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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

17. 9. 2009 - 19:24

The best thing ever

Was heißt da Remasters? Oskar, 10, testet The Beatles Rock Band.

Ich bin ja normalerweise nicht der, der gegen die Rückwärtsgewandtheit der versnobten alten Pfeifenraucher-Journaille wettert, die eine neue Welt nicht verstehen will, wo alles, was 2.0 hinten dran stehen hat, per se aufregend sein muss.

In ihrer instinktiven Opposition zum pseudoprogressiven Innovationsdiktat hat die Modernisierungsverweigerung schon durchaus ihren Platz, auch wenn sie mehr unterhaltsame Schreibe als tatsächliche Antworten hervorbringt.

Als ich im Juni in der Abbey Road war, um mit den dortigen Mastering Engineers und einer Gruppe von JournalistInnen die Remasters des Beatles-Katalogs anzuhören, kriegte ich allerdings ein bisschen was von jener selbstgefälligen Ignoranz zu spüren, die die Glashüttners dieser Welt so regelmäßig auf die Palme bringt.

Da bekamen wir nämlich erste streng geheime Trailer für das gleichzeitig mit den Remasters veröffentlichte The Beatles Rock Band Game zu sehen.

Die Grafiken und Animationen waren schlicht unglaublich, vielleicht ein bisschen zu sehr geschönt, was die Gesichter der Beatles anlangt, aber in ihrer liebevollen Detailtreue und der nahtlosen Kombination von Mitt-Sixties-Pop-Art-Ästhetik, Psychedelik-Kitsch und zeitgenössischem Pixar-Meta-Realismus sofort erkennbar als wegweisender Meilenstein in der mit beispiellosem Geschick immer wieder erneuerten Ikonographie rund um eine seit vierzig Jahren schon nicht mehr existente Band
(der Wikipedia-Eintrag zum Spiel ist übrigens lesenswert).

Wie in den Achtzigern mit den ersten CD-Reissues und in den Neunzigern mit der Anthology hatten die Beatles bzw. ihre NachlassverwalterInnen - nachdem sie mit dem desaströsen "Love"-Mash-Up-Album vollkommen den Weg verloren zu haben schienen - wieder einmal die Pop-Recycling-Industrie neuerfunden.

"Und dieses äh... Computerspiel...", fragte eine deutsche Journalistin, nachdem der Abbey Road-Engineer gerade das Rock Band/Guitar Hero-Prinzip erklärt hatte, mit blasiertem Unterton, "ist wirklich populär?"

Die skeptisch-sarkastischen Blicke einiger der um sie herum sitzenden KollegInnen schienen zu belegen, dass auch sie die letzten fünf Jahre offenbar unter Deckung des Mondes verbracht hatten.

Aber vielleicht war ihre Weltfremdheit für mich bloß so offensichtlich, weil mir das Zielpublikum dieser Games so vertraut ist.

Tester Oskar mit Beatles-Rockband-Spiel

Robert Rotifer

Eigentlich hab ich mir ja geschworen, meinen Nachwuchs hier nicht als Blog-Material auszubeuten, aber in diesem Fall geht's um was ganz Anderes.

Oskar trägt Spiel aus dem Megastore

Robert Rotifer

Oskar, 10, hier zu sehen gestern Nachmittag beim Kauf des The Beatles Rock Band Limited Edition Premium Bundle, ist nämlich mein In-House-Experte, nicht nur als bekennender Beatles-Fan, sondern auch als ziemlich erfahrener Guitar Hero-Spieler, der im Ye Olde London Odeon schon einiges an Gagen ernudelt und in virtuelle Les Paul Customs gesteckt hat.

Tester Oskar packt aus 1

Robert Rotifer

Rock Band war ihm zwar neu, aber das Grundprinzip ist natürlich ganz dasselbe. Sag ich jetzt so dahin, war aber in der Praxis natürlich alles nicht so einfach wie vorgesehen, schließlich ist es Elternaufgabe, dem In-House-Experten sozusagen als In-House-Roadie den Instrumentenpark einzurichten.

Tester Oskar packt aus 2

Robert Rotifer

Da packt man also aus und ist ganz begeistert von den Beatles-Postkarten als Dreingabe, von der Ludwig-Optik des Schlagzeugs, vom unerwartet soliden Mikroständer und vor allem vom Höfner Bass, der die alte Guitar Hero-Les Paul in Sachen Ästhetik ganz locker hinter sich lässt.

Tester Oskar packt aus 3

Robert Rotifer

Mit der Maserung, der Sunburst-Lackierung, dem Holzoptikgriffbrett, den verchromten Teilen, dem Quasi-Perlmuttschlagbrett, den elegant versteckten Tasten zum Drücken, alles eine verwirklichte Kindheitsfantasie sondergleichen (unsereiner hat dagegen noch Gitarren aus Lego gebaut - mit den Zugschienen als Saiten - und im gestreiften Pyjama zu Billy Squiers "The Stroke" posiert, aber das war wohl noch ganz knapp nach dem Krieg, mein liebstes Spielzeug war eine Socke mit aufgenähten Augen, wir tranken Schlamm als Kaffee, im Winter gab's in der Schule Kohleferien, und Computer waren groß wie ein Haus, das kann sich ja heute niemand mehr vorstellen).

