Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Eine kurze Geschichte der Zeit"

Musik, Film, Heiteres

Christian Fuchs

Christian Fuchs

Twilight Zone: Film- und Musiknotizen aus den eher schummrigen Gebieten des
Pop.

26. 1. 2010 - 13:49

Eine kurze Geschichte der Zeit

Verzerrte Romanzen, schöne Albträume, Liebeslügen und unzählige Pop-Referenzen: The Big Pink live in der Wiener Arena.

Wie soll ich jetzt spoilerfrei über meine Gedanken schreiben, die mir bei den ersten Songs von The Big Pink gestern durch den Kopf schwirrten?

Schließlich fühlte ich mich auf seltsame Weise an den Anfang der fünften Staffel der süchtigmachendsten TV-Serie überhaupt erinnert. In diesem wahnwitzigen Season-Opener sind die auf einer mysteriösen Insel gestrandeten "Lost"-Helden mit einem verstörenden Phänomen konfrontiert.

Ein grelles, blendendes Leuchten kündigt eine Reihe von Zeitverschiebungen an, die völlig unberechenbar aufeinander folgen. Einmal verbleiben die Protagonisten etwas länger in einem bestimmten Jahr, dann wieder nur einige atemlose Momente lang.

Und auch in der gut gefüllten, aber lange nicht ausverkauften Wiener Arena ist es weißes, zerhacktes Bühnenlicht, das diverse Zeitsprünge einleitet, oft innerhalb bestimmter Songs.

Eben stehen da noch oder schon wieder The Jesus and Mary Chain in ihrer mittleren Phase als The Big Pink auf der Bühne, dann, ein paar Takte später, schälen sich gar die ganz frühen Sisters Of Mercy aus dem bittersüßen Noisepop.

Die Band Big Pink bei einem Konzert in der Wiener Arena

Aber bevor der bedrohliche Begriff "Gothic" mit allen dazugehörigen Missverständnissen vor dem geistigen Auge erscheint, switcht die Band schon wieder durch die Dekaden.

Plötzlich taucht, mitten in einer sakral anmutenden Stimmung, ein Refrain aus dem Nebel auf, für den etliche Baggybands der Madchester-Ära ihre Sammlung illegaler Substanzen getauscht hätten.

Dann, bevor die Atmosphäre zu schunkelig und versöhnlich im Ian Brown-Sinn wird, krachen Lärmwände herab, flirrt der Noise, schüttelt der Livebassist seine Haarmatte wie bei Industrialmetal-Konzerten aus der Godflesh-Ära.

Und noch bevor das Surren in den Ohren ausklingt, kündigt Sänger Robbie Furze mit einem Grinsen eine Coverversion an. Das Tambourine und verklingende Gitarrenfeedback lassen an die Warhol-Factory der späten Sixties denken, an Lou Reed, Nico und die Götter aus dem samtenden Untergrund.

Aber die Zeitreise führt ins Hier und Jetzt und aus elegischen Keyboardflächen kriecht im Zeitlupentempo eine tanzende Beyoncé Knowles aka Sasha Fierce heran (imaginär), der Mann mit der Engelsstimme singt "You could be a sweet dream or a beautiful nightmare, either way I don't wanna wake up from you."

Band Big Pink bei einem Konzert in der Wiener Arena

Die Lyrics dieser wunderbaren Nummer, mit ihren Beschwörungen von schlaflosen Nächten und schönen Albträumen, passen fast schon zu Gänsehaut erregend gut zu diesem Duo, das live von dem erwähnten Mann am Bass und der quirligen Comanechi-Drummerin Akiko verstärkt wird.

Denn Robbie Furze, Ex-Gitarrist von Alec Empire und sein Partner Milo Cordell, Klangtüftler und Gründer des famosen Merok-Labels, diese beiden Londoner sind der Liebe auf der Spur, wie schon tausende andere Bands zuvor. Beziehungsweise eher den Schrammen der Liebe, den Panikattacken, Betrügereien und Aggressionsschüben, die zur echten Obsession gehören. This girls fall like dominos!

Auch das ist bekanntlich nicht neu. Und ich kann sie hören, die Besserwisser, wie sie über die unzähligen erwähnten formalen Referenzen lästern, die sich Furze und Cordell auf ihren Zeitreise-Ausflügen einverleiben.

Dabei, und das ist der Punkt, wirkt hier nichts schamlos geklaut oder lieblos zitiert. Was The Big Pink so groß macht und ihr Album zu einem absoluten Meilenstein des vergangenen Jahres, ist, dass sie eben kein musikalischer Fleckerlteppich sind, keine Crossovercombo, wie das irgendwann mal im letzten Jahrhundert geheissen hat.

Die Band Big Pink bei einem Konzert in der Wiener Arena

Die unzähligen, oft auf spannende Weise gegensätzlichen Einflüsse, die diesen Sound entstehen lassen, resultieren schlicht aus der Sozialisation der beiden Big Pinks. Und um die zu verstehen, muss man nur die Bühnenkleidung studieren.

