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Musik, Film, Heiteres

Andreas Gstettner

Andreas Gstettner

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

10. 6. 2009 - 11:05

Kontrollfreaks mit Konzept

Archive und ihre düsteres Konzeptalbum "Controlling Crowds", unser Album der Woche.

Die FM4 Alben der Woche

Es ist ein Uhr mittags, als ich endlich nach mehreren Versuchen von Warner France mit einem kleinen Haus in Brighton verbunden werde. Eine belegte und heisere Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung. Danny Griffiths ist hörbar entspannt und liegt noch immer im Bett. Er zündet sich im Sonnenschein, der durch sein Fenster das Zimmer ausleuchtet, eine Zigarette an und erklärt mir das meteorologische Phänomen, das seiner Heimatstadt meist schönes Wetter beschert und dass er in Kürze seinen neununddreißigsten Geburtstag feiert.

Seltsam.

Wenn man in das düstere Sounduniversum des sechsten Archive Studiowerks "Controlling Crowds" abtaucht und nach knapp eineinhalb Stunden nach Luft ringend wieder in die reale Welt entlassen wird, stellt man sich die Musiker, die hinter diesem unheimlichen Opus stecken, nicht so entspannt und umgänglich vor. Aber im Gespräch mit Mastermind und Gründungsmitglied Danny Griffiths klärt sich nicht nur diese scheinbare Paradoxie auf.

archive

Londinium comeback

Vor rund dreizehn Jahren veröffentlichten die zwei Produzenten Darius Keeler und Danny Griffiths unter dem Namen Archive ihr Debüt "Londinium". Der langsame Grundgroove und die zeitweise abstrakte Elektronik ordneten Viele dem schon abflauenden Trip Hop Genre zu. Neben dem Hauptvocalisten Roya Arab war auch Rapper John Rosko bei einigen Tracks zu hören, wobei sein Stil fremdartig hervorstach und sich in den Gesamtsound nicht so richtig einbetten wollte. Ein anschließender, persönlicher Disput soll dazu geführt haben, das Rosko ausstieg.

Umso größer ist die Überraschung, dass John Rosko für die Aufnahmen zum sechsten Album wieder in das Musiker- und Produzentenkollektiv aufgenommen wurde. Auch wenn Wechsel und Umbesetzungen in dem recht locker geführten Gefüge immer wieder für die nötige Frischzellenkur gesorgt haben und somit zu einem natürlichen und existenziellen Prozess wurden, war das Zurückholen des englischen Rappers eine bewusste Entscheidung, Archive in eine neue Richtung zu lenken.

Das Archive Debüt "Londinium" (1996).

Danny: "Meine Liebe gehörte immer schon dem Hip Hop und ich habe ihn in den letzten Jahren zunehmend vermisst. Also haben Darius und ich überlegt, ein neues Hip Hop Projekt zu starten. Als wir diskutierten, mit wem wir arbeiten wollten, fiel mir sofort Rosko ein. Ich habe seine künstlerische Seite schon immer bewundert und da er vor kurzem wieder zurück nach Brighton gezogen ist, nur fünf Minuten von unserem Studio entfernt, haben wir ihn gefragt. Nach vier Nummern haben wir beschlossen, einiges für das neue Archive Album zu verwenden und so kam Rosko wieder zu uns. Es war einfach gutes Timing. Hätten wir Rosko vor ein paar Jahren gefragt, hätte es wohl nicht geklappt."

Das angesprochene gute Timing betrifft auch macht sich auch musikalisch und textlich bemerkbar. Denn bei "Quiet Time" und "Bastardised Ink" wirkt Roskos Rap nicht mehr wie ein Fremdkörper, sondern integriert sich perfekt in den schweren, beat-lastigen und recht aggressiven Sound und die unabhängig von Danny und Darius geschriebenen Lyrics fügten sich ebenso nahtlos in das Gesamtkonzept der Platte.

No more Noise?

archive

Ein weiterer Rückblick auf die eigene Geschichte macht sich bemerkbar, wenn die Archive Live- und Studiosängerin Maria Q den Song "Whore" anstimmt und man unweigerlich in die Anfangszeit von Portishead zurückversetzt wird. Die bekannt klingenden Samples und Schlagzeugloops, sowie die Rhythmik einiger Tracks lassen die Trip Hop Vergangenheit aufblitzen. Auch eine unvorhersehbare Entwicklung, war doch "Noise" (2004) oft von Gitarrenwänden bestimmt und der Nachfolger "Lights" (2006) schielte mit Songs wie "System" eindeutig in die Indie Pop Ecke.

