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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

6. 2. 2010 - 14:42

Pennies for the Guy

Warum die Existenzkrise des Labels von Beatles, Blur, Coldplay, Robbie Williams und Lily Allen mit dem Verfall des alten Musikbusiness noch lange nicht erklärt ist.

Letzten Donnerstag sind wir, also Ian, Stefan und ich (die durchreisende Band) mit Daddy D nach Mitternacht in St. Pölten zusammengesessen und haben bei gutem Wein und Bier am Beispiel von Obama und seiner Gesundheitsreform über vorgefertigte Narrative in den Medien schwadroniert, die sich durch ständige Wiederholung ins kollektive Bewusstsein einbrennen.

Irgendwann kamen wir dabei auch auf unsere unterschiedlichen Meinungen zu Zustand und Zukunft der Musikindustrie zu sprechen.

Dave stellte mich den anderen gegenüber als Verteidiger der alten Ordnung dar. Meine Zunge war schon zu schwer, um zu erklären, dass gerade bei diesem Thema die Trampelpfade irreführender Narrative am Ziel eines differenzierten Standpunkts vorbeiführen.

Gestern folgte jedenfalls das typische Beispiel in Form der Berichterstattung über die existenzbedrohend hohe Verschuldung der EMI:
1,75 Milliarden Pfund auf der falschen Seite der bottom line, das lässt sich kaum mehr vom Tisch wischen.

"I tell you it was all a frame"

(Johnny Rotten, 1977, "E.M.I. Unlimited Edition")

Und schon setzte es allerorts die üblichen Thesen von Verlusten durch illegale Downloads und der Krise der Musikindustrie, von alten Geschäftsmodellen, die nicht mehr greifen und der seit zwei Jahren vom neuen Eigentümer Terra Firma verordneten Umstrukturierung, von deren Erfolgsaussichten der Markt erst überzeugt werden müsse.

Und fertig war die Story.

Rückseite der Sex Pistols-LP "Never Mind The Bollocks" mit Songtiteln: "EMI Unlimited Edition", "Problems"

Was sich zwar zufällig, aber recht treffend auf den Namen eines gedächtnisschwachen Paletten-Doktorfisch aus dem Pixar-Universum reimt.

Ich kann mich nämlich noch ziemlich rege an jene Übernahme der EMI vor zwei Jahren durch ebendiese Private Equity-Gruppe namens Terra Firma unter der Führung des aus den Ställen Goldman Sachs und Nomura kommenden Wunderwuzzi Guy Hands erinnern.

Meine Sicht davon veröffentlichte ich zu jener Zeit in der Berliner Zeitung.

Wie da nachzulesen ist, zahlte Terra Firma damals umgerechnet 4,8 Milliarden Euro für den Musikkonzern. Eine Summe, die jedem, der die vergeblichen Versuche der EMI mitverfolgt hatte, sich zu verkaufen oder mit anderen Multis zusammenzutun, ziemlich hoch vorkommen musste (erst 2001 war der Aktienwert der EMI auf den Tiefstand von 2 Milliarden Dollar gefallen).

"Efficiency, efficiency, they say"

(John Cale, 1973, "Paris 1919")

Downloads hin oder her, wie es die alten Herren der EMI (zuletzt der Keksbaron Eric Nicoli) geschafft hatten, diese Firma mit einem derartigen Katalog an die Wand zu fahren, war damals schon unglaublich: die Beatles, Teile des Rolling Stones-Katalogs, David Bowie, Queen, Pink Floyd, Beach Boys, Beastie Boys, Blur, Radiohead, Sex Pistols, Spice Girls, Kylie Minogue, Pet Shop Boys, Korn, Coldplay, McFly, Gorillaz, Daft Punk, Lily Allen, Katy Perry, Robbie Williams... Hot Chip.

Wer daraus kein Geld machen kann, muss zuviel ins kolumbianische Agrarwesen investiert haben, wird Hands sich - nicht ganz ohne Berechtigung - gedacht haben. Er kündigte gleich den Abbau von 2.200 MitarbeiterInnen an, tauschte das große Londoner Hauptquartier in Hammersmith und das von Virgin in der Harrow Road gegen ein kleineres in Kensington ein, ließ den Katalog von 14.000 KünstlerInnen von kommerziellen Nieten bereinigen, vergraulte mit Tony Wadsworth einen seiner wichtigsten Mittelsleute zu den MusikerInnen und in schneller Folge mit Radiohead und Paul McCartney zwei seiner wichtigsten Zugpferde.

