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Felix Knoke

Felix Knoke Berlin

Verwirrungen zwischen Langeweile und Nerdstuff

6. 11. 2009 - 13:03

Technik macht die Welt nicht heile

Die Nerds werden die Welt nicht retten, sie werden sie nur besser vermarktbar machen. Neun Aufrufe zu ein wenig Demut vor Unerträglichkeit der (Nerd)Welt.

Eines Morgens wachte ich auf und grämte mich ganz fürchterlich: Irgendwie hatte sich der über Jahre – genauer: seit meinen drei Jahren im geistigen Gaga-Exil, dem Giga-Techniknirvana in der Kaistraße 3 & 11 in Düsseldorf – angestaute Frust über technologische Heilsversprechungen Bahn gebrochen.

Technik macht die Welt nicht heile. Technik verändert den Menschen nicht. Technik markiert keine Grenzen. Was ich mir in den letzten Jahren quasi als Übung in Demut mantraistisch selbst vortrug, musste plötzlich raus. Twittertwitter, schnellschnell. Denn die Nerds redeten plötzlich nicht mehr über die Vorzüge unterschiedlicher Handybetriebssysteme, sondern darüber, wie man die Gesellschaft verändern kann.

Der Einzug der Piratenpartei in die Politik markierte nur den Zeitpunkt sich endlich mit einer Kritik der Kritik der Nerds auseinanderzusetzen und sie nicht, wie das mittlerweile in jedem dahergelaufenen Feuilleton passiert, aus mir unerfindlichen Gründen zu affirmieren. Denn: Technik macht die Welt nicht heile. Technik verändert den Menschen nicht. Technik markiert keine Grenzen. Technik ist ein Machtinstrument und kein Entmacht-Instrument.

Diese Kritik ist mir wichtig und ich meine alles ernst. Es ist kein Manifest, sondern ein politischer Vorwurf. Es ist nicht sonderlich überlegt, sondern angestauter Frust. Die executive summary: Technik macht die Welt nicht heile. Technik verändert den Menschen nicht. Technik markiert keine Grenzen.

Und wenn mein frühmorgendlicher Geist tatsächlich meinte “Internet-Apologeten” zu schreiben, dann ist damit die Gruppe Menschen gemeint, die letzlich aus ihrer eigenen Unterdrückung Profit schlagen wollen und das als Befreiung verstehen. (Die knappe Form ist dem Twitter-140-Zeichen-Maximum geschuldet, der Nullte Fehler meinem hilfreichsten Freund M. Schauer.)

Technik macht die Welt nicht heile

  • Der nullte Fehler: Technik ist ein Machtinstrument und kein Entmacht-Instrument.
  • Der erste Fehler der Internet-Apologeten ist der Ruf nach einer Tyrannei der Mehrheit, verbrämt als “Individualisierung” der Randgruppen.
  • Der zweite Fehler ist die Unterschätzung der Kommunikations-unterdrückenden Mechanismen & die Überschätzung der kommunikativen Freiheiten in Massenmedien.
  • Der dritte Fehler ist die Hoffnung auf eine Befreiung des Menschen durch Technologie, ohne ihre gesellschaftliche Gebundenheit zu verstehen.
  • Der vierte Fehler ist die Unterdrückung der Unterdrückungsrealitäten außerhalb dieser Medien durch diese Medien.
  • Der fünfte Fehler ist die Annahme einer gesellschaftsgeschichtlichen Diskontinuität entlang technologischer Veränderungen.
  • Der sechste Fehler ist die Unterscheidung von Kommunikationsprozessen allein anhand ihrer technischen Dimensionen.
  • Der siebte Fehler ist die Annahme einer innergesellschaftlichen Diskontinuität entlang technologischer Praxen.
  • Der achte Fehler ist die mangelhafte Kritik und Unterschlagung der marktwirtschaflichen Dimensionen und Verhältnisse.
  • Der neunte Fehler ist die Furcht vor dem Überwachungsstaat zu Lasten der Furcht vor der Unterdrückungsgesellschaft.

