Erstellt am: 9. 7. 2009 - 11:07 Uhr
Explosionen an den Synapsen
Nur nichts untertreiben, alles so überlebensgroß wie möglich anlegen. "Let Your Love Grow Tall" nennt sich da gegen Ende des Albums ein Song, um in Titelgebung und musikalischer Opulenz noch einmal klarzumachen, wie und vor allem wie gut es um die Band Passion Pit bestellt ist. I'm Throwing my Arms Around the World, das ist es, was sie uns erzählen wollen. Ein spröder, freundlich marschierender Drumbeat, eine simple Pianomelodie, as catchy as can be, aufgekratztes Gezischel an der Hi-Hat, kurz aufflackernde Synthie-Flächen, und dann: der Kinderchor. Kinderchor, das gut erprüfte Hausmittel, um die Nackenhaare echt stehen machen zu lassen. "Love!", "Grow!" und "Tall!" also, so schaukelt sich das Stück immer höher zu einer Indierockoperette des Überschwangs und, achja, der wirklich unique, unique selling point von Passion Pit hier, da und überhaupt: Der Gesang, nein, die GESÄNGE, Beach Boys go Quietsch Boys, Mickey Mouse im Heliumrausch, ausdrucksmächtig hypereuphorisch durchlebt vom Falsett von Sänger Michael Angelakos. Bei Passion Pit drückt alles maximal auf die Endorphinausschüttungstube, immer, Passion Pit, die Nervband des Jahres Nummer Eins.

Alles geht. Muss aber nicht
Mit Passion Pit aus Boston ist dieser Tage glücklicherweise überhaupt kein Distinktionsgewinn mehr einzufahren. In Zeiten, in denen der Eklektizismus, der post-schlaue Eklektizismus und die Formel "Indiegitarre trifft Elektronik" schon zum Totschlagargument totdekliniert worden sind und Gruppen und Menschen wie, meinetwegen, das LCD Soundsystem, die Klaxons, M.I.A., The Rapture, you name it oder Hot Chip, die vor kurzem noch zu Recht von der Spex als "Band total neuen Typs" apostrophiert worden sind, das total wilde Wildern quer durch die Musikstile als gängige Selbstdefintion "cooler" Musiker etabliert haben, darf man heute auch wieder wissen, dass es eben nicht immer WEITER gehen, dass nicht immer irgendwo ein neues Rad erfunden werden muss. Einfach einmal ein paar sehr gute Popsongs schreiben - das haben Passion Pit gemacht - und die dann mit allem aufladen, was die Gefühlsklaviatur so hergibt.

Bedroom wird Band
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Vor der Geschichte, die längst schon keine Geschichte mehr ist, die da nämlich irgendwann einmal besagt hat: "Blogs haben meine Band groß gemacht", steht im Falle von Passion Pit die romantische Anekdote. Im vergangenen Jahr hat Sänger Michael Angelakos quasi als Ausdruck der Liebe solo in Heimarbeit für seine Freundin ein paar Songs zusammengeklopft, die, zunächst als rein private Angelegenheit angelegt, schnell ihren Weg aus dem engen Freundeskreis hinaus in den weiten Bekanntenkreis und hinein in die wahre Welt, die das Netz ist, gefunden haben. Der Buzz um die schön syrupgetränkten Popsongs von Angelakos war gar heftig, die einstmals intim gedachten Stücke wurden auf der EP "Chunk of Change" offiziell veröffentlicht und mit aus dem - wichtig - Freundeskreis an Bord geholten Menschen wuchs das Solounternehmen Passion Pit zur Band Passion Pit.

Das eben erschienene Debütalbum, dass da den Titel "Manners" trägt, ist also nicht bloß unter der strengen Alleinherrscherfuchtel von Angelakos entstanden, der ein paar Ideenzulieferer als Bühnengefährten gerade eben mal so dulden mag, sondern, nach eigenen Beteuerungen, durch das Zusammenwirken eines demokratischen Bandunterfangens. Eine Band, die nicht Hippie oder Preppy Chic ist, nicht geil transglobaler World Beat und nicht mit allen Wassern der Postmoderne gewaschene Hipster-Elektronik. Passion Pit, das sind ein paar, ja eh, lockere Typen, die sich nicht irgendwas übersmart ausgedacht haben, das sind Typen, die sich bei The Gap ein egales Outfit zusammenbauen, drüben an der Ecke im Coffeeshop arbeiten und irgendwas "mit Literatur" studieren. Passion Pit sind die Wall-Mart-Weichspülvariante der ungeliebten Cousins vom Animal Collective, die trifft man einmal im Jahr, da macht man dann zwei Biere auf, fällt sich vor lauter Partyfreude in die Arme und erinnert sich an den ersten folgenreichen Slowdance, damals auf der Prom: "I Love You, Man!"

"Manners" von Passion Pit ist bei French Kiss/Sony erschienen
"Manners" ist die gute alte Kombination von hier leicht zickiger, dort wehmütig jublierender Indierockgitarre und der brummenden Macht des Synthesizers: Der macht mal Liebesschmelz, der macht mal Disco. "Manners", das heißt überzogene Melodien und übersteuerte Ideen und Orgel-Pathos und Größenwahn, dargebracht mit gutem Benehmen, immer passiert was. Da wird die Pop-Psychedelia der Flaming Lips nicht so sehr sich ostentativ ständig selbstzuzwinkernd wie bei MGMT in die Musik gegossen, da werden aus der Überkandideltheit des Klangmaterials nicht bloß 80er-Jahre-Pose und sexy Glitz gewonnen, sondern gute Lieder geschnitzt. Experimente am Chemie-Baukasten, unaufgeräumtes Jugendzimmer, neonfarbenes Brausepulver aus der Tüte funkelt funky im Mund und explodiert schön wirkungsvoll an den Geschmacksnerven. Passion Pit, "Manners", immer aufdringlich, in your face, und aufs dritte Sahnehäubchen, da, da schmeißen wir sicherheitshalber noch zwei, drei, vier Cocktail-Kirschen oben drauf. Das ist Zuckerwatte, Zuckerwatte und dauernd too much. Und ständig haben wir das himmelschreiende Gequäke, das wunderbare, wirklich wunderbare Melodiegedöns und das total affige Getue von Angelakos' Stimmbändern im Ohr. Passion Pit, Nervband des Jahres Nummer Eins. Nervband mit umwerfend guter Platte.

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