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Musik, Film, Heiteres

Barbara Köppel

Barbara Köppel

Beschreibt Zustände in Alltag, Theater und Umwelt.

12. 11. 2009 - 13:05

Generationenvertrag

Wie kommen wir dazu, dass uns die Alten ein scheinbar unfinanzierbares Pensionssystem, eine zerstörte Umwelt, Scheindemokratie und eine korrupte Wirtschaft hinterlassen?

Zur Matura habe ich eine private Pensionsvorsorge geschenkt bekommen. Seither spendet mir die vorausschauende Verwandtschaft monatlich einen Betrag im unteren zweistelligen Bereich. Jetzt, wo ich meinen Studierendenausweis doch endlich gegen einen freien Dienstvertrag getauscht habe, soll ich das bald selbst übernehmen. Mal sehen.
Beim Ende der maximalen Laufzeit von 25 Jahren wäre ich jedenfalls erst 51. Das wäre heute schon früh für eine Frühpension und ist angesichts der voraussichtlichen Anhebung des Pensionsantrittsalters auf 67 Jahre ein höchst unwahrscheinlicher Zeitpunkt für meinen Abschied aus der Arbeitswelt. Aber bis dato rechnet die Versicherung eben nicht weiter. Angenommen also ich zahle eine Summe von 30€ über diese Dauer ein und angenommen mein Rentenfonds ist vor künftigen Finanzkrisen sicher, bringt mir das rund 100€ zusätzlich zu meiner staatlichen Pension.

Laut einer GfK-Umfrage glauben nur 7% der heute 15-30jährigen an eine gesicherte staatliche Pension.

Falls ich denn eine solche erhalten sollte. Denn bestätigen sich die Befürchtungen der Jugendlichen, dass sie nämlich keine bzw. keine ausreichende staatliche Altersversicherung bekommen würden, kann bei aller Vorsorge-Disziplin von der Butter aufs Brot sowieso keine Rede sein und am Brot selbst würde ich mir wohl die selbstbehalt-sanierten Zähne ausbeißen.

Generation Pragmatisiert vs. Generation Praktikum

Wie hoch die Chancen der heute Jungen auf einen finanziell abgesicherten Lebensabend stehen, hängt davon ab, ob und wie das aktuelle Pensionssystem an ihre Bedürfnisse angepasst wird. Derzeit geht es jedenfalls an deren Lebensrealität vorbei. Ein System, das für Menschen geschaffen wurde, die über 45 Jahre am selben Arbeitsplatz verbringen und kontinuierlich in den Sozialversicherungstopf einzahlen können, ist unzeitgemäß. Heute arbeiten viele in prekären Jobverhältnissen, sind froh, wenn sie eine Teilzeit- bzw. überhaupt irgendeine Stelle bekommen, oder hanteln sich von Praktikum zu Praktikum. Oft ohne berufliche Perspektiven und nur mit schlechter sozialer Absicherung. Unter diesen Umständen scheint ein Konflikt der Generationen programmiert.

wolfgang gründinger
Wolfgang Gründinger, 25 Aktivist für Generationengerechtigkeit

Tatsächlich sind wir "die erste Generation ohne Kriegseinwirkung, die sich mit weniger Wohlstand und weniger sozialer Sicherheit als ihre Elterngeneration begnügen muss", sagt Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger. In seinem Buch Aufstand der Jungen: Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können beschreibt er das schwere Erbe, das uns ältere Generationen in Sachen Pension, Staatsverschuldung, Ökologie, Bildung und Arbeitsmarkt hinterlassen. Dennoch geht er nicht davon aus, dass wir unseren Eltern und Großeltern deshalb an den Kragen gehen werden, "schließlich würde niemand seine Oma im Regen stehen lassen". Gründinger ruft also nicht zum Aufstand auf, sondern überlegt, welche Maßnahmen die Politik heute für eine lebenswerte Zukunft setzen müsste.

Seine Analysen beziehen sich zwar auf Deutschland, aber erstens geht die demographische Entwicklung und die damit einhergehenden Probleme hier wie dort in dieselbe Richtung. Und zweitens lassen auch hierzulande zwei Regierungsparteien, deren weitaus größte Wähleranteile bei den Über-60-Jährigen liegen und die zu einer Debatte über eine Studierendenbewegung - die nicht nur bessere Studienbedingungen, sondern auch eine sozialere Politik fordert - gezwungen werden müssen, die Zukunft nicht gerade rosig erscheinen.

Kein Grund allerdings, nicht bei österreichischen JungpolitikerInnen aller Couleurs nachzufragen, wie der Generationenvertrag erneuert werden könnte.

