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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

19. 12. 2009 - 02:30

Selling in the Name

Wieso die großen Emotionen? RATM versus X-Factor im Kampf um die britischen Weihnachts-Charts.

Als einer, der zähneknirschend Guardian und Independent abonniert, um mit einer Kombination aus zwei Zeitungen ungefähr die Substanz von einer aus der Zeit vor deren Verfall zu erreichen, bin ich Fluff-Geschichten gewöhnt, die sich als Schilderung umwälzender gesellschaftlicher Phänomene anlassen, ehe sie sich in der dritten Spalte als die Ernte eines journalistischen Streifzugs durch die Welt der Facebook-Gruppen entpuppen.

Genauso hatte ich anfangs auch die Sache mit der Schlacht um die britische Weihnachts-Number-One rezipiert. Ich hatte ja angenommen, dass sich längst niemand mehr drum schert, was in dieser bereits so gut wie virtuellen und belanglosen Singles-Chart überhaupt vor sich geht.

So wie in den vier Jahren zuvor (nicht dass ich was davon mitgekriegt hätte), hätte auch heuer wieder der Gewinner der Fernseh-Talente-Show X-Factor in der Weihnachtswoche an der Spitze der Verkaufsliste firmieren sollen.

Wie der Typ heißt, der da singt, ist tatsächlich unerheblich, sein Vorname ist Joe, soviel weiß ich. Was er singt, ist noch unerheblicher, irgendeinen erprobten Hit halt. Die Figur im Mittelpunkt des Phänomens ist dagegen ein Mann mit einer spektakulär eckigen Frisur und einer eigenartigen Vorliebe für tiefe V-Krägen namens Simon Cowell.

Die Liebe zum Feindbild

Ich muss zugeben, ich habe - nicht aus Trotz oder als Statement, sondern aus purem Desinteresse - in meinem Leben noch keine einzige Sekunde X-Factor gesehen. Ich höre auch nicht die Radiosender, die Ergüsse diverser KandidatInnen spielen, die ich infolgedessen auf den Titelseiten der Boulevardpresse weder am Gesicht noch am Namen erkenne. Muss ich auch nicht, schließlich leben wir in einer Zeit, wo es selbst für eine/n Popjournalisten/in erstmals nicht mehr nötig ist, zu wissen, welcher Song die Charts anführt.

Seit einiger Zeit hab ich trotzdem gelernt, den X-Factor auf perverse Weise zu schätzen. Am Ende einer Dekade, in der die Nischenvermarktung triumphiert hat und selbst die logische Gegenreaktion der Bejahung des Mainstream durch das Nischenpublikum (Phänomene wie Timberlake oder Gaga) sich schon wieder totgelaufen hat, braucht es nämlich das durch und durch Falsche, von dem es sich demonstrativ abgrenzen lässt, ein augenscheinliches Beispiel für den Unterschied zwischen lebendiger Popkultur und verordnetem Entertainment.

Das sentimentale Schlachtfeld

Dass diese Reibungsenergie sich nun ausgerechnet auf dem Schauplatz der untoten Single-Charts entladen würde, hätte ich allerdings nicht erwartet. Schon gar nicht rund um einen Song wie "Killing in the Name" von Rage Against the Machine, ausgehend von – was sonst – einer Facebook-Gruppe, die den Neunziger-Gassenhauer für ihre Wut wider Cowells Maschine instrumentalisiert hat.

Noch mehr überrascht hat mich in den letzten paar Tagen nur, welche Leute sich von diesem Duell emotionalisieren haben lassen: Die Promoterin eines führenden Independent-Labels, dem Werk von RATM eigentlich wenig zugeneigte JournalistenkollegInnen wie Everett True und Charlie Brooker, ein üblicherweise auf Adult-Indie spezialisierter Veranstalter wie Eat Your Own Ears oder MusikerInnen von Alex Kapranos über RATM selbst bis hin zu, wie man hört, Paul McCartney.

Zu Wochenmitte sah es nun so aus, als würde "Killing in the Name" den mir nicht bekannten Song des mir nicht bekannten X-Factor-Gewinners um einige Zehntausend Einheiten hinter sich lassen, aber bis gestern Abend hatte sich der Abstand wieder auf eine vierstellige Zahl verringert, und selbst ansonsten einigermaßen gelassene Menschen wurden eigenartig nervös.

