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Martina Bauer

Martina Bauer

Geschriebenes und zu Beschreibendes. Literatur und andere Formate.

21. 12. 2009 - 18:03

Dem Verschwinden Zuschauen

Von Menschen bis Mauern und natürlich Socken handelt Jenny Erpenbecks Kolumnensammlung "Dinge, die verschwinden"

Auch in ihrem Alltag, nicht nur im Schreiben, kämpft Jenny Erpenbeck gegen das Verschwinden. Im Interview wird sie mir sagen: "Die Dinge, die ich gut kenne und die für mich wichtig sind, versuche ich zu behalten. Also ich versuche gegen das Verschwinden anzukämpfen, aber gerade bei Beziehungen ist das natürlich nicht immer leicht, weil es ja auch eine zweite Seite gibt - von Leuten, die ihre ganz eigenen Meinungen und Gefühle haben."

Angekommen ist sie im Funkhaus an diesem kalten Wintertag im dunkelbraunen Rauhledermantel mit Webpelz - einem Modell wie es ein paar von uns vielleicht von den Eltern geerbt haben oder am Flohmarkt ergattern konnten.

Autobiografisch

Jenny Erpenbeck debütierte 1999 mit "Geschichte vom alten Kind", 2001 folgte der Erzählband "Tand" sowie 2005 der Roman "Wörterbuch". Letztes Jahr erschien "Heimsuchung", das mehrfach ausgezeichnet wurde.

Grund des Besuchs ist Jenny Erpenbecks neuestes Buch. Eine Kolumnensammlung mit dem Titel "Dinge, die verschwinden". 31 Kurzprosastücke - größtenteils für die FAZ entstanden - die gemeinsam aber weit mehr als die Summe ihrer Teile ergeben. Denn: Ziemlich viel von ihrem Alltag stecke da drinnen, meint Jenny Erpenbeck, mehr als in den anderen Sachen, die sie geschrieben habe. Es ist also gleichzeitig auch sehr persönlich, dieses Büchlein, in dem die Autorin das Abhanden Kommen und Sein verhandelt.

Cover von Jenny Erpenbecks Roman "Dinge, die verschwinden"

"Man muss sich als Mensch mit dem Verschwinden ja beschäftigen, früher oder später", sagt sie und fügt lächelnd hinzu, "natürlich man kann es auch lassen, so lange bis man selber verschwindet. Aber es drängt sich einem doch als Thema auf. Man sieht, dass die Dinge kommen und gehen, viele Dinge des Alltags, viele Sitten. Ich schaue in den Kolumnen gar nicht immer wehmütig auf das Verschwinden. Ich frage mich oft selber, was es bedeutet oder was es erzählt und es ist oft so, dass es gar nicht so einfach ist zu ergründen, was hinter diesem Verschwinden steht, wo das Verschwinden herkommt und was an die Stelle tritt? Ob die Dinge woanders wieder erscheinen – in anderer Form und ob es vielleicht auch eine Bewegung des Wachsens gibt oder des Fließens?"

Von Socken, Menschen und Mauern

Die Kolumnen selbst drehen sich etwa um städtische Leerstellen, die verbaut werden und mit ihnen die Aussicht. Oder Eingänge zu Hinterhöfen, die sich dezimieren und damit auch das Miteinander. Tropfenfänger und Teppichstangen werden aus der Vergessenheit geschrieben sowie weggegebene Andenken thematisiert, weil die Aufgeräumtheit im Leben mehr zählt. Natürlich geht es auch um Menschen, Beziehungen und selbst der Klassiker, der verschwundene, zweite Socken findet seinen Platz.

Es ist eine ebenso poetische wie philosophische Kurzprosa, die Jenny Erpenbeck da gelungen ist.

Wie schreibt sie so schön an einer Stelle: "Ebenso ist immer, wenn ein Ding aus dem Alltag verschwindet, viel mehr verschwunden, als das Ding selbst - das dazugehörige Denken ist dann verschwunden, und das Fühlen."

Autorin Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck ist Jahrgang 1967, geboren in Ostberlin. Da drängt sich im Jahr 20 nach dem Mauerfall natürlich die Frage nach der DDR auf bzw. was für sie das Bedauernswerteste sei, das mit diesem Deutschland verloren gegangen ist: Das sei ganz schwer in Worte zu fassen, sagt sie, es gibt wie so eine Temperatur, eine Art zu sprechen - so eine Art von Menschen, die sich quer durch alle Schichten gezogen hat. So, wie wenn man in einen Raum hineingegangen ist, und der jetzt nicht mehr da ist.

Leseprobe

Jenny Erpenbeck liest „Freundin“, aus ihrem Buch "Dinge, die verschwinden" erschienen bei Galiani Berlin

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