Milo Cordell, der am Anfang das "I Wanna Get High"-Intro von Cypress Hill startet, steht im fetten Parka da, auf dem dann aber kein Hip Hop-Aufnäher prangt, sondern ein Einstürzende Neubauten-Logo. Neben ihm Robbie Furze, der sich mit seinem The Jesus and Mary Chain-T-Shirt so direkt gibt, dass es schon fast wieder absurd wirkt. Dazu der Metalbassist und die Schlagzeugerin, die auch zu den Boredoms passen würden.

Im Gegensatz zur eh sympathischen, aber in ihrer grungigen Einförmigkeit auch leider sehr faden Vorband The Japandroids, signalisieren The Big Pink alles andere als Geschlossenheit. Es geht, wie in der wirklichen gegenwärtigen Welt und wie in der Liebe, um unzählige Dinge, die kollidieren, parallel laufen, sich widersprechen.

Diese Musik ist hymnisch, pathetisch, aufgeblasen und bodenständig, relaxt und tanzbar zugleich. Soul Noise, Hip Hop Gothic, Industrial Pop oder einfach: Das große Rosa. Es war ein schöner, befreiender Abend. Und ich bin sicher, auch die "Lost"-Crew wird am Ende ihrer Reise durch die Zeit erlöst werden.

Die Band Big Pink bei einem Konzert in der Wiener Arena

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • naughtylittlekitten | vor 743 Tagen, 20 Stunden, 20 Minuten

    ist, als wär man dabei gewesen....
    wie immer: wunderschön geschrieben!!

    Auf dieses Posting antworten
  • jury | vor 747 Tagen, 21 Stunden, 55 Minuten

    Leider gleichzeitig

    Alle die sich von Big Pink beeindrucken haben lassen, haben leider das geniale Konzert von Scott Kelly (gleichzeitig im WUK) versäumt. Das war wirklich eine besondere Erfahrung; besonders intensiv und herzerwärmend. Glücklicherweise ist er im April mit Shrinebuilder wieder in Wien.

    Auf dieses Posting antworten
    • feinunze | vor 747 Tagen, 20 Stunden, 20 Minuten

      Scott

      Scott Kelly von Neurosis?

    • jury | vor 747 Tagen, 20 Stunden, 4 Minuten

      Neurosis

      Ja genau der. Ein Mann, zwei Gitarren. Eigene Songs, Coverversionen von John Lee Hooker, unplugged Neurosis, unplugged Shrinebuiler...Alles sehr traurig, sehr dunkel und unheimlich nett..

    • bloodshed | vor 747 Tagen, 17 Stunden, 54 Minuten

      scott kelly/neurosis

      war in der tat auch ein sehr "interessantes" konzerterlebnis, ja. fands auf gewisse art auch recht super.

  • harald123 | vor 748 Tagen, 11 Stunden, 17 Minuten

    ja, schön war sie, die zeitreise. aber viiiiel zu kurz.

    Auf dieses Posting antworten
  • lotuseater | vor 748 Tagen, 11 Stunden, 26 Minuten

    Live leider eine Enttäuschung

    http://www.liferadio.at/musik/musiknews/view/article/14/the-big-pink-in-wien-groessenwahn-in-laerm-getraenkt/

    Auf dieses Posting antworten
    • höherewarte | vor 748 Tagen, 3 Minuten

      Ohne mich lustig machen zu wollen...

      ...oder damit irgend etwas über die Zurechnungsfähigkeit dieses Autors und der Seite an sich aussagen zu wollen - einige Links, die mir da aufgefallen sind:
      "Liferadio - Oberösterreichs beste Musik"
      "Take That für Haiti-Hilfsprojekt wieder komplett"
      "Lady Gaga und Robbie Williams für Echo nominiert"
      "Justin Timberlake erhält Pusty Pudding-Preis"
      "Sean Combs schenkt Sohn Luxusauto"
      "Steven Tyler spielt im Baumarkt"

      Noch Fragen?

      Aber Kompliment, Herr Fuchs, mich hat das Konzert ebenso begeistert. Und ich freu mich da schon auf den Mai und BRMC...

    • christianfuchs | vor 747 Tagen, 23 Stunden, 19 Minuten

      fragt sich auch was sich der autor erwartet hat.

      sowohl distanziertheit (jesus & mary chain spielten oft mit dem rücken zum publikum) als auch lautstärke (fand ich harmlos, verglichen mit vorbildern wie my bloody valentine) und pathos (haben sie durch ihre charmante art sogar noch gebrochen) sind dieser musik ja schon im kern eingeschrieben.

      all die bands, die hier in der zeitreise auftauchten, waren auch keine händeschüttelnden stimmungsmacher.

