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Musik, Film, Heiteres

Robert Glashüttner

Robert Glashüttner

Videospielkultur, digital geprägte Lebenswelten, Musik aus Österreich

13. 10. 2009 - 10:00

Sonics Erben

Wir haben keine Ahnung, wo wir hinrennen, dafür sind wir schneller dort. Das Laufspiel ist wieder da.

Ich war nie ein großer Anhänger des blauen Igels. Beim frenetischen Hochgeschwindigkeitsrollen durch bunte 2D-Levels hatte ich schon Anfang der 1990er Jahre immer das Gefühl, etwas zu versäumen. Es entstand der Eindruck, dass die Game Designer gar nicht wollten, dass man den Raum erforscht, bedacht nach geheimen Plätzen Ausschau hält und alle goldenen Ringe sammelt. Hauptsache, schnell und mit möglichst wenig Interaktion und Berührungen der Umgebung durch den Ausgang sausen.

Doch damals ging es in Wirklichkeit auch weniger um das stolze Ausstellen eines neuen Spielprinzips. Der Geschwindigkeitsrausch per pedes war in erster Linie eine Kampfansage von SEGA an den Erzfeind Nintendo, ein Mittel zum Zweck, das beweisen sollte, dass der dickliche Installateur Mario nichts als digitales Alteisen ist: Langsam, kindlich, kantenlos. "Sonic The Hedgehog" war nicht nur technisch überragender, sondern auch sein Hauptcharakter flinker, gewiefter, ambivalenter.

Bildschirmfoto aus dem Videospiel "Sonic The Hedgehog".
Sonic The Hedgehog (1991)

Sonic wird Mitte der 90er als Marke etabliert und die ersten drei Teile der Serie erfahren bald darauf die Weihen der Game-Klassiker. Nach dem Fieber der ersten Erfolgsjahre wird den Entwicklern aber langsam bewusst, dass das Spielprinzip problematischer ist, als man es anfangs wahr haben wollte. Sonic schafft den Sprung in die dritte Dimension nie so richtig, die vielen Neuauflagen verkommen zu müden Lachnummern. Immer, wenn der mittlerweile abgehalfterte Igel ein Comeback versucht, weiß man schon vorher, was dabei rauskommen wird: Five out of Ten als Durchschnittsnote.

Kein Wunder also, dass das Laufspiel schnell in die Schublade der verqueren Game Design-Ideen gelegt wird und dort für rund 15 Jahre liegen bleibt. First Person Shooter, Autorennen und Echtzeitstrategiespiele dürfen und sollen schnell und wild vonstatten gehen, das zweibeinige durch die Gegend hechten lässt man lange Zeit lieber aus.

Als rund um das Jahr 2006 die urbanen Akrobatik-Sportarten Parkour und Free Running eine starke öffentliche Aufmerksamkeit erleben, wird aber Spieleentwicklern bewusst, dass man auch Avataren wieder mehr Bewegungsfreiheit bieten könnte. Parkour/Free Running-Games lassen nicht lange auf sich warten und erleben mit dem ästhetisch herausragenden "Mirror's Edge" 2008 ihren bisherigen Höhepunkt. Dessen Heldin Faith schafft, was Sonic jahrelang verwehrt blieb: Ein halsbrecherisches und gleichzeitig elegantes Schwingen, Rollen und Gleiten über, unter und auf Hausdächern, Baukränen und Abwasserrohren.

Bildschirmfoto aus dem Spiel "Mirror's Edge".
Mirror's Edge (2008)

Vielleicht ist es bloß den Zeichen der Zeit, also im Falle von Games der zunehmenden Abkopplung von technischer Innovation zuzuschreiben, dass das Laufspiel der alten Schule über Umwege wie eben "Mirror's Edge" nun wieder zurück zur Spielerin findet. Denn wo ein neues, großes, aufwändiges Videospiel, da lassen 2D-Hommagen und Miniatur-Nachahmungen von Fans nicht lange auf sich warten.

Erst wenige Wochen ist es her, dass "CANABALT" (Flash) die Runde durch Blogs, Tweets und Instant Messenger machte. Ein unbekannter Agent rennt um sein Bildschirmleben, von Hausdach zu Hausdach, durch verwaiste Büros und mit in alle Richtungen splitternden Glasscheiben. Wo CANABALT seine zeitgenössische Inspiration her hat, ist unschwer zu erkennen - und doch ist klar, dass hier gleichzeitig ein geschasstes Genre wieder zurück zu neuem Leben findet.

Bildschirmfoto aus dem Spiel "CANABALT".
CANABALT (2009)

Als Versöhnung der ehemaligen Feinde Mario und Sonic kann auch gewertet werden, wenn in einem anderen, frisch erschienenen Indie-Game ebenfalls irr durch die Gegend gerannt wird - allerdings ohne das ganze allzu ernst zu nehmen. Im Gegenteil: "RunMan: Race Around The World" (Windows) ist mit seinem abgedrehten Kindergarten-Humor, dem bunten Krixikraxi-Artwork und der zur ulkigen Stimmung perfekt passenden Jazz- und Bluegrass-Stücke bereits eine erhellende Unterhaltung, schon bevor man das erste Mal Hand anlegt.

