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Musik, Film, Heiteres

David Pfister

David Pfister

Rasierklingen, Schokolade, Zentralnervensystem, Ananas, Narzissmus und Ausgehen.

23. 7. 2009 - 15:30

"I Am Lady Gaga, I am Your Future"

Wie Lady Gaga gestern Nacht im Gasometer Wien den Hauch einer Pop-Revolution anzettelte.

Anfang Juli veröffentlichte Trent Reznor ein Manifest zur Lage der Popkultur, in dem er recht klug seine Einschätzung des Business erklärte und in der neuen Medienwelt einen möglichen Weg für Musiker zeichnete. Martin Blumenau zitierte diesen Blog von Trent Reznor in einem seiner letzten Online-Journale auf unserer Homepage.

Trent Reznor skizziert in seinem Aufsatz einen neuen Künstlertypus, der alle kreativen Zügel seines Schaffens fest im Griff hat, die neuen Medien gnadenlos zu seinen Gunsten unterwirft und der wendig, hellhörig und auch nicht zu wenig skrupellos sein darf.
Er betont allerdings auch, dass man durchaus Platten verkaufen kann, wenn man auf eine wichtige Komponente nicht vergisst: die "connection with the fans".

Beautiful, dirty dirty rich rich dirty dirty

Eine Künstlerin, die Trent Reznor als Prototyp und Vorbild zitiert, ist die amerikanische Senkrechtstarterin Lady Gaga. Seit Monaten hat sie mit ihrem Debütalbum The Fame die internationalen Charts fest im Griff. Obwohl Lady Gaga den mächtigen Support eines Majorlabels im Rücken hat, gebrauchen sie und ihr Management geschickt die neuen Medien und Kanäle, die eigentlich bis jetzt von einer gewissen Underground-Schlagseite besetzt waren.

Lady Gaga

Angefangen von wöchentlichen "Gagavision Transmissions" auf Youtube (Videostreams von der Tour und Ständchen für den neuen US Präsidenten), bis hin zu Twitter, eigenen Lady Gaga-Spielen fürs iPhone und einer Seite, die tägliche News bietet - das Netz gehört ihr.

Und auch wenn aus den Boxen jedes Autos momentan Poker Face dröhnt, Lady Gaga hat ihre Wurzeln in der New Yorker Subkultur. Ihre ersten musikalischen Schritte abseits der renommierten Tisch School of Arts, wo sie studierte, machte sie im Metaldunstkreis. Vor noch wenigen Jahren trat sie (damals noch mit brünetten Haaren und einem leichten Amy Winehouse-Einschlag) auch im Burlesque-Duo mit der Hard Rock-Djane Lady Starlight in New Yorker Nachtklubs auf. Da wurde dann Haarspray angezündet und zu den Doors geheadbangt - Lady Gaga meist leicht bekleidet im Mittelpunkt, während Lady Starlight am Plattenteller stand. Noch heute zählt die Gaga Lady Starlight zu ihrem Haus of Gaga, einem umtriebigen Zirkel aus KunststudentInnen und DIY-KünstlerInnen, die das Lady Gaga Universum speisen.

Generell umgibt sich die Lady gerne und ausgiebig mit unbekannten KünstlerInnen aus ihrem Umfeld, deren Kreationen sie vorführt und in ihre Shows integriert. Das ist authentisch und erklärt gemeinsam mit ihren potenten Popsongs ihren momentanen extremen Erfolg.

Fame, doin' it for the fame

Lady Gaga ist der erste Prototyp einer Generation neuer Popstars, die keine musikalischen oder ideologischen Grenzen kennen bzw. diese mit Freude verachten und deshalb Mainstream und vermeintliche Subkultur gleichzeitig stimulieren.

Lady Gaga

Lady Gaga ist ein Phänomen, das es so lange nicht mehr gegeben hat, und das die Lektionen des Mentors David Bowie gut gelernt hat. Wenn auf einmal die träge Großraumdiscocrowd, für die Musik längst nur mehr kostenloser Soundtrack ist, fanatisiert einem neuen Popmessias huldigt, Hunderte Gaga-Lookalikes in das Gasometer Wien strömen und dort dann mit einem subtilen Meer an Popkulturzitaten von Warhol bis Velvet Underground unterwandert werden, ist das sehr schön.

