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Musik, Film, Heiteres

Martin Blumenau

Martin Blumenau

Geschichten aus dem wirklichen Leben.

21. 8. 2009 - 17:03

Journal '09: 21.8.

Kümmernd und zweisprachig.

Das ist heute sehr gefühlig und unempirisch, auch nicht durch Thesen anderer unterfüttert. Stimmt, normalerweise ist mir auch das egal, nur diesmal bin ich nicht sicher, ob ich recht habe. Trotzdem will es heute, noch unter dem Eindruck meiner jüngsten Erlebnisse, abgelassen werden.
Und im Getöse des Orkans an bewusst inszenierten und als unwahr, unrichtig und unsinnig erkannten, aber trotzdem absichtlich in die Welt gesetzten medialen Ablenkern, schadet so ein kleiner Gegenschiffer zumindest niemandem.

Das was mir diesmal nach der Rückkehr aus einer ganz anders strukturierten und wirklichen Weltstadt in die Ex- und Fast-Weltstadt Wien augefallen ist, war der unterschiedliche Umgang.

In Berlin hat man, Anonymität hin oder her, viel eher das Gefühl einer Solidargemeinschaft von Stadtbewohnern und -benutzern anzugehören, von Menschen, die aufeinander achten. Ich hatte dieses Gefühl auch vor einem knappen Jahr, nach der Rückkunft aus New York, wo dir in der U-Bahn drei Mitfahrer beistehen, wenn du etwas fallen lässt.
Klar darf man die Oberflächenfreundlichkeit nicht mit wahrer Freundschaft verwechseln, aber das Gefühl der Nächstenliebe, des Kümmerns, ist auch im sonst seltsamen Amerika stärker ausgeprägt.

Wichtigster Indikator, ebenso wie in Berlin: es ist keine Falschheit dahinter. Wozu auch. Jeder profitiert: der der freundlich und gut behandelt wird, sowieso, und der, der sich kümmert, gewinnt dadurch Karmapunkte, die sich in einer sofortigen Zufriedenheit niederschlagen.

Ich will nicht schwarz/weißmalen, aber in dieser Punkteliste ist Wien, im Industrienationen-Standard, recht weit hinten.

Das Ranking und die Solidargemeinschaft

Erster Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs: LA-WM samt Doping.

Zweiter Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs; Gentrifizierung und Lokal-Patriotismus.

Der dritte Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs: Die, die sich niemals an den Westen verkaufen werden: eisern Union.

Der vierte Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs: A lightning that might strike. Bolt.

Der fünfte Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs: Simulations-Parteien im Wahlkampf.

Der sechste Eintrag eines kleinen Berlin-Tagebuchs: Das Hemd an sich.

Nachtrag: Kümmernd und zweisprachig.

Das ist deshalb seltsam, weil Wien (wie ja auch Gesamtösterreich, trotz einiger Entwicklungslücken z.B. im Süden) in sämtlichen Rankings, was Lebensqualität, Stabilität, Sicherheit oder Reichtum betrifft ist, die globalen Top Ten schmückt. Es geht der Stadt irrsinnig gut, es geht dem Land irrsinnig gut. Das trifft auch auf die USA oder Deutschland zu, dort aber stehen die Städte im Vergleich dann nicht so doll da.
Berlin etwa ist arm.
Man hat eine S-Bahn-Krise (zuwenig Züge, zu hohe Intervalle etc), weil kein Geld da ist. Man hat eine Baukrise, Gelder der öffentlichen Hand tröpfeln spärlich, das soziale Netz hat Lücken etc...

Der Rückschluss, dass die in Berlin Lebenden deshalb so caring, so solidarisch sind, so gemeinschaftlich das Leben bestreiten, ist zu einfach. Diese Tatsachen werden aber, denke ich, eine Rolle spielen.

Denn natürlich ist es verlockend, die Tatsache, dass man in die Diskrepanz zwischen realer und gefühlter Zufriedenheit in Wien ganze Straßenreihen und S-Bahnlinien bauen könnte (das Geld wäre nämlich da) auch in diese Richtung zu interpretieren.

Dass nämlich mit einem Mehr an Reichtum auch ein Mehr an sozialer Kälte und vor allem ein absurdes und rein konstruiertes Mehr an Sicherheitsbedürfnis einher geht. Wenn das auf eine tendeziell wehleidige, weinerliche, selbstbemitleidende und xenophobe Grundkultur wie die österreichische trifft, kann das fatale Folgen haben.

