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Musik, Film, Heiteres

Andreas Gstettner

Andreas Gstettner

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

18. 1. 2010 - 12:28

Wundervolle Ärgernisse

Get Well Soon: "Vexations" - unser Album der Woche

Ich bin noch immer ganz verzückt von den zwitschernden Vögeln, den schummrigen Vibraphonklängen, die das Gefühl der "Seekrankheit" aufkommen lassen, den traurigen Streichern, der unheilvollen Basslinie, der düster kribbelnden Violinenmelodie und Konstantin Groppers traurigem Timbre. Das alles packt der deutsche Musiker in das Anfangsstück "Nausea" seines zweiten Albums. Und wie ich im ersten Teil über das neue Get Well Soon Werk schon verraten habe, ist dieser Einstieg in den neuen Klangkosmos der Band umso interessanter wenn man weiß, dass die Feldaufnahme zu diesem Titel und die Ideen der Songs zu "Vexations" im elterliche Haus am Waldrand entstanden sind. Auch die restlichen Stücke gewinnen durch die kleinen Hintergrundinformationen und ausgewiesenen Geschichten, die erzählen werden, an Tiefe und Schönheit.

Get Well Soon spielen am 23.Jänner 2010 live am FM4 Geburtstagsfest in der Arena Wien.

"Vexations" ist am 08.Jänner 2010 bei Cityslang erschienen.

Lebenskonzepte...

Die thematische Klammer, die fast alle Songs umschlossen hält, ist der Stoizismus. Die Kernaspekte der Lehre lassen sich schwer in wenigen Zeilen zusammenfassen, aber vereinfacht kann man sagen, dass es den Stoikern um eine kosmologische, ganzheitliche Weltbetrachtung ging, wobei alle Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen einem universellen Prinzip unterliegen. Das bedeutet für das Individuum, dass es seinen Platz in dieser Ordnung finden muss und gleichzeitig mit emotionaler Selbstbeherrschung danach streben sollte, sein Los zu akzeptieren.

Vor allem die Lehren des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca und dessen Leben haben es Konstantin Gropper angetan. Warum er den thematischen Titelsong "Seneca's Silence" genannt hat?

"Es ist ja auch ein Element des Stoizismus, dass man nicht ständig meint, seine eigene Meinung sagen zu müssen, sondern dass man einfach ruhig bleibt und schweigt. Darum geht es in diesem Stück. Und um den Tod Senecas, der sich ja auf den Befehl von Nero umbringen musste. Und selbst in dieser letzten Konsequenz hat er seine Selbsttötung mit keinem Wort kommentiert."

Das recht düstere Cover von "Vexations" könnte irrtümlich fast im Gothic-Fach eines Plattenladens landen. Weiß man jedoch, dass dieses Ölgemälde des rumänischen Künstlers Adrian Ghenei den Titel "Pie Fight Study III" trägt, ändert das alles. Aus einem horrorartig schmelzenden Gesicht wird ein witziges Bild einer Tortung.

Bei genauerer Betrachtung geht es Gropper also nur zweitrangig um die Suche nach passablen Lebenskonzepten. Vielmehr liegt die Faszination in den verschiedenen Antworten, die Menschen im Laufe ihres Lebens sich dafür zurechtlegen und in ihren Versuchen, den Erkenntnissen entsprechend zu handeln. Schließlich deutet auch der Albumtitel "Vexations", übersetzt "Ärgernisse", auf die philosophische Frage hin, wie wir alle mit den Unwegsamkeiten des Lebens umgehen können.

"Wut oder Zorn sind auch eine Art, um mit Ärgernissen umzugehen. Nicht meine, ich versuche ja eher, Wut und Aufregung zu vermeiden. Es geht mehr darum - es wird jetzt gleich sehr philosophisch - dass die Aufgabe im Leben darin besteht, mit all den Ärgernissen klarzukommen. es ist eine große Frage, die ich da angepackt habe, die mich grundsätzlich interessiert und die mich wahrscheinlich auch bis zum Ende meines künstlerischen Schaffens beschäftigen wird."