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  • donely | vor 827 Tagen, 10 Stunden, 49 Minuten

    Technik verändert die Menschen nicht? Also das würde ich nicht unterschreiben, wäre also zu überdenken. Die Menschheit erfindet teils komplexe Maschinen, kann aber nach wie vor mit einfachen emotionalen Vorgängen nicht umgehen. Das ist traurig und unterstreicht wieder einmal die Behauptung, dass die Menschheit (abgelutschtes Beispiel) sehr wohl eine Atombombe baute, jedoch nicht in der Lage ist zwischenmenschliche Konflikte zu lösen. Nocheinmal...wein puh hu puh

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  • alabaster | vor 829 Tagen, 10 Stunden, 14 Minuten

    " * Der nullte Fehler: Technik ist ein Machtinstrument und kein Entmacht-Instrument."

    Nö. Demokratie ist ein Entmacht-Instrument, zumindest inherent. Im übrigen sind Machtinstrumente nicht per se Dinge, die die Welt schlechter machen.

    " * Der erste Fehler der Internet-Apologeten ist der Ruf nach einer Tyrannei der Mehrheit, verbrämt als “Individualisierung” der Randgruppen."

    Demokratie ist auch, einfach als Herrschaft der Mehrheiten im Volk verstanden, eine Tyrannei der Mehrheit.

    " * Der zweite Fehler ist die Unterschätzung der Kommunikations-unterdrückenden Mechanismen & die Überschätzung der kommunikativen Freiheiten in Massenmedien."

    Ist das Internet ein Massenmedium?

    " * Der dritte Fehler ist die Hoffnung auf eine Befreiung des Menschen durch Technologie, ohne ihre gesellschaftliche Gebundenheit zu verstehen."

    Das sollte ja wohl seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts überholt sein. . .

    " * Der vierte Fehler ist die Unterdrückung der Unterdrückungsrealitäten außerhalb dieser Medien durch diese Medien."

    Nuja, das trifft nur teilweise zu. Es wird doch auch immer cross-media-berichterstattet.

    " * Der fünfte Fehler ist die Annahme einer gesellschaftsgeschichtlichen Diskontinuität entlang technologischer Veränderungen."

    Wo sind denn da bitte die Kontinuitäten? Geschichtswissenschaftlich ist das Kontinuitätendenken, etwa die Hegelsche Geschichtsdialektik, überholt!

    " * Der sechste Fehler ist die Unterscheidung von Kommunikationsprozessen allein anhand ihrer technischen Dimensionen."

    jau

    " * Der...

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    • alabaster | vor 829 Tagen, 10 Stunden, 12 Minuten

      . . . siebte Fehler ist die Annahme einer innergesellschaftlichen Diskontinuität entlang technologischer Praxen."

      erläutern bitte. . . wobei, der Fehler eine Diskontinuität anzunehmen, zugegebenermaßen nicht notwendigerweise bedeutet, dass da Kontinuitäten bestehen.

      " * Der achte Fehler ist die mangelhafte Kritik und Unterschlagung der marktwirtschaflichen Dimensionen und Verhältnisse."

      Das ist immer ein Fehler. . .

      " * Der neunte Fehler ist die Furcht vor dem Überwachungsstaat zu Lasten der Furcht vor der Unterdrückungsgesellschaft."

      Geht das auf den ersten Fehler zurück?

  • fightclub | vor 829 Tagen, 16 Stunden, 46 Minuten

    früher: wer die macht hat, beherrscht die wenigen die technik beherrschen. heute: wer die technik beherrscht hat eine stimme und damit mehr macht als früher.

    die technik selber befreit niemanden. aber es ist leichter sich mit hilfe der technik zu befreien. vor allem für die digital natives die tendenziell jung und unangepasst und nicht gleichgelutscht sind. die keine familie haben und kein haus und keine angst davor ihren job zu verlieren. die sich nicht arschkriechenderweise durch die institutionen geleckt haben und dann zum schluss als belohnung an der spitze eines systems stehen, das sich schon lange verändert hat. doch, mit hilfe von technik werden die internetausdrucker von den smarten nerds rechts und links überholt.

    und jede technikrevolution löst in endeffekt auch eine kulturrevolution aus. gutenbergs buchdruck mit beweglichen lettern bringt das wissensmonopol der kirche zum einsturz. westfernsehen die berliner mauer. und was das internet noch alles schafft wird sich erst zeigen. bedenke, das medium ist erst weniger als 10 jahre wirklich breitenwirksam.

