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Musik, Film, Heiteres

Markus Keuschnigg

Markus Keuschnigg

Aus der Welt der Filmfestivals: Von Kino-Buffets und dunklen Sälen.

4. 11. 2009 - 14:26

Vlog #13: Willkommen in der Unwirklichkeit!

Ich sehe "Black Dynamite" und erinnere mich an frühere Explosionen. Und das Kino baut mir eine neue Realität

Ich bin eisern. Für gewöhnlich. Ich bleibe sitzen bis zum Ende, selbst wenn mir ein Film nicht gefällt. Es ist ein immenser Kraftaufwand, aufzustehen und zu gehen. Sich von der erzählten Geschichte, der Welt, die um einen gesponnen wird, loszureißen. Erschwerend kommt die Variable des Sitzplatzes hinzu. Im Gartenbaukino aus der Mitte zu flüchten, ist praktisch unmöglich. Weil die Reihen so eng gestellt sind, dass ich meinen Hintern oder meinen Schritt an der Nase der anderen Zuschauer vorbei führen muss, dass ich Menschen auf die Füße, auf die Taschen, auf mitgebrachte Lebensmittel steige. Ich versuche, die verärgerten Gesichter der Anderen zu ignorieren. Es gelingt mir nicht. Dann fühle ich mich schlecht, wie ein Deserteur, der seine Kameraden in einer ausweglosen Situation sitzen lässt, während er sich selbst daraus befreit hat.

Es reicht also nicht, dass ein Film schlecht ist, damit ich gehe. Er muss mich verärgern. Bei der diesjährigen Viennale ist das glücklicherweise noch nicht passiert. Ich wollte eigentlich aus Patric Chihas aufgeblähtem, ereignis- und inhaltslosem "Domaine" flüchten, bin aber dann doch sitzen geblieben. Für Béatrice Dalle. Weil ich ihr verfallen bin, weil ich sie am Tag darauf zum Interview treffen durfte. Aber meine Gedanken, die waren nicht beim Film. Ich habe dicht gemacht, schon nach zwanzig Minuten. Ich überlege mein Leben im Kino, ordne meine Termine, meine Gefühle.

Mann küsst Frau
"Domaine" ist einer der schlechtesten Filme, die ich in diesem Jahr sehen musste. Aber ich bin sitzen geblieben. Für sie.

Bei anderen Festivals, die nicht wie die Viennale eine Art von Hitparade sind, gehe ich häufiger. Man muss sich nichts vormachen: es gibt Filme, die nicht zu oder mit mir sprechen. Filme, mit denen ich mich nicht gut verstehe, die mir unsympathisch sind, die ich am liebsten nie wieder sehen würde. Alejandro Gonzalez Inarritus "Babel" war so ein Fall: die Essenz von Hollywoods Bigotterie, laut dem unerträglichen Regisseur ein „Film aus der dritten Welt“, aber mit Star-Besetzung. Er will mir die Welt erklären. Ich lehne dankend ab. Aus Paul Haggis’ "Crash" gehe ich ebenfalls raus. Filme mit falschem gutem Gewissen finde ich Ekel erregend. Ein Charity-Hurenstadel im Kino. Missstände werden aufgegriffen und ausgeschlachtet, vor allem für den eigenen Imagegewinn von Studio, Regisseur und Schauspielern. Was soll man machen? Die Welt ist eben so.

Die neue Unwirklichkeit

"Millennial Unreality" nennt der Amerikaner Michael Barrett in einem aufschlussreichen Text in der aktuellen Ausgabe meines Lieblingsmagazins Video Watchdog eine aktuelle Bewegung im US-Film: nämlich, dass sich mehr und mehr Erzählungen im Kino der Unwirklichkeit annehmen. In Harry Potter verschränken sich zwei Welten, in Narnia steigt man durch einen Wandschrank in eine Wunderwelt, in der Matrix träumen wir unsere Leben wie in der Truman Show. In The Sixth Sense sind wir schon tot. Wir misstrauen der Realität, sind überzeugt, dass es nur jemanden geben muss, der den Vorhang zurück zieht – und schon sieht man The Ugly Truth.

Stiegen
Ist jedes Leben eine Lüge? Ist jede Welt ein Studio?

