Erstellt am: 10. 2. 2010 - 17:12 Uhr
Das Elend mit Helene Hegemann
Die knapp 18-jährige Autorin und Filmemacherin Helene Hegemann veröffentlicht im Ullstein Verlag ihren Debütroman "Axolotl Roadkill". Berlin, Clubs, Drogen, Sex, E-Mails und Verzweiflung sind so in etwa die Bestandteile des collagenhaften, wilden Textes, der zwischen Hysterie und Selbstbespiegelung pendelt. Für das Feuilleton von FAZ bis Zeit ist das eine neue Stimme der deutschen Literatur. Alle sind sich einig. Das Buch klettert auf die Bestsellerlisten, alles läuft wie geschmiert.
Nur ein paar Tage später meldet sich das Blog die gefühlskonserve zu Wort und zitiert genüsslich Stellen, die Helene Hegemann aus dem Roman "Strobo" des Bloggers Airen mehr oder weniger wörtlich übernommen hat, ohne im Text darauf hinzuweisen.
Klarer Fall von Plagiat, Verlag und Autorin entschuldigen sich mehr oder weniger kleinlaut, der Ruf scheint ruiniert, die Sachlage klar: Die doofe Hype-Tussi kann ja nix, schreibt ab, das Feuilleton ist im Arsch, und warum haben die Kritiker nicht schon früher den guten Airen besprochen. Außerdem hat sie sowieso nur alles ihrem angeblich so berühmten Vater zu verdanken. Für alle die keine Experten des postdramatischen Theatertheorie sind: Ihr Vater war unter anderem mal Dramaturg an der Volksbühne in Berlin.
Die Autorin

Helene Hegemann hat abgeschrieben. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Über den genauen Umfang des Plagiats streiten noch die Experten. Ich habe beide Bücher gelesen (und nicht die Textfiles jeweils elektronisch nach Schlüsselworten durchsucht) und hätte noch ein paar wenige Stellen mehr als die im Blog von gefühlskonserve genannten erkannt. Von "weiten Teilen" die Hegemann abgeschrieben hätte, kann aber nicht die Rede sein. In den Credits des Buches von Hegemann wird zwar seit der zweiten Auflage Airen gedankt - der Name wurde übrigens schon vor dem Auffliegen des Plagiats in die Dankesliste aufgenommen - der Verlag hat es aber nicht der Mühe wert gefunden, beim kleinen Undergroundverlag SuKultur um die Rechte anzufragen.
Helene Hegemann bezieht sich in ihren Entschuldigungs-Statements auf die literarische Technik der Montage, des Remixes, auf ein Schreiben, das den Autorenbegriff in Frage stellt. Durchaus nachvollziehbar. "Axolotl Roadkill" distanziert sich tatsächlich an vielen Stellen vom Erzähler-Ich, auch von der authentischen Biografie, die man insbesondere einer so jungen Autorin sofort zuschreibt.
Bei den Passagen, die aus Airens Blog übernommen werden, geht es aber leider nicht um ein Zitat aus dem unerschöpflichen medialen Sprachmüll, mit dem Helene Hegemann gekonnt ihren Text durchsetzt, es geht um einzelne Sprachbilder, die in den Text einfließen. Dass man einen Ketaminrausch, auch einen nicht selbst erlebten, mit eigenen Worten beschreibt, würde ich Helene Hegemann in Anbetracht des restlichen Buches durchaus zutrauen. Warum sie dafür auf einen Blog zurückgreift, wird wohl weiter ihr Geheimnis bleiben. Verloren hat Hegemann damit ihren Ruf als Wunderkind, das wäre zu verkraften. Schade ist nur, dass sie damit selbst den Blick auf ihren durchaus lesenswerten Roman verstellt hat.
Der Verlag
Wie sich der große Ullstein Verlag im Fall Hegemann verhalten hat, ist durch nichts zu entschuldigen. Zuerst zimmert er mittels geschickten Marketings das Image des neuen literarischen "Shooting-Stars". Als die Sache mit dem Plagiat ruchbar wird, windet man sich mehr schlecht als recht aus der Affäre und schiebt den schwarzen Peter gleich wieder der Autorin zu. Dabei wäre es mit einem besseren Lektorat möglich gewesen, das Schlimmste zu verhindern.Man würde meinen, Texte von 17-Jährigen Debüt-Autorinnen im Vorfeld besonders genau und liebevoll zu betreuen, wäre eine Selbstverständlichkeit. Und selbstverständlich spürt man auch die Arroganz des großen Verlags, mit der er selbstredend für ein Zitat von David Foster Wallace die Rechte einholt, für den "Blog-Dreck" von Airen es aber nicht einmal der Mühe wert findet den kleinen Verlag zu informieren.
Gewonnen hat Ullstein kurzfristig dennoch sehr viel. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat es mit "Axolotl Roadkill" jedenfalls sehr gut gemeint. Ob man als Verlag Helene Hegemanns langfristiger Karriere als Autorin was Gutes getan hat, ist zu bezweifeln. Hochsympatisch ist übrigens die gelassene Reaktion des SuKuLtUrVerlags, in dem "Strobo" von Airen veröffentlicht wurde.

