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Musik, Film, Heiteres

Martin Pieper

Martin Pieper

Ist Moderator und Chefredakteur von seinem Lieblingssender. Hat sein Hobby zum Beruf gemacht.

10. 2. 2010 - 17:12

Das Elend mit Helene Hegemann

Die Plagiatsdebatte rund um den Roman "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann kennt viele Verlierer und so manchen Gewinner.

Die knapp 18-jährige Autorin und Filmemacherin Helene Hegemann veröffentlicht im Ullstein Verlag ihren Debütroman "Axolotl Roadkill". Berlin, Clubs, Drogen, Sex, E-Mails und Verzweiflung sind so in etwa die Bestandteile des collagenhaften, wilden Textes, der zwischen Hysterie und Selbstbespiegelung pendelt. Für das Feuilleton von FAZ bis Zeit ist das eine neue Stimme der deutschen Literatur. Alle sind sich einig. Das Buch klettert auf die Bestsellerlisten, alles läuft wie geschmiert.

Nur ein paar Tage später meldet sich das Blog die gefühlskonserve zu Wort und zitiert genüsslich Stellen, die Helene Hegemann aus dem Roman "Strobo" des Bloggers Airen mehr oder weniger wörtlich übernommen hat, ohne im Text darauf hinzuweisen.

Klarer Fall von Plagiat, Verlag und Autorin entschuldigen sich mehr oder weniger kleinlaut, der Ruf scheint ruiniert, die Sachlage klar: Die doofe Hype-Tussi kann ja nix, schreibt ab, das Feuilleton ist im Arsch, und warum haben die Kritiker nicht schon früher den guten Airen besprochen. Außerdem hat sie sowieso nur alles ihrem angeblich so berühmten Vater zu verdanken. Für alle die keine Experten des postdramatischen Theatertheorie sind: Ihr Vater war unter anderem mal Dramaturg an der Volksbühne in Berlin.

Die Autorin

buchcover "axolotl roadkill"

Helene Hegemann hat abgeschrieben. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Über den genauen Umfang des Plagiats streiten noch die Experten. Ich habe beide Bücher gelesen (und nicht die Textfiles jeweils elektronisch nach Schlüsselworten durchsucht) und hätte noch ein paar wenige Stellen mehr als die im Blog von gefühlskonserve genannten erkannt. Von "weiten Teilen" die Hegemann abgeschrieben hätte, kann aber nicht die Rede sein. In den Credits des Buches von Hegemann wird zwar seit der zweiten Auflage Airen gedankt - der Name wurde übrigens schon vor dem Auffliegen des Plagiats in die Dankesliste aufgenommen - der Verlag hat es aber nicht der Mühe wert gefunden, beim kleinen Undergroundverlag SuKultur um die Rechte anzufragen.

Helene Hegemann bezieht sich in ihren Entschuldigungs-Statements auf die literarische Technik der Montage, des Remixes, auf ein Schreiben, das den Autorenbegriff in Frage stellt. Durchaus nachvollziehbar. "Axolotl Roadkill" distanziert sich tatsächlich an vielen Stellen vom Erzähler-Ich, auch von der authentischen Biografie, die man insbesondere einer so jungen Autorin sofort zuschreibt.

Bei den Passagen, die aus Airens Blog übernommen werden, geht es aber leider nicht um ein Zitat aus dem unerschöpflichen medialen Sprachmüll, mit dem Helene Hegemann gekonnt ihren Text durchsetzt, es geht um einzelne Sprachbilder, die in den Text einfließen. Dass man einen Ketaminrausch, auch einen nicht selbst erlebten, mit eigenen Worten beschreibt, würde ich Helene Hegemann in Anbetracht des restlichen Buches durchaus zutrauen. Warum sie dafür auf einen Blog zurückgreift, wird wohl weiter ihr Geheimnis bleiben. Verloren hat Hegemann damit ihren Ruf als Wunderkind, das wäre zu verkraften. Schade ist nur, dass sie damit selbst den Blick auf ihren durchaus lesenswerten Roman verstellt hat.

