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Musik, Film, Heiteres

Philipp L'Heritier

Philipp L'Heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

17. 12. 2009 - 10:35

Decemberlist, siebzehn

Lotus Plaza und "The Floodlight Collective". Die komplette Schlafwandlung

Das ist die Decemberlist
24 Stücke Musik, täglich eines, den ganzen Dezember über, vorgestellt von FM4 MusikjournalistInnen und Webhosts. CDs, die während des Jahres die FM4 Musikredaktion passiert haben und die für uns von Bedeutung waren. Zum Schenken und Beschenktwerden. Von Indie Pop bis Rare Groove, von dänischem Metal bis österreichischem Songwriter Pop.

fm4.orf.at/decemberlist

Die in Watte gewickelten Sehnsuchtslieder: In musikalischer Hinsicht war der unaufgeregt erfreulichste Trend/Antitrend des zu Ende gehenden Jahres die Erfindung und Ausrufung eines Subsubnischengenres, das in seinen Ausformungen so vage und verwaschen ist, dass es nicht einmal mehr nur einen einzigen, sondern gleich mehrere Namen trägt: Dreambeat, Chill Wave und Glo-Fi haben sich da als die dominanten und die möglicherweise (zusammengenommen) am treffsicher beschreibendsten Bezeichnungen durchgesetzt, um der matt schimmernden Musik solch wunderbarer, durchaus unterschiedlicher, dieses Jahr medial dezent hochgekochter Künstler wie Ducktails, Neon Indian, Washed Out oder Memory Tapes beizukommen.

Lotus Plaza
Lockett Pundt, Lotus Plaza

Gemein ist den Musiken, die unter dem Mantel von Chill Wave brüten, dass sie entspannt und benebelt und betont zurückgelehnt daherkommen, Lo-Fi und hausgemacht, getragen von einer wohligen Melancholie, von der Sonne geküsst, die 80er und einen endlosen Sommer beschwörend. Sich anhand von schlecht kopierten Flugblättern und schon viermal überspielten Tapes die eigene Jugend herbeikonstruieren. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, halb weggenickt, halb im euphorischen Delirium. "Hypnagogic Pop" hat das englische Magazin THE WIRE das genannt, was soviel meint wie "Pop im halluzinogenen Halbschlaf".

Das Schöne an der ganzen Dreambeat-Angelegenheit war dabei, dass quasi sofort mit der Etablierung von Begrifflichkeiten und mit den Worten "neu" sowie "Genre" die Einsicht einhergegangen ist, dass man das ja alles nicht mehr so genau nehmen muss, dass mit "Genres" ja heute ohnehin kein Blumentopf mehr abzuholen ist, vorauseilende Postmoderne. Das Wissen und - wichtig! - auch das Zugeben davon, dass, wenn unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt zufällig zur gleichen Zeit einen ähnlichen Sound produzieren, das keine "Szene" darstellt, sondern erst eine herbeikonstruiert werden muss. Freak Folk, nein, nein, nein, das waren nicht bloß drei miteinander verschwesterte Zottelbärte aus irgendeinem Wald in den USA, und Postrock, nein, das waren auch nicht bloß drei Bands aus Chicago. Wenn man sie nicht wie die Bibel liest (oder ganz GENAU SO, je nachdem), so dürfen schön beschriftete Etiketten für Schubladen im Plattenregal aber doch als lose Orientierungshilfen sehr gerne im Leben willkommen geheißen werden, so die sehr späte Erkenntnis. Genauso wenig also, wie wir es bei Glo-Fi mit einer homogenen "Szene" zu tun haben, ganz genauso sehr ist Lotus Plaza mit seinem Debüt-Album "The Floodlight Collective" der König dieser ganzen spinnerten, verträumten Heimmusikbastler. Mit der guten Chill Wave ist Lotus Plaza bislang noch nicht assoziert worden, sein Album ist ja auch schon im März erschienen, zu früh, das hat die halbe Welt verschlafen, da war das Genre noch gar nicht erfunden.

Lotus Plaza
Washed Out?

Die Menschen der Chill Wave operieren in erster Linie an abgewrackten Synthesizern, Lotus Plaza ist ein Mann der Gitarre, erzeugt aber mit anderen Mitteln dieselben Gefühle, Gefühle von verblassten Urlaubsfotografien, von einer mit diffusem Optimismus angereicherten Schwermut und entwickelt einen ebenso schwammigen, einen ungenauen, einen aus allen Rudern laufenden Sound. Lotus Plaza ist das Soloprojekt von Lockett Pundt, und Lockett Pundt, das kann man nicht verschweigen, ist ein Teil der hervorragenden Band Deerhunter, neben Mastermind Bradford Cox, zumindest auch ein bisschen Kopf und zweitwichtigster Architekt des Sounds von Deerhunter, er hat einige Songs für die Gruppe geschrieben und singt hie und da auch mal.

