Erstellt am: 18. 8. 2009 - 20:04 Uhr
Mighty like a Monkey
Es ist schon so lange her, es ist gar nicht mehr wahr.
Ende Mai war’s, am Tag vor meinem Interview mit den Arctic Monkeys, da hatte ich die bisher letzte Chance, mir ihr Album in vollem Klangumfang anzuhören. Seither steht mir nur ein Stream zur Verfügung, was natürlich nicht einmal annähernd dasselbe ist (das müsst ihr mir jetzt einfach glauben).
Ich werde zur Beschreibung unseres Albums der Woche also auf die Aufzeichnungen zurückgreifen, die ich mir an jenem sonnigen Tag in Wandsworth machte. Zusammen mit einer spanischen Kollegin saß ich hinter Glastüren im Abhörraum der Zentrale von Domino Records mit der gehüteten Mastercopy und schrieb, bis mir prompt die Tinte ausging (nur Memmen checken ihre Patronen).

"I can't get started on my own"
Bei den ersten vier, fünf Takten dachte ich ja erst, jeden Moment würde der hysterische Moderator einer Versteckte-Kamera-Show in den Raum platzen, in die Hände klatschen und laut „Erwischt!“ rufen.
Das Eröffnungsstück des zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen Albums, das offenbar „My Propeller“ hieß, begann mit einem klassischen Smiths-Tusch, darauf folgte eine tiefe Gitarren-(oder hohe Plektrum-Bass)-Linie mit einem Chorus-Effekt drauf, zu der ich gleich die Worte „Nirvana-Zitat: Come As You Are“ vermerkte, und dann begann plötzlich Morrissey zu singen.
Nur dass dieser Morrissey sich beim Aufschwung zum Refrain tatsächlich als ein doppelt getrackter Alex Turner herausstellte.
Ein Opener, in dem der Sänger den HörerInnen verkündet, dass er jemand anderen (es ist wohl eine sie) braucht, um seinen Propeller in Gang zu bringen, weil „I can’t get it started on my own“, das ist gewagt. Aber gegen Ende des zurückhaltenden Songs, der eigentlich fast nur vom wiederholten Auftauchen eines unerwarteten Akkords unter dem Titelwort lebt, hatte ich ihn doch irgendwie lieb gewonnen.
Jetzt werden sie einen Zahn zulegen, dachte ich mir, als das tanzbärenträge Intro von „Crying Lightning“ mich wieder auf dem falschen Fuß erwischte. Zum ersten von vielen Malen schrieb ich „spy movie guitar“ in mein Notizbuch. Die vielen Anspielungen auf süße und salzige Snacks in der ersten Strophe erinnerten mich an meinen leeren Magen. „And my thoughts got rude as you talked and chewed on the last of your pick’n’mix“ war die Zeile, die gleich hängen blieb.
Und die Anweisung, sie solle doch bitte nicht ihre Brust rausstrecken „like you’ve never lost a war“.
Die paar Takte vor dem Einsetzen der letzten Halbstrophe mit den Marschtrommeln trugen die Handschrift von Ko-Produzent Josh Homme: diese für Arctic Monkeys-Verhältnisse ungewöhnlich fette Lead-Gitarre und ein von mir als „proggy bits“ beschriebenes, ebenso bombastisches wie kurzes Instrumental-Break.
Sorgen um den Sänger
„Dangerous Animals“ begann mit einem verwundeten Chor, den erst ein hyperprägnantes Gitarren-Riff - genau genommen eine My-Sharona-Neuerfindung - abfing, ehe Alex Turner uns als erste Zeile die nackte Wahrheit seiner vom Erfolgsdruck induzierten Schlaflosigkeit entgegenwarf: „Been fighting with my sheets and nearly crying in my sleep.“
Erste Zeilen verraten oft mehr als sie beabsichtigen über die Entstehung eines Songs, und das „nearly“ da drin machte es irgendwie noch schlimmer. Die Metapher „You should have racing stripes / The way you keep me in pursuit“ war dann aber doch manieriert genug, dass man sich angesichts dieser dritten düsteren Beziehungsgeschichte in direkter Abfolge keine ernsthaften Sorgen um den Sänger zu machen brauchte.
„Another proggy moment, cape and all“, schrieb ich in mein Notizbuch, „like giants’ boots stomping through Middle Earth.“ Auf Englisch, wie prätenziös.
Als dann „Secret Door“ mit seinen sanften akustischen Akkorden einsetze, und die Matt Helders/Nick O’Malley-Schlagzeug/Bass-Combo erneut einem eigentlich ganz weichen, leichten Song ein ärmelloses Muskel-Shirt aus Unisono-Breaks überstreifte, wunderte mich schon gar nichts mehr. „Hab mich an Morrissey-Lastigkeit der neuen Turner-Stimme gewöhnt“, steht da. „Lyrische Moll-Terzen überall.“
Ein Ende dem Wettrüsten
„Potion Approaching“ begann mit der Sorte Riff, die normalerweise nicht den Proberaum verlässt, aber der Refrain, den ich beim ersten Anhören wegen der tiefen Chorstimmen für „Bowie-artig“ hielt, machte einiges wieder gut. Bis zu dem unwillkommenen Shuffle-Zwischenspiel, der Rückkehr des Riffs und dem gewollt absurden Schlusswort: „Would you like me to build you a go-kart?“
Nicht so der Klassiker.
