Erstellt am: 20. 2. 2010 - 14:24 Uhr
Kometen, Liebe, Tanzmusik
Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Einer, in der man unter Umständen nicht mehr mitkommt, was Entwicklungen und Neuerungen betrifft. Während die klassischen Medien schon lange in der Krise stecken, hat sich der Markt schon längst für ganz andere Menschen geöffnet. Wie zum Beispiel schwedischen Teenagern, die durch ihre Blogs mehrere Hunderttausend Leser bei der Stange halten können. Im Norden bloggen sogar Minister und ernten nach belächelnder Kritik ihrer Kollegen dafür Preise und Neid.
Manchmal scheint man zu spüren, dass die Welt sich schneller zu drehen beginnt und die Fliehkraft sich erhöht. Umso wichtiger ist es, oftmals inne zu halten und sich aus einer gewissen Distanz das hektische Treiben und eigene Leben im Hamsterrad anzusehen. Genau das machen auch unsere Gäste in dieser fünfstündigen Soundparknacht. Und wir können mit offenen Ohren lauschen und unsere Gedanken dazu schweifen lassen.
Musik als Liebesbeweis

Nach Jahren voller kreativer Tätigkeiten für Seitenprojekte und Auftragsarbeiten für Filme melden sich Thomas und Christoph Jarmer, Julian Schneeberger, Kurt Grath und Markus Perner endlich wieder mit ihrem Herzensprojekt Garish zurück. Nach dem letzten Werk "Parade" war die Spannung groß, in welche Richtung das burgenländische Quintett wohl gehen werde. Die erste Single "Dann fass ich mir ein Herz" machte diesbezüglich schon alles klar. Garish sind zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, jedoch nicht ohne all die Erfahrungen von bisheriger Studioarbeit und Live-Umsetzung mitzunehmen. Denn diesmal poltert, kracht, wackelt und rumpelt es an allen Ecken und Enden. Das ist durchaus positiv gemeint, denn das mittlerweile fünfte Studiowerk beschert uns Songs voller Mystik und Magie, voller Poesie und doch klarer Direktheit, voller gefühlvoller Töne und zugleich explodierender Energie. Es hat definitiv ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Hier ist nicht mehr eine Band mit dem Kopf bei der Arbeit, sondern lässt ihren Bauchgefühlen freien Lauf.

Garish sind nicht nur ehrlicher und direkter auf dieser Platte, sondern haben es auch geschafft, von mehreren Ebenen aus zu kommunizieren. Der gute alte doppelte Boden wird betreten und die - wie es Josef Hader so gerne nennt - "feine Klinge" ausgepackt. So kann der Albumtitel "Wenn die das meine Liebe nicht beweist" im ersten Augenblick eine Assoziation zu schwülstiger Romantik hervorrufen, doch sickert nach einer Zeit durch, dass dahinter eher ein Ultimatum, ja schon fast eine Drohung steckt. Es ist eine Aufforderung sich selbst in seinen alltäglichen Mustern zu stoppen, den Schritt zurück zu treten und sich darauf zu besinnen, das wir in Beziehungen oft das gleiche Ziel haben, über das wir eigentlich nicht mehr diskutieren müssten. Aber keine Sorge, es gibt viel zu besprechen, wenn Thomas, Julian und Markus zu uns ins Soundparkstudio kommen, um die Songs ihrer neuen Platte vorzustellen.
Musik als Schmerztherapie
Die Steiermark ist in den letzten Jahren zum Zentrum der Noise- und Post-Rock-Szene Österreichs geworden. Doch eigentlich wurden die ersten Steine für die sich unentwegt auftürmenden Gitarrenwände schon vor über ungefähr eineinhalb Dekaden gelegt. Mit Bands wie Sans Secours oder Fetisch 69 startete der lärmende Reigen in den frühen neunziger Jahren.

Auch die Grazer Hella Comet haben sich schon Ende dieses Jahrzehnts aufgemacht, ihren Sound zu erforschen. Anfänglich als Trio, verfolgt man heute als Quartett eine ähnliche Richtung, die sofort an New Yorker Noise-Rock-Ikonen denken lässt. Wuchtige Gitarren, ein in den harmonischen Untiefen grabender Bass, ein stürmisches Schlagwerk und eine zerbrechliche, eindringliche und sich durch das aufbrausende Verzerrergewitter ankämpfende Stimme. Mehr braucht es bei Hella Comet nicht, um eine ungeahnte Energie frei werden zu lassen, die einen hin und wieder richtig umblasen kann. Zwischen diesen euphorischen Ausbrüchen zelebriert das steirische Quartett die stillen Momente, wenn das Rutschen auf den Gitarrensaiten hörbar wird, mit dem Plektrum schnarrende Basslinien erzeugt werden und Songs in sich zusammenzubrechen drohen. Die dadurch entstehende Spannung ist dramaturgisch klug und überzeugend eingesetzt, entlädt sich doch nach den sanfteren Klangwogen erneut ein heftiger Noise-Sturm.