"Efficiency, efficiency, they say", wie es so schön in John Cales "Paris 1919", einem weiteren in Terra Firmas Besitz übergegangen Klassiker heißt, dessen Tantiemen demnächst in der Buchhaltung der Citigroup abgerechnet werden könnten, falls die EMI am Ende der traurigen Saga in den Händen jenes 2008 von der amerikanischen Treasury geretteten Bankgiganten landen sollte.

So firm ist diese Terra nämlich keineswegs, auf der Guy Hands sein Imperium gebaut hat.

"You never give me your money, you only give me your funny paper"

(Paul McCartney, 1969, "You Never Give Me Your Money")

Wir erinnern uns: Die Vorschüsse von 80 Millionen Dollar für Mariah Carey bzw. 80 Millionen Pfund für Robbie Williams wurden einst als Beispiel der unfassbaren Hybris des Musikbusiness medial angeprangert.

Gegen den gewagten Gamble des Guy Hands, sich mit 4,8 Milliarden Euro auf Pump in diese krisengeschüttelte Branche einzukaufen, waren das allerdings bloße Sandkastenspiele.

Nach Ausbruch der Kreditkrise im Herbst 2008 wurden die dazu benötigten Schulden unfinanzierbar.

Um es ganz deutlich zu machen: Die EMI hat - nicht zuletzt dank der Beatles-Remasters - im vergangenen Jahr eigentlich einen sehr anständigen Profit von 293 Millionen Pfund sprich 335 Millionen Euro erwirtschaftet.

Die umgerechnet 2 Milliarden Euro Schulden gehen ergo auf die laufenden Kosten genau jenes Pumps zurück, mit dem Terra Firma die EMI erworben hat.

Mit anderen Worten: Entgegen dem gängigen Narrativ ist es weder das alte Wirtschaftsmodell, noch sind es die illegalen Downloads, die die EMI an den Rand der Existenz gebracht haben, sondern das vor der Finanzkrise als the bee's knees gepriesene Private Equity-Modell ihres Eigentümers Terra Firma.

"And when you put it all together there's the model of a charmless man"

(Damon Albarn, 1995, "Charmless Man")

Und was macht nun der Mann, dessen Name wie ein Ausschlussgrund am Fußballplatz klingt? Guy Hands hat den Nerv und klagt die New Yorker Citigroup, weil sie ihn mutwillig verleitet habe, mehr als notwendig für die EMI zu zahlen und sich somit von ebenjener Citigroup mehr als notwendig, nämlich umgerechnet 3 Milliarden Euro zu borgen.

Klingt frech, schließlich könnte man es ja für den Job eines Investment-Gurus halten, den Wert seines Investments selbst richtig einzuschätzen. Es wird aber noch frecher.

Die Citigroup hat nämlich nichts dagegen, Guy Hands vor Gericht zu treffen, allerdings lieber in London als in New York. Nur will Hands dort partout nicht hin, zumal er, dessen Privatvermögen von der Sunday Times Rich List 2008 auf 250 Millionen Pfund geschätzt wurde, in Großbritannien keine Steuern zahlt und zu diesem Zweck auf der Kanalinsel Guernsey residiert.

Seine Frau und Kinder wohnen in Kent, er selbst sieht sie aber nur, wenn sie ihn im Steuerexil besuchen. Nicht einmal britische Flughäfen wagt Herr Hands, übrigens ein persönlicher Freund des konservativen Schattenaußenministers William Hague, zu betreten.

Das ist also das Kaliber, mit dem wir es hier zu tun haben. Letztes Jahr starb Allen Klein, der mythenumrankte große Blutsauger des Musikgeschäfts an Alzheimer. Im posthumen Vergleich zur neuen Garde, die heute die Reste des Musikgeschäfts ausweidet, macht sich der Mann, der einst die Stones über den Tisch zog und den Beatles den Kapitalismus beibrachte, glatt wie ein Wohltäter aus.

Das ist die Story, Dory.

