Erstellt am: 18. 5. 2009 - 14:41 Uhr
Vom Hafen in den Häfen?
Wir Seebären leben nach einem strengen Ehrenkodex. Wir haben in jedem Hafen eine Braut, lassen keine Schiffstaufe aus, genießen den Ausblick auf schäumende Wellen und haben immer genug Rum an Bord.
Abgesehen davon verlassen wir stets als letzter das Schiff und haben Verantwortung gegenüber unserer Crew und denen, die in Seenot geraten sind.
Genau diese Verantwortung haben Kapitän Stefan Schmidt und Flüchtlingshelfer Elias Bierdel mit ihrem Schiff Cap Anamur vor fünf Jahren im Mittelmeer wahrgenommen. Vor ihnen: ein überbeladenes Schlauchboot mit wenig Luft. Die Cap Anamur nimmt die Schlauchbootpassagiere an Bord. Doch die sind nicht etwa Arbeiter, die auf dem Weg zur nächsten Bohrinsel sind, sondern afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg ins Fortress Europe.

Aus dem Flüchtlingshelfer Bierdel wird der Fluchthelfer Bierdel. Nach tagelangem Tauziehen mit italienischen Behörden landet die Cap Anamur schließlich an der sizilianischen Küste. Wenig später werden Bierdel und Kapitän Schmidt verhaftet.
Jetzt, in den nächsten Tagen, stehen sie in Italien vor dem Richter: ihnen wird Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Haft und 400.000 Euro Geldstrafe.
Eigentlich sollte die Besatzung der Cap Anamur für die gleichnamige karitative Organisation Flüchtlingshilfe leisten. Elias Bierdel ist nach der umstrittenen Rettungsaktion auch intern ins Kreuzfeuer geraten. Seine Kollegen waren sauer, weil das Schiff zwischenzeitlich beschlagnahmt wurde, und sahen den spektakulären Coup als PR-Gag. Bierdel musste seinen Job als Chef von Cap Anamur zurücklegen. Inzwischen betreibt er mit Borderline Europe eine eigene Organisation, die Menschenrechtsverletzungen an Europas Außengrenzen dokumentiert.

Am Montag, 18. Mai war Elias Bierdel zu Gast bei Claudia Unterweger in FM4 Connected. Am Abend hält er einen Vortrag im Albert-Schweitzer-Haus in Wien und am Mittwoch im Haus St. Stephan in Oberpullendorf.
Zum Nachhören
gibt es das gesamte Interview weiter unten, es folgt ein Ausschnitt:
Ihr seid damals alle verhaftet worden. Die 37 afrikanischen Männer sind mittlerweile auch wieder abgeschoben worden...
Die sind aus dem Land rausgeprügelt worden, auf eine unfassbare Weise. Die UNO hat protestiert, aber es hat nichts geholfen.
Dir und auch dem damaligen Kapitän des Schiffes wird der Prozess gemacht, dieser Prozess zieht sich jetzt schon über Jahre und ist wahrscheinlich auch sehr nervenaufreibend. Außerdem bist du auch in Untersuchungshaft gesessen!?
Ja, ein paar Tage war ich auch einmal in einem sizilianischen Gefängnis.
Und es hat sich auch für dich persönlich einiges verändert in diesem ganzen Zeitraum...
Das Interview mit Elias Bierdel gibt es auch als FM4 Interviewpodcast
Man ist da im Namen einer „humanitären Organisation“ unterwegs – wenn man dann plötzlich verhaftet wirst, und aber nur das, was man selbst erlebt hat, parat hat – man weiß ja gar nicht, was einem vorgeworfen wird, das ist das Irre – dann ist das eine richtig einschneidende Lebenserfahrung: Man muss sich immer gegen den Vorwurf verteidigen, der erhoben wird – egal, wie absurd er dir auch erscheinen mag. Hätte man mich der Kinderschändung oder des Drogenhandels bezichtigt, könnte das für mich nicht absurder sein. Jetzt bin ich halt ein Schlepper, vor Gericht, und es geht in diesem Verfahren jetzt seit Jahren überhaupt nicht darum, was da draußen auf dem Wasser los ist, nicht um die Frage, dass da tausende Menschen verschwinden jedes Jahr, und keiner redet darüber, sondern es geht nur darum, ob ich im Sinne der Anklage ein Schlepper bin oder nicht. Einerseits kann man da nur lachen, aber es ist eben auch traurig und für uns durchaus mit Konsequenzen.
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