Von Jugendstartgeld bis Jugendverträglichkeitsprüfung

robert stark, bzö-jugendsprecher
Robert Stark (BZÖ), 25

Für BZÖ-Jugendsprecher Robert Stark ist der Weg in eine sichere Zukunft eine private Pensionsvorsorge, weil auf die staatliche Vorsorge allein kein Verlass mehr sei. Zudem solle den Jugendlichen der Eintritt ins Erwachsenenleben erleichtert werden. Die jungen Orangen sehen dafür das "Jugendstartgeld" vor, eine einmalige Zahlung in der Höhe von 1000€ an 18-Jährige "für das erste Moped, das erste Auto oder die erste Wohnung". Dass der Betrag innerhalb von drei bis zehn Jahren zurückzuzahlen wäre, sagt Stark im Interview zwar nicht dazu, ist aber im GZÖ-Jugendprogramm nachzulesen.

christian höbart, fpö-jugendsprecher
Christian Höbart (FPÖ), 34

Eine Privatvorsorge leistet sich auch FPÖ-Jugendsprecher Christian Höbart, der den Generationenvertrag durch Arbeitslosigkeit, "immer weniger Kinder" und "minder qualifizierte Zuwanderer, die halt für das Pensionssystem und generell für das Sozialsystem sehr, sehr wenig beitragen", bedroht sieht.
Letzteres stimmt einfach nicht, denn wie auch SP-Sozialminister Hundstorfer immer wieder betont, profitiere das Sozialsystem von den Beiträgen der MigrantInnen.

Auch die tendenziell sinkende Geburtenrate, ein Argument, das auch von konservativer Seite immer wieder vorgebracht wird ist nur halb so dramatisch. Sie lässt den demographischen Wandel als Bedrohung für die Gesellschaft erscheinen lässt, da weniger Junge keine ausreichenden Beitragssätze für immer mehr Alte leisten könnten. Gründinger nennt diese Denkweise den "naturalistischen Fehlschluss", der "die Altersstruktur der Bevölkerung mit deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit" verwechselt.

"Würde unser Wohlstand wirklich von einer jungen Bevölkerung abhängen, dann schwämmen Äthiopien, Bangladesch oder Nigeria im Überfluss." (Wolfgang Gründinger)

Weniger Kinder, so der politische Autor im Interview, hieße auch, dass pro Kopf mehr investiert werden könne. Wer eine gute Ausbildung hat, verdient mehr und kann höhere Beiträge zahlen. "Denn wie groß die Kuchenstücke sind, die in einer Gesellschaft verteilt werden, hängt davon ab, wie groß der Kuchen ist, und nicht, wie alt die Bevölkerung ist, die diesen Kuchen bäckt." Ganz abgesehen davon, seien weniger Kinder auch in punkto Umweltschutz und Ressourcenschonung förderlich.

Zurück aber zu den Vorstellungen der FPÖ. Im Arbeitsleben wünscht sich Höbart ein "Mentorenmodell". Ältere sollten ihre Erfahrungen verstärkt an junge KollegInnen weitergeben. Darüber hinaus müsse aber dafür gesorgt werden, dass die Menschen auch wirklich so lange arbeiten, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist.

sebastian kurz, övp-jugendsprecher
Sebastian Kurz (ÖVP), 23

Das findet auch ÖVP-Jugendsprecher Sebastian Kurz. Die Frühpension ist seines Erachtens "der Ursprung allen Übels". Zwar besteht bei allen österreichischen Parteien Einigkeit darüber, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter (57 bei Frauen, 59 bei Männern) an das gesetzliche (60 bzw. 65) angeglichen werden müsse, doch werden viele ältere ArbeitnehmerInnen regelrecht in die Frühpension gezwungen. Weil deren Arbeit im Vergleich zu der der Jungen wesentlich teurer ist, werden sie eher entlassen und haben es schwerer, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Wenn man also die Privilegien älterer ArbeitnehmerInnen kritisiert, ist darauf hinzuweisen, dass diese nicht selten gerade das Gegenteil bewirken.
Dennoch wäre es notwendig und fair, wie Kurz und die anderen JungpolitikerInnen fordern, die Einstiegsgehälter der Jungen zu erhöhen.
"Schafft man's, eine flachere Lebensverdienstkurve in Österreich zu haben, hat man nicht das Problem, dass alte Arbeitnehmer nicht mehr gewollt oder nicht mehr gebraucht werden, und Junge haben obendrein am Anfang mehr zum Leben.", so der ÖVP-Jugendsprecher.

wolfgang moitzi, sj-vorsitzender
Wolfgang Moitzi (SJ), 25

Für die Sozialistische Jugend, die Jugendorganisation der SPÖ, ist der Generationenvertrag hingegen nicht eine Frage der Umverteilung zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Reich und Arm. Mehr Wirtschaftswachstum könne durch ein besseres Bildungssystem erreicht werden (hier solle die Politik endlich den Studierenden entgegenkommen) und vor allem Frauen müssten besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. SJ-Vorsitzender Wolfgang Moitzi fordert daher eine Vermögenssteuer, mit der rund vier Milliarden Euro für Bildung, Kinderbetreuung und gesicherte Arbeitsplätze aufgebracht werden könnten. "Man müsste sich das Geld nur von denjenigen 10% holen, die über 70% des Vermögens verfügen", so Moitzi.