Das Feuilleton
Die Literaturkritik hätte sich mit ihrem ursprünglichen Lob als völlig lächerlich demontiert - so tönt es aus vielen Internetforen. Hämisch wird da aufgeführt, wer aller auf den Hype "reingefallen" ist. Die angeblich sabbernden alten Männer der Literaturkritik hätten einfach keine Ahnung, und vor allem hätten sie ja auch schon längst über das Blog von Airen genauso hymnisch schreiben können.
Warum der Text von Hegemann sofort Eingang in das hohe Feuilleton gefunden hat und der Roman "Strobo" mehr oder weniger unbeachtet sein Dasein in den Schubladen der Redaktionen fristete, ist für jeden, der beides gelesen hat sofort klar. Hegemanns Text will mehr, kann mehr und ist in seiner sprachlichen Ausformung weitaus vielschichtiger als der doch weitgehend zähe, auf der Stelle tretende Roman von Airen.
Das erklärt noch nicht den Überschwang, mit dem "Axolotl Roadkill" ursprünglich aufgenommen wurde. Aber ein diskussionswürdiges Buch ist es ohne Zweifel. Dass es ausgerechnet ein Blogger war, der das Plagiat aufgedeckt hat, ist auch weniger den journalistisch/detektivischen Fähigkeiten von "gefühlskonserve" zu verdanken, sondern mehr der Tatsache, dass der "Aufdecker" Deef Pirmasens zu Airen und "Strobo" in einem persönlichen Naheverhältnis steht. Immerhin hat er schon Parties mit und rund um Airen veranstaltet. Dass ein Literaturredakteur seine Rezensionsexemplare nicht durch einen (noch zu bauenden) Plagiatsdetektor schickt, ist nachvollziehbar. Wozu gibt es schließlich die Verlagsarbeit mit Autoren? Dass Airen nicht zum allgemein bekannten Kanon der deutschsprachigen Literatur gehört, den man als Literaturkritiker des hochkulturell geprägten Feuilletons (er)kennen sollte, ist für einen sogenannten "Underground-Autor" wenig überraschend. Vielleicht hätte den Kritikern auch dieses Video weiterhelfen können. Aber wer sucht auf Youtube schon nach Literatur?
Die Zaungäste
Gewonnen haben Internet-Poster, deren liebste Beschäftigung es ist, Foren mit hämisch/neidischen Kommentaren zu überziehen.
Geklaut aber gut: "Denn sowenig ein Hype als Qualitätskriterium für gute Literatur taugt, sowenig ist er automatisch ein Beleg für das Gegenteil."
Die hatten natürlich immer schon recht, sind gegen "den Hype" und legen in der ganzen Angelegenheit plötzlich eine moralische Überheblichkeit in Sachen Copyright und Plagiat an den Tag, die bei Menschen, die oft ungefragt ein Bild für ihr Profil im Netz klauen, ohne Quellenangabe natürlich, doch überrascht. Ungeklärtes/ungenanntes Sampling in Text/Bild und Ton als künstlerische Methode hat den "Underground" wohl in der gesamten Moderne um einiges weitergebracht. Oder kann sich jemand an eine feinsäuberliche Musik-Quellenangabe auf der Single "Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel" erinnern?
Das Elend mit Helene Hegemann
Martin Pieper spricht mit Klaus Nüchtern über den Plagiats-Skandal der Jungautorin Helene Hegemann.

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