Erstellt am: 20. 4. 2009 - 16:39 Uhr
Nicht vom Fließband

"Mädchenmusik" hat es irgendwer irgendwo genannt, und weil ich bei solchen Ausssagen grundsätzlich skeptisch werde, bin ich hingegangen. Zu einem kleinen Gig von Alalie Lilt, der Vorgängerband von Clara Luzia. Da haben sich dann fünf MusikerInnen fast ängstlich in einer Ecke hinter Sängerin Clara Luzia zusammengedrängt, die nur mit geschlossenen Augen ihre Scheu vor dem stereotypen Wiener Publikum (Arme verschränkt, möglichst gelangweilt dreinschauen, höchstens mit einem Fuß mitwippen) überwinden zu können schien. Ängstlich, traurig, sehnsüchtig war dann auch das Konzert. Mädchenmusik eben. Zumindest für alle, die sich nicht drauf einlassen und zuhören konnten.
Mehr Clara Luzia:
- Das letzte Album: The Long Memory
- Im Video: FM4 Soundpark Studio 2 Session
- Ein Preis: FM4 Alternative Act 2008
- Eine Website: claraluzia.com
Mit der Auflösung von Alalie Lilt 2005 und dem Start des Soloprojektes "Clara Luzia" hat diese Zurückhaltung begonnen, nach und nach zu verschwinden, auch wenn sie - genau wie Sehsucht und Melancholie - immer noch ein wichtiges Element der Musik war. Spätestens bei der Verleihung des Amadeus Alternative Act 2008 ist eine sehr selbstbewusste Clara Luzia samt sehr selbstbewusster Band auf der Bühne gestanden. Und weil das dort zum besten gegebene "Morning Light" sehr frisch klingt, könnte man darüber verwundert sein, dass es schon wieder ein neues Album von Clara Luzia gibt. Dabei ist das letzte - "The Long Memory" - und damit auch "Morning Light" - eh schon zwei Jahre alt.
Und in den zwei Jahren hat sich Clara Luzia auch musikalisch gründlich gewandelt. "The Ground Below" ist von Alexander Nefzger, dem Klavier- und Akkordeonspieler der Band, produziert worden. Und Clara war sich mit ihm schon vor Beginn der Aufnahmen einig, wie das Album klingen sollte: "Wir wollten ein bissi mehr aufs Gas steigen und weniger eine öffentliche Leidensveranstaltung draus machen." Das hört man auch. Die Gitarren sind lauter und elektrischer, die Lieder gerne mal schneller und der einzige Kritikpunkt an Clara Luzia, den ich bisher vielleicht hätte gelten lassen, nämlich eine gewisse papermoonigkeit dann und wann, ist gänzlich verschwunden. Und das ist gut so.

Deutlich wird die Veränderung schon beim Einstieg in das Album. "Queen of the Wolves" und "All I Wish For", die ersten beiden Titel (und bisherigen Singles), bestechen durch fröhliche Melodien und ebensolchen Gesang, auch wenn beim genaueren hinhören in den Texten die gewohnte Melancholie mitschwingt. Später wird in "I Found A Stone On The Wayside" Walzer getanzt oder in "Two Of Them" zuerst der Irrsinn der Welt und die eigene Verrücktheit gefeiert und dann noch "Frère Jacques" eingeflochten.
Der bekannte Clara Luzia-Sound ist aber nicht gänzlich verschwunden - er wird weitergedacht. Von Piano, Trompete und Horn begleitet singt Clara Luzia in "Petah Pan" mit brüchiger Stimme vom Alleinsein in der Großstadt, bis sich Elektrogitarre und Schlagzeug einmischen und das Lied mit der dem Titel gerecht werdenden Portion wilder Verspieltheit zu Ende bringen. Und auch textlich ist sich Clara Luzia treu geblieben: Beinahe alle Lieder sind kryptisch, ein Sinn entwickelt sich erst nach und nach und wird eher aus dem gebildet, was nebenbei mitschwingt oder man gar nur für sich selbst heraushört. Das findet zum Glück auch Clara Luzia selbst. "Da musst du Freud fragen", sagt sie über die Bedeutung des Textes von "Queen Of The Wolves" und das beruhigt mich ungemein, denn interpretieren könnte ich den Song jetzt auch nicht.
Das Album der Woche

"The Ground Below" von Clara Luzia ist auf Asinella Records erschienen.
Alle Alben der Woche gibt's im Rückblick auf fm4.orf.at/albumderwoche.
Reichlich Spielraum für Deutungen bietet auch der Albumtitel "The Ground Below". "Vielleicht meine ich damit, dass ich langsam mehr Boden unter den Füßen kriege, aber irgendwie ja doch nicht - ich kanns nicht sagen", sagt Clara zur Bedeutung des Titels. Am Artwork des Albums sieht man konsequenterweise auch keinen Boden. Eine gezeichnete Clara Luzia hängt im Fallschirm vor der Kulisse einer Stadt, die ebensogut Wien wie Prag oder Sarajewo sein könnte, von einer Stromleitung. Was sich unter ihr befindet, bleibt der Fantasie überlassen. Wie die Bedeutung des Minarettes, das da hinter den Gemeindebauten aufragt.
Clara Luzia hat sich weiterentwickelt. Sie ist erwachsener geworden und kann trotzdem, eigentlich gerade dadurch, das Kind raushängen lassen. Gerade jenen, denen zu ihr bisher nur ein verächtliches "Mädchenmusik" eingefallen ist, werden sich schwer tun, ihre Haltung aufrecht zu erhalten: Ihnen schleudert "The Ground Below" ein kräftiges "Schubladisier' das mal!" entgegen.

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