Erstellt am: 19. 11. 2009 - 13:08 Uhr
SALM sind unser Album der Woche
Letztens in der FM4-Redaktion, Kollege A. ist sichtlich schwer begeistert:
"Heeey, hör dir das mal an! Karl Lagerfeld macht jetzt Musik, mit zwei so lustigen Franzosen, die ein bisschen so klingen wie Daft Punk, nur ohne blinkende Helme am Kopf, dafür mit Cello und Violine!"
SALM? Wer? Noch nie gehört, sind die denn schon sehr bekannt? Weil jemand, der einfach so mit Karl Lagerfeld gemeinsame Sache macht, der muss ja irgendwie schon ziemlich cool sein, oder? Something A La Mode, kurz SALM, heissen die also. Genauso auch das Debüt. Das klingt auf jedenfall schon einmal sehr interessant.
Mhhh:
Aber Klassik goes Popmusik? Da macht sich bei mir im ersten Moment höchstens ein pelziger Vanessa Mae/Andre Rieu/David Garrett-Geschmack im Mund breit.
Aber:
SALM klingen glücklicherweise ganz und gar nicht nach derartig hochgezüchteten und gut inszenierten Wunderkindern, die versuchen, schnell ein paar Pop-Scheiben auf den Markt zu werfen, um den breiten Massengeschmack zu füttern. SALM zeigen, was man mit Cello und Violine sonst noch so anstellen kann und wie gut deren Klänge mit 80er Jahre Synthesizern kombinierbar sind. Da schwingt natürlich ein clever kalkulierter, aber durchaus angenehm frischer Hauch von Avantgarde mit.
Kein Wunder also, dass auch die Modewelt samt Herrn Lagerfeld höchstpersönlich einen Narren an den beiden Musikern gefressen hat. Deshalb erst einmal ein Ausflug an den sommerlichen Lido zur diesjährigen Chanel Show, bei der SALM Live den Soundtrack basteln, in dessen Takt die Models ihre filigranen Beinchen und die Kleider hin und her schwingen.
Da haben Anna Wintour & Konsorten nicht schlecht gestaunt, als plötzlich Karl Lagerfelds Stimme auf Platte zu hören war:
SALM...
Wir wollen die beiden Herren also nun gebührend vorstellen.
Streicher, Korgs & Karl. Beats à la Daft Punk.
Wie kam es dazu? Drei Fragen an SALM, beantwortet mit hübschem, französischem Akzent:
Wieso macht ihr das? War es euch zu fad, immer nur Violine und Cello spielen zu müssen, immer nur Mozart, Beethoven, Schubert und diese ganzen alten Knacker?
Wer sind eure Vorbilder? Da gibts ein Lied, "G String", das erinnert ein bisschen an ein anderes sehr bekanntes Duo aus Frankreich...
Kann auch ich Karl Lagerfeld einfach so anrufen und ihn fragen, ob er auf meiner Platte mitsingt? Wie war der denn so drauf beim Arbeiten?

Bis zu Karl Lagerfeld, Chanel & Co war es natürlich auch erst einmal ein Weg. Begonnen hat der in der Heimatstadt der beiden, in Djion, zwei Stunden entfernt von Paris, da wo der Bauer den Senf herholt.
Once upon a time...

Thomas Roussel und Yannick Grandjean sind sehr brave Buben und lernen jeden Tag brav Cello und Violine spielen in der Musikschule. Das macht viel Spaß und die beiden wollen so werden wie Mozart und Schubert.
Doch wie das halt so ist: Mit 15 ist's vorbei und plötzlich gibt es da Popmusik und Mädchen. Die alten Schinken toter Herren sind schnell beiseite gelegt. Zumindest am Wochenende. Was soll man denn auch tun, wenn man einen der angesagtesten Clubs im Lande in der eigenen Kleinstadt stehen hat?
Das L'an-Fer - auf Deutsch heisst das soviel wie "Hölle" - ist Mitte der 90er berüchtigt dafür, einer DER Treffpunkte der French House-Szenerie zu sein. Jeder kommt vorbei, um an den Reglern zu schrauben und Vinyl durch die Luft zu wirbeln. Mittendrin Laurent Garnier, Jeff Mills und Daft Punk, noch lange vor ihrem Debüt "Homework" aus dem Jahr 1997.
Paris...
Jahre später zieht es Thomas und Yannick nach Paris, um dort klassische Musik zu studieren. Immer noch schwer beeindruckt von den Spielarten der Elektronik, verwirklichen beide 2006 eine ganz besondere Idee:
Sie arrangieren im Rahmen des Blue Potential-Projekts die Techno-Tracks ihres Idols Jeff Mills für ein Symphonieorchester um. Das verschlägt nicht nur dem Maestro selbst die Sprache, sondern ist auch die Geburtsstunde von SALM. Angefixt durch das Projekt, schrauben und fideln die beiden seitdem gleichermaßen an alten, analogen Synthesizern sowie auf ihren Streichinstrumenten herum.
Demos werden klugerweise sofort an neue Kontakte in Paris verschickt. Eines fällt Michel Gaubert in die Hände, Soundtüftler für Chanel Shows und Musikausstatter für die Shops des Modelabels. Zack - SALM laufen in den Chanel-Shops rauf und runter, Karl Lagerfeld ist begeistert, will die beiden kennenlernen und möchte außerdem, dass SALM live bei seiner Modeschau in Venedig spielen.
Als die drei sich unterhalten wird das Gespräch zufällig mitgeschnitten. SALM sampeln Karl Lagerfelds Erkenntnisse über Mode und Musik in ihren Track "Rondo Parisiano" hinein. Fertig, die Hit- & Hypemaschinerie rund um das Duo ist angeworfen, alles befindet sich in einem runden Guss. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich spontan durch den roten Faden der Ereignisse der passende Projektname "Something A La Mode", SALM, ergibt.
Fashion and music are equivalent, they match very well: Both are expressions of their time" (Karl Lagerfeld)
Was uns Herr Lagerfeld da erzählt, ist zwar nicht die allerneuerste Erkenntnis, lässt sich aber von den zwei wirklich lässigen Musikern in einen feinen und tanzbaren Track hineinbrutzeln. Den und andere präsentieren sie bei tollen Shows und sie haben die richtigen Connections mit den richtigen Menschen. Obendrein gibt's nämlich als Sahnehäubchen Arnaud Rebotini als Knöpfchendreher und Bob Sinclair mit seinem Yellow-Label (und der ist immerhin 2006 als "bester DJ der Welt" ausgezeichnet worden) als Patenonkel dazu. JACKPOT!
Bloß jeder weiß: Was in diesem Winter Mode ist hat in etwa die Halbwertszeit eines Käse-Pausenbrotes und ist im nächsten Frühjahr längst aufgefressen und vergessen.
- Alle Alben der Woche auf einen Blick: fm4.orf.at/albumderwoche
Ob sich SALM da bewähren können und ob das selbstbetitelte Album "Something A La Mode" nicht schon bald im hintersten Winkel des Kastens eingemottet wird, wird sich also zeigen. Es könnte aber klappen, denn wenn man der überaus weisen Coco Chanel Glauben schenken mag, für die die beiden jungen Herren ja indirekt irgendwie arbeiten:
"Mode ist vergänglich, Stil bleibt."
Und stilsicher sind die beiden von Something A La Mode ja auf jeden Fall.
Kommentieren