Der Verlag

Wie sich der große Ullstein Verlag im Fall Hegemann verhalten hat, ist durch nichts zu entschuldigen. Zuerst zimmert er mittels geschickten Marketings das Image des neuen literarischen "Shooting-Stars". Als die Sache mit dem Plagiat ruchbar wird, windet man sich mehr schlecht als recht aus der Affäre und schiebt den schwarzen Peter gleich wieder der Autorin zu. Dabei wäre es mit einem besseren Lektorat möglich gewesen, das Schlimmste zu verhindern.Man würde meinen, Texte von 17-Jährigen Debüt-Autorinnen im Vorfeld besonders genau und liebevoll zu betreuen, wäre eine Selbstverständlichkeit. Und selbstverständlich spürt man auch die Arroganz des großen Verlags, mit der er selbstredend für ein Zitat von David Foster Wallace die Rechte einholt, für den "Blog-Dreck" von Airen es aber nicht einmal der Mühe wert findet den kleinen Verlag zu informieren.

Gewonnen hat Ullstein kurzfristig dennoch sehr viel. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat es mit "Axolotl Roadkill" jedenfalls sehr gut gemeint. Ob man als Verlag Helene Hegemanns langfristiger Karriere als Autorin was Gutes getan hat, ist zu bezweifeln. Hochsympatisch ist übrigens die gelassene Reaktion des SuKuLtUrVerlags, in dem "Strobo" von Airen veröffentlicht wurde.

Das Feuilleton

Die Literaturkritik hätte sich mit ihrem ursprünglichen Lob als völlig lächerlich demontiert - so tönt es aus vielen Internetforen. Hämisch wird da aufgeführt, wer aller auf den Hype "reingefallen" ist. Die angeblich sabbernden alten Männer der Literaturkritik hätten einfach keine Ahnung, und vor allem hätten sie ja auch schon längst über das Blog von Airen genauso hymnisch schreiben können.

Warum der Text von Hegemann sofort Eingang in das hohe Feuilleton gefunden hat und der Roman "Strobo" mehr oder weniger unbeachtet sein Dasein in den Schubladen der Redaktionen fristete, ist für jeden, der beides gelesen hat sofort klar. Hegemanns Text will mehr, kann mehr und ist in seiner sprachlichen Ausformung weitaus vielschichtiger als der doch weitgehend zähe, auf der Stelle tretende Roman von Airen.

Das erklärt noch nicht den Überschwang, mit dem "Axolotl Roadkill" ursprünglich aufgenommen wurde. Aber ein diskussionswürdiges Buch ist es ohne Zweifel. Dass es ausgerechnet ein Blogger war, der das Plagiat aufgedeckt hat, ist auch weniger den journalistisch/detektivischen Fähigkeiten von "gefühlskonserve" zu verdanken, sondern mehr der Tatsache, dass der "Aufdecker" Deef Pirmasens zu Airen und "Strobo" in einem persönlichen Naheverhältnis steht. Immerhin hat er schon Parties mit und rund um Airen veranstaltet. Dass ein Literaturredakteur seine Rezensionsexemplare nicht durch einen (noch zu bauenden) Plagiatsdetektor schickt, ist nachvollziehbar. Wozu gibt es schließlich die Verlagsarbeit mit Autoren? Dass Airen nicht zum allgemein bekannten Kanon der deutschsprachigen Literatur gehört, den man als Literaturkritiker des hochkulturell geprägten Feuilletons (er)kennen sollte, ist für einen sogenannten "Underground-Autor" wenig überraschend. Vielleicht hätte den Kritikern auch dieses Video weiterhelfen können. Aber wer sucht auf Youtube schon nach Literatur?

Die Zaungäste

Gewonnen haben Internet-Poster, deren liebste Beschäftigung es ist, Foren mit hämisch/neidischen Kommentaren zu überziehen.

Geklaut aber gut: "Denn sowenig ein Hype als Qualitätskriterium für gute Literatur taugt, sowenig ist er automatisch ein Beleg für das Gegenteil."

