Erstellt am: 20. 5. 2009 - 18:43 Uhr
Doppelzimmer Spezial: Alice Schwarzer Superstar
In einer halben Stunde beginnt die Lesung. Alice Schwarzer stellt die Stehlampe auf der Bühne um. "Der Lampenschirm schwebt wie ein alter Hut über meinem Kopf", und sie rückt den kleinen Beistelltisch ins Abseits. Die MitarbeiterInnen des Grazer Literaturhauses wagen keinen Einspruch. Vor den verschlossenen Türen des Saales warten 400 Menschen auf einen Abend mit der Symbolfigur der deutschen Frauenbewegung.

Alice Schwarzers mehrwöchentlicher Aufenthalt in Österreich für Vorträge an der Wiener Angewandten und am Publizistikinstitut geht mit einer flächendeckenden Medienpräsenz einher. Als müssten wir nachholen, dass Alice Schwarzer wegen permanenter Arbeitsüberlastung in den letzten Jahren keine Zeit fand, mit uns über ihre Standpunkte zu diskutieren. Von Stermann&Grissemann zu Lizzy Engstler, von der Romy-Verleihung zum Club 2, von Ö1 zu FM4. Alice Schwarzer ist eine Kategorie für sich. Da setzt sich die gute Quote glatt gegen die hippe Frauenfeindlichkeit von hippen Redakteursmännchen durch. Schwarzer weiß das und verwendet jeden Auftritt als Plattform für ihre Sache und ihre Person (ob das noch zu trennen ist?).
"Die Plattmacherin" lautete ein ausführlicher Artikel in der FAZ letzten Sommer. Dass die "Ex-Feministin" Schwarzer (keine Ahnung, was der Schreiber uns damit sagen wollte?) alles niederwalze, was ihr in die Quere komme, sich stets eitel in den Mittelpunkt rücke und mit ihren Kommentaren nicht nur den Anschluss an aktuelle Debatten verloren habe, sondern auch noch Halbwahrheiten verbreite. Anstatt sich seinerseits der Wahrheit zu widmen, pfeffert der Autor des Artikels seine Polemik mit einer gehörigen Portion Gehässigkeit. Die Kommentare im Forum nehmen den Tonfall dankbar auf. Als wäre der Damm eines lang aufgestauten Leidenswalls gebrochen, ergießen sich persönliche Attacken auf die Person der Alice Schwarzer, die mich an die Hasstiraden gegen Elfriede Jelinek erinnern. Eine der wenigen Male (vielleicht sogar das einzige Mal?!), dass sich die Kronenzeitung und das profil einig waren: Nun ist sie aber zu weit gegangen! Diese Nestbeschmutzerin!

Aber zurück: Alice Schwarzer gründete 1976 die Zeitschrift EMMA. Bis heute fungiert sie als Autorin und Chefredakteurin des feministischen Blattes.
Verbot von Prostitution mit Ausstiegshilfen für Prostituierte und einer strafrechtlichen Verfolgung von Freiern und Zuhältern (in Schweden ist das unter dem Motto: "Glückliche Prostituierte gibt es nicht!" bereits Gesetz und Norwegen wird dem Beispiel folgen).
Ein Verbot für das Tragen des Kopftuchs in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Unis, Krankenhäusern für SchülerInnen, StudenInnen und Bedienstete.
Eine öffentliche Diskussion über die Gefahren des politischen Islam im Zusammenhang mit der Gewährung von Menschenrechten.
Eine öffentliche Debatte über Pornographie und speziell den Einfluss auf Jugendliche, die darüber sozialisiert werden.
Das sind die Hauptpunkte über die Alice Schwarzer schreibt, kämpft, seit fast vierzig Jahren diskutiert. Auch an diesem Abend im Grazer Literaturhaus reihen sich die Wortmeldungen aus dem Publikum nicht enden wollend aneinander. Ich wurde eingeladen, um zu moderieren. Aber Alice Schwarzer braucht keine Vermittlerin zwischen sich und dem Publikum. Also dränge ich mich vor und stelle meinerseits Fragen. Ist das Kopftuch bei Musliminnen nicht auch ein Ausdruck ihrer Kultur, ihrer Identität? Es gehe nicht darum, wie man sich in seiner Freizeit kleide, sondern um eine Trennung zwischen Staat und Religion. Eine Uniprofessorin mischt sich ein. Sie unterrichte in Graz an der Uni Türkisch. Sie sei selbst Türkin und seit zehn Jahren in Graz verheiratet. Sie erzählt, dass in ihren Vorlesungen seit ein paar Jahren immer mehr verschleierte Studentinnen sitzen, die in Istanbul nicht verschleiert an die Uni dürfen und deshalb nach Österreich kommen. Finanziell unterstützt von konservativen Vereinen. Tendenz steigend. Es bedürfe langer Gespräche, um einen Zugang zu den Frauen zu bekommen, um zumindest zu erreichen, dass sie nicht im Tschador in der Vorlesung sitzen.
Nächste Frage: Was bringt ein Verbot von Prostitution, ist es nicht besser Sexarbeiterinnen mit Rechten auszustatten als sie zu kriminalisieren? Die Freier und Zuhälter sollten kriminalisiert werden, den Frauen solle geholfen werden, ihr Geld auf andere Weise zu verdienen; und im Übrigen sei der Begriff "Sexarbeiterin" zynisch und vermittle, dass Prostitution ein Beruf sei wie jeder andere.

Alice Schwarzer wischt meine Ansichten vom Tisch. Ihre Antworten lassen keinen Interpretationsspielraum. Drei Stunden Diskussion und danach ein Abendessen. Ich höre ihr zu. Und ich finde, sie hat recht. Manches formuliere ich anders als sie. Aber inhaltlich hat sie recht. Ich wundere mich in den kommenden Tagen immer wieder über meine verwässerten Ansichten, die es sich in den letzten Jahren offenbar in einem Eck mit dem Pickel "aufgeklärt" bequem gemacht haben. Jede Frau weiß, dass es kein Beruf wie jeder andere sein kann, wenn zehn Mal am Tag ein fremder Mann über dich drüber steigt. Und jeder Mann braucht sich nur zu fragen, ob er sich diesen Beruf für seine Tochter oder Freundin oder Frau wünschen würde.
Vorschau
Am Pfingstmontag trifft Elisabeth Scharang den Erforscher des deutschen Beischlafs in den 60er und 70er Jahren. Oswald Kolle, Pionier der Sexualaufklärung , im Gespräch über Zensur, Bisexualität und Sex im Alter.
"Es hat ja auch lange Sklaverei gegeben. Und viele Sklaven haben beteuert, dass es ihnen gut gehe, dass sie sich kein anderes Leben wünschen. Trotzdem haben wir irgendwann befunden, dass Sklaverei gegen die Menschenwürde geht, dass es unwürdig ist, nach eigenem Belieben über den Tod und das Leben eines anderen zu bestimmen, und schließlich wurde die Sklaverei, natürlich mit einigem Widerstand, abgeschafft. So wird es hoffentlich auch mit der Prostitution eines Tages sein!" Wir sind nach einem nächtlichen Spaziergang vom Restaurant durch den Grazer Stadtpark vor dem Hotel gelandet. Der Nachtportier öffnet verschlafen. Frau Schwarzer umarmt mich herzlich. "Wir sehen uns in Wien im Studio", sie winkt und verschwindet hinter der Doppeltür ihres Zimmers.
Zum Nachhören
Achtung: Die Soundfiles auf fm4.orf.at sind zeitlich begrenzt verfügbar.
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