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Musik, Film, Heiteres

Christian Fuchs

Christian Fuchs

Twilight Zone: Film- und Musiknotizen aus den eher schummrigen Gebieten des
Pop.

24. 1. 2010 - 18:47

Avatare & Surrogate

Second Life à la Hollywood. Wie sich der amerikanische Blockbuster einer möglichen virtuellen Zukunft nähert.

Fast täglich begegne ich Menschen da draußen, die dem größten Filmphänomen der Gegenwart kopfschüttelnd gegenüber stehen. "Zugegeben", erklären sie, "die 3D-Effekte sind schon toll, technisch ist das alles sehr beeindruckend. Aber du liebe Güte, die Story ist doch dermaßen platt, und auch das Design der Figuren kann nicht ernst gemeint sein."

Dabei, antworte ich dann, gehört gerade der ästhetische und inhaltliche Bruch mit einer gewissen allgegenwärtigen, alles verseuchenden Abgebrühtheit zu den schönsten Verdiensten von James Camerons Wunderwerk "Avatar".

In einem Hier und Jetzt, wo gegen die Traummaschine Kino und die dazugehörenden Erzählungen immer häufiger öde Vernunftargumente ins Spiel gebracht werden, erscheint die bedingungslose Hingabe an den pulsierenden, leuchtenden, funkelnden Kitsch beinahe als radikale Haltung.

"Im Zweifel für die Zwitterwesen aus weit entfernten Sphären, im Zweifel fürs Erzittern beim Anblick der Chimären", bringen es Tocotronic im derzeit besten Song von überhaupt auf den Punkt.

Avatar

Dabei ist dieses freiwillige und rauschartige Sich-fallen-Lassen in einen Kosmos der bewussten Navi-Naivität, dieser knallbunte Disco-Aspekt des Films sozusagen, natürlich nur ein Ansatz zum ungeheuer reichhaltigen Themenkomplex "Avatar".

Nicht trotz, sondern gerade wegen der dünnen Story kann man über diesen Film endlos diskutieren, Bücher oder Diplomarbeiten schreiben. Denn James Cameron arbeitet wie ein genialer Popsong-Schreiber, der vorsätzlich die begrenzten Mittel des Strophe-Refrain-Schemas benutzt, um Explosionen in Herz und Hirn auszulösen.

Ganz bewusst reduziert er seinen Plot auf das Minimalste, damit wir Zuseher uns immer wieder von der Geschichte verabschieden und in unseren eigenen Assoziationen und Gedanken verlieren können. In einem Wechselbad der Gefühle, einem Dickicht aus Mythen und Monstren, Hi-Tech-Fetischismus und Naturgläubigkeit, Science-Fiction-Visionen und Wild-West-Romantik.

Von einem Zwiebelfilm spricht Georg Seeßlen in seinem klugen Review, weil dieser Streifen so viele Schichten hat, die vom knalligen Popcornkino über antiimperialistische Botschaften zum Philosophieseminar führen.

Avatar

Etliche dieser Ebenen, die "Avatar" unter seiner scheinbar trivialen Oberfläche verbirgt, kulminieren im vielleicht zentralsten und berührendsten Kinobild dieser Tage.

Wenn gegen Ende des Films der kleine, verwundete, gelähmte (nicht nur im wörtlichen Sinn) Soldat Jake in den Armen der riesigen, immens starken und gleichzeitig hochsensiblen außerirdischen Neytiri liegt, dann beschwört Cameron hier vieles gleichzeitig.

Er zeigt, dass uns das Andere und Fremde letztlich retten wird, er deutet den Sieg des Weiblichen über eine falsch verstandene, zerstörerische Männlichkeit an, er lässt ganz altmodisch die Liebe über Ideologie, Ökonomie und Militarismus triumphieren.

Darüber hinaus fasst Cameron aber in dieser Schlüsselszene und im darauffolgenden Finale auch zusammen, wovon sein ganzes Epos eben auch zentral handelt: von der Vereinigung des Authentischen mit dem Artifiziellen, vom kompletten Aufgehen in künstlichen Ersatzwelten. Von unserer Zukunft schließlich, von der "Avatar" nicht nur handelt, sondern die wir Zuschauer mit unseren billigen 3D-Brillen auch zum ersten Mal glaubwürdig erahnen dürfen.

Avatar

James Cameron gelingt es damit, einen Begriff wieder ernsthaft in die Diskussion zurückzuholen, der im filmischen Kontext abgegriffener nicht sein könnte, den der virtuellen Realität nämlich.

