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Musik, Film, Heiteres

Eva Umbauer

Eva Umbauer

Popculture-Fan und Heartbeat-moderierende Musikjournalistin.

30. 12. 2009 - 22:01

Hedonismus statt Nihilismus

The Strokes reset the clocks for rock: "Is This It" ist Platz 2 der FM4 Jahrzehntecharts.

„Is This It“ von den Strokes war eines jener Debut-Alben der Popgeschichte, die nicht einfach Debut-Alben sind, sondern eine Band praktisch aus dem Nichts in den Star-Status katapultieren - und eine Zeit definieren. Nichts ist danach wie vorher.
Als die Strokes Ende August 2001 ihr erstes Album veröffentlichten, war der Hype rund um das junge Quintett aus New York City gerade ein paar Monate alt, ausgehend von Großbritannien. Dort feierte man die Strokes ähnlich frenetisch wie in den 1990er Jahren das Debut von Oasis. Das legendäre Londoner Independent-Plattenlabel Rough Trade hatte sich durstig nach frischem Musik-Blut der fünf scruffy lads von drüber dem großen Teich angenommen.

Hedonismus statt Nihilismus

Ein zerzauster junger Mann mit stets leicht verschlafenem Blick führte die Band an: Julian Casablancas sah aus wie Iggy Pop im Jahr 1970, aber strahlte weniger von Iggys manischer Rock-n-Roll-Gefährlichkeit aus als einen gewissen süßen und popstarhaften Kuscheltier-Vibe. Julian Casablancas war flankiert vom wuschelhaarigen Gitarristen Albert Hammond Jr, dem zweiten Gitarristen Nick Valensi, dem stillen Bassisten Nikolai Fraiture und Schlagzeuger Fabrizio Moretti. Enge Jeans, Jackett und bunte Sneakers. Jung sein in New York. Hedonismus statt Nihilismus. Der Subterranean Blues der Strokes war sexy, very sexy. Keine Indiedisco, deren Besucher nicht beim ersten Takt von "Last Night" dem subtilen Groove der Strokes erlagen und den Tanzboden stürmten. The Strokes reset the clocks for rock.

Die Band The Strokes

Aus gutem Haus

Wenn nur nicht die Neider gewesen wären, die den Spaß anzweifelten: War Julian Casablancas doch der Sohn des New Yorker Modelagentur-Besitzers John Casablancas, und Albert Hammond Jr der Sohn des Songwriters Albert Hammond ("Seems It Never Rains In Southern California"). Man hatte einander in einem Schweizer Internat getroffen, wo Julian mit 14 Jahren hingeschickt wurde, als Strafe für seinen underage Alkoholkonsum. Nikolai Fraiture hatte die noble Privatschule Lycee Francaise in New York besucht und auch Fab und Nick waren aus sogenanntem gutem Haus.

Fünf Möchtegern-Rock-n-Roller also? Boys, die die Mühen des alltäglichen Mittelklasse-Lebens, oder noch besser: Unterschichts-Daseins, doch gar nicht kennen konnten, und somit auch nicht das besitzen konnten, was man street credibility nennt? Was soll ich dazu sagen, musste sich Albert Hammond Jr fortan in Interviews fragen, was für ihn auf eine Weise doppelt bitter war, hatte er sich doch stets als Außenseiter gefühlt – niemals seinen Vaters als cool angesehen. Nicht einmal das hauseigene Tonstudio von Vater Hammond interessierte Albert Jr. Der alte Herr Hammond war schließlich ein Mainstream-Musiker, der Softrock komponierte und sang. Erst später, als Albert Hammond Jr schon mit den Strokes Erfolg hatte, konnte er das Schaffen seines Vaters verstehen und freute sich etwa ehrlich über ein altes Album, das die Schreiberin dieser Zeilen auf einem Flohmarkt in Amsterdam findet und dem Stroke überreicht, als dieser gerade mit der Band in Amsterdam ist, um dort einer Runde Musikjournalisten Rede und Antwort zu stehen.