Bob the Builder
Model 2000

Simon Cowell, der wie alle großen Manipulateure der Massen bloß deshalb so skrupellos sein kann, weil er im Grunde nichts versteht, hat die RATM-Kampagne gegen seine Weihnachtssingle unlängst als "zynisch" verurteilt. Ein starkes Stück für einen, der in seiner Personalunion als Juror und Produzent den Zynismus besitzt, dem Pöbel Demokratie vorzugaukeln, indem er ihn zwischen seinen Marionetten abstimmen lässt.

Das Schönste an dem ganzen eigenartigen Wettkampf, an dem Simon Cowell natürlich erst recht wieder fett verdienen wird, ist jedenfalls seine Symbolkraft als letzte große Geste dieses Popjahrzehnts, zu dessen ersten Weihnachten übrigens Bob the Builder die Hitparade anführte. Aber jenseits des unabhängig vom Ausgang der Chartsschlacht anhebenden Jubels stellen sich dahingehend mindestens zwei empfindliche Fragen:

1) Musste es ein alter RATM-Song sein, weil niemandem ein zeitgenössischer Track eingefallen wäre, der auf derart breiter Ebene für Widerstand steht? Und warum hat das Zeitalter der Post-9/11-Gesellschaft trotz Krieg, Folter und Krisen nichts Vergleichbares hervorgebracht?
Offenbar jedenfalls nicht, weil es keinen Bedarf dafür gäbe.

2) Wenn die Verkaufscharts - und sei es bloß aus sentimentalen Gründen - immer noch als ultimativer Schauplatz für den großen Richtungsstreit der Massen im Pop herhalten, was wird dann nach deren Ablösung durch ein an Sekundärverwertung gebundenes Mäzenatentum diese Funktion übernehmen?

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  • syllablesasleep | vor 794 Tagen, 18 Stunden, 20 Minuten

    Alma mater britannica once more our glance is cast from afar at your example.

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  • algernon | vor 794 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten

    Gewusel

    1) Es gibt bestimmt sogar mehrere neuere Songs die dem von RATM gleichkommen, aber in dem heutigen allgemeinen "Gewusel" gibts keine Gelegenheit für eine größere Hörerschaft, sich darauf zu konzentrieren. Nebenbei touren sogar Public Image Ltd. wieder, und wieviele Leute bemerken das?
    2)Sehr gute Frage ! Mich beschäftigt das Problem schon lange, beginnend schon mit dem aufkommen des "Tribalism" im Jahr 1980. Inzwischen ist es ja schon länger so, dass "das Forum verwaist" ist (wenn eben auch noch nicht restlos) im Vergleich zu den 70ern etwa. Ob es einen Ausweg aus dem "Gewusel" gibt, frage ich mich aber eben auch!

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  • prom000 | vor 795 Tagen, 20 Stunden, 19 Minuten

    Musikshows und derartiges

    Muss man als Daily-Soap sehen, wird auch so gemacht. Die Musik ist nur Teil davon und eigentlich unwichtig. Die "Schauspieler" sind das wichtige.

    @ 1) Wäre eine gute Frage an die Facebook-Gruppe.

    @ 2) Ja das ist die grosse Frage. die industrie hält ja noch am alten System fest. Die wwerden da schon etwas neues erfinden. Downloadcharts der dann eben gratis erhältlichen Musik? Merch-Charts?(so T-shirt charts, caffee-becher charts). Konzertbesucher-charts? Oder die diversen Systeme wie Last.fm die messen wie oft, du welches Lied hörst?

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  • pineapple | vor 795 Tagen, 21 Stunden, 22 Minuten

    stimme

    punkt 1 zu. finde es ja nicht schlecht, dass sich leute auf facebook zusammentun,um Simon Cowell eins auszuwischen... aber RATM 'Killing in the Name'? Geh bitte

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  • gunslinger | vor 796 Tagen, 1 Stunde, 6 Minuten

    darf ich aus dem vorletzten popbitch newsletter zitieren:

    "There's an internet campaign to back Rage Against The
    Machine's Killing in the Name as Xmas number one.
    On the same label as the X Factor track, there's a
    nice conspiracy theory that Cowell (anm.: simon cowell, "erfinder" von x-factor) has bought the
    publishing rights and is behind the campaign..."

