Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Der Lärm in der Stadt "

Musik, Film, Heiteres

Christiane Rösinger

Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

14. 6. 2009 - 13:21

Der Lärm in der Stadt

"Dann zieh' doch nach Ruhleben", hilft auch nichts mehr. Berlin verspießert.

SO36

Früher waren die Städter irgendwie toleranter. Wenn sich beim nächtlichen Rumlärmen ein Nachbar beschwerte, antwortete man mit einem frechen: “Dann zieh doch nach Ruhleben!??" (Außenbezirk Berlins), aber das ist lange her, und die Leute werden immer empfindlicher. Das mag daran liegen, dass sich die Bevölkerungsstruktur in den "Trendbezirken" ändert. Menschen, die einst aus provinzielleren Teilen Deutschlands ins quirlige Berlin gezogen waren, erfreuten sich die ersten Jahre noch an all dem Trubel, wollten mitten drin zwischen Club, Café und netten Läden wohnen, werden nun aber älter, pflanzen sich fort, gehen nicht mehr so viel aus und beschweren sich.

Lärm ist ein Jugendrecht, und auch bei Konzerten gilt noch das alte Sprichwort "If it’s too loud, your too old??" - aber die Intoleranz wächst nicht unbedingt mit zunehmendem Alter und Jugend schützt vor Torheit und Spießigkeit nicht. Wer in einer Kneipenstraße wohnt, wo die Leute bis nachts um eins oder zwei draußen sitzen, mag wirklich Grund haben, sich zu beschweren, andererseits kann man halt nicht gleichzeitig in einem lebendigen Szenekiez wohnen und bei offenem Fenster schlafen. Die Toleranzgrenzen sinken, die Beschwerden werden immer absurder.

SO36

Schon wurden die ersten Kindergärten wegen Lautstärkeproblemen geschlossen. Im alten Punkerschuppen S0 36 lärmt und tanzt man seit 30 Jahren auf höchstem Niveau - jetzt muss wegen eines einzigen Nachbars eine Lärmschutzwand für 80 000 Euro eingebaut werden, was der Clublegende finanziell das Genick brechen könnte.

Aber auch die Hochkultur hat’s nicht leichter. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird innen umgebaut, auf dem Platz davor hat man eine hölzernen Agora - eine zentrale Versammlungsstätte im alten Athen - gebaut, um dort weiter zu spielen. Eine schöne Idee, aber die Nachbarn spielen nicht mit: Bei der Bearbeitung der Aristophanes-Komödie "Die Vögel" schreien die Schauspieler zu laut.

Volksbühne Berlin

Das altehrwürdige Protestinstrument Menschenkette, bekannt aus der Anti-AKW-Bewegung, von Anti-Rassismus-Demos und Antifaschistischen Aktionen, wird jetzt von den Spießbürgern am Kollwitzplatz/Prenzlauer Berg gegen den beliebten Gemüsemarkt eingesetzt. Das samstägliche Markttreiben ist einfach nicht mehr zumutbar, weil es die Lebensqualität der Anwohner stark beeinträchtigt.

Was soll man dazu sagen? Vielleicht nur die berühmten Worte des Dichters Kurt Tucholsky:

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast du's nicht weit.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • saunabiber | vor 973 Tagen, 35 Minuten

    Dann zieh’ doch nach Rastatt!

    Auf dieses Posting antworten
  • cpausch | vor 973 Tagen, 2 Stunden, 32 Minuten

    ach, das gute alte so36.
    (und nebenan der leckere kreuzburger!)

    Auf dieses Posting antworten
  • keifl | vor 973 Tagen, 3 Stunden, 12 Minuten

    Es ist ganz klar: Egoismus rules the world. Die Betonung des Individuums in der Gesellschaft hat soweit geführt, dass es kaum mehr Sozialleben im herkömmlichen Sinn mehr gibt.

    Auf dieses Posting antworten
  • cheguevarawithblingon | vor 973 Tagen, 18 Stunden, 3 Minuten

    "Menschen, die einst aus provinzielleren Teilen Deutschlands ins quirlige Berlin gezogen waren, erfreuten sich die ersten Jahre noch an all dem Trubel, wollten mitten drin zwischen Club, Café und netten Läden wohnen, werden nun aber älter, pflanzen sich fort, gehen nicht mehr so viel aus und beschweren sich."

    ja scheisse..irgendwann werden leute erwachsen und nicht jeder ist peter pan und berlin ist nicht wonderland.
    jetzt fällt mir wieder ein warum ich berlin trotz der lebenden geschichte in der stadt irgendwie nicht ausstehen konnte.

    Auf dieses Posting antworten
  • os84 | vor 973 Tagen, 21 Stunden, 43 Minuten

    kann in berlin nicht das problem sein. die stadt ist riesig. ausweichmöglichkeiten gibts genug, bei der rekordverdächtig hohen anzahl leer stehender wohnungen. das spitzenmäßige verkehrsnetz tut sein übriges zur schadensbegrenzung. aber vermutlich wird die ältere generation doch zu bequem und sturr sein, einen wohnungswechsel in betracht zu ziehen.

    Auf dieses Posting antworten
    • gerlinde666 | vor 973 Tagen, 21 Stunden, 35 Minuten

      wenn du am kollwitzplatz wohnst, dann denkst du nicht mal dran, wegzuziehen aus deinem tollen dachausbau für viele tausend öcken miete. solche leute wohnen dort eben jetzt.