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    • knoke | vor 829 Tagen, 16 Stunden, 34 Minuten

      "digital natives, die jung und unangepasst sind"? hahaha - die keine Angst haben müssen, weil eh schon alles um sie herum wackelt und die das beste aus sich machen, die Internetausdrucker rechts und links überholen und so auch von Zuhause noch nach Feierabend weiterarbeiten können?

    • christianfuchs | vor 829 Tagen, 15 Stunden, 52 Minuten

      schließe mich mit einem weiteren hahaha an. das mit der familie und dem haus und dem rest wird rasend schnell gehen. das mit den institutionen auch.

      unterschreibe diesen artikel grundsätzlich, ganz egal was gewisse einzelpunkte betrifft.

      finde mittlerweile (diametral entgegen zur zeit vor zehn jahren) den nerd-backlash mehr als angebracht. weil: steht eh schon oben im vorspann.

    • alpiarts | vor 829 Tagen, 15 Stunden, 39 Minuten

      "das mit der familie und dem haus und dem rest wird rasend schnell gehen. das mit den institutionen auch."
      Das geht sich bei Manchen ganz einfach nicht aus, hält aber jung ; )

    • fightclub | vor 829 Tagen, 15 Stunden, 27 Minuten

      ich lach dann später. ihr wisst ja, wer zuletzt lacht hat den witz nicht verstanden.

      und wenns eh schon wackelt kann man auch so viel wie möglich dazu beitragen, dass das ganze auch einstürzt. by the way, uniproteste und so sind an dir vorbeigegangen, oder?

    • genick | vor 829 Tagen, 13 Stunden, 12 Minuten

      Nerd-Backslash

      So nennt man also die Entwicklung, wenn wieder die Nieten in Cargohosen, also jene, die sich schon vor acht Jahren ein paar Bullshitbingo-Vorlagen zu eigen gemacht haben, und dann in Businessblogs und Talkshows als die sogenannten Experten (ich kann auf das Binnen-Innen verzichten, es sind ja doch nur Männer), wenn also wieder ein paar Sprücheklopfer das Blaue vom Himmel orakeln, während man als Nerd ungläubig vor dem Bildschirm sitzt, und weiß: jetzt sind wir wieder schuld.

    • karlll | vor 829 Tagen, 9 Stunden, 55 Minuten

      Nerds, meh

      Als Informatik-Studienabbrecher: Nerds sind doch die Typen, die sich gern in Vereinen organisieren und auf Rammstein stehen? Da sind mir die Fleißigen (vulgo Streber), die das Studium immer schon als das angesehen haben was es ist - Grundstein für Karriere und überdurchschnittliches Einkommen - oft lieber, angenehmer im Umgang.

    • christianfuchs | vor 828 Tagen, 20 Stunden, 19 Minuten

      @alpiarts: eh. ich werfe es niemandem vor, auch wenn ich selber auf das gesamtpackage familie/haus/auto/
      hobbykeller bewusst verzichte.

      aber ich beobachte gerne. und viel. vergleiche dann haltungen & meinungen mit tatsächlichen lebenswegen. die diskrepanz ist meist erstaunlich.

    • alpiarts | vor 828 Tagen, 7 Stunden, 48 Minuten

      @christianfuchs,
      ja, doppeltes eh *g*.
      Hab Niemandem was vorgeworfen.

  • alpiarts | vor 829 Tagen, 16 Stunden, 55 Minuten

    Technik macht die Welt nicht heile,
    aber technische Entwicklungen bieten immer mehr Möglichkeiten als Zusatz(-Tool) für Kreation, Produktion, Kommunikation. Der Rest liegt in der Eigenverantwortung des Einzelnen.

    Auf dieses Posting antworten
    • knoke | vor 829 Tagen, 16 Stunden, 28 Minuten

      Technik macht viele Sachen leichter und schneller. Aber das will man doch nicht allein, oder?

    • alpiarts | vor 829 Tagen, 16 Stunden, 19 Minuten

      Na sicher nicht, eh. Darum habe ich ja (auch) von "Zusatz(-Tool) " gesprochen.

  • toteraltermann | vor 829 Tagen, 17 Stunden, 3 Minuten

    Spricht mir nach all dem Gegacker um Wikipedia aus der Seele.