Steuert man RunMan, den gelben Laufstern, dann mal selbst, offenbart sich hinter der naiv anmutenden Kulisse ein leichtfüßiges, motivierendes Zeit- und Punkterennen, das dagegen jeden akribisch eingeübten Speedrun alt aussehen lässt.

Bildschirmfoto aus dem Computerspiel "RunMan".
RunMan: Race Around The World (2009)

Kein Zweifel also: Das Laufspiel ist wieder da. Ob der zweite Runner-Frühling eine ebenso kurze Halbwertszeit haben wird wie das Debüt vor knapp 20 Jahren, ist noch schwer abzuschätzen. Eines hat die aktuelle Laufgeneration dem blauen Igel aber voraus: Sonics Erben kommen aus den Federn begnadeter Amateure. Eine weitere Bestätigung dafür, dass die Indie-Szene immer relevanter wird und Richtungen und Trends für die oftmals träge agierende Games-Industrie vorgibt.

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  • raidenfighterkirkov | vor 851 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten

    Wie immer ein interessanter Artikel.
    Die Links zu den Indiegames fand ich auch sehr nützlich.

    Einzig das leider immer wieder aufgewärmte Vorurteil, dass man bei Sonic einfach nur wie irre durch die Levels düsen muss, trübt den Gesamteindruck.
    Man kann die Sonicspiele gleichsam wie die Super Mario Ableger in aller Ruhe erkunden. An vielen Stellen (vor allem in den höheren Levels) kommt man ohne behutsames Vorgehen überhaupt nicht weiter.

    Übrigens kann der "wamperter" Klempner auch ganz schön Gas geben und mit dem richtigen Kostüm sogar durch den ganzen Level fliegen.

    Herzliche Grüße
    RFK

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  • c0mput3r | vor 852 Tagen, 13 Stunden, 57 Minuten

    DeFrag ftw! mirrors edge war ganz gut, aber da geht wesentlich mehr

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  • generator3punkte | vor 853 Tagen, 16 Stunden, 23 Minuten

    Die Indie-Szene

    Also ich weiß nicht. Ein Indie-Szene gibt es IMHO bei Computerspielen nicht wirklich. Es gibt zwar 1000e von Kleinstfirmen aber die machen zumeist tausendfach voneinander abgekupferte Kommerzspiele oder programmieren in ihrer Freizeit ein wenig herum.

    Die Indie-Szene wird meiner Meinung nach hier einfach herbeigeredet um sich vom bösen "Mainstream" abzugrenzen. Klassisches Elitedenken halt...

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    • mandaya | vor 853 Tagen, 16 Stunden, 4 Minuten

      aso?

      neben den deiner meinung nach "zumeist tausendfach voneinander abgekupferten kommerspielen" gibts aber durchaus eine unabhängige szene, die in mods, mittels flash oder ganz selbstständig experimente versucht, die es im big business nicht geben darf, weil da halt immer millionen auf dem spiel stehen, die man mit massengeschmack wieder reinbringen muss. inzwischen ist die von dir geleugnete indieszene zum von den Majors höchst interessiert beäugten ideenpool geworden, aus dem man immer wieder das nächste große ding fischen möchte. beispiele: "portal" war ursprünglich mal ein garagenprojekt mit namen "narbacular drop", counter-strike kommt auch aus der community und das ganze "tower defense"-gehype kommt ebenso aus der alternative-ecke. fast der ganze casual-markt auf (konsolen-)online-marktplätzen wie XBLA speist sich aus einem gewusel von höchst kreativen einzelkämpfern, die eben unabhängig und damit "Indie-Szene" sind.
      ich würd eher vorsichtig sein: nur weil du die innovativen sachen nicht kennst, die in den letzten jahren passieren, heißt das noch lang nicht, dass es sie nicht gibt!

    • robertglashuettner | vor 853 Tagen, 15 Stunden, 35 Minuten

      schade, dass du so eine ignorante einstellung hast, generator. die "eliten"-einstellung, die du fm4 unterstellst, ist - eigentlich immer, aber im fall von games kann ich es aus eigener überzeugung und tätigkeit heraus sagen - in wahrheit ein versuch, versteckte perlen hervorzuheben und die hegemonie des mainstreams etwas auszubügeln. dabei geht es nicht um simples "kommerz pfui, underground hui"-denken, aber es ist eine popkulturelle tatsache, dass unkommerzielle "amateur"-arbeiten seit jahrzehnten das vorgeben, was die jeweilige industrie später aufnimmt.

      gerade im games-bereich ist dieses verhältnis feinerweise meist von professionellem, wechselseitigen respekt geprägt, was allen hilft - mandaya (= rainer sigl) hat ein paar klassische beispiele bereits genannt.

      klick dich durch, die meisten dieser indie-games sind freeware:
      http://db.tigsource.com/top

    • generator3punkte | vor 853 Tagen, 13 Stunden, 25 Minuten

      ...

