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Musik, Film, Heiteres

Felix Knoke

Felix Knoke Berlin

Verwirrungen zwischen Langeweile und Nerdstuff

8. 6. 2009 - 10:53

Frust-Tagebuch: Hölle an der Saale

Mit "Hölle an der Saale" wagten einige Hallenser eine Sammlung aller schlechten Dinge Halles - die Stadtverwaltung lies die Satire-Seite sperren - vergeblich. Ein Literaturscreening.

Vorweg: Letztes Jahr zogen meine Freundin und ich von Hamburg nach Halle. Sie wollte hier studieren, ich arbeiten, gemeinsam wollten wir eine neue Stadt erforschen, neue Freunde finden und viele Abenteuer erleben. Dann packte uns der Provinzfrust. Davon handelt dieses Frusttagebuch. Was es können soll und was nicht, erklärt der Beipackzettel.

Diese Stadt nicht zu mögen ist ein Regionalsport. Meine paar Einträge in dieses Frust-Tagebuch führten zu einer Art Babyshower der Mitfühler und Ablehner: Die einen verwiesen auf andere Lästerer, die das viel besser (und fairer, jaja) könnten, die anderen schickten Links mit reichlich Lästerstoff. Etwa Ralf, der auf den vergeblich optimistischen Lonely-Planet-Eintrag über Halle verwies oder Markus, der einst schon selbst von der Bild-Zeitung über Halles mörderische Straßenbahnen befragt wurde.

Besonders ergiebig waren aber die Hinweise von G., dem Ethnologen und zeitweise begeisterten Zeit-Hallenser. Der zeigte mir nicht nur seine Lieblingsecken - über unsere tolle Tour durchs Plattenbaugelände Halle Neustadt muss ich noch unbedingt eine Foto-Geschichte bauen- sondern rückte auch gleich eine ganze Kiste voller Halle-Links und -Literatur heraus. Die allesamt lesenswerten Texte heißen zum Beispiel Die Ostdeutschen als Avantgarde (Wolfgang Engler), Labor Ostdeutschland (Ina Merkel) und Where the World Ended (Daphne Berdahl). G. erinnerte an eine Geschichte des Time Magazine, die der Frage nach geht, What Germany Got for Its $2 Trillion und schiebt dann noch den Tipp hinterher, mal nach "Hölle an der Saale" zu suchen.

Gesagt getan, landete ich auf diesem Platzhalter:

Wer's nicht lesen kann: "Hier war mal eine interessante Internetseite. Jetzt ist es hier genau so leer wie in Halle."

Per Way Back Machine aber öffnete sich der Hort des Frusts, die Krypta der schlechten Laune, die, äh, Basilika der Abwanderung. Mit Hölle an der Saale hinterließen einige frustrierte Hallenser verbrannte Erde und versuchten sich an einer Sammlung aller schlechten Dinge Halles. Unmögliche Dialektwörter, schlechte Nachrichten aus der Umgebung, Negativstatistiken. Und ganz wichtig: Einen Countdown, der die Zeit misst, die der Stadt Halle noch bis zum Untergang verbleibt. Gemessen am Einwohnerschwund, circa 21.500 Tage.

Die Seite ist ein großer Spaß zu lesen, die Geschichte, die zu ihrer Schließung führte, aber auch: Eine Stadtverwaltung, die keinen Spaß versteht und direkt beim Provider interveniert.

Was ich auf Hoelle-Saale.de dann aber nur ganz zufällig gefunden habe, ließ mein Soziologenherz hell aufschlagen: Der Hallesche Graureiher. Das sind die gesammelten Forschungsberichte des Hallenser Instituts für Soziologie - und es geht vorwiegend um Halle: Bürgerumfragen, Außenwirkung, Gewaltkriminalität & politische Färbung der Landesregierung.
Wer sich einen Überblick über die Stadt, ihre Probleme und das Selbstbild der Bewohner machen will, wird hier - empirisch solide - fündig. Das ist harter Stoff.