    • höherewarte | vor 747 Tagen, 22 Stunden, 41 Minuten

      Die Erwartungshaltung gar nicht so weniger Besucher wird wohl maßgeblich von "Dominos" und der recht braven Albumproduktion geprägt gewesen sein - und ganz ehrlich gesagt war "Dominos" der Song, mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Ist mir zu affirmativ und im Gegensatz der von mir geliebten Praxis "Lasst Harmonie aus Noise und Dissonanz erstehen" ist dieser Song ein trojanisches Pop-Pferd sondergleichen...aber mit Kommerzvorwürfen und ähnlichem hab ich nicht viel am Hut. Die Lautstärke war für mich insofern gewöhnungsbedürftig, als ich in den letzten Jahren wohl zu viel kanadischen Live-Chamber Pop gehört habe, wo man dem Nachbar meist noch verlässlich etwas zuflüstern kann. Aber wirklich schön, wieder einmal die legale Dröhnung (auch visuell) erfahren zu haben. Hat mich an feine Sachen wie Flex-BRMC, die Warlocks in der Szene, Serena Maneesh, die Dandy Warhols (auch solche Trojaner) und Black Angels erinnert - mehr davon bitte gern, jederzeit.

    • christianfuchs | vor 747 Tagen, 22 Stunden, 11 Minuten

      sehr schön. ich möchte auf trojanischen pop-pferden in den sonnenuntergang reiten. und dabei dennoch von brmc und den black angels zugedröhnt werden.

    • jubilee | vor 747 Tagen, 20 Stunden, 42 Minuten

      seit letztem jahr maßstab:
      http://www.youtube.com/watch?v=A27m6wmuLqU&feature=related
      (abgesehen von SUNN 0))) vielleicht)

    • höherewarte | vor 747 Tagen, 19 Stunden, 24 Minuten

      Den Herrn Spaceman darf man natürlich nicht vergessen...

      Leider hat die kurzfristige Pleite des Veranstalters meine bisher einzige Möglichkeit zunichte gemacht, Spiritualized live zu sehen.

  • tuneless | vor 748 Tagen, 13 Stunden, 40 Minuten

    und ich dachte

    Big Pink spielten gestern in Vienna, Australien ;)
    http://www.myspace.com/musicfromthebigpink

    Auf dieses Posting antworten
  • jubilee | vor 748 Tagen, 17 Stunden, 6 Minuten

    hm...ich hab die, wohl wegen der doch recht poppig und zahm daherkommenden hitsingle, nie sonderlich ernst genommen, also auch ned angschaut, aber vielleicht bei gelegenheit doch mal näher reinhören...

    Auf dieses Posting antworten
    • kirschensindambaum | vor 748 Tagen, 15 Stunden, 6 Minuten

      i war ja ur begeistert von "velvet"... mit "dominos" (was du wahrscheinlich mit hitsingle meinst) konnt i aba a nix anfangn :/

  • christianlehner | vor 748 Tagen, 17 Stunden, 33 Minuten

    swim!

    hinreissender text II, christian, big up II.

    die sache mit der sozialisation und der transparenz ist ein knackpunkt, die retroeinflüsse der jetztzeit zu verstehen.

    alle meine diesbezüglichen gespräche der letzten zeit, ob mit christopher owens von girls,jonathan pierce von the drums oder alan palomo aka neon indian, ergeben einen common sense: wir leugnen nicht, was uns beeinflusst hat, wir feiern es. dass das nicht zu biederen nachstellerei oder fusion von zwei total argen gegensätzen führt, sondern zu einer berauschenden vielfalt quer durch 50 jahr pop, ist natürlich auch dem guten alten internet geschuldet.

    und das geht natürlich auch erweitert mit gitarre und 90er alternative zutaten, wie die wahnsinnig superen surfer blood aus florida gerade mit ihrem debüt unter beweis gestellt haben. listen to swim!

    Auf dieses Posting antworten
    • sleazy | vor 747 Tagen, 17 Stunden, 40 Minuten

      Astro Coast

      einmal gehört, sofort gezündet. und ja, natürlich spielt hier (siehe eben big pink, japandroids, ...) auch der nostalgiefaktor mit rein. aber wie du richtigerweise bemerkt hast, werden hier die musikalischen wegbegleiter eklektizistischst abgefeiert und nicht um wiederauferstehung gebeten. allerdings glaub ich nicht, dass du mit surfer blood beim kollegen fuchs ins schwarze triffst. die passen weder musikalisch noch frisurentechnisch in sein beuteschema. behaupt ich jetzt mal so ;-) aber schön geschrieben, herr fuchs.

  • andreasgstettner | vor 748 Tagen, 18 Stunden, 18 Minuten

    verdammt...

    ...noch ziemlich maltretier und verkühlt vom wochenende ist mir dieses konzert entgangen und wie ich lese habe ich großes verpasst, vor allem als bekennender shoegazer...

    Auf dieses Posting antworten