Lady Gaga bei einem Konzert im Gasometer, Wien
Lady Gaga im Wiener Gasometer

Das gestrige Konzert im restlos ausverkauften Gasometer war lustvolle fleischgewordene Popkultur. Lady Gaga tänzelte zwischen den Grenzen, brachte die Jugendzimmer auf die Bühne und vollbrachte einen schier unmöglichen musikalischen Spagat. Ließ ihren Electropop von ihrer Guns'N'Roses-Lookalike-Liveband mit harschen Hardrock-Posen torpedieren, um das Publikum gleich darauf mit einem Hardcoretechno-Schub und Marilyn Manson-Samples völlig um den jungen Verstand zu bringen. Zahlreiche Kostümwechsel sind selbstverständlich und die akustische Pianoimprovisation pendelt dann zwischen Brecht und Mercury.

Lady Gaga

Dass die breite Berichterstattung den Fokus dabei ausschließlich auf den Sexaspekt richtet, während ihre Kinder durch eben solche seltenen stolzen Popimpulse gerade zaghaft den Hauch von sowas wie einer Revolution starten, ist da natürlich eine Schande.

In Zeiten der Pest und Krise lebt Lady Gaga einen herrlichen bunten augenzwinkernden Hedonismus - eine der wenigen Möglichkeiten, mit denen junge Menschen der Tristesse begegnen können. Besorgt und nachdenklich fragt sie im Interview: "Whatever happened to Michael Jackson’s glove?" Die Chancen stehen nicht so schlecht, dass sie ihn zurückbringt.

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  • beetoe | vor 1022 Tagen, 10 Stunden, 15 Minuten

    Hab' mich aus klassischer Bobo-Mainstreamscheue erst jetzt mit dem Thema Lady Gaga zu beschaeftigen begonnen, und fand diesen Artikel dazu eigentlich sehr stimmig. Gut gemacht.

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  • derexpterte | vor 1034 Tagen, 11 Stunden, 23 Minuten

    Lady Gaga ist so wie Tokio Hotel. Egal, ob man sie mag oder nicht: der beste Werbeträger, den sie kriegen kann ist die Diskussion über sie. Meiner Meinung nach ist sie musikalischer Abfall und eigentlich eine peinliche Erscheinung, über die wir in zehn Jahren lachen werden.

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  • truhe | vor 1035 Tagen, 9 Stunden, 3 Minuten

    Die hat ein Konzept das aufgeht und das ist voll ur scheiße und überhaupt kommerz und akute Plattenindustrie hat die Mediennutte auch - blääaaagh - icxh mein, ausser "poker face" aus vorbeifahrenden Autos hab ich noch nix gehört oder gesehen aber das brauch ich auch nicht weil die auch auf Ö3 g'spielt wird und somit grundsätzlich oasch ist!

    Ich mein wenn die exakt das selbe machert nur ohne power play und major-Label und ergo NICHT mähnstriem warat, wär die G'schicht ganz anders gelagert, dann könnte man sie nämlich als Geheimtipp verkaufen im Freundeskreis glänzen und weite den antikapitalismus auf dem neuen iPod feiern, olé.

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  • setecastronomy | vor 1036 Tagen, 14 Stunden, 9 Minuten

    Viel interessanter als die alles in allem doch eher "konventionelle" Nutzung von (auch nicht mehr gar so neuen) technischen Errungenschaften wie soziale Netzwerken und Instant - Blogging bei Fr. Gaga ist meiner Meinung nach das, was Frau Amanda F. Palmer seit geraumer Zeit tut.

    Zumindest ist mir die fast schon kindliche Experimentierwut mit der Sie versucht Ihren diy-punk-cabaret Zugang zu ihrer Arbeit mit neuen Möglichkeiten der Interaktion (via Twitter koordinierte Ninja/Ukulele Flashmobs, etc.) bzw. des Geldverdienens (#LOFNOTC shirts) et al. zu verbinden irgendwie kulturell näher (vermutlich aufgrund meines F/OSS Backgrounds) als der Versuch via iPhone Spiel Fan - Bindung zu betreiben.

