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Musik, Film, Heiteres

Eva Umbauer

Eva Umbauer

Popculture-Fan und Heartbeat-moderierende Musikjournalistin.

28. 11. 2009 - 12:59

Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau

Ein Nachtrag zum Berliner Mauerfall.

"Was für ein Bild: Während sich im Herbst 1989 Tausende Ostdeutsche in den Westen aufmachen, läuft der junge Dichter als Einziger in die entgegengesetzte Richtung, schlaksig, fragil und von einer Schönheit, als hätte ihn sich Thomas Mann ausgedacht."

Lustig, traurig, witzig, bizarr. Das ist die Geschichte des Ronald M. Schernikau, jener Lichtgestalt der deutschen Literatur ("Kleinstadtnovelle"). Als Kind war Schernikau zusammen mit seiner Mutter aus der DDR in den Westen gekommen, um später zu beschließen, eben dorthin zurückzukehren. Doch dann fällt die Mauer. Der deutsche Schriftsteller, Journalist und Moderator Matthias Frings ("Liebe Sünde") porträtiert Ronald M.Schernikau auf liebevolle und berührende Weise in seinem Buch "Der letzte Kommunist: Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau".

Gesicht und Schultern. Hand eine Häfte vor Gesicht.

"Er hatte eine Platte von Yazoo aufgelegt. Die Soulstimme von Alison Moyet erfüllte den Raum. Er saß im Schneidersitz vor meiner Singlesammlung und betrachtete mit ungläubiger Miene das Sammelsurium. In der Hand hielt er die Hülle von Ketten, Mauern und Stacheldraht, einem rummeligen Westschlager gegen die Mauer, streng antikommunistisch."

Geht man in ein leibhaftiges Buchgeschäft, anstatt im Online-Shop zu bestellen, so findet man "Der letzte Kommunist: Das Leben des Ronald M. Schernikau", das im Frühjahr dieses Jahres in Buchform erschienen ist, zumeist in der Abteilung Zeitgeschichte oder Sachbuch. Nicht umsonst hatte Autor Frings diese deutsch-deutsche Tragödie eines Traumtänzers in Worte gefasst und rechtzeitig zum 20.Jahrestags des Mauerfalls fertiggestellt. Aber "Der letzte Kommunist" ist insgesamt natürlich noch mehr als ein Stück Zeitgeschichte zum Mauerfall: Es ist zugleich auch die erste Biografie dieses großen Unterschätzten namens Ronald M.Schernikau, der vor achtzehn Jahren, mit 31, an den Folgen der Immunschwächekrankheit AIDS gestorben ist.

"Ein blutjunger Schüler aus der Provinz schreibt über einen blutjungen Schüler aus der Provinz und macht damit Furore? Mit 17 hatte er ein Manuskript mit der Frage begonnen: wie wirkt, worin wir leben?`"

Ronald M. Schernikau war gerade einmal 20, als ein Verlag seine "Kleinstadtnovelle" veröffentlichte. Gleich nach der Matura zieht Schernikau aus der Nähe von Hannover nach Berlin, genau wie der Held am Ende seines Buches. Life imitates art, sozusagen. Die "Kleinstadtnovelle" erzählt die Geschichte eines schwulen Gymnasiasten, der sich in einen Mitschüler verliebt. Sie beginnen eine Affäre/Beziehung, die schließlich auffliegt, samt Konsequenzen. Eine Coming-out-Story - ohne Großbuchstaben geschrieben - als Porträt einer ganzen Generation.

"meine freizeit wäre das gegenteil von nichtstun, weiß b., und er weiß es wie jeder andere: ob er che an der wand hängen hat, den es an jeder ecke zu kaufen gibt, oder bruce lee, was die hilfloseste form von protest ist. sie können popkonzerte veranstalten oder lange haare schön finden, wichtig ist, dass sie dir beibringen: es gibt keine alternative zum nichtstun."

Gesicht, Hand vor Hälfte des Gesichts.