Wie der Chefredakteur des Video Watchdog, Tim Lucas, in seinem Editorial anmerkt, ist die einzige Leerstelle, die Barretts spannender Text lässt, jene der Remakes, der Rückgriffe auf vergangene Geschichten. Nicht nur machen sie einen großen Teil des aktuellen Hollywood-Outputs aus, nein, sie lassen auch mein persönliches Verhältnis zur Wirklichkeit mutieren. Ich erinnere mich beispielsweise noch sehr gut an mein erstes Mal mit Freddy Krueger. Ein kleiner Röhrenfernseher wirft gespenstische Lichtblitze durch meine Dunkelkammer called Jugendzimmer. Der mit Industriegeräuschen angefüllte Score hämmert mir die Wahrheit ins Hirn, ich sehe, wie sich ein Mann einen Handschuh mit Messerfingern anlegt, sehe ein blondes Mädchen im Nachtkleid, das wie in einer antiken Höllenvision durch einen dunklen, feuchten Kanal läuft, in dem eine Ziege steht. Omen des Bösen. Die Rohre im Keller dampfen, die Maschine läuft: irgendwo dahinter lauert das Monstrum, zieht seine Krallen über das Metall.

Ein Albtraum als Erinnerung

Frau, Bad, Krallenhand
Die Krallenhand der Erinnerung: A Nightmare On Elm Street

Wes Cravens "A Nightmare On Elm Street" (1984) ist ein Teil von mir geworden. Film IST. Erinnerung. Nicht nur kenne ich das Setting, die Atmosphäre, die Geschichte. Ich verbinde es mit einem Fächer an Gefühlen. Heute noch, wenn ich in einen Keller gehe, Rohre sehe, wenn mir die Gerüche von damals in die Nase steigen, habe ich die Bilder unweigerlich vor mir. Träume. Die der Nacht entschweben. In wenigen Monaten wird das Remake von "A Nightmare On Elm Street" in den amerikanischen Kinos anlaufen. Der Trailer macht klar, worum es geht: das Monstrum soll glaubwürdig werden. Man sieht, wie der Kindermörder Fred Krueger in eine alte Fabrik gescheucht und von aufgebrachten Eltern mit Benzin übergossen wird, man sieht, wie er in Flammen aufgeht. Hollywood verändert unsere Wirklichkeit: Christopher Nolans "Batman Begins" kredenzt mir eine glaubwürdige und nachvollziehbare Erklärung für Bruce Waynes übermenschliche Kräfte, die nicht übermenschlich sind, sondern die sich in einem Kloster im Training mit Kampfmönchen heraus gebildet haben. Batman ist auch nur ein Mensch. Das Märchen, der Traum wird zur Wirklichkeit. Danke, Hollywood.

Batman
Ein Superheld wie Ich und Du

Black Dynamite

Ich gehe. Nach dreißig Minuten "Black Dynamite" verlasse ich das Gartenbaukino. Rein gegangen bin ich ohne Erwartungen, ohne Vorurteile. Ich mag Blaxploitation-Filme, vor allem Larry Cohens großartigen "Black Caesar" mit Fred Williamson in einer seiner größten Rollen. Gestern fühle ich mich vergewaltigt. Meine Erinnerungen, meine Gefühle werden mit Füßen getreten. Ich werde lächerlich gemacht, da ich irgendwann mal etwas Ernsthaftes mit diesem Subgenre verbunden habe. Ich weiß, ich kann jetzt nicht für den ganzen Film sprechen. Eigentlich ist es unfair, dass ich überhaupt darüber schreibe. Ich mache es trotzdem.

Farbige Männer
Die Stadt pulsiert: Black Caesar

Die Blaxploitation ist progressiv und reaktionär gleichzeitig. Progressiv, da farbige Darsteller jene Rollen übernehmen, die üblicherweise von Weißen gespielt worden sind. Reaktionär, da saubere Menschen gegen Unsaubere, Drogendealer, Prostituierte und andere unmoralische Subjekte in den Kampf ziehen. Das macht den Reiz dieser Filme aus. Gemeinsam mit den frenetischen Schnitten und Zooms, die sich rhythmisch absetzen von früheren urbanen Entwürfen und den jeweiligen Städten einen neuen, einen frischen Groove einimpfen.

Regisseur Scott Sanders interessiert sich in „Black Dynamite“ nicht dafür, das Genre upzudaten. Er wütet durch die damaligen Inszenierungen, kopiert und überhöht sie ins Absurde. Die Frisuren, die One-Liner, die Dialoge, die Figuren, die Musik – alles erscheint mir wie eine schlechte Cover-Version, gemacht für ein Publikum, das mit Blaxploitation nichts verbindet.