    (Nebenbei kommen dabei auch großartige Diskussionen bzw. Diskussionsanregungen raus, siehe z.B.

    http://preview.tinyurl.com/lrvsyd oder
    http://preview.tinyurl.com/loavnp

    )

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    • christianfuchs | vor 1036 Tagen, 9 Stunden, 32 Minuten

      ist sicher interessant.

      "via twitter koordinierte ninja/ukelele flashmobs" klingt für mich als teilzeit-kulturpessimisten aber nach einem weiteren grund auf den mars zu ziehen.

      mein bruder lebt auf einer thailändischen insel mitten im dschungel. seine kinder sind auch schon den ganzen tag im facebook.

      ich mag manchmal nicht auf der erde leben.

    • setecastronomy | vor 1036 Tagen, 7 Stunden, 8 Minuten

      Mein Problem mit Ironie ist ja immer, dass ich sie so schlecht erkenne, daher:

      Wirklich, Du hast einen Bruder?

    • setecastronomy | vor 1036 Tagen, 6 Stunden, 56 Minuten

      Entschuldigung, ich sitz seit 18 Stunden hintern Computer und hab den mittleren Absatz total falsch geparst.

      Mea Culpa, dass sollte keine patzige Antwort werden.

      Zur Klarstellung des Begriffs "Interessant" bzw. meiner Position zu Flashmobs: Ich würd bei sowas nie mitmachen, weil Stubenhocker. Immer gewesen. Aber ich bin Softwareentwickler (daher die 18 Stunden) und mich interessierts beruflich wie Menschen Produkte wie Twitter (die es ja im prinzip schon Jahre gibt) plötzlich dazu benutzen um sich spontan am Strand zu verabreden, sich dabei aufbrezeln, Ukulele Spielen und dann ein Fotoshooting machen.

      Ab dem Moment wo das der Ersatz für Zwischenmenschliche Beziehungen wird, wirds durchaus kritisch. Aber - und ich hasse diese Formulierung normalerweise - das, was da gerade entsteht ist in mehrerer Hinsicht spannend. Gerade auch wenn es um eine (Mörderphrase, sorry) demokratisierung von Produktionsmitteln geht.

      Bilder vom Ninja gig am Strand gibt es z.B. hier http://www.flickr.com/photos/otterfreak/sets/72157620430036130/

    • prom000 | vor 1036 Tagen, 5 Stunden, 29 Minuten

      Herr Fuchs

      wenn sie der NASA die 500 Mrd. für die Reise geben kanns in schon 10 Jahren sollgehen. Nachdem sie ja nicht zurückkommen wollen wirds vielleicht billiger. ;-)

  • edofrd | vor 1036 Tagen, 14 Stunden, 26 Minuten

    es als positiv herauszuheben, dass die das web2.0 für promo nutzt ist einfach nur mehr lächerlich - schon mal was von marketing gehört? wird wohl keiner glauben, dass die plattenindustrie das nur so aus spaß an der freude macht

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  • christianfuchs | vor 1036 Tagen, 17 Stunden, 9 Minuten

    is this desire

    interessanter und überfälliger text, david!

    ich habe ja in der letzten zeit, übersättigt und unbefriedigt von allem anderen, wieder pop-pop-pop-muzik als zentrales suchtmittel entdeckt.

    trotzdem kratzt mich lada gaga nicht.

    die eine erklärung meinerseits: ich gehöre längst nicht mehr zur zielgruppe und empfinde die errungenschaften von gala-kompatiblen poststars2.0 eher als notwendiges übel.

    aber darüber hinaus ist noch ein anderer grund wichtiger: für mich ist pop die größte sehnsuchtsmaschine überhaupt. die unzähligen rückgriffe auf die 80er haben ja auch damit zu tun, dass sich damals pop ungehemmt der sehnsucht hingab.

    ich finde diese sehnsucht in den popmodellen von la roux (hach), empire of the sun, lily allen oder little boots, die bis auf lily noch keine gasometer füllen. ich finde sie in frühen & mittleren tracks von madonna, prince & jacko & im spätwerk von kylie.

    aber ich hab sie noch nicht bei frau gaga gefunden. mal schauen.