      Also es sei ja jedem erlaubt wo er immer auch will nach guten Spielen zu suchen. Es gibt auch mehr als genug Spiele von kleinen Teams die auch gefallen. Ich spiele auch gerne eine Menge Flashspielchen(Auch gerne eine Runde tower defense von dem es sicher seine 1000 verschiedenen Varianten gibt). Allerdings habe ich nicht das Gefühl das ich etwas bekomme das mein AmigaEmulator nicht auch schon (besser?) kann.

      Aber der Punkt ist einfach:
      Ich kann keinerlei Korrelation ala indie=klein=kreativ und innovativ mainstream=groß=unkreativ

      Die Topspiele von Nintendo(SuperMario+Zelda) waren eigentlich immer schon sehr innovativ. Auch die GTAReihe(Bis auf den letzten Teil) war immer wieder für Überraschungen gut.

    • generator3punkte | vor 853 Tagen, 13 Stunden, 18 Minuten

      ups:

      kurz:
      Ich persönlich erwarte von einem Indiespiel um keinen Deut mehr Innovation als von dem neusten Blockbusterspiel.

      ---
      Bei den hunderten Jump&Runs die ich gespielt habe(inclusive der 2 aus dem Artikel) ist meine Testmenge auch groß genug.
      ---
      Und wenn mir noch erzählt wird das es jetzt eine Menge neuer Spiele gibt die auf Sonic aufbauen dann habe ich auch nicht gerade die Erwartung etwas neues zu sehen. Genauso wie ich auf einem 80er Remix-Album nicht auf die Erfindung eines neuen Musikstils erwarte.

    • mandaya | vor 853 Tagen, 13 Stunden, 3 Minuten

      naja

      du ruderst ja hanz schön zurück. immerhin hast du ja im OP davon geredet, dass es deiner meinung nach eine "indie-szene" gar nicht gibt. dass automatisch indie=super ist, hat ja auch niemand behauptet. fakt ist aber, dass ohne die zwänge einer großen industrie neue sachen ausprobiert werden können oder aber altes (siehe sonic etc.) neu verpackt und liebevoll weiterentwickelt werden kann, was die großen in ihrem zwang zur megalomanie nicht machen wollen.
      was jason rohrer, tale of tales, the chinese room (http://fm4.orf.at/stories/1628546/), bay12 (dwarf fortress) oder eskil steenberg (love) herumexperimentieren, wird in zukunft mal mainstream sein. jetzt ist es noch indie, also klein genug, um ohne ein board von marketern und PR-heinis entwickelt zu werden.
      deine argumente ("es gibt nur mainstream") könnte man genauso gut auf jede andere kunstform anwenden - schließlich hat's ja auch punk früher oder später in die bravo geschafft.

    • os84 | vor 853 Tagen, 13 Stunden, 1 Minute

      hab ich bei den artikel was überlesen? wo steht da was mit "elitedenken"? die "indie"-szene scheut sicher jeden vergleich mit einem ausbeuterbetrieb wie EA games, wo die progammiererInnen sich in einer ununterbrochenen, auferzwungenen crunch-time befinden. ganz ohne enormen leistungsdruck und existenzangst läßt es sich einfach lockerer progammieren, thats all.

  • herrklotz | vor 853 Tagen, 17 Stunden, 26 Minuten

    auch sehr gut...

    http://www.pixeljam.com/dinorun/

    sogar mit multiplayer

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  • os84 | vor 853 Tagen, 18 Stunden, 50 Minuten

    schnell zum ziel kommen ist doch generell die devise. tüftelei ist vielen zu langatmig und zeitraubend, insbesonderen bei den gamern der ersten stunde die mittlerweile auch in die jahre kommen

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  • oneup | vor 853 Tagen, 18 Stunden, 52 Minuten

    yay, auf die idee canabalt mit sonic zu vergleichen wär ich nie gekommen. und runman race around the world is ja ein absolutes muss für alle indie gamer.

    nickkay kann ich nicht voll zustimmen, klar ist mirrors edge ziemlich linear, aber für den ersten teil reichts massig. in einem (hypothetischen) nächsten teil kommt aber hoffentlich komplexeres leveldesign mit abkürzungen et al.

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  • nickkay | vor 853 Tagen, 20 Stunden, 36 Minuten

    Vorsicht!

    Wer Mirror's Edge gespielt hat weiß, dass die Bewegungsfreiheit hier auch nur sehr beschränkt ist. Es gibt immer nur einen richtigen Weg und den gilt es zu laufen, springen, fallen, sterben, nochmals probieren, was oft sehr ermüdend ist - eigentlich wie beim alten Mario, wo manche Sprünge auch oft exakt getimt sein mussten.
    Und so viel zu entdecken gibt es unterwegs auch nicht, (wie bei Mario) wiederholt sich alles sehr bald.
    Trotzdem ein geiles Spiel (wie Mario).

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  • caveb | vor 853 Tagen, 20 Stunden, 45 Minuten

    bild startseite: -m +n

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