... und ihre Ausführung

Was wie ein großes, verkopftes Konzept anmutet und von vielen schon jetzt als zu gewollt und gekünstelt kritisiert wird, gibt bei näherer Beschäftigung einen spannenden Blick durch Groppers Brille auf einen Spiegel unserer Zeit frei. Denn natürlich lässt die Auswahl der Personen, die durch "Vexations" streifen ein Rückschluss auf Konstantin Gropper selbst und die Themen zu, mit denen er sich über die letzten Jahre beschäftigt hat.

Schon alleine der Titel des großartigen Stücks "Werner Herzog got shot" sticht ins Auge. Auch hier überwiegen gefühlvolle Streicher, eine Engelsstimme im Hintergrund, eine traurige Melodieführung und die prägnante Stimme Groppers. Nicht zu vergessen die wundervoll angezerrte Gitarrenlinie, die wie eine singende Säge den Refrain beschließt. Der hypnotisierende Schlagzeugrhythmus treibt die Geschichte voran, die von einer wahren Begebenheit und Konstantins Interpretation auf allgemeinerer Ebene erzählt.

"Werner Herzog ist bei einem Interview mit der BBC zu seinem Film 'Grizzly Man' angeschossen worden. Ich fand den Vorfall erst einmal spektakulär, weil Herzog im ersten Moment ein bisschen drüber lacht und das Interview fortführt, als wäre nichts geschehen, obwohl er am Bauch blutet. Und das war für mich beispielhaft für die Art und Weise, wie Werner Herzog arbeitet und was für ein Künstler er ist. Ständig unter Lebenseinsatz alles für seine Filme zu riskieren. Das Lied ist eine Hommage an diesen Künstler Ethos."

In einem anderen Song wiederum bezieht sich Gropper auf die weltbekannte Schweizer Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Ende der Sechziger Jahre hat sie mit ihrem Werk "On Death And Dying" fünf Phasen beschrieben, durch die sterbende und auch trauernde Menschen gehen müssen und damit zu größerem Verständnis für Todkranke und ihre Angehörige beigetragen.

Sie hat als erste mit Todkranken Interviews in einem Hörsaal einer amerikanischen Universität vor all ihren Medizinstudenten geführt und damit begonnen, an einem der größten Tabus und "Ärgernissen" der Menschheit zu kratzen, dem Tod und damit einhergehend der eigenen Sterblichkeit.

5 Steps / 7 Swords gibts auf youwillgetwellsoon.com als Gratisdownload

Auch musikalisch wird die Beschäftigung mit der Endlichkeit unseres Daseins durch einen Verweis ausgeschmückt. Denn die Trompeten und Blasinstrumente stimmen in "5 Steps / 7 Swords" einen Trauermarsch an, der die Melodie von Pergolesis "Stabat Mater" zitiert. Ausschlaggegend für dieses düstere Kapitel war eine kleine, persönliche Geschichte, die nicht unbedingt sehr nahe liegend scheint.

"Ich habe dieses Stück über den Tod und das Verhältnis zum eigenen Tod geschrieben, weil ich wahrscheinlich die falschen Bücher gelesen habe und damit klar kommen musste. Also von so düsteren, österreichischen Autoren (lacht) wie Josef Winkler, der schon sehr todeslastig schreibt. Es war eine Art Verarbeitung. Die Bücher von Kübler-Ross haben mir allerdings nicht weiter geholfen, irgendein Verhältnis zum eigenen Tod zu bekommen. Dafür habe ich aber diese Nummer geschrieben."

Von der Angst zur Hoffnung

FM4 Fest Plakat

Marmelade im Schuh
Hier gibt's das komplette Lineup (mit Get Well Soon, Blood Red Shoes, Die Sterne uvm.) und alle Infos zum FM4 Geburtstagsfest am 23. Jänner in der Wiener Arena.

Trotz der scheinbar distanzierten Perspektive sind auf dem neuen Get Well Soon Werk auch sehr persönliche Momente zu finden. "A Voice In The Louvre", inspiriert von dem letzten Satz "Du musst dein Leben ändern" des Rilke Gedichts "Archaischer Torso Apollos", ist Groppers Auseinandersetzung mit Zukunftsängsten. Ein geheimnisvolles Stück mit melancholischer und trotzdem hoffnungsvoller Harmonieführung, begleitet von zarten Glöckchenklängen, akustischer Gitarre und dezenten Percussions. Und das etwas tragisch wirkende und kunstvoll aufgebaute "A Burial At Sea" wagt sich an eine noch größere Angst heran, der man auch mit stoischem Lebenskonzept manchmal nur schwer beikommt.