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  • billyhunt | vor 796 Tagen, 2 Stunden, 50 Minuten

    "Seit einiger Zeit hab ich trotzdem gelernt, den X-Factor auf perverse Weise zu schätzen. Am Ende einer Dekade, in der die Nischenvermarktung triumphiert hat und selbst die logische Gegenreaktion der Bejahung des Mainstream durch das Nischenpublikum (Phänomene wie Timberlake oder Gaga) sich schon wieder totgelaufen hat, braucht es nämlich das durch und durch Falsche, von dem es sich demonstrativ abgrenzen lässt, ein augenscheinliches Beispiel für den Unterschied zwischen lebendiger Popkultur und verordnetem Entertainment."

    Der Absatz bringts auf den Punkt; ohne "Feinde" hätte unsereiner ja gar keinen (so grossen) Antrieb seines Amtes zu walten...

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  • laotzu | vor 796 Tagen, 3 Stunden, 1 Minute

    ich verstehe frage 2 nicht, wer braucht den richtungsstreit überhaupt noch? die hörerInnen für einen distinktionsgewinn? glaub nicht, dass da _ein_ großer richtungsstreit nötig ist. soll das doch mit den alten sauriern mitsterben, ist ja schätz ich eh auf deren mist gewachsen.

    als humoristischen abschluss:
    david firth - music predictions 2009

    bbc.co.uk/comedy/extra/video/p002xrqy

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    • rotifer | vor 796 Tagen, 8 Minuten

      Ohne mir noch deinen Link angesehen zu haben:
      Ohne Richtungsstreit wäre mir jedenfalls Pop langweilig. Pop ist für mich immer auch eine Metapher dafür, was gesamtgesellschaftlich passiert. Andernfalls wäre Musikjournalismus nur mehr ein Beschreiben von Sounds, und das ist, wie wir wissen, für sich alleine redundant.

    • laotzu | vor 795 Tagen, 23 Stunden, 13 Minuten

      aber ist so ein richtungsstreit tatsächlich nur an verkaufszahlen festzumachen? mag zwar für musikjournalist_innen bequem sein, popularität und größere strömungen (die dann gegeneinander einen richtungsstreit ergeben) einzig an verkaufszahlen festzumachen aber das kann dann wohl hoffentlich nicht der weisheit letzter schluss sein.

    • rotifer | vor 795 Tagen, 22 Stunden, 10 Minuten

      Natürlich nicht, das wär ja schlimm. Einer der großen Winkelzüge des Pop war bloß immer, im kulturellen Konsens der Zeit zwischen massenhaft vorhersehbarem Mist auch völlig unvorhergesehene, fremdartige Dinge wie Hendrix, die Pistols, Grandmaster Flash oder House auf die Bühne der massenmedialen Wahrnehmung zu hieven. Und für solche Erscheinungen, die in Wechselwirkung mit den Dingen zustande kamen, die sich unterhalb des kommerziellen Radar abspielten, lieferte im kapitalistischen System die kaufende Masse immer die alle Bedenken der Entertainment-Industrie übertrumpfende Legitimation. Insofern wurden die Charts mit zur Repräsentation eines viel weitergehenden Richtungsstreits. Wie sich das in Zukunft entwickeln wird, wenn die Wirtschaftlichkeit von Musik nur in ihren Zweitverwertungen liegen und die Erfüllung der Kundenerwartungen zum einzigen Erfolgsgradmesser werden sollte, wissen wir alle noch nicht.

  • jubilee | vor 796 Tagen, 11 Stunden, 6 Minuten

    frage 1, teil 2: weil grad in den post 9/11 zeiten zumindest denkenden menschen klar geworden sein sollte dass die einfachen parolen halt nett klignen und ab und ab und zu nötig sind, aber halt auch keine wirkliche lösung darstellen, weil in wirklichkeit alles sehr kompliziert ist, oder ums mit den goldenen zitronen zu sagen: "Die bullen? kann man auch nicht mehr so hassen wie damals."

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    • rotifer | vor 796 Tagen, 11 Minuten

      Interesting, aber ich glaubs nicht ganz, weil die Leute ja dann doch auf diesen Song zurückgreifen, wenn sie ihn brauchen. Ich glaub ja eher, dass es da eine Feigheit vor dem Statement gibt. Die erprobte "Ich weiß nicht, so genau kenn ich mich nicht aus, also sag ich lieber nix"-Attitüde.