Erstellt am: 26. 7. 2009 - 14:16 Uhr
Liebe Webuserin! Lieber Webuser!
Die Userin oder der User "m1ndless" fragt nämlich in Bezug auf Kollege Blumenauers Analyse der Wurzeln des Phänomens der weißen Angst um das absurde und brutal erwirkte Privileg, gesellschaftliche Normen zu definieren:
"würd mich interessieren ob man fm4-intern auch die meinung vertreten darf, dass das alles gar nicht so schlimm ist bzw. ob's da jemanden gibt der dies tut? oder allgemeine betroffenheit über den rassismus "da draußen"?"
Liebe oder lieber "m1ndless", FM4-intern darf man selbstverständlich jede Meinung vertreten. Man darf zum Beispiel finden, dass die neue Single von Creedence Clearwater Revival einen unverschämt groovigen Basslauf aufweist. Keine Redakteurin und auch kein Redakteur wurde jemals zur Chefin zitiert, weil sie oder er seine Beobachtung artikuliert hat, die Hosen von Mick Jagger würden auch immer enger. Hier bei uns dürfen Nackerte einen Bart haben und Langhaarige weinen. Manchmal lesen wir uns gegenseitig sogar heimlich die heilige Messe nicht in Latein sondern in der Sprache des Pöbels. Wir tanzen in der Kantine zu Swingmusik und im FM4-Bus sitzen oft Menschen mit unterschiedlichsten Hautpigmentierungsgraden nebeneinander (teilweise mit Händchenhalten!). In übermütigen Sekunden denken wir laut über ein Frauenwahlrecht nach und darüber, ob man den eisernen Vorhang eventuell niederreißen könnte und die Berliner Mauer gleich mit, damit das ein Gesicht hat. Dann, so phantasieren wir, bräuchten wir eigentlich gar keine Reisepässe mehr und zum Schluss überlegen wir sogar, ob es so etwas wie eine Geschichte oder Kultur überhaupt gibt, und ob diese Begriffe nicht nur erfunden worden sind, um xenophobe, chauvinistische Herrschaftsmodelle zu stützen.

Du bemerkst, hinter all den vermeintlich so beherrscht vorgetragenen Beiträgen über diverse Teeniestars brodelt ein ambivalentes Biotop, bis zum Rand vollgestopft mit Freidenkerinnen und Freidenkern. Es wäre also überhaupt kein Problem, wenn jemand auf die Idee käme, zu äußern:

Ich finde es gar nicht so schlimm, dass ein Lebensmittelkonzern, dem Konsumentenschutzvereine in jüngster Vergangenheit attestieren, er wäre ein Paradebeispiel für einen Anbieter der an der Qualität der Zutaten spart und dessen vorrangiges Interesse es ist, zu vermeiden, dass Verbraucher dies bemerken, wenn dieser Konzern also in seiner Öffentlichkeitsarbeit nicht in allererster Linie darauf bedacht ist, keine Begrifflichkeiten in positivem Kontext zu multiplizieren, die einem gefährlich unreflektierten Umgang mit Diskriminierung und Rassismus Vorschub leisten.
Ich bin sicher, es würde der betreffenden Kollegin oder dem Kollegen sogar noch weiter geduldig zugehört, wenn sie oder er argumentierte, "dass man doch von einem Unternehmen, dass unter anderem dafür verantwortlich ist, dass es in weiten Teilen Südostasiens bald keinerlei Regenwald mehr geben wird nicht erwarten kann, dass es mitten in der Einführungsphase eines neuen Produktes auf soetwas wie die Gefühle von Menschen Rücksicht nehmen oder gar den aktiven Abbau von biologistischen Herrschaftsmechanismen in unserem Sprachgebrauch unterstützen würde."

Nenn mich einen Optimisten, aber ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass sich in der FM4-Redaktion sogar noch jemand fände, der bereit wäre, sich anzuhören, "dass man doch verstehen muss, wie knifflig es ist, sich einen Namen auszudenken, der Menschen dazu verlockt für ein sogenanntes Lebensmittel, das in erster Linie aus Pflanzenfett, Emulgatoren, Mono- und Diglyceriden, Stabilisatoren, Gelier- und Verdickungsmitteln, Aroma- und Farbstoffen besteht, viel Geld zu bezahlen und es dann auch noch ohne gesundheitliche Bedenken regelmäßig zu schlucken. Also mir ist die ganze Geschichte voll wurscht und ich finde nichts daran bedenklich."
Vielleicht, liebe oder lieber m1ndless könnte es aber tatsächlich kurz schwierig werden, wenn die Kollegin oder der Kollege sich dann auch noch bemüßigt fühlen würde, einer zweiten Kollegin oder einem dritten Kollegen, die oder der äußerte: "Ich finde es bedenklich, wenn im ganzen Land Plakate hängen, die einen Ausdruck als positiven Teil der Identität meines Heimatlandes feiern, der an die bewusste Einordnung von Menschen, die so ähnlich ausschauen wie ich, als bestenfalls unterhaltsame, zweitklassige Kreaturen erinnert. Mich beleidigt das." wenn also dieser Kollegin oder diesem Kollegen begegnet würde mit den Worten "Was du sagst, stimmt nicht. Stell dich nicht so an!"
Ja, dann könnte es tatsächlich kurz schwierig werden. Weil das wäre wirklich ausgesprochen unfreundlich und viele von uns wären kurz betroffen, weil wir nicht wüssten, wieso das jetzt sein hat müssen.
Aber ansonsten sind wir so offen, wie ein Herpesbläschen nach allzu stürmischem Liebesspiel.
Zum Nachhören
In diesem Sinne möchte ich mit positivem Beispiel vorangehen und zwar in den Rest von meinem Wochenende. Für weitere Fragen wende dich bitte an ombudsmann.fm4@orf.at.
Servus!
Kommentieren