marie ringler, grüne wiener gemeinderätin
Marie Ringler (Grüne), 34

Auch die Grünen wollen einen Ausgleich zwischen Arm und Reich schaffen. Ihr Modell sieht eine Grundsicherung im Alter für alle in der Höhe von 900€ vor. Zusätzlich dazu soll es möglich sein, eine Pension aus Beiträgen nach Erwerbsarbeit zu erhalten. Beides zusammen dürfte aber eine Höchstpension von (derzeit) 1850€ nicht überschreiten. Darüber hinaus fordern sie eine Jugendverträglichkeitsprüfung. Damit, so die grüne Wiener Gemeinderätin Marie Ringler, müsste das Parlament künftig alle seine Handlungen und Gesetze daraufhin hinterfragen, ob sie für die Jugend fair und gerecht sind. Investitionen in Ökoenergie, die nicht nur Jobs schaffen, sondern auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, seien im Sinne der Generationengerechtigkeit ohnehin Gebot der Stunde.

buchcover "aufstand der jungen"

Das Buch ist 2009 im C.H. Beck Verlag erschienen.

Keine Angst, oder so...

Ob mir das bei der Entscheidung für oder gegen meine private Pensionsversicherung hilft? Ob ich mich ärgern werde, weil ich meine Altersvorsorge in die Hände des Finanzmarkts gelegt habe, oder ob ich mich über ein Sahnehäubchen auf meiner Portion vom Volkswirtschaftskuchen freuen werde, weil die private Vorsorge noch rechtzeitig in ein faires, stabiles System eingegliedert worden sein wird?
Fragt mich das 2034.

Für Wolfgang Gründinger, der sich zur Zeit auf einem Forschungsaufenthalt an der University of California in Santa Cruz befindet, umfasst das Thema Generationenvertrag viel mehr als nur Pensionen. Welche Ideen er z.B. zu Energiewende, Jugendwahlrecht und Zukunftsrat hat, ist im FM4 Interview Podcast zu hören.

Am Donnerstag, den 12. November 2009, in FM4 Connected: Der Generationenvertrag

FM4 beschäftigt sich am Donnerstag, 12. November, in einem Themenschwerpunkt mit dem sogenannten "Generationenvertrag".

Schwerpunkt Generationenvertrag auf FM4

Pensionssystem und Demografie
Wird es in Österreich bald mehr PensionistInnen als Erwerbstätige geben? Wie ist die Bevölkerung derzeit zusammengesetzt und wie wird sie sich in Zukunft entwickeln? Ist der Generationenvertrag tatsächlich in wenigen Jahren nicht mehr haltbar? Irmi Wutscher hat bei Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) nachgefragt und erstaunliche Antworten erhalten.

Seniorenstudenten
Gerti Zupanich geht auf die 70 zu und ist ÖH-Beraterin für Seniorenstudierende. Als frischgebackene Magistra der Politikwissenschaft hält sie die aktuelle Debatte über die angeblich unverschämt hohen Pensionserhöhungsforderungen der österreichischen Pensionisten für ziemlich gefährlich: In dieser Debatte würden Jung gegen Alt ausgespielt. Ein Ort, an dem Jung und Alt täglich zusammentreffen, ist die Universität Wien. Es gibt dort immerhin 1000 sogenannte Seniorenstudierende. FM4-Reporterin Sarah Seekircher hat bei einem Lokalaugenschein das Verhältnis der konkurrierenden Generationen auf der Uni unter die Lupe genommen.

Zu hören in Connected (15-19)

JungpolitikerInnen zum Generationenvertrag
Die Jungen werden immer weniger, die Älteren immer mehr und vor allem älter. Fast jede/r dritte WählerIn ist über 60 Jahre alt und Kinder kriegen wir auch keine mehr. Wer bitte soll da in Zukunft unsere Pensionen zahlen? Und ist der Generationenvertrag einer Generation, die mit Arbeitslosigkeit, prekären Arbeitsverhältnissen und schlechter sozialer Absicherung zu kämpfen hat, überhaupt noch zuzumuten? Barbara Köppel fragt die österreichischen JungpolitikerInnen nach ihren Positionen.

Wolfgang Gründinger im Interview
Politologe Wolfgang Gründinger (25) ist Autor des Buches „Aufstand der Jungen: Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können“. Wie kommen wir dazu, dass uns die Alten eine zerrüttete Umwelt, Demokratie und Wirtschaft hinterlassen? Wo die Politik nur die nächste Legislaturperiode sieht, schaut Gründinger in die Zukunft. Zum Generationenvertrag gehört für ihn daher nicht nur die Sicherung der Pensionen, sondern auch die der Energieversorgung, des Arbeitsmarkts und der Bildungschancen. (Barbara Köppel)

Zu hören in der Hombase (19-22)

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  • mistersimpson | vor 88 Tagen, 8 Stunden, 29 Minuten

    man sollte erst über eine anhebung des pensionsalters nachdenken, wenn man als 55 jähriger die chance nach ner kündigung wieder nen job zu finden gleich hoch ist, wie bei einem 35 jährigen...

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  • elvishasleftthebuilding | vor 89 Tagen, 3 Stunden, 40 Minuten

    nur als Randbemerkung

    Von "Scheindemokratie" reden meist jene, die ihre eigenen Ansichten zu wichtig nehmen und diese gern allen anderen aufs Auge drücken möchten.

    Auf dieses Posting antworten