Erstellt am: 10. 6. 2009 - 21:00 Uhr
"Musik ist, wie ... Liebe"
Ein Zufall ist laut Synonymlexikon eine "Gelegenheit", ein "Glücksfall", eine "günstige Fügung des Schicksals".

Doch seien wir mal ehrlich, eigentlich ist der Zufall ein Hund, der da einfach so ins eigene Leben fällt und auf einmal ist alles anders. Aber ja, ich gebe zu, meistens ist er ein netter Hund. Zufallen können einen so einige Dinge: die Liebe, Geld, Schuhe, Lebenswege, Menschen, und und und. Mir ist z.B. vor Kurzem eine Katze zugefallen. Ja, durchaus ein 'Glückfall' und eine 'Gelegenheit'. Aber egal.

Der Zufall, so erzählt Michael Rother im Interview, war es auch der Neu! - also, ihn und Klaus Dinger - zusammengeführt hat. 1971 ist Michael Rother ganz zufällig bei der noch jungen Düsseldorfer Band Kraftwerk im Studio gestanden und plötzlich war alles anders.
Michael Rother: Ich war zusammen mit einem Zivildienstkollegen – auch ein Gitarrist – auf einer Demo. Ich weiß gar nicht mehr wogegen. Auf jeden Fall erzählte er mir, dass er eine Einladung zu so einer Filmmusik habe, die hier in Düsseldorf in einem Studio gemacht werden soll und fragte mich, ob ich da Lust hätte mitzukommen.
Die Band, sagte er, hieße Kraftwerk. Ich hatte den Namen vorher noch nie gehört aber da ich nichts Besseres vor hatte, habe ich gesagt: 'Na gut da komm ich mal mit.' Im besagten Studio waren dann die Kraftwerker. Klaus Dinger saß mit Florian Schneider auf dem Sofa, Ralf Hütter spielte an seiner Hammond-Orgel, Charly Weiss war auch dabei.
Ich nahm mir eine Bassgitarre, die da rum stand und Ralf Hütter und ich spielten uns musikalische Bälle zu, die spontan eine Grundübereinstimmung in einer harmonisch melodischen Auffassung zeigten. Das hatte ich vorher in der Form noch nie erlebt. Die meisten zu dieser Zeit waren immer noch dem Blues und anderen anglo-amerikanischen Strukturen verschrieben. Was in diesem Studio passierte, war von Anfang an anders. Ganz ohne, dass wir ein Wort darüber verlieren mussten. Ja, und plötzlich war ich in der Band.
War das für dich ein Gefühl von Ankommen? Diese Suche nach der eigenen musikalischen Identität, nach dem eigenen Ausdruck?
Naja, ganz so schnell geht das natürlich nicht. Mir war zu dieser Zeit klar, dass die Klischees überwunden werden mussten. Das heißt, es ging nicht mehr um noch weitere Abwandlungen von Ideen die es schon gab. Es musste ein kompletter Neuanfang her. Ich habe dann beschlossen quasi alle Fertigkeiten, die ich mir als Solo-Gitarrist mühsam erarbeitet hatte, über Bord zu werfen und auf all die ganz schnellen Fingerübungen zu verzichten. Ich habe von einem Moment auf den anderen kein einziges Solo mehr gespielt. Alles, was mir vorher erstrebenswert erschienen war, war erstmals ersatzlos gestrichen. Dieser Neuanfang beinhaltete, dass ich mich zu den Wurzeln zurückbegab. Diese Wurzeln waren eine Tonart, eine Ebene, ein Ton, um dann allmählich zu schauen, was kann man mit einer Tonart, mit einer Ebene, mit einem Ton anstellen, um Musik zu kreieren.
An diesem Punkt kommen vielleicht auch meine Erfahrungen aus Pakistan mit ins Spiel. Ich habe dort als Kind drei Jahre lang gelebt und diese neue Grundlage entspricht genau der Idee, eine Monotonie, eine endlose Welle zu kreieren die angelegt ist auf Unendlichkeit, die man in der Musik dort findet. Diese Welle kann immer weiter gehen kann. Ich denke, meine Erfahrungen mit der arabischen, indischen Musik habe ich rein emotional verarbeitet. Diese Musik rührt mich heute noch zu Tränen. Ich habe ja auch keine musikalische Bildung, und darüber hinaus hat es mich auch nie interessiert etwas über Notenstruktur zu lesen. Das, was meine Mutter über viele Jahre gelernt hatte, das war es nicht für mich. Dieser akademischer Weg hat mich nie gereizt, ganz im Gegenteil, ich wollte mir eigentlich bis heute möglichst eine Unbefangenheit bewahren auch Fehler zu machen. Vor allem auch Fehler im Sinne einer traditionellen Kompositionstechnik und dann mit dieser Unverfrorenheit ans Werk zu gehen.
Dass du dich deinen alten Strukturen und Fingerfertigkeiten entledigt hast, um mit dieser neuen Idee auf einem Ton aufzubauen neu zu wachsen, das klingt nach einem radikalen Schritt. Zu Minimieren, um dann doch zu wachsen. Fast, wie ein Phönix aus der Asche.
Man muss wissen, dass mir das Ziel nicht wirklich klar war. Ich habe gesichertes Terrain verlassen und stand dann einfach mit einem Ton in der Gegend. Wohin das führen sollte war mir nicht klar. Aber es war mir unabdingbar diesen Weg zu gehen und über die Reduktion, über das Besinnen auf die kleinste musikalische Einheit allmählich Strukturen zu entwickeln, die ich mir selber ausdenke und die nicht von anderen vorgedacht und vorgelebt worden sind.
Hast du dich da auch manchmal verloren gefühlt?
Verloren eher nicht, weil ich relativ schnell das Gefühl hatte, dass der Weg richtig war. Nichtdestotrotz kommen immer wieder Zweifel und man macht manchmal mehr Schritte zurück als nach vorne. Das gehört alles dazu. Die grundsätzliche Richtigkeit dieser Entscheidung habe ich aber nie angezweifelt.