Hier der Vergleich mit dem echten Ding.

Echter Höfner und Rock Band Höfner im Vergleich

Robert Rotifer

Tester Oskar mit Basstrommelfell

Robert Rotifer

So weit so beglückend für jung und alt. Aber als wir die ganze Sache dann angeworfen haben, waren wir - bzw. ich, der Roadie - auch schon heillos überfordert, weil es da erst Gerätschaften zu synchronisieren gab, blaue Lichter, die blinkten, obwohl sie durchgehend leuchten sollten, surrende Teile, Home-Tasten, die nicht zu funktionieren scheinen, alles Dinge, die auch nur halbwegs mit Konsolen vertraute Leute sicher im Handumdrehen lösen könnten, aber was weiß denn ich, und ja, es war genauso langweilig, wie sich das jetzt anhört.

Also haben Oskar, seine Schwester und der ob der Nachricht vom neuen Spiel gleich hereingestürmte kleine Nachbar stattdessen erst einmal einfach ohne Sound und Konsole die mir aus meiner eigenen Lego-Gitarren-Periode wohlbekannte A Capella-Version von "Help!" zum Besten gegeben.

Band in Session 2

Robert Rotifer

Mit der klassischen Methode (alles mehrmals drücken, abdrehen, aufdrehen) haben wir dann doch noch die Kommunikation zwischen Plastik-Höfner und Konsole hergestellt.

Tester Oskar spielt Hello Goodbye

Robert Rotifer

Oskar hat im Story-Modus (vergleichbar dem Career Mode, wie er mir erklärt hat) den Cavern Club, die Ed Sullivan Show und die - wohl dem japanischen Markt zuliebe inkludierte, in der echten Welt alles andere als glückliche - Budokan-Show hinter sich gebracht und arbeitet bei Redaktionsschluss gerade in den Abbey Road Studios an den letzten paar Songs aus "Sgt. Pepper".

Auf seinem bisherigen Höhenflug hat er bereits einiges an "Beatlemania" (so wie "Star Power" bei Guitar Hero) ausgelöst und ein voluminöses Beatles-Foto-Album erschlossen. Im "Quickplay"-Modus haben wir uns auch schon das Rooftop-Konzert angesehen.

"I can't see anything..."

Der musikalische Inhalt des Spiels ist fast durchgehend perfekt: Erstaunlich, wie sich die Gitarrenparts auf den ganz alten Zweispur-Aufnahmen durch Equalizer-Einsatz isolieren und bei Fehlern ausblenden lassen (beim Bass geht das weniger gut).

Schön auch die aus Studioschnipseln montierten Einzähler vor den Intros und die zum Teil gut getricksten, zum Teil aus den Original-Fade-Outs herausgeholten Live-Schlüsse.

Zur Mix-Version von "Within You Without You" und "Tomorrow Never Knows" aus erwähntem, unsäglichem "Love"-Album ist Oskar noch nicht vorgedrungen, da muss ich dann wohl aus dem Zimmer laufen.

"...it's all psychedelic!"

Was mich bisher jedenfalls doch ein wenig enttäuscht, ist wie sich die Grafiken, die ich in der Abbey Road wesentlich besser gesehen hab, auf unserem eigentlich praktisch nagelneuen Fernseher machen. Liegt vermutlich an unserer Wii (ja, da hör ich die Games-Community erschöpft schnaufen, aber man hat mir das damals als das kinderfreundlichste Ding angepriesen).

Schade, weil die vielen Einzelheiten wie gesagt wirklich ganz berauschend wären, vor allem für Gitarrenbesessene, die von diversen Gretschens, Rickenbackers und Epiphones bis hin zu George's SG und seiner dunkelbraunen Telecaster nichts vermissen werden (außer den Gurten und Kabeln, eigenartigerweise).

Oskar hat davon am wenigsten mitgekriegt, weil er den bunten Punkten am Bildschirm nachgejagt ist. Nur bei der "Yellow Submarine"-Unterwasser-Sequenz war er ein wenig abgelenkt, und bei "Lucy In The Sky With Diamonds" hat er sich einmal beschwert: "I can't see anything, it's all psychedelic."

Das bisherige Gesamturteil ist trotzdem recht eindeutig - "The best thing ever."

Wie gesagt, er kennt sich mit solchen Sachen aus.

Und nachdem Pavement sich nächstes Jahr wieder zusammentun, kann es ja nicht mehr lange dauern, bis wir auch "Slanted & Enchanted" auf die gleiche Weise nachspielen können, immerhin sind ja auch auf Guitar Hero 5 schon Sonic Youth, Beck, Blur und TV on the Radio drauf.