Lotus Plaza

So fußt auch "The Floodlight Collective" zu weiten Teilen im mächtigen Klanguniversum "Shoegaze": Wabernde Gitarrenwände, ein ständiges Starren auf die Effektgeräte, Psychedelik, ein Loop und noch ein Loop, Songskizzen, die hörbar wieder einmal bei My Bloddy Valentine und The Jesus & Mary Chain andocken. Die Musik von Lotus Plaza aber ist das Gegenteil von Intensität, es ist höflicher Noise, Zurückhaltung und unkokette Schüchternheit, ein Wimmern, ein beschämtes Hauchen. Lockett Pundt hat alles selbst eingespielt - mit Ausnahme von Drumarbeit von Bradford Cox auf einem Song - und so eine dicht geschichtete Collage zusammengebaut.

Lotus Plaza Cover
"The Floodlight Collective" von Lotus Plaza ist bei Kranky/Trost erschienen

Alles verschwindet hier hinter Rauschen, bleibt undeutlich, die verhuschten, songhaften Sücke verschränken sich mit Ambient-Passagen und einem melodischen Dröhnen, das auf einer Fennesz-Platte durchaus nicht ganz fehl am Platze wäre. Während Bradford Cox auf seinem aktuellen, freilich sehr, sehr guten Atlas-Sound-Album vielleicht ein klitzekleines bisschen zu stark den Genieverdacht zu bestätigen sucht, ist "The Floodlight Collective" bloß ein blöder, kleiner Regenbogen, der kurz einmal einfach da ist. Man muss sich ja trotzdem drüber freuen. Die Vocals klingen wie übers Walkie-Talkie eingespielt, was Lockett Pundt da aber oft mit sich selbst im bittersüßesten Harmoniegesang im Widerstreit singt, greint, jammert und in sich hinein flüstert, das KANN nur mit den schönsten, den allerschönsten, mit größtem Schmerz verbundenen Erinnerungen aus einem besseren Gestern zu tun haben. Ein Album des Jahres, Wehmutssignale vom Grunde des mit Honig gefüllten Aquariums. Man kann sie gerade noch hören.

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  • christianlehner | vor 891 Tagen, 17 Stunden, 35 Minuten

    interessant ist, das dieser mikrotrend in den staaten schon wieder für tod erklärt wurde (carl du schalk!), obwohl er deutlich eine spuren hinterlassen hat in den kommenden werken von so szenegrößen wie yeasayer oder beachhouse und das internatione interesse, etwas sand in den augen, erst jetzt erwacht.

    beach house kann man ja ruhig als stille (haha) inspiratioren des chillwaves bezeichnen - ebenso die wunderbaren high places, die das schon seit jahren machen (ein wichtiges stilelement des genres sind hier und dort übrigens die leiernden loops!).

    bin schon gespannt, was mr. neon indian heute abend dazu zu sagen hat (groß antizipiertes 3tages gastspiel in ny).

    aber eines steht auch fest - die gesamte chillwave verschwindet im gesamtwerk des unterschätztesten musikus des jahrzehnts, the one and only ariel pink (für den animal collective vor jahren extra paw tracks records gegründet haben).

    und die neue atlas sound? mein flotter schwan - nix überkandidelt, schlicht ein meisterwerk. einen entkrampfteren bradford cox gab´s bis dato noch nicht zu hören.file under 'walkabout'.

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    • christianlehner | vor 891 Tagen, 17 Stunden, 34 Minuten

      never mind the typo by the way ;-)

    • lheritier | vor 891 Tagen, 16 Stunden, 43 Minuten

      ich fand die erste atlas sound viel besser

      naja vielleicht hab ich mich schon ein bisschen sattgehört an dem schönen kram und auch - ich trau michs gar nicht sagen - an herrn lennox:)

    • ovaok | vor 890 Tagen, 20 Stunden, 20 Minuten

      Man könnte auch "Blank Dogs" in die Runde werfen und auf die demnächst erhältliche 12inch von "The Mayfair Set" hinweisen und auch "Zola Jesus" oder "Former Ghosts"... und das Ariel Pink mit Haunted Graffiti für Anfang 2010 ein Album auf 4ad angekündigt hat.

  • auchsuperwichtig | vor 891 Tagen, 20 Stunden, 42 Minuten

    endlich...

    ... wird hier auch mal über gute musik geschrieben.

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