Erinnert sich noch irgendwer an lustige Kindergarten-Sci-Fi Marke "Tron", "The Lawnmower Man" oder gar "Johnny Mnemonic", an die vielen Hollywood-Versuche, die Prognosen von Cyperpunk-Apologeten wie William Gibson mittels trashiger Effekte zu visualisieren? Erst der Beginn der "Matrix"-Saga überraschte mit neuen Zugängen, die von den Wachowski-Brüdern in den Sequels dann aber auf spektakulär verquaste Weise in den Sand gesetzt wurden.

Wirklich bemerkenswert fingen die Second-Life-Thematik bislang nur zwei Filmemacher ein: David Cronenberg und Kathryn Bigelow.

Ersterer verzichtet in seinem dezidiert spröden Computerspiel-Schocker "eXistenZ" gänzlich auf den gängigen peinlichen Cyberlook. Und Bigelow kommt in ihrem Millenniums-Thriller "Strange Days", dessen Drehbuch James Cameron verfasste, den Romanen von Gibson am nähesten.

ExistenZ

Was diese beiden höchst unterschiedlichen Filme aus den Neunzigern verbindet: Sie sind faszinierende Fantasie und verstörende Dystopie, mahnen vor den Heilsversprechen der Virtual Reality, verstehen aber gleichzeitig die Bedürfnisse der Protagonisten, sich in künstliche Erlebniswelten einzuklinken.

Weitaus eindeutiger schwenkt jetzt Regisseur Jonathan Mostow in "Surrogates" den warnenden Zeigefinger. In der futuristischen Zukunft dieses Films ist jenes Leben aus zweiter Hand, das eingefleischte Webjunkies schon jetzt praktizieren, vollständig Wirklichkeit geworden.

Während die Bevölkerung in abgedunkelten Räumen auf der Couch liegt, laufen täuschend ähnliche Surrogate durch den Alltag. Und diese schicken Roboterkopien können alles besser, schneller und länger als Menschen, vom Laufen bis zum Sex.

Ein brutaler Mord sorgt allerdings für Aufruhr im künstlichen Paradies. Bruce Willis in seiner Standardrolle als knochenharter Cop soll den Täter finden, zunächst als Surrogat, aber bald schon muss das abgekämpfte Original den Hintern hochbewegen. Und natürlich legt sich der alte Actionveteran mit den gestreamlineden Androiden an.

Surrogates

"Surrogates" ist dann am besten, wenn er unserer Facebook-Gesellschaft sarkastisch den Spiegel vorhält und die armseligen und einsamen Besitzer hinter den Surrogaten zeigt, mit ihren müden Augen und ihrer schlechten Haut.

Aber Jonathan Mostow verrennt sich schließlich in einen vorhersehbaren Kulturpessimismus, der weit hinter die erwähnten Mensch-Maschinen-Symbiose-Streifen zurückfällt und am liebsten die Technologie als Ganzes abschaffen würde.

So bleibt "Surrogates", obwohl er sich um scheinbar mehr Realitätsbezug bemüht als das Fantasymärchen "Avatar", nur eine altbackene und etwas muffige Mischung aus Blockbuster und Belehrung.

James Cameron ist da ungleich weiter, indem er sich auf keinen simplen Standpunkt einlässt, sondern bewusst die Ambivalenz, die Widersprüchlichkeit, die Zerrissenheit zelebriert. Er macht selbst Virtual-Reality-Skeptiker wie meine Wenigkeit süchtig nach der Simulation, gleichzeitig zeigt er die Entfremdung, die uns in der Hi-Tech-Zukunft erwartet.

Wenn man, wie es mir erging, glückselig aus dem Kino taumelt, überwältigt von Pixelromantik und Erdverbundenheit von der Festplatte, von einer Feier der Natur mit den Mitteln der absoluten Künstlichkeit, dann bleibt trotzdem eine seltsame Wehmut zurück. Wer auf dem Planeten Pandora wohnen will, muss seinen Körper aufgeben. Und das, prophezeit uns Mr. Cameron, werden wir wohl alle irgendwann tun.

Avatar

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  • naughtylittlekitten | vor 743 Tagen, 18 Stunden, 28 Minuten

    Ich kann eigentlich nur "Amen" sagen.
    Der Artikel trifft einfach (mal wieder) voll ins Schwarze. Und schön geschrieben ist er auch noch. Schreib doch endlich mal nen Roman!! Ich kauf ihn sofort ;)

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  • kleinerrollhügel | vor 744 Tagen, 4 Stunden, 30 Minuten

    danke für die zeilen zu avatar. die beschriebene szene ist meine liebste, neben jener in der er seine neuen beine ausprobiert...

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  • milchmeister | vor 747 Tagen, 23 Stunden, 11 Minuten

    beide filme

    sind in meiner persönlichen bewertung unter ferner liefen...
    surrogates gibts schon ohne bruce willis
    und avatare gibts auch schon, nur eben ohne blaue schlumpfriesen...

    nicht wirklich was neues und noch dazu irgendwie nix großartiges mehr... eigentlich schade, dass soviel geld hineingesteckt wird und nix rauskommt... hm woher kommt mir dieses prinzip bekannt vor?