Kampf
Funny Haha: "Black Dynamite" ist eine überzogene Cover-Version

Mehr Kopien, weniger Kopien

Insofern kann ich mir durchaus vorstellen, dass „Black Dynamite“ Zuschauer begeistert. Das finde ich auch nicht schlimm. Ich akzeptiere, dass das solide Remake von The "Last House on the Left" eine neue Öffentlichkeit schaffen kann für einen Stoff, der Anfang der Siebziger Jahre als Bauchreaktion auf die desaströse psychische Beschaffenheit der USA entstanden ist. Ideologisch ist der Film notwendigerweise korrupt, wenn er das Damals im Heute einfach nachbaut. Film entsteht nicht im luftleeren Raum: im Kino pulsiert auch ein Bildergedächtnis der Welt. Die Stadtbilder des Blaxploitation-Kinos, die harte, ungnädige Sicht auf die Welt kann man nicht so ohne weiteres ins Heute beamen. Es wird zur Mimikry, zum kraftlosen Nachäffen.

Ich bin sauer und verärgert, als ich gestern Nacht aus dem Gartenbaukino komme. Wieso muss so etwas auf der Viennale laufen? Ein Film wie gemacht für das Multiplex. Ahja. Stimmt. Er kommt gar nicht ins Kino. Verrückte Welt. In einer besseren Welt würden die Studios nicht Millionen von Dollars in Remakes stecken, sie würden sich zuerst einmal um die ordentliche Konservierung, Vermittlung und Veröffentlichung ihrer eigenen Geschichte abseits von kanonisierten Klassikern kümmern.

Für DVD-Veröffentlichungen werden die digitalisierten Filme aufpoliert: neue Archivkopien gerade von Genrefilmen werden aber selten gezogen. Die Kopie von Wes Cravens "A Nightmare On Elm Street", die ich vor einem Monat in Sitges gesehen habe, war rotstichig und in einem schlechten Zustand. Aber wer braucht noch das Original, wenn in wenigen Monaten das Remake in die Kinos kommt? Ich persönlich hätte mich sehr gefreut, hätte die Viennale zumindest noch einen Blaxploitation-Klassiker zu "Black Dynamite" hinzu programmiert. Um den Leuten nicht nur die Kopie, sondern auch das Original zu zeigen. Vielleicht hätten sich dann einige wieder für dieses schöne Subgenre begeistert. Vielleicht wäre ihnen wie mir das Lachen im Hals stecken geblieben.

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  • elchaos | vor 830 Tagen, 8 Stunden, 22 Minuten

    domaine war auch mein mit abstand schlechtester film bei der viennale dieses jahr, bin irgendwie erleichtert dass das auch die béatrice dalle verehrer (du und christian fuchs) nicht anders empfinden ;)

    das mit dem sitzenbleiben ist so eine sache, ich schaff's auch verdammt selten, aus einem film rauszugehen, kann mich an das letzte mal nicht erinnern. das hat nicht nur was mit praktischen umständen zu tun, oder mit der schönen deserteurs-metapher, sondern auch viel mit einer vielleicht masochistischen hoffnung oder neugier: wenn ein film in meinen augen so gar nichts taugt und ich den sinn seiner existenz einfach nicht erkennen kann, wart ich fast immer darauf, dass sich sowas wie eine art nebel lüftet, klärt, dass der film mich bis zum bitteren ende hin vielleicht nicht überzeugt oder gar zu gefallen gefällt, aber dass er mir zumindest irgendwie seine eigene existenz schlüssig machen kann. dass da noch irgendwas kommt, das micht die intention dahinter verstehen lässt, dass mich einen sinn darin sehen lässt, auch wenn ich's nicht gutheisse. das passiert natürlich in 99% der fälle nicht und ich bin umsonst sitzengeblieben. ist wohl ein bisschen so wie glücks- oder lottospielen. die...

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    • elchaos | vor 830 Tagen, 8 Stunden, 21 Minuten

      die chancen sind schlecht, aber trotzdem kann man's nicht lassen

      (sollte das noch heissen)

  • trishes | vor 830 Tagen, 22 Stunden, 6 Minuten

    hatte zu "black dynamite" nach konsum des trailers genau diese befürchtung - austinpowersisierung eines von mir ernsthaft geschätzten genres. danke auch für die "black caesar" erwähnung...

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  • christianlehner | vor 831 Tagen, 3 Stunden, 32 Minuten

    ich habe black dynamite (noch?) nicht gesehen, aber ist das nicht eine parodie im stile der scary movie serie (ohne die szenischen bezüge auf genregrößen)?

