Journalisten, die sollten nicht
    schlampig und ungenau arbeiten.

    Auf dieses Posting antworten
    • alexandraaugustin | vor 1943 Tagen, 9 Stunden, 8 Minuten

      hallo und sorry für tippfehler!
      unter zeitdruck passiert derartiges leider manchmal, das hat nichts mit wenig herzblut zu tun oder derartigen dingen.

      gerade dann, wenn man für einen artikel wenig zeit hat weil dieser am nächsten morgen online gehen soll. dann sitzt man eine zeit lang an einer geschichte und nach dem dritten mal lesen des nächtens liest man (leider) manchmal einfach drüber. wird normalerweise auch alles mindestens 3 mal von dritten korrektur gelesen vor der veröffenlichung um derartige patzer zu vermeiden. also sorry nochmal. ich hoffe die eingeschlichenen fehlerchen haben dem lesen keinen abbruch getan.

    • alexandraaugustin | vor 1943 Tagen, 9 Stunden, 3 Minuten

      yo! und logo: "veröffentlichung".
      ;-)

    • northgirl | vor 1942 Tagen, 14 Stunden, 16 Minuten

      Hallo. Grundsätzlich natürlich super, dass die Artikel noch in der gleichen Nacht online gehen, und Herzblut glaube ich den meisten AutorInnen hier auch. Aber dritte Korrekturleser, nein, die glaube ich Euch nicht, denn jeder zweite Artikel hat irgendwelche Tippfehler (und zwar auch solche, die jeder spellcheck markiert).
      Das ist sehr schade, weil es genau den Eindruck erweckt: eben schnell und lieblos hingeschrieben, bzw nicht konzentriert korrigiert.
      Man schließt als Leser dann ja auch auf die Qualität der Recherche, etc. Alles in allem: Tippfehler sind ein no go, und sollten die Ausnahme sein. Für alle Sprach-Ästheten. Für alle genauen LeserInnen mit Herzblut. Soviel Zeit sollte sein.
      Bitte. Danke.

  • auchsuperwichtig | vor 1943 Tagen, 13 Stunden, 4 Minuten

    schicke fotos!

    Auf dieses Posting antworten
  • bobdylan | vor 1943 Tagen, 14 Stunden, 42 Minuten

    Na warte, wenn ich dich erwische...

    Auf dieses Posting antworten
  • confetti | vor 1943 Tagen, 14 Stunden, 52 Minuten

    Um Schleichwerbung zu vermeiden: Es gibt noch andere Hersteller von Flügeln z.B. Bechstein, Blüthner, Fazioli, Feurich, August Förster, Grotrian-Steinweg, Ibach, Kaps, Kawai, Petrof, Pfeiffer, Sauter, Schiedmayer, Schimmel, Seiler, Steingraeber & Söhne, Steinway & Sons, Yamaha und Young Chang.

    Auf dieses Posting antworten
    • alexandraaugustin | vor 1943 Tagen, 13 Stunden, 49 Minuten

      demnächst in deinem radiokulturhaus! :)

  • northgirl | vor 1943 Tagen, 16 Stunden, 10 Minuten

    Wer schneidet mit am 2.4.? Ich kann leider nicht und hätte das aber sehr gerne..bitte melden, danke.

    Auf dieses Posting antworten
  • salonistinsimone | vor 1943 Tagen, 17 Stunden, 4 Minuten

    das pedaldonnern hat so manchen nervös umblicken lassen... sehr imposante akkustik. sehr entspannende 2 stunden.

    Auf dieses Posting antworten
  • parameter | vor 1943 Tagen, 17 Stunden, 4 Minuten

    alles gute

    michel!

    danke für all die tollen konzerte!

    Auf dieses Posting antworten