"Es geht ja nicht nur darum, an ein übergeordnetes Prinzip zu glauben, sondern auch daran, dass man eine Aufgabe hat. In "A Burial At Sea" geht es genau darum, dass man vielleicht denkt, man hätte eine Aufgabe, nur dass es der Welt unter Umständen einfach egal ist. Das ist eine Grundangst von Künstlern, die Bedeutungslosigkeit."

Ein Thema darf natürlich auf "Vexations" natürlich nicht fehlen, die Liebe. Jedoch nicht im Sinn von "Ärgernis", sondern vielmehr als mögliche Antwort auf die vielen Fragen. Während "That Love", das in seiner reduzierten, balladesken Form mit leisem Klavier, schwelgerischen Gitarrentönen und Beserlschlagzeug auskommt, das Phänomen aus sicherer Distanz zu analysieren scheint, ist die Konklusion des Albums im letzten Stück "We Are The Roman Empire" zu finden. Es ist ein Liebeslied im wahrsten Sinne des Wortes, wenn der sanfte Chor einsetzt, begleitet von tragenden Gitarrenakkorden, Marimba- und entferntem Glockenklängen.

"Diese Nummer hat einen sehr einfachen Text. Es ist fast schon wie ein Kinderlied, in dem es heißt, dass man zusammen alles schaffen kann. Ein bisschen kitschig, aber darum geht es. Man kann diesen Song fast als Lösung betrachten, Er ist abgesetzt vom eigentlichen Album, das mit dem vorletzten Song 'Angry Young Man' abschließt. Der richtige Abschluss 'We Are The Roman Empire' ist das, was aus dem Vorhergegangenen aufsteigt, nämlich die Hoffnung."

Teil 1: Ein erster Vorgeschmack auf das neue Get Well Soon Album "Vexations".

All diese Geschichten, Hintergründe und Überlegungen von Konstantin Gropper tragen hoffentlich dazu bei, dass man dieses schöne, traurige, strahlende und vor allem wundervoll komponierte Album als gelungenes Gesamtkunstwerk wahrnimmt und es vielleicht auch ein bisschen besser verstehen kann. Denn hinter Get Well Soon steckt ein nachdenklicher, gescheiter, neugieriger Mensch und vor allem ein großartiger Musiker.

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  • moosesgarcia | vor 755 Tagen, 23 Stunden, 58 Minuten

    Und was ich eigentlich wollte:

    Hab mir das erste Album von Get Well Soon damals voll Vorfreude besorgt und war begeistert. Allerdings muss ich sagen, dass es sich irgendwie sehr schnell abgenutzt hat und ich plötzlich keinen Zugang mehr fand. Bin gespannt, ob es mit diesem Album auch so ist.

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    • andreasgstettner | vor 755 Tagen, 14 Stunden, 7 Minuten

      kann nur sagen...

      ...ich hab es jetzt oft gehört nud es ist immer noch großartig; ausserdem bekomme ich den Refrain von "Seneca's Silence" nicht aus dem Kopf, und wenn doch, dann taucht er ein paar Stunden später unvermittelt wieder auf...

  • moosesgarcia | vor 755 Tagen, 23 Stunden, 59 Minuten

    An dieser Stelle auch ein Tipp

    für düstere Winternächte:

    Ben Frost - By the Throat. Hab den Herrn erst kürzlich entdeckt und meine Begeisterung steigt von Tag zu Tag. Am Abend das licht dämmen, auf die Couch legen und By the Throat hören. Düster, klirrend und doch so hoffnungsvoll. Echt mal eine Neuentdeckung, zumindest für mich.

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  • rainbowjohnny | vor 756 Tagen, 18 Stunden, 57 Minuten

    Hoffnung...

    ....long live the album!

    ...liest sich wie aus einem guss!

    *thez*

    http://www.fm5.at/Multikulturelle%20Bef%C3%BCrworter/

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