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    • johnleehookerelectro | vor 830 Tagen, 15 Stunden, 39 Minuten

      eben..
      kommt zwar meiner meinung sicher nicht an zoolander und apathow etc ran
      aber so schlimm wie scary movie 4 oder austin powers etc auch wieder nicht..also auf dvd kann man sichs mal anschaun wenn sonst nix läuft

    • johnleehookerelectro | vor 830 Tagen, 15 Stunden, 36 Minuten

      klischees sind ja manchmal da um sie kaputtzureiten.(!).und bei blackdynamite werden sie manchmal definitiv so verunstaltet das man ab und dan keine ahnung mehr hat was das soll..er kratzt knapp dran

    • christianlehner | vor 830 Tagen, 15 Stunden, 20 Minuten

      na dann hat mich der trailer eindruck nicht getäuscht! schade drum. aber wie wir wissen, gibt es glücklicherweise auch großartige veralberungen, die sich erst recht als hommage erweisen - siehe: this is spinal tab.

    • christianlehner | vor 830 Tagen, 15 Stunden, 19 Minuten

      "tap" latürnich! mein gott ...

  • flashalicia | vor 831 Tagen, 10 Stunden, 41 Minuten

    und wieder ein wunderbarer text, daumen hoch!

    zu "domaine" - meine erwartungshaltung war hoch, bei so einem stoff habe ich mir so viel schmerz, abgründe, zerissenheit und zugleich liebe erwartet, und das ergebnis hat dann derart kalt gelassen, sehr schade - den ganzen zauber hat dann leider aber das interview danach genommen; ein regisseur, der meint, es passiert alles nur aus zufall (tiefstapeln ist okay, aber nicht so), und eine (sonst großartige) schauspielerin, die sagt, dass sie nur den befehlen des regisseurs folgt und diese ausübt, und nicht weiter über die handlung nachdenkt - da ist am ende leider nicht mehr viel übrig geblieben, so sehr ich es gewollt hätte...

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  • rainbowjohnny | vor 831 Tagen, 11 Stunden, 30 Minuten

    ...wow

    ....ich hab den text grad verschlungen.wie ein packerl tortenecken....und wer mich kennt, der weiß was das bedeutet. echt fein.

    *thez*
    http://zellerluoid.blogspot.com/

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    • rotifer | vor 831 Tagen, 8 Stunden, 38 Minuten

      You're not the only one!
      Hab ja auch das Design der Baumstämme immer geschätzt, wenngleich die Nuss-Schokomasse der Tortenecken unbestreitbar besser.

  • johnleehookerelectro | vor 831 Tagen, 12 Stunden, 41 Minuten

    ja black dynamite war ne gute veranschauchlichung
    ich mein allein ein joke wie "should i shoot him?!!(weil von nem brotha der beidl minimiert wurde) hat für vl manche halssteckenbleiber mehr als entschädigt
    ..vorher 1 bier und yiea:)
    und der jai white kann gutes martial arts.von kind an merkt ma.da gibts nix

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    • johnleehookerelectro | vor 831 Tagen, 12 Stunden, 39 Minuten

      man hat vorher schon wissen müssen/können das es mehr zoolander statt black cesar wird sry..einfach trailer anschaun

    • johnleehookerelectro | vor 831 Tagen, 12 Stunden, 22 Minuten

      "DO YOU WANT to live?!?!?!..no... no..
      "bum"!
      :DDDD

  • igor | vor 831 Tagen, 13 Stunden, 55 Minuten

    du warst nicht in

    terrorism considered as one of the fine arts

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    • johnleehookerelectro | vor 831 Tagen, 12 Stunden, 45 Minuten

      terrrorism considere etc hab ich gottseidank gegen tetro umgetauscht als ich vom regiesseur peter whiteman die wörter "gaia muss gerettet werden" gelesen habe (gaia = muttererde für hängengebliebene althippies schätz ich) auch wenn die story unterhaltsam geklungen hat..ka

    • igor | vor 830 Tagen, 23 Stunden, 41 Minuten

      eindeutig besser so

      150 minuten. krass. so viele leute sind gegangen. haha.
      vielversprechender titel und dann so ein verwirrtes spionage/philosophie/geflirte und das mädchen mit den haaren. uh.

  • christianfuchs | vor 831 Tagen, 14 Stunden, 1 Minute

    ah "domaine". ich bin auch der frau dalle zuliebe drinnen gesessen und wollte, dass er mir gefällt. wie man diese geschichte, die eigentlich einen dunklen sog erzeugen sollte, so teilnahmslos erzählen kann, ist mir ein rätsel.

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