Danny: "Nach dem Album Noise ging mir die Musik zu sehr in eine gitarrenorientierte Richtung. Wir arbeiteten damals mit Craig Walker zusammen und er war eindeutig ein indie kid. Also hat es für diese Zeit gut funktioniert. Aber mein Hip Hop Einfluss machte sich wieder bemerkbar und ich wollte wieder an unsere Anfänge anschließen."

So kommt auf "Controlling Crowds" zwar immer noch das eine oder andere, rockige Gitarrenriff vor, im Allgemeinen wird das Saiteninstrument jedoch verfremdet, gesampelt und durch viele Effekte gejagt, um einen undifferenzierbaren und düsteren Soundteppich zu generieren.

Das große Werk der Kontrolle

archive cover

Speziell im Musikjournalismus wird die Bezeichnung "großes Werk" fast schon inflationär verwendet wenn es darum geht, ein Album zu besprechen. Im Fall von "Controlling Crowds" allerdings trifft diese Phrase nicht nur auf einer Ebene zu. Die knapp achtzig Minuten Spieldauer der dreizehn Songs sind schon ein Indiz dafür, dass Archive viel zu sagen haben. Auch die Unterteilung des Albums in drei Parts legt nahe, dass sich dahinter ein größeres Konzept verbirgt. Und wenn man sich die teils recht abstrakten Lyrics ansieht wird man merken, dass es in jedem Song um das Kernthema Kontrolle geht. Sei es auf sozialpolitischer Ebene, Stichwort öffentliche Überwachung und CCTV (ein in England ohnehin beliebtes Thema), auf persönlicher Ebene, Stichwort Paranoia vor dem Unbekannten/Fremden oder auf zwischenmenschlicher Ebene, Stichwort Machtausübung durch Kontrolle über den Partner.

Why are we so obsucre and creeping around, hiding from mirrows and screens all over town, objects disturbing blinding taking the pace in me, the world is my kingdom too and I'll feel what I like in me. Killing my heart I can't face I can't face no more..." (Track "Controlling Crowds")

archive cd cover

Die musikalische Umsetzung bedient sich passender Weise neben der gewohnten elektronischen Elemente gleich eines ganzen Streichorchesters und eines elfköpfigen Chors. Wie bei vielen Archive Platten kommt auch hier unweigerlich die Pink Floyd Referenz auf. Denn in detailverliebter Manier arrangieren Archive auf "Controlling Crowds" nicht nur einzelne Songs, sondern komponieren über die ganze Länge des Albums eine Dynamik, die von zarten Klavierstücken über lärmige Ausbrüche, düstere Hip Hop Grooves und sogar Siebziger-Rockfeeling bis zu opulent-orchestralen Hymnen reicht.

Es scheint fast so, als hätten Archive den idealen Soundtrack zur gegenwärtigen Krise geschrieben.

Danny: "Wir haben mit dem Texten schon vor drei Jahren angefangen, als noch kaum über die Krise geredet wurde. Die Zeit hat uns irgendwie eingeholt und daher wirkt es auch für mich so, als ob das Album sehr gut zu unserer gegenwärtigen Situation passt. Andererseits denke ich mir, dass es egal ist, wann wir so ein Album herausbringen. Leider gibt es in der Welt immer düstere Zeiten, an die es anknüpfen könnte. Aber gibt es auf unserem Album genug Hoffnung. Deshalb empfinde ich es auch nicht als negativ. Bei Archive geht es um den Sound und wir haben schon immer einen sehr düsteren Klang kultiviert. Allerdings hält sich das die Waage mit vielen, schönen Melodien die oft über Allem stehen. Natürlich weiß ich, dass wir nicht immer erhebend sind. (lacht)"

archive

Aus dem Schatten

"Controlling Crowds" ist ein Album, das Zeit und Auseinandersetzung verlangt. Es schwimmt mit seiner aufwendigen Konzeption, die sich auch auf der visuellen Ebene fortsetzt, gegen den Download Strom und verwehrt sich gegen die übliche Hörgewohnheit, die meist nicht über die drei Minuten Pop-Aufmerksamkeitsspanne hinausreicht. Das neue Archive Werk ist zu dicht und zu komplex, um es nebenbei zu hören oder gar nur durch zu skippen. Die Aufteilung in drei Akte, die uns die Möglichkeit des Verschnaufens bietet und die eingängige Single "Bullets", (die mit ihrem genialen und verstörenden Video einen absolut in Bann zieht) erleichtert zwar den Zugang, die ganze Schönheit der Platte entfaltet sich jedoch erst nach mehrmaligem Durchhören.