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  • ramboso | vor 748 Tagen, 12 Stunden, 15 Minuten

    avatar my ass

    wg rezensionen wie dieser hab ich mir trotz aller bedenken eine guten film erwartet, vor dem film aufgeregt wie ein kleines kind, bei der ersten szene mich noch mehr gefreut über einen perfekten einstieg in diese 3D welt und filmische möglichkeiten, nach 50 fluroiszierenden pflanzen, blauen indianer, drachen, was auch immer hats dann gereicht, und in der pause schon gemerkt, dass es mir scheissegal wie´s weitergeht, kein packendes element, null gefühl, ausser sich an der effekthascherei zu erfreuen, das wars auch schon...nicht langweilig, aber mmn sicher kein guter film.

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  • screenshot33 | vor 748 Tagen, 18 Stunden, 9 Minuten

    "James Cameron ist da ungleich weiter, indem er sich auf...

    ...keinen simplen Standpunkt einlässt,

    sondern bewusst die Ambivalenz, die Widersprüchlichkeit, die Zerrissenheit zelebriert."

    Wo bitte?

    "Avatar" führt den simpelsten aller Standpunkte dramaturgisch plump aus. Ich sehe weder Ambivalenz noch Widersprüchlichkeit noch Zerrissenheit. Nur einen technisch brillianten Film der die disneyfizierte Pocahontas-Geschichte und "FernGully" weithin sichtbar zitiert.

    Bis auf den "District 9"-Vergleich, dem ich so nicht zustimme, find ich folgenden Artikel sehr gescheit: http://io9.com/5422666/when-will-white-people-stop-making-movies-like-avatar

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  • miikesmama | vor 749 Tagen, 9 Stunden, 16 Minuten

    Gerade gesehen..

    Christian, bist du TOOL Fan?

    Guckst du hier: Documentary über Maynard James Keenan und seinen Wein:

    http://www.apple.com/trailers/independent/bloodintowine/

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  • beastmaster | vor 749 Tagen, 10 Stunden, 35 Minuten

    "Gamer"

    Habe ich zwar nicht gesehen, aber ich vermute mal, er reiht sich auch in die Reihe missglückter Filme zum Thema VR. Hollywood kann ja traditionell mit "digitalen" Themen kreativ nicht so viel anfangen, was sich gerade wohl ändert. Schaudernd erinnere ich mich (selbst kein Computerkenner) an die Darstellung vom Hacken in den Filmen der letzten 10 Jahre...

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    • miikesmama | vor 749 Tagen, 1 Stunde, 27 Minuten

      'Gamer' interessiert das Thema VR cirka genauso brennend wie Logik, Charaktere oder Niveau.
      Der Regisseur ist der von Crank 1 u. 2, und Gerry Butler versucht verzweifelt sowas wie Ernsthaftigkeit in seine Rolle zu bingen. 'Peter Petrelli' aus Heroes spielt einen durchgeknallten Vergewaltiger, und 'Dexter' Michael C. Hall den Erfinder des mörderischen Spiels. Letzterer rettet den Film mMn mit einer genialen Tanzszene und offensichltichem Spass an der Rolle, sonst kann man sich Gamer schenken.

    • beastmaster | vor 748 Tagen, 9 Stunden, 34 Minuten

      Vorurteile bestätigt, Zeit gespart.

  • jubilee | vor 749 Tagen, 12 Stunden, 8 Minuten

    hach...die flucht in knallbunte kitschwelten is ja auch nix neues sondern etwas das verlässlich alle paar jahre wiederkommt und natürlich immer dann wenn die "echte" welt grad mal wieder besonders zynisch drauf is

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  • flock2001 | vor 749 Tagen, 14 Stunden, 44 Minuten

    bin da ganz bei agentcc...
    das mit "absichtlich dünne story" wirkt auf mich eher, wie n psychologischer kunstgriff des gehirns, sich nen film passend schönzureden...

    mir hat die story nicht nur nicht gefallen, ich fand sie schlecht und....
    DU christian, der die rave-szene in matrix2 nicht mochte? musste bei all dem flötenklang dauernd dran denken

    ich mag den film. wegen der effekte. aber alles andere fand ich von "schon dagewesen" bis "gefährlich reaktionär"

    immerhin, hat er mich anscheinend ein bisschen aufgewühlt, was will man mehr

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  • rainersigl | vor 749 Tagen, 15 Stunden, 46 Minuten

    schamlose eigen-PR

    passt aber wie die faust aufs auge zum thema: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24089/1.html

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