Reale und gefühlte Zufriedenheit

Weil der Umgang mit dem "Fremden" einer der wichtigsten Demokratie-Indikatoren ist, hab ich inBerlin auch darauf geachtet. Und mir sind Szenen aufgefallen, die in Wien oder fast ganz Österreich nicht möglich wären.

Dass nämlich (eher im Osten der Stadt) die Menschen sich nicht nach Herkunftskulturen, sondern nach (gefühlten) Klassen strukturieren, dass also Deutschberliner Hackler mit Türkischberliner Hacklern vorm Späti sitzen, der dann womöglich auch noch einem Araber oder Ex-Yugo gehört. Und auch miteinander reden und zwar in einer gemeinsamen Sprache, eine spezifischen Deutschberlinerisch.

Der Bursche, der beim türkischen Bäcker in Neu-Kölln hinter der Budl steht, redet, als wir reinkommen, mit seinen Homies türkisch, switcht aber sofort um und macht die nächsten drei Minuten große Show, Berliner Schnauze, schiebt trockene Witze und unterhält die ganze Bude. Man ist also, im besten Sinn, zweisprachig. Und das nur ein paar Blocks von der Rütli-Schule entfernt, die vor ein paar Jahren, im Zug einer hysterischen Campagne, als ärgste Schule der Republik herhalten musste.

Ich will damit nicht sagen, dass es keinen Rassismus gibt - aber die werden in Berlin knallhart und offen ausgetragen, von richtigen Nazis und richtigen Autonomen und nicht, widerlich schleimig, über Leserbriefseiten.
Es gibt natürlich auch Alltags-Rassismus, aber die Ausgangsposition ist eine andere, eine integriertere. Schon allein weil die Durchmischung stimmt, und weil das mit der Sprache klappt.

Die Wiener Lose-Lose-Situation

In Wien ist es nicht so, dass die Bäckerjungs oder die Hackler switchen können - ihre Zweisprachigkeit beschränkt sich auf miserables Deutsch/Wienerisch (mit dem sie in der Mehrzahl bereits die Chance auf einen irgendwie dem Aufstieg dienenden Job auch schon verwirkt haben) und ebenso schlechte Herkunftssprache.

Ich hab keine Ahnung, warum das so ist.
Versagt die Schule, in dem Fall die Hauptschule, derart komplett? Sind die Parallelgesellschaften so undurchdringbar? Bleiben in Wien echt nur die ganz maulfaulen Typen hängen? Ist die Absenz einer Qualität des widerständischen Denkens schuld?

Mir kommt immer vor, dass das in der türkischen Community in Vorarlberg anders ist, dass die sich vergleichsweise besser auf die Sprache einstellen.

Ich denke, dass das aber auch wieder mit dem Phänomen des Kümmerns innerhalb der Solidargemeinschaft zusammenhängt. Wenn das fehlt, wenn die fehlt, dann wird die Chance auf echte Zweisprachigkeit automatisch kleiner.

Deshalb gibt es in Wien diese Lose-Lose-Situation: Keiner hat was von der Abschottung und Abgrenzung, die nicht aus politischen Gründen stattfindet (der Populismus instrumentalisiert da nur tatsächlich Vorhandenes) sondern auf einer miserablen Grund-Konstitution aufbaut.
Über die hab ich ja jüngst hier eh genug geschrieben.

Natürlich ist die Tatsache, dass anderswo Dinge besser funktionieren, kein Anlass für Häme oder doofes Rezepte-um-sich-werfen - die werden nämlich nicht funktionieren, wenn man sie nur raufpropfen will, ohne die hiesigen Hintergründe genau anzuschauen.
Die Blicke ins Anderswo können nur ein Anlass, eine Verstärkung für genau das sein.

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  • oxymoron | vor 1362 Tagen, 5 Stunden, 19 Minuten

    http://tinyurl.com/m2xk3s

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  • jonaeh | vor 1367 Tagen, 7 Stunden, 29 Minuten

    den kommentar "entwicklungslücken im süden" halt i für völlig entbehrlich - anfoch nur mainstream. sans a scho so ein kommerzler herr blumenau!? es wird oft vergessen, dass mehr als 50% der kärntner NICHT den "alko-raser" gewählt haben!!!! aber bitte, es lebe das pauschalurteil...
    stellen sie sich mal wien vor, ohne die ganzen (im schnitt eher linken) studenten aus den bundesländern vor - was übrig bleibt, is ein haufen, der den "alkoraser", wenn er ein wiener gewesen wäre, wahrscheinlich mit der absoluten ins rathaus gehievt hätte...