Ich geh jetzt erstmal zur Doppelwahl in einer Hallenser Grundschule: Wahl zum Europäischen Parlament und Wahl des Stadtrates. Was mich daran erinnert, noch mit F. ein Interview zu führen. Der trat mal als Bürgermeisterkandidat in Halle an, scheiterte natürlich.

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  • os84 | vor 980 Tagen, 14 Stunden, 23 Minuten

    wenn da so viele frustrierte studenten sind - gibts keine konkreten umsturzpläne? witziger wär zu wissen, wie viele ihr studium da wieder aufgeben

    Auf dieses Posting antworten
    • knoke | vor 980 Tagen, 14 Stunden, 21 Minuten

      Das Studium ist halt saubillig: 61 Euro im Semester (Semestergebühr, Studiengebühren gibt's nicht) - in Hamburg zahlte ich rund 260 Euro Semestergebühr plus 320 Euro (früher 500) Studiengebühren plus horrende Mietkosten.
      Außerdem kommen möglicherweise viele Studenten auch aus dem direkten Umland. Meine Freundin berichtet auch, dass viele ihrer Kommilitonen regelmäßig am WE nach Hause fahren.

    • os84 | vor 979 Tagen, 23 Stunden, 22 Minuten

      für 61€ verkauft man also seine seele an den teufel?? ;) nein, macht sinn. sofern man noch am WE ausweichen kann, machts das auch noch erträglich. aber saale ist ja recht abgelegen, läppert sich dann wieder mit pendeln wenn man des jedes WE macht?

  • gerlinde666 | vor 980 Tagen, 14 Stunden, 29 Minuten

    hühnermanhattan??
    wir sollten hier alle arbeiten,
    aber wir kommen von dieser hölle-seite nicht los!

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    • knoke | vor 980 Tagen, 14 Stunden, 23 Minuten

      Wir sollten hier alle wegziehen, aber wir ...

  • donotconform | vor 980 Tagen, 19 Stunden, 53 Minuten

    mehr Verfall

    Ich will mehr praxisnahe Zeugnisse des Verfalls, vor allem des physischen Verfalls, lesen. Meine Freundin B. meint, dass sie sich außerdem angezogen fühlt, von vor sich hinsiechenden Städten. Sind noch günstige Wohnungen zu haben? Wir kommen.

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    • romanschilhart | vor 980 Tagen, 19 Stunden, 49 Minuten

      dahinsiechende Städte:

      mein all-time-favorit ist Calcutta; zerbröselnde und überwucherte koloniale Eleganz mit Gothic-Flair (viktorianische Architektur)...

    • knoke | vor 980 Tagen, 19 Stunden, 8 Minuten

      Du hast recht, praxisnahe Zeugnisse des Verfalls kommen. Aber nichts wird den Grusel vermitteln können, den ich jedesmal hab, wenn ich mit dem Zug durchs Umland fahre. Augenscheinlich verrottende Dörfer und Städtchen - aber es steigen dort Menschen aus und zu. Ich kann mir das alles gar nicht vorstellen, was die Leute da hält und was so ein Ort mit den Leuten macht. Trotz? Kraftlosigkeit?

    • tschutt | vor 980 Tagen, 18 Stunden, 39 Minuten

      oja, die mieten sind äußerst günstig in halle. dasselbe gilt für leipzig, wobei ich dieser stadt eher den vorzug gäbe. da gibt es zumindest ne szene und sehr viel grün

    • teaparty | vor 980 Tagen, 16 Stunden, 51 Minuten

      gibs da auch a schickeria?

  • teaparty | vor 980 Tagen, 20 Stunden, 43 Minuten

    idiotisch

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    • knoke | vor 980 Tagen, 20 Stunden, 3 Minuten

      Ja, das finde ich auch manchmal.