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  • genick | vor 829 Tagen, 17 Stunden, 57 Minuten

    Jetzt treten Sie mal nicht alle Nerds mit Ihren wahrlich klugen Gedanken in eine Tonne! In meiner Nerdumgebung war immer Einklang, was die Grenzen von Technologie angeht. Jene, die sich stets zuviel davon versprachen, die sich maschinengesteuerte Arbeitsabläufe, computerbasierte Menschenkenntnis und Roboter in Pflegeberufen gewünscht haben, waren eigentlich fast ausnahmslos aus dem mittleren Management. (Auch eine Art Nerds, aber wer liest das Wort schon noch ohne Pickelgesicht-mit-Brille-und-Pullunder-vor-dem-Computer-Kontext.)

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    • knoke | vor 829 Tagen, 17 Stunden, 17 Minuten

      Bin ja selber Nerd, in so fern, dass ich die Welt vor allem durch einen Monitor anschaue. Ich mag den Gestus derjenigen nicht, die denken, auf sie habe die Welt gewartet - und die nicht merken wollen, dass es so leicht nicht ist.

  • jimihendrix87 | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 23 Minuten

    bitte nicht "heile"

    Auf dieses Posting antworten
    • knoke | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 22 Minuten

      Findest du "heile" nicht wunderschön schlafliedig?

  • superwayne | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 53 Minuten

    Aber dein Geblubber macht die Welt heil, oder wie?

    Mich dünkt's, der werte Autor leidet an Selbstüberschätzung.

    Auf dieses Posting antworten
    • knoke | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 48 Minuten

      Ich will ja die Welt nicht heile machen, das "Geblubber" ist höchstens Wutschaum angesichts derjenigen angesprochenen(deswegen: Demut)

  • laotzu | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 54 Minuten

    s/technik/kulturindustrie

    ja, eh. wo ist jetzt der mehrwert zu adorno/horkheimer?

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    • knoke | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 47 Minuten

      wie meinen?

    • laotzu | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 33 Minuten

      naja, ganz kurz: dass man innerhalb eines systems, das auf machtgefällen beruht, sich an die system-immanenten machtlogiken hält, ist ja jetzt keine so neue erkenntnis. technologie allein wird uns nie befreien, die kann höchstens ein bisschen unterwandern, und selbst das nur innerhalb der vordefinierten bahnen, die systembedingt vorherrschen.

    • laotzu | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 32 Minuten

      oder noch kürzer:
      "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." ;)

    • knoke | vor 829 Tagen, 18 Stunden, 23 Minuten

      Ahso, genau! Aber diese Botschaft ist bei vielen ja noch immer nicht angekommen. Da ist dann sozusagen der Mehrwert, dass es halt noch ein anderer sagt und man A/H nicht lesen muss (sollte: eh klar! :)

      Was mich stört - und das würde ich auch gern weniger politisch formulieren können, irgendwann - ist der irgendwie "politische" Widerspruch der oben Besprochenen, für Freiheit zu sein - aber Unterdrückung zu fordern, Machtverhältnisse rotieren zu lassen, statt auszugleichen.

    • mandaya | vor 829 Tagen, 7 Stunden, 11 Minuten

      @laotzu "höchstens ein bisschen unterwandern, und selbst das nur innerhalb der vordefinierten bahnen, die systembedingt vorherrschen" - hier wird anscheinend auch von knoke immer der revolution nachgetrauert, die sich halt auch durch "die technik" aus den obengenannten gründen nicht ergibt. stattdessen gibt es aber eine evolution, die sich so merkbar beschleunigt, dass die alten machtgefüge schon allein vom fassungslosen zusehen merklich zu ächzen und zu beben beginnen. vielleicht sind es die falschen beispiele, weil beide ja oberflächlich betrachtet nicht offensichtlich erfolgreich waren, aber für mich ist zuallererst der iran und in viel kleinerem ausmaß unibrennt der beweis dafür, dass technologie sehr wohl die spielregeln neu verhandelt. und mit der geschwindigkeit der technischen evolution kann halt "die herrschaft" nur schwer mithalten - im guten wie im schlechten. jetzt groß desillusioniert zu sein, weil die welt durch technik nicht sofort revolutionär besser wird, ist alt-68er-frust. und die (selbst)schubladisierung als nerd ist sowieso öde. wer heute neugierig ist, hat mehr möglichkeiten als je zuvor, sich mit gleichgesinnten zu sinnvollem zu koordinieren. davon allein konnten alle großen geister der gesamten menschheitsgeschichte nur träumen.