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  • downer87 | vor 1036 Tagen, 18 Stunden, 14 Minuten

    wie

    sieht die Welt wohl aus wenn es mehrer solcher Künstler/"Musiker/innen" wie Lady Gaga gibt?

    Gibt es dann in den Nachrichten nur noch Infos über die neuesten Skandale, Fehltritte oder sonstiges der neuen Paris-Hilton-Abklatsch-Musiker?
    Wird dann überhaupt noch über Wirtschaft, Politik usw. gesprochen?

    Ein Künstler muss sich doch lediglich durch seine Musik beweisen und nicht durch tagtägliche Youtubevideos oder Twittereinträge! Die Connection zu den Fans kann auch anders auferhalten werden!

    Das ist scheinbar das neue Mittel der Majorlabels um möglichst viele kaufkräftige spätpubertierende zum Plattenkauf zu animieren!
    Gratulation (und abermals danke für die zahlreichen Berichte im TV über Lady Gaga zu echt wichtigen Themen wie "ihr neues Outfit usw."
    Kanns kaum erwarten noch mehrere von solchen Retortenmusikern kennenzulernen!

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    • johnleehookerelectro | vor 1036 Tagen, 13 Stunden, 45 Minuten

      das EIGENTLICH schlimme is ganz banal..die frau is POT HÄSSLICH

  • mrsjackson | vor 1036 Tagen, 19 Stunden, 27 Minuten

    Das Musikgeschäft hat total die Perspektive verloren, denke ich mir manchmal. Es geht schließlich um Musik. Keine Show, keine Kleidung, kein sexy Körper. Musiker sollten allein durch ihre Musik überzeugen. Wenn die Musik passt, richtig durch die Haut fährt, ist der ganze Schnickschnack eigentlich gar nicht notwendig.

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    • lalternative | vor 1036 Tagen, 17 Stunden, 28 Minuten

      Naja, was heißt "die Perspektive verloren" ?
      Ich bin schon deiner Meinung, dass dieser ganze Schnickschnack eigentlich unnötig ist, aber ich glaube kaum, dass Lady Gaga mit ihrer Musik erreichen will, dass es jemandem eine Gänsehaut aufzieht.
      Es geht bei ihren Texten eben nur um Sex, Party und so weiter. Die meisten Leute wollen halt beim fortgehn sowas hören.
      Die Dame entspricht zwar auch absolut nicht meinem Musikgeschmack, jedoch würd ich mich beim Feiern wahrscheinlich auch für sie - und gegen z.B. einen fantastischen Damien Rice enscheiden.

  • octogen | vor 1037 Tagen, 2 Stunden, 27 Minuten

    Eigentlich wundert mich

    dass diese Art von Holzhammer-Provokation noch immer irgendwer aufregend findet.

    Sie ist ja sooo dirrrty, sch***t sich so überhaupt total vollkommen keinesfalls gar nichts und bricht alle Regeln. Wahrscheinlich erfindet sie sogar neue Regeln um sie anschließend brechen zu können.

    Wirkt das nur auf mich ziemlich aufgesetzt?

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  • johnleehookerelectro | vor 1037 Tagen, 4 Stunden, 33 Minuten

    das passiert wenn eine soli-chikana ausn empire und pyramide nen dark-etepetete- literatur studenten verführen...
    sie verstehen sich auf 2 vollkommen verschiedenen ebenen haha

    die frau hat keinen plan von bowie!
    aber is e egal
    lol

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    • johnleehookerelectro | vor 1037 Tagen, 4 Stunden, 31 Minuten

      verführt statt verführen..singular

    • downer87 | vor 1036 Tagen, 18 Stunden, 9 Minuten

      keine ahnung

      von ihren angeblichen Inspirationsquellen wie Bowie, Warhol usw.
      Ausserdem hab ich gehört dass sie einen sehr sehr sehr hohen und guten Schulabschluss hat und scheinbar sehr gebildet ist.
      Wenn man so gebildet ist könnte man der Welt doch mehr bieten als schlechte Popsongs die eigentlich nur vom F****n handeln!?
      Ich würde sagen: Ja. Das wirkt aufgesetzt liebes Label.