Was mir allerdings bei „Fire and the Thud“ nach den wenig hilfreichen Notizbuch-Anmerkungen „yet more spy movie guitar“ und „atmospheric“ endlich klar wurde, war, dass ich es hier mit dem bisher angenehmsten Album der Arctic Monkeys zu tun hatte.
Während „Favourite Worst Nightmare“ mit seiner fehlgeleiteten Teilnahme am Pegel-Wettrüsten der globalen Mastering-Kriege den Charme eines mitteilungsbedürftigen Partygastes versprühte, der einem aus nächster Nähe seine Befindlichkeiten ins Gesicht brüllt, ließ diese Platte mir genug Raum, um mich auf eigenen Pfaden in ihr umzuhören.
Und prompt fand ich dabei in „Cornerstone“ meinen vielleicht bisher liebsten Arctic Monkeys-Song bisher, die melancholische, von einem schwelgenden Hammond-Sound getragene Geschichte einer Affäre, gerichtet an die Betrogene, erzählt durch das Fenster einer chauffierten Limousine.
„My chances turned to toast when I asked her if I could call her your name“, singt Alex Turner und hält mit seinen Beschreibungen des Verlaufs der Nacht die Spannung seiner Story - auch wenn die wiederkehrende Zeile „and I elongated my lift home“ vielleicht nicht eine seiner elegantesten sein mag - bis hin zur Pointe, die jene Frau, der er das alles erzählt, kaum beruhigen wird: „Yes“, habe die Begehrte gesagt, „you can call me anything you want.“
"Nenn mich, wie du willst"
Ich muss zugeben, dass das ähnlich lauernde, schon wieder von Vibrato-Gitarren durchzogene „Dance Little Liar“ mir danach nur wie ein unbedeutender Nachsatz vorkam, und das geht mir jetzt mit dem Stream noch genauso, daran ändert auch das fein orchestrierte Gitarrengeblitze gegen Schluss nichts mehr.
Spannend wurde es erst wieder bei „Pretty Visitors“, das mit einer Vorschau auf den Refrain seitens erwähnter Hammond begann, dann zum vormaligen Arctic Monkeys-Standard Modus der Zungenbrecherstrophe wechselte, bis plötzlich ein schwerfälliger Refrain in der Hard Rock-Manier der Spätsechziger/Frühsiebziger durch den sowas nicht gewöhnten Abhörraum des Londoner Indie-Labels galoppierte.
Die Worte dazu schienen die Szene bei einer typischen Aftershow-Party zu beschreiben, wo all die Parasiten mit den Gästepässen sich im Widerschein des Ruhms der Band tummeln: „All the pretty visitors came and waved their arms and cast the shadow of a snakepit on the wall.“
Wenn es irgendwo auf diesem Album eine Stelle gab, die ohne Schütteln des neuerdings – bis auf die beharrliche Ausnahme Matt Helders – langen Haars der Bandmitglieder nicht vorstellbar gewesen wäre, dann war es das Iron Butterfly/Cream/King Crimson/Black Sabbath-Riff vor dem letzten Refrain.
Fast logisch, dass gleich darauf der letzte Song „The Jeweller’s Hands“ allein schon dem Kontrast zuliebe anfangen musste wie eine in einem Flughafen-Hangar vorgetragene Madness-Nummer.
Wir wussten nicht recht, was wir sagen sollten, die Spanierin und ich, als „Humbug“ zu Ende war. Also hörten wir uns die ganze Sache gleich noch einmal an. Meine Tinte war aus, ich brauchte nur mehr zuzuhören.
„Humbug“ ist eindeutig Alex Turners Platte. Nach den Last Shadow Puppets, wage ich zu behaupten, werden die Arctic Monkeys nun immer sowas wie seine Backing Band sein.
Er stellt sich als ein durch und durch altmodischer, aufs Handwerk bedachter Songschreiber heraus, den die Konstruktion von Akkordfolgen und mehrfachen Reimmustern mindestens so interessiert wie die Geschichten, die er damit erzählt.
Wenn er nicht aufpasst, wird er wie Elvis Costello im eitlen Nirgendwo der ewigen Fingerübung enden. Im Moment sind wir aber erst bei „Armed Forces“ und von „Mighty Like A Rose“ noch ganz weit entfernt (das soll jetzt ein plumper Versuch sein, Freunde der Arctic Monkeys zum Konsum des Frühwerks von Elvis Costello zu verführen. Es könnte euch gefallen).
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