    • os84 | vor 973 Tagen, 18 Stunden, 23 Minuten

      dann muß sich die jugendszene halt wo anders ansiedeln. der stimmige vorteil der jugend ist ja die flexibilität! :) sollen die "alten" schauen, was das berlin-zentrum ohne sie ist. andererseits ist es ja grad die szene, die berlin interessant macht, vor allem für touris. da würd die bankrotte hauptstadt sich das wasser abgraben..

    • redde | vor 973 Tagen, 2 Stunden, 37 Minuten

      @os84

      das ist sowieso die natürliche Entwicklung: mehr ältere (spießige) Leute in den Künstlervierteln -> mehr schicke Geschäfte -> höhere Mieten -> die Subkultur verlagert sich in das nächste (zentrumsfernere) Viertel.

      Und mit dem Wasser abgraben hast du ganz recht, ich denke kaum eine Hauptstadt kann sich damit brüsten so viele junge Touristen anzuziehen.

  • dunkelyeah | vor 973 Tagen, 21 Stunden, 56 Minuten

    wenn ich groß bin werd ich auch spießer.

    Auf dieses Posting antworten
  • jumo1704 | vor 973 Tagen, 22 Stunden, 4 Minuten

    Willkommen im Spießer-club !

    Die klage über den spießer, mag sich manchmal selbstgerecht klingen, ist doch immer die klage des unterlegenen, der sich bedroht fühlt. Spießer seien gerade diejenigen, die andere als spießer bezeichnen. Wo keine klaren regeln mehr gelten, gerät alles und jeder unter verdacht."Schon alleine familie zu haben, könnte schon spießig sein". Unspießig sein ist ein privileg der jugend. Älter werden heißt spießer werden.

    Auf dieses Posting antworten
    • pixacao | vor 973 Tagen, 19 Stunden, 57 Minuten

      so ein ausgesuchter blödsinn.... aber die spießer-diskussion kannst du alleine führen ......

      nur so viel:

      "um einen stern zu gebären, muss man das chaos in sich tragen" (nietzsche)

    • saunabiber | vor 973 Tagen, 33 Minuten

      Ach Nietzsche war das!?

      In der Kastanienallee verkaufen die Exilschwaben solche dämlichen Sprüche auf Diddl-Maus-Karten...

    • blumenau | vor 971 Tagen, 22 Stunden, 50 Minuten

      und dort, wo klaren regeln gelten, und stets einer auf ihre einhaltung pocht, ist das spießertum daheim.

  • alpiarts | vor 973 Tagen, 23 Stunden, 59 Minuten

    Das Bedürfnis nach zumindest der freien Wahl ob Stille oder nicht ist spießig. Aha. Ich lebe in einem ruhigen Hinterhof, habe daher die Wahl und genieße das. Ich bin hochgradig spießig, hülfe !

    Auf dieses Posting antworten
    • truhe | vor 973 Tagen, 23 Stunden, 17 Minuten

      Ich glaub das hast du jetzt nicht so ganz richtig mitbekommen. Um deinen Hinterhof gehts hier nicht sondern eher um jene die zwar im "Trendbezirk" wohnen wollen aber dessen Eigenleben nicht akzeptieren. Man erinnere sich nur an die ganzen Brunnenmarktbewohner die sich während der EM bitterlich über die feiernden Türken beschwert haben, als ob man dass nicht ahnen konnte und sich für ein paar Tage mit Oropax den Frieden gesichert hätte. Dass ein Kindergarten zusperren muss weil die Kinder zu laut sind ist für mich nicht mehr spießig das ist soziopathisch!

    • ikaracolt | vor 973 Tagen, 23 Stunden, 16 Minuten

      lustig zwar, dass du's über diesen zusammenhang bemerkst, aber hauptsache es ist dir einmal bewusst geworden. natürlich ist das spießig, sich aussuchen zu wollen, wie sich das umfeld zu verhalten hat, anstatt es zu tolerieren oder einzusehen, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann. helfen kannst dir da aber nur du selbst.

    • alpiarts | vor 973 Tagen, 22 Stunden, 48 Minuten

      Ich kenne zwei Menschen, die einen Kindergarten vor der Nase hatten. Ich hab's erlebt. Der eine musste ausziehen, der andere mit viel Geld und Arbeit Schalldämmung errichten. Es ist auch die Frage, ob man unter tags zu Hause ist oder nicht.
      Es ist nicht spießig, sich aussuchen zu wollen, wo man wie lebt. Und ja, eben, - helfen kann man nur sich selbst. Es ist die eigene Entscheidung. Eigene Entscheidungen zu treffen, ist nicht spießig, im Gegenteil.
      Und: den ganzen Tag lang Stöpsel in den Ohren tragen zu müssen, ist nicht das, was ich unter Freiheit verstehe. Ich hab keine Lust, mich nach Anderen richten zu müssen. Ich selbst habe es in der Hand. Gut so, fühlt sich gut an.

    • marccarnal | vor 973 Tagen, 15 Stunden, 33 Minuten

      Gilt Rücksicht eigentlich auch als spießig?

    • qball | vor 973 Tagen, 5 Stunden, 18 Minuten

      also alpiarts und marc: wenn sich einer aufregt weil 20 bis 50 kinder laut sind, müssen die kinder weg.

      das ist nicht meine vorstellung von toleranz.

      eh klar, wenn ich neben dem bahnhof wohne muss der bahnhof weg...

    • alpiarts | vor 973 Tagen, 1 Stunde, 28 Minuten

      Toleranz macht nur beiderseitig einen Sinn.
      Im Ernstfall muss man, wie oben geschrieben: Wohnung wechseln. Auch nicht lustig.