Nachdem mir Danny bestätigt, dass Archive am 21. Oktober ins Wiener Flex kommen, und mir verrät, dass es eine ebenfalls groß angelegte Visual-Show geben wird, verabschiedet sich der Archive Mastermind mit der Einladung, nach dem Gig einfach vorbeizukommen. Als ich den Hörer auflege und gleich "Controlling Crowds" einlege fällt mir auf, wie sich mein bisheriger Höreindruck geändert hat. Alles wirkt weniger bedrückend, weniger hoffnungslos. Und als die Streicher beim Abschlusssong "Funeral" einsetzen, kann ich es schon gar nicht mehr erwarten, dieses eineinhalbstündige Epos live zu erleben.

PS:
Eigentlich ist "Controlling Crowds" ein Vierteiler. Der fehlende Part soll Ende des Jahres veröffentlicht werden, hoffentlich rechtzeitig zur Clubtour, und durchaus leichtere Töne anschlagen. Ebenfalls erwähnenswert (für alle die noch Alben oder CDs kaufen) ist, dass die limitierte Ausgabe über vier zusätzliche Song und das Bullets Video verfügt.

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  • cesarromero | vor 273 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten

    ich mag "you all look the same to me" am liebsten.

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  • frankie1972 | vor 274 Tagen, 17 Stunden, 14 Minuten

    ich liebe sie

    und bin schon sehr gespannt aufs album. obwohl ich sagen muss, daß mir "noise" absolut am besten gefällt. ihr letztes konzert in der szene war wohl ein "all time favourite", einfach unpackbar. gerade aus dem grund stört es mich doch, daß sie im flex spielen, archive ist zu wuchtig um dort wirklich zu wirken sag ich mal. arena wär doch viel schöner...

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    • frankie1972 | vor 274 Tagen, 17 Stunden, 12 Minuten

      wieder mal die programmierung von locations...

      aber was soll man sagen wenn Franz Ferdinand im unsäglichen gasometer spielt, grauenhaft...

    • weirdolo | vor 274 Tagen, 16 Stunden, 55 Minuten

      und vor allem ...

      zu den grauenhaften preisen, 40€ für a gaso konzert lol lol lol

      gut dass anfang des jahres scho da waren, am fm4 festl, und das weitaus günstiger ^^

    • astray | vor 274 Tagen, 7 Stunden, 28 Minuten

      das szene-konzert war wirklich unglaublich intensiv, absolute empfehlung!

    • weirdolo | vor 273 Tagen, 20 Stunden, 30 Minuten

      was dafür a bissal blöd is diesmal beim flex konzert (vor allem für die die archive noch nie live gesehen haben), es wird wahrscheinlich "nur" ihr neues album durchgespielt, also glaub ned, dass die alten klassiker kommen werden

    • danmoodswings | vor 140 Tagen, 18 Stunden, 7 Minuten

      jaja, das Szene-Konzert gehört auch zu meinen absoluten Highlights überhaupt...

  • andreasgstettner | vor 274 Tagen, 19 Stunden, 40 Minuten

    das beste

    ...album von archive ist es vielleicht nicht, aber ich finde das konzeptalbumfeeling wirklich sehr gut umgesetzt und ausserdem hat mich natürlich das gespräch mit danny sicher beeinflusst, die platte jetzt noch intensiver zu hören und anders wahrzunehmen.
    aber das ist ja nicht das schlechteste :-)

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  • weirdolo | vor 274 Tagen, 20 Stunden, 47 Minuten

    nein ihr bestes isses nicht, aba ich bin froh dasses auf fm4 endlich erwähnt wurde und sogar zum album of the week geschafft hat!

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  • makronaut | vor 275 Tagen, 3 Stunden, 9 Minuten

    endlich endlich werden archive hier gescheit wahrgenommen. ^^

    wobei cc in meinen augen noch nicht mal das beste album ist.

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