Übrigens: Die Geschichte mit Kurt Cobain im Daniel Johnston-Mural Frog-T-Shirt als Avatar dürfte ja doch nicht so eindeutig sein, wie es sich vor ein paar Tagen noch angehört hatte.

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Forum

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  • yaketiyak | vor 1890 Tagen, 16 Stunden, 17 Minuten

    Sehr nette Story. Aber daß Du wirklich die Kinder vorgeschoben hast, um den kleinen Höfner-Plastik-Bass auspacken zu dürfen... ts ts ts ;-) Das Spiel, so anbetungswürdig es auch ist, dürfte sich übrigens deutlich schlechter verkaufen als die CD-Boxen. Wird es in Zukunft die Demarkationslinie zwischen Stardom und Super-Stardom sein, ein "eigenes" Game vorweisen zu können?

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    • yaketiyak | vor 1890 Tagen, 16 Stunden, 16 Minuten

      P.S.: Hab' die Boxen noch nicht, konnte aber nicht stillsitzen: http://groebchen.wordpress.com/

  • dnin | vor 1891 Tagen, 6 Stunden, 4 Minuten

    tshirts und keyboards

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  • drpretorius | vor 1892 Tagen, 14 Stunden, 14 Minuten

    I like :)

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  • rainbowjohnny | vor 1892 Tagen, 15 Stunden, 5 Minuten

    handhabung

    ..jetzt würd mich interessieren, nachdem ja vor einiger zeit auch ne wunderbare gibson aus deinem instrumentenlager auf einem foto aufgetaucht is, wie oft du den höfner in der hand hast...also nicht um ein foto zu machen.....gibts sowas wie zeit ..??

    gracias!
    *thez*
    http://zellerluoid.blogspot.com/

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    • rotifer | vor 1892 Tagen, 12 Stunden, 21 Minuten

      Na ja, wenn du direkt fragst, ich hab ihn für die nächste Platte gekauft, und da ist er auf 9 von 14 Songs drauf...

    • rainbowjohnny | vor 1892 Tagen, 47 Minuten

      .....nr 9...

      ....of 14.....

      wow...ha, mit viel antworten hätt ich gerechnet, aber mit der nicht....
      vorfreudigst: thez

  • mizanthrop | vor 1892 Tagen, 16 Stunden, 29 Minuten

    liebes kind - glückwunsch. die couch scheint ja auch teil der familie zu sein, ist fast auf jedem foto drauf ;-)

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  • watchtowerman | vor 1892 Tagen, 16 Stunden, 57 Minuten

    schade dass der bass rechtshändrig ist...

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  • jackyjackson | vor 1892 Tagen, 19 Stunden, 50 Minuten

    off topic

    sprechen deine kinder auch deutsch? versuchst du, das am leben zu halten?

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    • rotifer | vor 1892 Tagen, 19 Stunden, 43 Minuten

      Es geht so. Wenn sie im Sommer länger in Wien sind, sprechen sie eine Mischung aus Wienerisch und Kabelfernsehdeutsch.

  • dewaele | vor 1892 Tagen, 22 Stunden, 1 Minute

    super story, tolle kids!

    glg. aus vie.

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  • christianlehner | vor 1892 Tagen, 23 Stunden, 5 Minuten

    "I can't see anything, it's all psychedelic."

    wächst da etwas noch ein hervorragender pop-schreiber heran?

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  • billyhunt | vor 1893 Tagen, 3 Minuten

    heute sgt pepper gekauft; die aufmachung gefällt (auch wenn in den lienr notes natürlich nix neues erzählt wird, aber das war eh klar). pepper is zwar alles andere als mein liebstes beatles album (1. Revolver ex aequo mit weissem album, dann rubber soul), aber das wo ich mir am meisten erwarte vom remastern, weil soviel drinnen steckt... bin schon gspannt wie sichs für mich (der alle bisher erdenklichen mixes und bootlegs, egal ob vinyl oder cd von diesem beatle-zeugs hat) anhört.

    ich hab mir ja geschworen egal wie sehrs mir gefällt, meinem geldbösrel zuliebe maximal nur noch revolver und white album dazuzukaufen... aber ich kenn mich. bei den beatles werd ich immer aufs neue zum staunenden kleinen kind. kann nicht irgendwer mein konto einfrieren bis sich das stadiu der beatle-mania bei mir endlich mal gelegt hat?

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    • watchtowerman | vor 1892 Tagen, 17 Stunden,

      ich hoffe für dich dass diese phase nie aufhöhrt :)

    • billyhunt | vor 1890 Tagen, 16 Stunden, 3 Minuten

      ja ich kann dich beruhigen, sie hört allem anschein nach nicht auf, die phase... hab grad das weisse album bei der amazone bestellt!