Erstellt am: 10. 5. 2009 - 10:40 Uhr
"Augen zu gilt nicht"
Es ist nicht das erste Mal, dass Silvia Hable auf ihre Anliegen und damit auch ihre persönliche Geschichte aufmerksam macht. Bereits die 2004/05 entstandene Dokumentation "Ich war das perfekte Kind" hielt ihren Wandel vom - wie sie selbst sagt - netten Mädchen zur renitenten Punkerin fest. Nun hat die 25jährige, die inzwischen auch Mutter ist, in ihrem ersten Buch "Augen zu gilt nicht. Auf der Suche nach einer gerechten Welt" diese Geschichte erneut aufgerollt, und ihr noch allerlei hinzufügt. Im Vorwort schreibt sie:

Meine Eindrücke und Erfahrungen, die ich hier in dem Buch festgehalten habe, bilden nur eine Stimme von vielen Hunderttausenden auf der ganzen Welt, die im globalisierten Kampf gegen die fatalen Auswirkungen der neoliberalen und egoistischen Politik einer kleinen selbstgefälligen Elite unterwegs sind.
Wenn vom Verlag auch als Sachbuch vertrieben, sieht Silvia diese Seiten doch lieber als Roman, einen autobiografisch gefärbten eben. "Der in verschiedenen Kapiteln, in verschiedenen Begebenheiten, die auch international spielen, das Aufbruchsgefühl einer jugendlichen, rebellisch denkenden Frau und einer neuen Protestgeneration zusammenfasst. Ihre Niederlagen, ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Hoffnungen und Wünsche und natürlich dann auch ihre Siege", meint sie im Interview.
Augen Auf
Was sie als erstes wachgerüttelt hat, waren der Clip "Pushed Again" von den Toten Hosen und ein Jahresbericht von amnesty international. Kai, ein Punk aus ihrer Heimatstadt, gibt Silvia ebenso frühe Anstöße wie ihr erster - sagen wir mal - größerer Ausflug mit 16. In jenem Sommer büchst sie nämlich aus, um gewissermaßen die "Szene" zu suchen. Finden wird sie dabei Timo – und ihre ganz persönliche Uni mit dem Hauptfach Punkologie. Der erste Kurs befasst sich mit dem Thema Schnorren, im sechsten Semester steht dann schließlich das Seminar Ritualisierte Krawalle auf dem Programm. Dazwischen lernt Silvia noch das Containern, YoMango, Indymedia, Reclaim-the-Streets-Parties und und und kennen.
Wir begleiten also ihre Punkwerdung und Politisierung. Wobei Punk für Silvia heißt: "Punk definiere ich als einen unkonventionellen Lebensstil – sehr mutige Menschen auch, die sich mal was anderes trauen, die auch einfach mal aussprechen, was andere sich nicht trauen. Es ist ein Experimentierfeld für viele. Manche experimentieren zu lange und landen dann im Alkoholismus, andere gewinnen da ganz viel draus."

Ich kann nicht nur punktuell das System kritisieren und gleichzeitig in einer normalen Mietwohnung leben, Bioprodukte kaufen und die Grünen wählen, in der Hoffnung, dass sie es schon für mich richten werden. Ein wirklich alternatives Leben baut auf einem nicht angepassten Alltag auf, in dem es all das zu vermeiden gilt, was gemeinhin erwartet wird, etwa eine geregelte Arbeit, ein Mietvertrag, eine gemütliche Wohnungseinrichtung.
Wachwerden
Mit ihrem Buch will Silvia Hable einerseits aufrütteln, zum anderen wollte sie aber auch der Geschichte der Protestbewegung der so genannten 00er Jahre einen Rahmen geben. Sie meint, es habe sich schon früh gezeigt, dass für sie ein herkömmlicher Lebensentwurf so nicht funktionieren wird. Und nennt als Beispiel ihre Eltern: Doppelhaushälfte in der Kleinstadt, Mutter: Lehrerin, Vater: Ingenieur.
Silvia bezeichnet sich als Lebenskünstlerin. Gemeinsam mit ihrer kleinen Familie experimentiert sie mit verschiedenen Wohnformen zwischen Deutschland und Portugal. Die wichtigste Hinterlassenschaft an ihre Tochter ist für sie dabei: "Einfach der Respekt und die Achtung vor dem Leben, und das auch praktisch durchzusetzen. Und ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, (...) ihr weiterzugeben, dass man leider in unserer Gesellschaft auch immer wieder für Veränderung kämpfen muss, weil sich sonst nichts ändert."
Mehr von und zu Siliva Hable
Ihr Buch "Augen zu gilt nicht. Auf der Suche nach einer gerechten Welt" ist bei DVA erschienen.
Silvia betreibt auch einen Blog
Auszüge aus dem Interview mit ihr sind am Montag, 11. Mai in Connected zu hören; das gesamte Gespräch gibt es auch als Interviewpodcast und hier zum Nachhören.

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