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  • yaketiyak | vor 42 Tagen, 6 Stunden, 6 Minuten

    "In Every Dream Home A Heartache" (Roxy Music)

    That's The Story, Morning Glory. But there are some more...

    http://derstandard.at/1263706355127/Urteil-Vivendi-droht-Schadensersatz-in-Milliardenhoehe

    http://www.rense.com/general45/bon.htm

    http://groebchen.wordpress.com/2009/04/24/gotterdammerung/

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  • prom000 | vor 42 Tagen, 23 Stunden, 25 Minuten

    Auf Kredit kaufen

    die Schulden in die Firma stecken. Innerhalb von 5 Jahren das Geld wieder reinbekommen und die Firma weiterverkaufen.
    Leider.

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    • rotifer | vor 42 Tagen, 22 Stunden, 17 Minuten

      So hat er sich's zumindest gedacht, ist aber eben nicht so gelaufen.

    • whsonic | vor 40 Tagen, 21 Stunden, 24 Minuten

      Kaufen auf Pump und dann die Schulden dem Opfer aufhalsen: genau so lief es bei Manchester United und Liverpool FC. Eigentlich reiche Klubs, die durch die Machenschaften ihrer neuen Eigentümer auf einmal riesige Schulden aufgebürdet bekamen.
      Wie sympathisch ist mir doch Roman Abramovitch.

  • daddyd | vor 42 Tagen, 23 Stunden, 41 Minuten

    But Robert

    That IS the old business model. Or at least it is another part of it.

    If you look at the labels as a sort of full service investment bank for musicians, a lot of the structures as well as the problems begin to make sense. Major labels are basically speculating, and a lot of their musical strategy manages to remind me of the way hedge-funds work.

    But as far as Mr. Hands goes, that looks just like what many House buyers in the states are looking at. Having used credit to purchase property at an unrealistically inflated price, his purchase is now underwater.

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    • christianlehner | vor 42 Tagen, 23 Stunden, 19 Minuten

      i wouldn´t mix up wall- and mainstreet here, daddy. don´t forget how ecouraged folks in the states were by all sorts of lenders to buy without money, to invest in depth, to buy bigger.

    • rotifer | vor 42 Tagen, 22 Stunden, 9 Minuten

      Dave, on principle I agree: an old-school record deal is a speculative investment deal, based on a credit agreement at modest or no return to the artist. It's not fair and it's really not okay, as Lily Allen would put it.
      My point here is just that the old-school music business part of EMI (however unfair) is actually turning a profit, while the whole new-school finance whizz kid bit is the part that has gone badly wrong.
      Thought that was well worth pointing out because a lot of business has been bought up this way and many people still haven't woken up to the danger of these highly leveraged deals (in the last few weeks, Cadbury's and Man United have been similar stories). In this case EMI could end up in the hands of a bank that has been bailed out by the tax-payer, which is er... interesting to say the least.

    • prom000 | vor 42 Tagen, 7 Stunden, 8 Minuten

      companies(all kinds of) ending up in the hands of banks that have been bailed out.
      Have not thought about that.

    • rudiortner | vor 41 Tagen, 4 Stunden, 18 Minuten

      bleibt also nur noch die frage...

      ...wo die musiker in dieser rechnung bleiben. die von der "industrie" ja immer wieder (blind) vorgeschickt werden, um genau dieses modell vor den konsumenten zu verteidigen.

    • rotifer | vor 41 Tagen, 3 Stunden, 46 Minuten

      1) Im Arsch daheim wie bisher
      2) Geht's aber hier schon auch darum, das eine mit dem anderen nicht zu vermengen. Festzustellen, wo der Hund liegt, damit Leute wie Hands nicht den leichten Ausweg haben, die Schuld auf die Branche zu schieben, so wie das auch sonst immer passiert, wenn Private Equity Deals schieflaufen.

  • erynnia | vor 43 Tagen, 28 Minuten

    dory is not amused

    ...

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  • redken | vor 43 Tagen, 1 Stunde, 11 Minuten

    Danke für die erhellenden Einblicke.

    Danke.

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  • christianlehner | vor 43 Tagen, 1 Stunde, 22 Minuten

    and what a story, dory!

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  • arnonymous | vor 43 Tagen, 1 Stunde, 44 Minuten

    hmm

    danke für den blick hinter den vorhang.

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  • billyhunt | vor 43 Tagen, 2 Stunden, 1 Minute

    Steel and Glass

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