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    • oxymoron | vor 1362 Tagen, 6 Stunden, 6 Minuten

      die entwicklungslücken beziehen sich nicht auf wahlen, sondern auf wohlstand. kärnten weist einige der (dank misswirtschaft) ärmsten gegenden österreichs auf (hinsichtlich arbeitslosigkeit, öffentlicher verkehrsversorgung, etc)

  • wedge75 | vor 1368 Tagen, 3 Stunden, 25 Minuten

    hamburg & münchen, doch reiche städte und sozial kälter als wien, von meinen persönlichen eindrücken her gesehen.

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    • oxymoron | vor 1362 Tagen, 6 Stunden, 3 Minuten

      persönliche eindrücke halt.. zum "kümmern" gibt es übrigens eine groß angelegte studie: in 36 US-amerikanischen städten und 23 weiteren städten aus dem rest der welt hat man für die studie hunderte male in der öffentlichkeit stifte bzw. mit gipsbein zeitschriften fallen gelassen, "blinde" an einer kreuzung warten lassen, um wechselgeld für ein telefongespräch gefragt, sowie einen adressierten und frankierten brief "verloren". in den usa landete new york auf dem letzten platz, unter den restlichen städten erreichte wien nach rio de janeiro, san josé, lilongwe und kalkutta den 5. platz - vor allen anderen untersuchten europäischen städten (berlin leider nicht darunter). "gemütlichkeit" und geringe kaufkraft waren tendenzielle positivfaktoren. interessanterweise schnitt das für seine freundlichen und hilfsbereiten bewohner bekannte kopenhagen knapp schlechter ab als das ach so grantige, unfreundliche wien.

  • schreieder | vor 1368 Tagen, 23 Stunden, 40 Minuten

    Ich denke viel daran, dass in Berlin dies diese Umganngsformen gibt, liegt noch an der sozialsitschen Erziehung und der Einstellung, alle sind gleich.
    Aber auch schon zur Preußenzeit war Berlin eine Insel, wo dieses preußisch Strickte, Hierachrische und aufgesetzt Harte, von der Bevölkerung spöttisch und kritisch beäugt wurde.
    Als Göring in einer Rede tönte, wenn Bombem jemals auf Berlin fallen, will ich Meier heißen. Und fortan wurde er auf der Straße der Herr Meier genannt, und das zu einer Zeit wo solche Witze schwere Konsequenzen hatten.

    Dieses klassenmäßige Denken, "ich bzw. mia san wos bessas" ist vor allem in Wien und München vorherrrschend.

    Es wäre interessant dieses Gefühl in einer Stadt mal genauer zu beleutchen.
    Aber nach 2 Jahren Wien und mittlerweile 3 in Berlin kann ich Blumenaus Eindrücke nur betstätigen.

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  • softmachine | vor 1369 Tagen, 4 Stunden, 31 Minuten

    das problem ist nicht berlin, die ganze welt ist anders (geworden). nur österreich ist und bleibt xenophob, kleingeistig,nationalisitisch, chauvinistisch,obrigkeitshörig, rassistisch und größenwahnsinnig. das ist eben das problem wenn man dem weltball inmitten liegt, alles dreht sich weiter, nur selber bleibt man stehen.

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  • michelattia | vor 1369 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten

    die freundlichen menschen in berlin sind viel freundlicher als die freundlichen menschen in wien. und die unfreundlichen viel unfreundlicher. das ist für mich der grosse unterschied zwischen berlin und wien...

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  • os84 | vor 1369 Tagen, 6 Stunden, 2 Minuten

    .. wobei ich nicht weiß, warum ein "knallhart und offen" ausgetragener rassismus von "richtigen" nazis besser ist, als ein verhaltener. weil man ihn besser verorten kann und das schablonendenken leichter fällt?

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    • fightclub | vor 1369 Tagen, 4 Stunden, 58 Minuten

      weil er besser zu greifen (und damit auch anzugreifen) ist als dieses widerlich schleimige rumgeeiere an der grenze zwischen bedrohung und alltags-unter-der-tuchent rassismus.