Die hatten natürlich immer schon recht, sind gegen "den Hype" und legen in der ganzen Angelegenheit plötzlich eine moralische Überheblichkeit in Sachen Copyright und Plagiat an den Tag, die bei Menschen, die oft ungefragt ein Bild für ihr Profil im Netz klauen, ohne Quellenangabe natürlich, doch überrascht. Ungeklärtes/ungenanntes Sampling in Text/Bild und Ton als künstlerische Methode hat den "Underground" wohl in der gesamten Moderne um einiges weitergebracht. Oder kann sich jemand an eine feinsäuberliche Musik-Quellenangabe auf der Single "Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel" erinnern?

Das Elend mit Helene Hegemann

Martin Pieper spricht mit Klaus Nüchtern über den Plagiats-Skandal der Jungautorin Helene Hegemann.

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  • abloodredbird | vor 731 Tagen, 3 Stunden, 54 Minuten

    sorry, aber wenn ich aussagen von hh höre wie

    ""Ich habe einige Versatzstücke organisch in meinem Text eingebaut und bin dadurch indirekt in Kommunikation mit dem Autor getreten" - dann denk ich mir halt schon meinen teil. das ist ja beinahe schon zynismus.

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  • abloodredbird | vor 731 Tagen, 4 Stunden, 1 Minute

    guter link zum thema, mal aus der sicht des beklauten:

    http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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  • christianfuchs | vor 731 Tagen, 19 Stunden, 44 Minuten

    harald schmidt gestern in topform gewesen, mit der hegemann als gast...

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    • softmachine | vor 731 Tagen, 15 Stunden, 42 Minuten

      genau erst zynisch den airen verarscht, den "blogger", der übrigens das ganze als buch veröfffentlicht hat, das papi hegemann der tochter gekauft hat. hh kennt natürlich nix von agamben, kennt ihr eigenes buch nicht, alles schön zusammengeklaut. jetzt redet sie von intertextualität, wie ein papagei.die hat doch nicht ein einziges literaturwissenschaftliches buch gelesen. das ist nur noch widerlich.auf gefuehlskonserve.de ist übrigens ein hinweis auf ihren eigenen blog, bei dem sie jeden kopierversuch zur anzeige bringt.toll.

    • alabaster | vor 727 Tagen, 19 Stunden, 41 Minuten

      Schriftsteller interessieren sich so sehr für Literaturwissenschaft wie Vögel über Ornithologie.

  • merz0 | vor 732 Tagen, 6 Stunden, 9 Minuten

    Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.
    - Helene Hegemann

    Authencity is invaluable, Originality is non-existent.
    - Jim Jarmusch

    Click this: http://markmalazarte.com/jarmusch/

    (via Bellavista: http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-ein-gespraech-ueber-reaktionen-09022010.html)

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    • urfrosch | vor 731 Tagen, 15 Stunden, 28 Minuten

      sehr cool :)

  • robertglashuettner | vor 732 Tagen, 10 Stunden, 35 Minuten

    wie würde (junge) popliteratur eigentlich aussehen, wenns nicht ständig um betuliches, sprachlich aufgeblasenes ausbreiten von drogen- und sexphantasien ginge?

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    • christianfuchs | vor 732 Tagen, 9 Stunden, 55 Minuten

      sonst tut sich halt wenig...

    • bodhii | vor 732 Tagen, 5 Stunden, 11 Minuten

      irgendwie auch traurig

    • christianfuchs | vor 731 Tagen, 21 Stunden, 26 Minuten

      was ja, glaub ich, auch ein thema ist...

    • dethomaso | vor 731 Tagen, 18 Stunden, 14 Minuten

      Diese Themen wurden aber mit Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William Burroughs bereits abgehandelt.

    • dilak | vor 731 Tagen, 18 Stunden, 2 Minuten

      gewisse leute waren auch schon der meinung dass mit der bibel, aristoteles, plato & friends alles abgehandelt war.
      Das hat der Menscheit ca 1000jahre entwicklungsmöglichkeit gestohlen.

    • christianfuchs | vor 731 Tagen, 16 Stunden, 47 Minuten

      ich denk eher an da sade, bataille, hunter thompson oder beaudelaire, de quincy und...und..und. da geht schon noch was.