Ich habe einmal gelesen, dass 'Hero' eines deiner Lieblingsstücke von Neu! ist.
"Hero von Neu! auf youtube anschauen!
Ja, das stimmt. Die Grundidee stammt aus der Feder von Klaus Dinger. Es drückt sehr sein Lebensgefühl aus. Er war damals schon auf verschiedenen Ebenen sehr zornig und sehr unglücklich über sein Leben - unglückliche Liebe, wirtschaftliche Not usw. Die Kraft mit der er den Gesangspart in dieser Qualität eingesungen hat ist unglaublich. Ich kann mich noch sehr gut an die Aufnahmen erinnern. Wir hatten erst das Backing aufgenommen und dann hat Klaus gesungen. Unser Toningenieur Conny Plank und ich saßen im Regieraum, hörten das und waren uns bei der ersten Aufnahme beide sofort einig: Das war der Take. In einem ersten Zornesausbruch hat Klaus Dinger alles auf den Punkt gebracht. Ich glaube nicht ganz zu Unrecht wird von manchen darauf hingewiesen, dass das eine Vorwegnahme von Punk-Elementen war bzw. anders ausgedrückt, dass auch einige englische Punk-Bands auch Neu! gehört haben. Ich glaube, das trifft auch zu.
Diesen Drang, diesen Freischlag...
Ich habe ja dieses Lebensgefühl von Klaus nicht geteilt, aber ich akzeptiere das. Ich habe das immer akzeptiert und seinen Gesang als einen besonderen künstlerischen Ausdruck angesehen. Aber die Dynamik die auch in diesem Stück Ausdruck findet, dieser Vorwärts gerichtete Drang zum Horizont, dieses durch-alle-Mauern-hindurch, wenn man es jetzt etwas dramatisch ausdrücken möchte. Das war durchaus das Gefühl, man zieht mit der Musik nach vorne und hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf, der Blick ist zum Horizont gerichtet und die Gitarrentöne, die ich bei Hero spiele, die da oben drüber fliegen, sind auch so gedacht. Man hat eine wunderbare Maschine mit zwei Schlagzeugern darunter, die eine besondere Eigenart, eine besondere Dynamik entwickelt haben und da drüber der Gesang von Klaus Dinger und meine Gitarrentöne. Ein gelungenes Beispiel unserer Arbeit.
Wie war dein Lebensgefühl damals?
Ich war, glaub ich, immer ausgeglichener als Klaus. Mehr im Einklang mit mir und meiner Umwelt. So etwas ist immer etwas schwierig über einen selbst zu sagen. Nicht, dass ich nicht ohne Konflikte und ohne Zweifel durchs Leben gehe und gegangen bin.
Klaus hatte ganz scharfe Kanten. Oft hat er viel von seiner Energie aus einem Widerspruch zur Gesellschaft und zu anderen Menschen entwickelt. Das hat später auch zu ganz großen Schwierigkeiten zwischen uns geführt hat. Diese extreme Härte, die er auch in beeindruckender Form vorgelebt hat. Er hat z.B. irgendwann Anfang der 1970er, ich glaube, ein Jahr lang nur von Haferflocken und Pfefferminztee gelebt, weil er kein Geld hatte und auch partout nichts anderes machen wollte als die Musik. Aber die Radikalität mit der Klaus da zu Werk gegangen ist, war nicht mein Lebensgefühl. Ich war immer viel mehr einverstanden mit Menschen, war eher auf Ausgleich ausgerichtet. Ich denke, das ist ein Wesenszug, der einem auch mitgegeben ist. Dieser Kontrast zwischen uns beiden war vielleicht auch die notwendige Chemie, die Brisanz, die da auf der Musikebene zusammen gekommen ist und die das Besondere der Neu! Musik ausgemacht hat.
- Hallogallo: Ein Porträt der mythischen Band "Neu!" von David Pfister
- michaelrother.de
Hat sich für dich jemals die Frage gestellt: Künstlerische Freiheit für kommerziellen Erfolg aufgeben?
Zum Glück bin ich, wenn ich jetzt diese Frage ehrlich beantworte, nie vor diese Frage gestellt worden, denn durch den Erfolg mit Neu! war das Überleben gesichert auch in den schlechten Jahren von meiner zweiten Band Harmonia. 1977 war dann mein erstes Solo-Album "Flammende Herzen" von Start weg so super erfolgreich, dass ich bis heute nie vor der Entscheidung stand, irgendeinen künstlerischen Kompromiss eingehen zu müssen. Wobei ich, glaube ich, auch Schwierigkeiten damit gehabt hätte. Ich bin kein Musiker der kalkuliert oder mit einem Ohr für Trends arbeiten kann. Ich glaube, ich konnte zu allen Zeiten nur das tun, was ich selber entwickelt habe und entweder damit überleben oder zu Grunde gehen, etwas übertrieben gesagt.
Zum Nachhören
gibt es das ausführliche Interview, ausgestrahlt am Mittwoch, 10. Juni in der FM4 Homebase, hier:

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