    • os84 | vor 1368 Tagen, 23 Stunden, 37 Minuten

      klingt fair

  • altruist | vor 1369 Tagen, 7 Stunden, 49 Minuten

    Wie funktioniert Integration? Diese Frage ist in erster Linie über Bildung und in zweiter Linie über Stadtplanung zu beantworten.
    Bildung deswegen, weil sie Xenophobie abbaut, weil sie den entscheidenden Indikator für die soziale Schicht darstellt, weil sie das Erlernen der eigenen und fremdem Sprachen erst ermöglicht und weil sie das Verständnis für andere Kulturen fördert. Zudem: Eine gebildete Bevölkerung ist der größte Feind von Rechtspopulisten.

    Stadtplanung deshalb, weil Isolation und Verslummung die größten Feinde von Integration darstellen. Überall dort, wo eine Durchmischung stattfindet, dort funktioniert Integration am besten.

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    • fightclub | vor 1369 Tagen, 4 Stunden, 42 Minuten

      integration funktioniert in erster linie über zeit und bildung. ich seh in dem viertel in dem ich wohne vielfach die jungen, smarten die MB beschreibt. aber da lauern noch andere wahrheiten. wenn ich in den türkischen supermarkt einkaufen gehe, bricht die internationalität und vermischung sofort weg. da bleibt man fast unter sich (ich als 'störfaktor' im sysgtem werd trotzdem immer freundlich bedient, das nur nebenbei). aber beobachten lässt sich dort am samstag nachmittag auch der familieneinkauf bei dem die tochter mutter und vater angebote und preise vorlesen muss. die tochter ist safe, hier zur schule gegangen, usw. aber bitte wie will man die eltern in ihrem fortgeschrittenen alter noch zur integration zwingen?
      aus meinem näheren umfeld kenn ich das auch. freunde von mir (die sehr jung geheiratet haben) sind mehr oder weniger nur durch ihre namen von deutschstämmigen unterscheidbar. die beiden haben eine gute beziehung, teilen sich die arbeit usw. nur wenn ihr schwiegervater zu besuch kommt, kommt sie nicht herum ihn den ganzen tag zu bedienen. das wird erwartet und verlangt. das einzige ventil: sie kann aus der kücher heraus laut auf deutsch über ihn schimpfen, er wird kein wort...

    • fightclub | vor 1369 Tagen, 4 Stunden, 41 Minuten

      ... verstehen.
      auch hier glaube ich, dass sich das nicht über maßnahmen schlagartig ändern lässt.

    • altruist | vor 1369 Tagen, 3 Stunden, 43 Minuten

      danke für die ergänzungen

  • mashos | vor 1369 Tagen, 14 Stunden, 34 Minuten

    Also damit ist jetzt eher die Situation der türkischen Einwanderer gemeint, oder? Denn bei den anderen grossen Einwanderungsgruppen, den Deutschen und Exjugoslawen, gibts bei der Integration ja keine Probleme, oder? Die Mehrsprachigkeit ist vielleicht erst bei späteren Generationen gegeben, bei uns dauert ja alles ein bisserl länger. Und bei den Türken gibts einfach Urängste, zum einen historisch, Stichwort Türkenbelagerung, und zum anderen religiös, in der Hinsicht sind wir halt gesellschaftlich immer noch ein katholisches Bergvolk.

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    • elvishasleftthebuilding | vor 1368 Tagen, 23 Stunden, 9 Minuten

      Darum hat Erdogan wohl auch Angst vor einer Christianisierung der Türkei, bei aktuell 0.3 Prozent Christen ebendort.

      Aber vielleicht sind die dort ja auch bloß immer noch ein anatolisches Bergvolk.

    • mashos | vor 1368 Tagen, 14 Stunden, 34 Minuten

      Natürlich, da könnens noch so den Laizismus predigen, in der Hinsicht sind sie viel ärger als wir, aber es geht hier ja um Wien.

  • godspeedyou | vor 1369 Tagen, 15 Stunden, 27 Minuten

    hüben wie drüben das gleiche. ich hab hier, wie auch in berlin bereits beide seiten der medaille erlebt.
    auch bei der zweisprachigkeit. die türkischstämmige aushilfe beim aldi müht sich wie auch die serbische aushilfe beim lidl in wien.

    bedeuten die beiden sätze "Das ist heute sehr gefühlig und unempirisch, auch nicht durch Thesen anderer unterfüttert. Stimmt, normalerweise ist mir auch das egal, nur diesmal bin ich nicht sicher, ob ich recht habe." übrigens im umkehrschluss, dass du ansonsten immer recht hast?

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