Erstellt am: 29. 11. 2009 - 15:47 Uhr
When the Shitgaze hits the Chillwave
Of Mice And Men
"I´m sick and tired of the way that I feel", beklagt sich Girls-Stimme Christopher Owens im Single-Hit "Hellhole Ratrace" und ich kann´s zur Zeit gut nachempfinden. Geschlagen von einem Ohreninfekt fällt das dieswöchige Album Der Woche kurz, dafür aber schmerzhaft aus. Und mit Verspätung. Sorry. Meine Ohren fühlen sich an wie aufgepumpt. Ein Schlauchboot im Gehörgang. Und ich bin in mir gefangen wie in einem Stollen. Die Außenwelt ein klammes Gefühl.

In der Auseinandersetzung mit "Album", dem hintersinnig programmatisch und Torrent verwirrend betitelten Debüt von Girls aus San Francisco, ist das auch okay so. Die in bester Shoe(heute Shit-)gaze Manier mit Reverbs, Echos und Treble-auf-Anschlag-Einstellung verwaschenen Songs, der sich um die beiden Köpfe Christopher Owens und Chet JR White versammelten Band korrespondieren bestens mit meiner HNO-Tiefenunschärfe.
Und auch sonst spukt seit Wochen diese runtergerockte Slacker-Hymne durch meine Wahrnehmung. Dazu ein Video der Girls und ihrer Clique, wie sie in Zeitlupe durch eine mitternächtliche Stadt treiben, ja richtig fließen und in ihrer verdrogten und verbrauchten Gemeinschaft trotzdem so erhaben und selbstmächtig jung wirken, wie in diesem Jahr, ja Jahrzehnt nur ganz selten gehört und gesehen.
No money for Wohlstandsfrust
Andere mochten sich in den USA kunstvoller Introspektion widmen, in fantastische Tierkollektive verwandeln, Tanzverbot in the city mit LCD-Soundsystemen auskontern, den Indie Rock mit orchestralem Pathos befeuern, die Garage renovieren, den Blog House tanzen, im Süden analoge Basslines und derbe Rhymes autotunen, Krawatten zurück auf die Bühne bringen, sleazy Diven die Welt erobern lassen, den Pop zeitgemäß in die Avantagarde überführen, dem zerfallenden Körper Musikindustrie ein aktuelles Gegenmodell des DIY entgegensetzen oder - wie jüngst mit Chillwave - rein virtuelle Genres kreieren, die auch bald wieder implodierten, fast wie zum Spott gegen die alten und neuen Verhältnisse; nichts und niemand konnte dieses desolate und gleichzeitig so fordernde und selbstbewusste Gefühl des Außenseiter-Jungseins in einen einzigen simplen Song bündeln wie Girls.

Was nun "Hellhole Ratrace" von Outsider-Gassenhauern wie Radioheads "Creep", Becks Ironie getränktem "Loser" oder Pete Dohertys "Forever" unterscheidet, ist die auch in den übrigen Girls-Songs immer wieder formulierte Sehnsucht nach Überwindung der trüben Verhältnisse, auch wenn hier stets die Ahnung dräut, dass hinter der Dunkelheit der Nacht auch nicht viel zu holen sein wird.
Lebensgefühl statt Analyse und Kritik
"I don‘t want to die without shaking up a leg or two", heißt es zwar in Hellhole Ratrace weiter. Man merkt aber schnell, dass damit nicht die treudoofe Variante des American Dream und sein Optimismus-Diktat gemeint ist.
Die Zustandsbeschreibung ist viel ernüchternder, auch wenn sich im Fall des Singer-Songwriters Christopher Owens Biografisches mit dem allgemeinen Zustand seiner Generation eher zufällig überlagern. Zumindest in den USA können sich Twentiesomethings den üblichen Wohlstandsfrust vorangegangener Generationen krisenbedingt gar nicht mehr leisten. Das weiter ist zu einer ökonomischen Überlebensfrage geworden, die nicht selten die Familie und ganze Freundeskreise betrifft.
Das alles schwingt so eindringlich in der Musik der Girls mit, dass sowohl Song als auch Album einen Triumphzug durch die US-Blogosphere angetreten haben, während die Girls chaotisch durch ihr Tourprogramm stolpern und schon mal die halbe Band am Weg verlieren.
"I´m achiever", sagt Christopher Owens müde, aber trotzig auf der Couch des Bowery Ballroom liegend. Dieses Statement mag zwar hauptsächlich seiner eigenen unglaublichen Lebensgeschichte als Kind einer christlichen Hippie-Sekte geschuldet sein (für die er unter anderem in Villach in Kärnten als Straßenmusikant Geld verdienen musste) und ihrer schwierigen und langen Überwindungsphase. Sie trifft aber den Nerv eines aktuellen Lebensgefühls, das nicht lange nach Zufällen fragt.
Unser Album der Woche. Von meinem Stollen aus gesehen Album und Song des Jahres.

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