Der junge Ronald M.Schernikau wurde mit seinem literarisch ambitionierten Werk in den Mainstream-Medien der Bundesrepublik Deutschland herumgereicht und auf Lesereise geschickt, und obwohl er weiterschrieb, sehr viel schrieb, erschien dann länger bzw lange nichts mehr von ihm. Der Mann, der "gegen die Geschichte rannte" (Der Spiegel), saß immer stärker zwischen zwei Welten, bis ihm die Balance nicht mehr zu gelingen schien. Er wollte Mitte der 1980er Jahre nun also in die DDR übersiedeln, was ihm schließlich 1989 gelang - mit dem Erhalt der DDR-Staatsbürgerschaft, nachdem er einen dreijährigen Gastaufenthalt am Leipziger Literaturinstitut absolviert hatte.Aber kurze Zeit später:

Veröffentlichungen von Ronald M. Schernikau:
"kleinstadtnovelle", "petra. ein märchen", "die schönheit", "die tage in l.", "das märchen von der Blume", "legende"

"Mit Tschingderassabum und Fahnenschwingen hatten sich die beiden Deutschland vereinigt...Den Sozialismus würde er nicht mehr einführen, damit hatte er sich abgefunden, nun galt es nur, die legende abzuschließen. Er würde es sich nie verzeihen, vor Beendigung des "Romans" zu sterben. Es war ein Wettlauf mit unbekannter Frist, aber auf eine magische Art saugte er die Kraft aus dieser letzten Prüfung."

"Der letzte Kommunist - Das traumhafte Leben des Ronald M.Schernikau" von Matthias Frings ist im Aufbau Verlag erschienen.

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  • vague | vor 807 Tagen, 9 Stunden, 57 Minuten

    Das war ja ein ganz ein Süsser...

    Sorry für den unsachlichen Beitrag...

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    • evaumbauer | vor 807 Tagen, 8 Stunden, 48 Minuten

      Ein Süßer

      No prob. ;-) War er ja, irgendwie. Später sah er eher verwirrt aus, mit dieser großen Brille. Wie eine Art gehetztes Tier wirkte er dann manchmal, abgekämpft...

  • alabaster | vor 807 Tagen, 11 Stunden, 5 Minuten

    "Gleich nach der Matura zieht Schernikau aus der Nähe von Hannover nach Berlin"

    das heißt aber in D-Land Abitur. . .
    jedenfalls: Gibts diesen Roman eigentlich irgendwo? oder den Rumpf?

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    • evaumbauer | vor 807 Tagen, 10 Stunden, 47 Minuten

      Roman

      Genau. Und weil wir hier in Ö und nicht in D-Land sind, nenn ich es Matura.
      "Legende" meinst du? Oder "Kleinstadtnovelle"? Letzteres beim großen Online-Buchhändler oder der Buchhändler deines Vertrauens bestellt es dir. "Legende" etwas schwierig zu finden, glaub ich. Aber hoffentlich kommt da nun die Schernikau-Wiederentdeckung, die es nun, so lange nach dem Mauerfall, irgendwie ermöglicht, sein schreiberisches Können an sich zu genießen, ohne das Belastetsein durch das ganze Drumherum von damals, sozusagen.

    • alabaster | vor 806 Tagen, 9 Stunden, 35 Minuten

      notfalls zvab.com ;D

      nur zwei Bücher hat er also fabriziert, das find ich schon ein armutszeugnis für das Leipziger Literaturinstitut. Da trifft mal wieder zu, "das Studium hält mich vom Schreiben (und auch Lesen) ab!"

      im übrigen find ich immer noch, dass, weil er ein deutsches deppen-abi gemacht hat, das nicht im nachhinein als österreichische Hardcore-Matura zu bezeichnen ist, aber darüber zu diskutieren is natürlich müßig. ..

  • pixacao | vor 807 Tagen, 12 Stunden, 10 Minuten

    "Man möchte, daß, wer Hegel liest, ein anderer wird. Dann lernt man den Westherausgeber von Hegel kennen."

    "ein genie braucht immer eine weile, um zu begreifen, daß die anderen das nicht können, was es selber kann. ich staune jedesmal neu, wenn ich bemerke, daß jemand kein kommunist ist. der kommunismus liegt so auf der hand! aber vielleicht haben die anderen keine hand?"

    (aus: R. M. S. , DIE TAGE IN L.)

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    • evaumbauer | vor 807 Tagen, 11 Stunden, 6 Minuten

      Vielleicht keine Hand

      Ja, so schrieb er, der Schernikau...

    • pixacao | vor 807 Tagen, 8 Stunden, 18 Minuten

      'SO' schrieb er?
      man könnte auch sagen, 'DAS' schrieb er ; )