Nach etwas mehr als zehn Jahren haben Hella Comet ihre Songs endlich auf Tonträger gebannt. Es ist das, was nach so vielen Jahren "Wegwerfen" übriggeblieben ist. Das ist in Wahrheit ein hohes Qualitätskriterium, denn die zehn Stücke, die es geschafft haben, etliche Metamorphosen und den Zahn der Zeit zu überstehen, erstrahlen jetzt in ihrer massiven Endgültigkeit. Nicht zuletzt heißt die Platte "Celebrate Your Loss". Es ist nämlich auch ein Abschied Nehmen von einem Jahrzehnt der musikalischen Suche und des kreativen Schaffens. Hella Comet halten für eine Stunde inne, um die Entwicklungsphasen, die es für dieses Album gebraucht hat, Revue passieren zu lassen und uns davon zu erzählen. Lea, Jürgen, Franz und Markus feiern mit uns ihre Verluste, die zu einem großen, musikalischen Gewinn geworden sind.
Musik als Grenzüberschreitung

Menschen folgen oft einer Pendelbewegung. So wird in Krisenzeiten, in denen Angst und Unsicherheit vorherrschen, die Sehnsucht nach der Idylle immer größer. Die wenige Zeit, die uns der Alltag übrig lässt, benützen wir dazu, diese Idylle aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Ein Thema, dem sich Karl Schwamberger alias Laokoongruppe und die beiden Wiener Elektroniker Markus Urban und Florian Bogner alias Kilo mit ihrer neuen EP "Menschen Tiere Tanzmusik" widmen. Neben eindringlichen Sprachbildern, die der "Walzerkönig" mühelos aus dem Ärmel zu schütteln scheint, wird auch ein Heinrich Heine Gedicht vertont, schließlich wird darin beschrieben, was Tanzmusik eigentlich ist.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Indieschlagerkönig und den Elektronikern ist keine zufällige. Schon vor einem Jahr hat das Kilo-Duo Karl bei der Laokoongruppe CD-Präsentation unterstützt. In experimenteller Manier mit Gitarre und Laptop die ohnehin tanzbaren Songs aufzufetten, hatte derart gute Früchte getragen, dass neue Stücke entstanden und ältere neu interpretiert wurden. Außerdem integrieren sich die Brutzelektronik und Knisterbeats von Kilo perfekt in das Sounduniversum der Laokoongruppe. So, als ob sie schon immer da gewesen wären. In dieser Soundparknacht machen wir uns auf die Spurensuche nach dem Erfolgsrezept des musikalisch symbiotisch wirkenden Gespanns, zusammen mit Markus Urban und Karl Schwamberger.
Musik als Reise in die Vergangenheit

Es bleibt auch noch Zeit, um einmal aus den üblichen Rollen herauszutreten. Zumindest für Franz Wenzl, der sowieso immer sehr darauf bedacht ist, seine verschiedenen Kunstfiguren und musikalische Tätigkeiten in diversen Bands voneinander abzugrenzen. Zuletzt bescherte ihm seine Kombo Kreisky durch Auszeichnungen und erfolgsbringende Gigs im Ausland einen furiosen Höhenflug, der allerdings auch mit viel Zeit und Energie verbunden war. In dieser Soundparkausgabe hat Franz Wenzl eine Stunde Zeit, sich zurückzulehnen, uns in der Mixreihe "Back To My 90ies" seine Lieblingsplatten aus den neunziger Jahren aus Österreich vorzuspielen und ganz privat und leger über die Vergangenheit zu plaudern.
Franz Wenzls "Back To My 90ies Mix":
| artist | song | label |
|---|---|---|
| Bonb Circle | Glenisla Gardens Nr. 2 | unknown label |
| Snakkerdu Densk | It's to be OOH | Familienalbum |
| Scrooge | Abrechnung mit Winnetou | Hoanzl |
| Aber das Leben Lebt | The Havana Drink Song Heard From A Sailor From El Catiago | Trost Records |
| Danke | Maulfaul | Ixthulu |
| BulBul | I Can Dance Like Dschingis Khan | Trost Records |
| Orchester 33 1/3 | Splitter | rhiz/plag dich nicht |
| Shabotinski | Prayer | rhiz/plag dich nicht |
Die restlichen Minuten werden mit neuen, brandheißen Songs gefüllt. Denn auch in der österreichischen Musikszene scheint ein Wettrennen um gute Releases begonnen zu haben. So beglückt uns das A.G. Trio mit brachialer Dance-Musik, The Beth Edges schließen demnächst ihre EP-Quadrologie ab und das Label Violet Noise Records lässt uns sogar weit in die Zukunft blicken.
Das alles und Eure Tracks aus dem FM4 Soundpark könnt ihr in der Nacht von von Sonntag, 21. Februar, 01:00 Uhr bis Montag, 22. Februar, 06:00 früh hören!
Und alle, die keine Nachteulen sind, können ab Montagmittag hier die Sendung vollständig nachhören.
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