    • christianfuchs | vor 731 Tagen, 16 Stunden, 46 Minuten

      baudelaire heißt die alte blume des bösen natürlich.

    • watchtowerman | vor 731 Tagen, 11 Stunden, 48 Minuten

      Homer:

      "Why do you need new bands? Everyone knows rock attained perfection in 1974. It's a scientific fact."

      das ist Homer Simpsons meinung zu deisem thema.

      ich glaub es ist ziemlich sinnlos darüber zu diskutieren wann wer ein thema schon mal abgehandelt hat.

      so viele gibts dann nicht das sich etwas nicht wdh.

  • came | vor 732 Tagen, 15 Stunden, 9 Minuten

    na der gute grandmaster bedankt sich wenigstens:

    http://tinyurl.com/y97628o

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  • octogen | vor 732 Tagen, 17 Stunden, 20 Minuten

    kopiert oder nicht...

    jedenfalls weiß ich nach lesen der kurzen zitate aus dem buch, dass ich es nicht lesen will, weil mir der text zu übertrieben originell formuliert und zu stark mit umschreibungen eigentlich einfacher sachverhalte aufgeblasen ist. kurz gesagt, es hört sich mühsam an, zuviel heiße luft, zuviel worte die zuwenig sagen.

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    • urfrosch | vor 732 Tagen, 14 Stunden, 43 Minuten

      mein eindruck ist derselbe.

      andererseits frag ich mich, ob wir nicht einfach nur nicht "weit genug" für das buch sind und es in ein paar jahren auch super finden werden :D
      (das hat nix mit dem alter zu tun)

    • rznr | vor 732 Tagen, 5 Stunden, 21 Minuten

      ihr zwei solltet dann wohl mehr sachbuecher lesen.

  • tittietwister | vor 732 Tagen, 17 Stunden, 43 Minuten

    wie bereits angesprochen wurde hinkt der internetvergleich ein wenig, immerhin geht es hier um eine kommerzielle veröffentlichung. selbst bei nicht tatsächlich veröffentlichtem sondern für den "hausgebrauch" verwendetem wie einer fachbereichsarbeit oder einer banalen schularbeit sind fremdtexte kenntlich zu machen. von der hypokrisie des verteidigens von plagiaten bei sich gleichzeitigem unterwerfen einer rechtssituation, die selbst die weitergabe von ohnehin öffentlich ausgestrahltem material kriminalisiert, brauchen wir erst gar nicht reden.

    und was grandmaster flash betrifft: ja, auf allen releases sind die verwursteten tracks und artists fein säuberlich aufgelistet. sogar am label direkt AUF der vinyl.
    als gegenbeispiel würde ich gerne die aufregung um danger mouse's "grey album" ins rennen führen: der mann ist heißer und vor allem öffentlicher verfechter von creative commons der seine quellen von anfang an klar gemacht hat, der aufstand war dafür umso größer. und das obwohl (oder gerade weil?) die betroffenen nicht um einkommensverlust bangen müssten.

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    • rriotrradio | vor 732 Tagen, 16 Stunden, 14 Minuten

      nun...

      ...das mit grandmaster flash ist ein schönes beispiel für recherche-faulheit. so wendet sich des herrn piepers beispiel gegen ihn selbst. was leicht zu vermeiden gewesen wäre...

  • miikesmama | vor 732 Tagen, 18 Stunden, 6 Minuten

    Verfolge die Diskussion nur am Rande,...

    ...aber gilt es als erwiesen, dass die junge Frau nur aus dem 1 Blog 'zitiert' hat, oder wäre es auch möglich dass sie sich noch aus anderen, vielleicht auch fremdsprachigen Blogs bedient hat?!?

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    • urfrosch | vor 732 Tagen, 14 Stunden, 29 Minuten

      ja wer weiß - vielleicht ist sie einfach eine geschickte "jägerin und sammlerin"?

  • ambre | vor 732 Tagen, 18 Stunden, 57 Minuten

    typisch, wenn man etwas kritisiert, wird einem sofort neid und häme unterstellt. billig, diese taktik, lieber herr pieper, billig!

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