Die Band The Strokes

Changing Times

Rough Trade hatte die Strokes mit dem Erfolg von "Is This It" dann an den BMG- Konzern weitervermittelt, und dieser heuerte im Frühjahr 2002 ein Partyschiff an, das durch die Grachten der niederländischen Hauptstadt schipperte, samt Pop-Journos und eben den Strokes an Bord. Albert Hammond Jr präsentierte sich bei dieser Gelegenheit zusammen mit Fab Moretti als eine Art Außenminister der Band, während Nikolai Fraiture sich seiner Schüchternheit hingab, Nick Valensi etwas aus der Spur schien und Julian Casablancas eisern schwieg. Es war als hätte er die Sprache verloren. Später erinnerte sich Julian Casablancas an diesen awkward moment, der gewiss nicht - wie das Debut der Strokes insgesamt - one moment in time war: "Yeah, I didn´t talk to anyone. I don´t know why." Diese Zeit war schließlich insgesamt so, wie Julian Casablancas später einmal anmerkte, als ob ich mit den Strokes vor einem glitzernden Märchenschloss stehen würde und sich plötzlich die Tore öffnen und wir in das goldene Schloss eintreten. One moment in time, der gewiss nicht andauern konnte. Etwa zwei Wochen nach der Veröffentlichung von „Is This It“ waren die Zwillingstürme von New York gefallen. Es hatte mir die Sprache verschlagen, sagte Julian Casablancas später. Sein New York City, das New York vom Strokes-Debut war mit einem Schlag ein anderer Ort: „Time changed after „Is This It“.“ Time changed - and all that the Strokes could do was move on.

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  • prom000 | vor 774 Tagen, 7 Stunden, 19 Minuten

    Chart

    hätte ich es nicht genannt.

    100 Empfehlungen von FM4 zum letzten Jahrzehnt?
    Und Reihenfolge?
    Einfach willkürlich durcheiander werfen.

    Auf dieses Posting antworten
  • alabaster | vor 774 Tagen, 22 Stunden, 52 Minuten

    Meine Fresse! jetzt fangen wir schon mit Jahrzehntcharts an, aber nicht nur auf MTV n a c h den DKs sondern auch auf einem Medium, dass ich bis dato für ein Ernstzunehmendes gehalten hatte. Es ist am Ende auch Scheißegal (sic) ob die White Stripes oder die Q.O.T.S.A. oder endlich mal Dead Moon ganz oben stehen, denn was da betrieben wird ist ja auch schon im privaten Bereich von vornherein Nonsense. Quantitativ die Leistung von Leuten bemessen, die von Leistung grundsätzlich schon nichts halten? Wie wären sie ansonsten in diese Lage gekommen.. .
    Am Ende ist es wirklich so wie A. Huxley das allen ernstes (sic!) als Utopie gemeint hat: In der besseren Schönen-Neuen-Welt gibt es Inseln der Seligen für diejenigen, die gemäß Mosers Vineta an das Leben in dieser Gesellschaft nicht glauben.

    Nur warum müssen diejenigen, die dem wenigstens Nahe kommen, dann deren Blödsinn reproduzieren??
    Es gibt doch hübschere Modelle als lineare Aufzeichnungen, um sowas darzustellen. Ein Mobile, ein Art Palette oder wenigstens ein Tryptichon.
    Man könnte sich alleine schon fragen, was das für Charaktere sind, die dauernd Listen machen müssen. Bestimmt nicht diejenigen, denen man Meinungsführerschaft in irgendeiner Art von höherer Gesellschaft...

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    • alabaster | vor 774 Tagen, 22 Stunden, 40 Minuten

      und übrigens: wenn hier jemand noch was schlaues sagen will, möge Sie oder er mir auf die pinnwand schreiben. Ich kuck hier nur alle zweidrei Wochen vorbei.

  • christianfuchs | vor 775 Tagen, 7 Stunden, 55 Minuten

    hab die nicht kapiert, die platte, als sie rauskam. wahrscheinlich wegen meiner befangenheit als velvet underground-junkie & weil mir damals der sound zu lo fi war.

    aber beim 2ten album klickte es, beim dritten noch mehr & rückwirkend hat mir "this is it" den vorletzten sommer versüßt.

    Auf dieses Posting antworten
    • donotconform | vor 774 Tagen, 17 Stunden, 28 Minuten

      heißt zwar "is this it", aber was kümmert das die echten Kenner und Profis.

    • majox | vor 774 Tagen, 13 Stunden, 7 Minuten

      komisch...

      gerade wegen meiner velvet underground-befangenheit liebe ich dieses album so sehr.

    • international00 | vor 772 Tagen, 13 Stunden, 7 Minuten

      VU

      mir gehen diese VU-vergleiche ja etwas auf die nerven. zweifelsohne haben sich die strokes an reed, cale und co. bedient, viel wichtiger aber waren einflüsse vergessener us-garagen-bands der 60er jahre. leider kennt sich auf dem sektor bei fm4 niemand wirklich aus, scheint es.