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Roland Gratzer

Roland Gratzer

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22. 4. 2010 - 10:44

"Man würde ihnen das auch nicht glauben"

Die Web-Auftritte der Bundespräsidentschaftskandidaten sind zwar recht bemüht, haben aber ein Problem: Niemand kommuniziert mit den Usern.

Die Präsidentschaftswahl 2010 auf FM4

Na, das war ja fast sowas wie eine Sensation: Letzten November hat Bundespräsident Heinz Fischer seine Wiederkandidatur bekannt gegeben. Überraschend war daran nicht die Tatsache an sich, sondern das dafür ausgewählte Medium: Weder der öffentlich-rechtliche oder der private Rundfunk, noch die überschaubare Printlandschaft durften sich "exklusiv!" auf die Fahnen schreiben. Die Verlautbarung erfolgte nämlich über youtube.

Die Webauftritte im Überblick:

Heinz Fischer:

Barbara Rosenkranz:

Rudolf Gehring:

Seitdem sind einige Monate vergangen und der Bundespräsidentschafts-Wahlkampf in seinen erwartbaren Niederungen angelangt. Distanzierungen, Manipulations-Mantras und Weißwahl-Aufrufe. Appelle, trotzdem am kommenden Sonntag hinzugehen und durch den Hula-Tanzkurs verzögerte Wahlkampfauftritte. Das Internet spielt in der aktuellen Debatte bestenfalls eine begleitende Rolle.

Nur die zweite Reihe ist vorn dabei

Dabei hat sich viel getan seit dem letzten großen nationalen Urnengang im Jahr 2008. Immer mehr Volksvertreter tummeln sich auf Social-Web Plattformen und die Profile sind nicht einmal mehr gefälscht. Faymann-Sprecher Leo Szemeliker und Pröll-Sprecher Daniel Kapp befinden sich seit geraumer Zeit in einem höchst unterhaltsamen flamewar auf twitter, die SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas stellt sich auf ihrem facebook-Account tapfer der Diskussion mit den Usern, HC Strache stellt ebendort seine liebsten Trance-Tracks vor und deckt fast stündlich den größten Medienskandal der Republik auf, und die Grünen sind fast vollzählig im 140-Zeichen-Universum vertreten.

Ein Tweet von leoszem mit dem Text nice try, kanzlersprecher
ein tweet von daniel kapp mit dem text auf den topfen zu kommen hast den ganzen tag gebraucht
Zwei Beispiele aus dem Koalitionszwist mit feiner bis stumpfer Klinge.

Aber mit Ausnahme von Strache, der seine facebook-page anscheinend wirklich selbst mit content befüllt, allerdings nie auf irgendwelche Fragen eingeht, glänzen die Parteichefs nicht gerade durch Partizipation. Der Wille zum zeitgemäßen Online-Auftritt endet augenscheinlich mit der höchsten in einer Partei zu vergebenen Position. Sie lassen verlautbaren, anstatt sich der Diskussion zu stellen, belassen sie es bei standardisierten Presseaussendungen und sündhaft schön retuschierten Fotos.

Gut gemacht, wenig passiert

Deshalb ist es auch wenig überraschend, dass die Web-Performance der drei Kandidaten zur Bundespräsidentschaftswahl kaum Innovatives zu bieten hat. Den Versuch kann man ihnen ja gar nicht absprechen. Heinz Fischer etwa hat sich in einem Video sogar bei seinen Facebook-Freunden bedankt, diskutieren lässt er aber auch andere. Neben seiner klassischen Website hat sein Team mit heifi2010 eine Art Kommunikationsplattform geschaffen, die alle Elemente eines zeitadäquaten Internetauftritts vorzuweisen hat. Professionell gemacht, Kommentarmöglichkeit (spärlich genutzt), Twitter-Wall (ungefiltert!) und sogar ein blogroll mit den üblichen Verdächtigen.

die website von heinz fischer
Übersichtliche Site, die Kommentare halten sich aber in Grenzen.

Erstmals sind diesmal auch Blogger in den Wahlkampf eingebunden. Es gibt sogar Einladungen zu Veranstaltungen. Journalist und Politblogger Tom Schaffer hat auf dem von ihm gegründeten Blog zurpolitik.com das erste Interview mit einem Bundespräsidenten in der Blogosphäre zustande gebracht und mit mir die Auftritte der drei Kandidaten analysiert. Zwar kritisiert auch er die fehlende Kommunikation mit der Userschaft, gibt aber zu bedenken, dass "die drei dafür aber nicht die richtigen sind. Das wäre nicht authentisch, man würde ihnen das nicht glauben."

Von Laufschriften und Popups

Was das Layout betrifft, hat sich das Webdesign-Team von Heinz Fischer nichts vorzuwerfen. Allerdings: "Was fehlt, ist ein schneller Link auf die Inhalte. Da kommt man nur mühsam über ein Untermenü hin. Das ist bezeichnend für den Wahlkampf. Wie wir wissen, geht es nicht allzu sehr um Inhalte", so Schaffer.

die website von barbara rosenkranz
"Endlich mal jemand, der den Mut hat, dieses dumme Gendergetue zu relativieren und kritisch zu hinterfragen", schreibt ein gewisser Roman G. in ruckelnder Laufschrift.

Bei Barbara Rosenkranz fällt auf der recht ordentlichen Seite auf, dass die die einzige Kandidatin ist, die das Logo ihrer Partei prominent publiziert hat. Negativ fällt Tom Schaffer die Laufschrift auf, die Huldigungsbotschaften von wildfremden Menschen über den Bildschirm hüpfen lässt. Schaffer: "Das habe ich zum letzten Mal in den 90ern gesehen." Außerdem hat das Team vergessen, sich auch die Adresse barbararosenkranz.at zu sichern.

Rudolf Gehring unterstreicht seine eigene Bedeutung dadurch, dass die Startseite seiner Website eigentlich ein Pressespiegel mit zahlreichen Screenshots ist. (Wenn man sich erst einmal vom Schock erholt hat, in den einen das riesige Kinderlachen-Popup versetzt hat) An prominenter Stelle finden die User hier einen nicht allzu schön gemachten Spende-Button.

Manipulationen und Tischfußball

Vor allem auf youtube zeichnen sich die Positionen und Themen des aktuellen Wahlkampfes sehr schön ab. Heinz Fischer gibt sich betont staatsmännisch und lässt ganz gut gemachte und bisweilen unterhaltsame aber auch leicht misslungene Videos produzieren. Barbara Rosenkranz hingegen ist vollends in der Defensive. "Sie versucht sich vom Geschichtsbewusstsein zu distanzieren, das man ihr vorwirft und sie patzt Medien an, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Es gibt keine positiven Inhalte, sondern es wird nur verteidigt", erklärt Schaffer. Mit einer Ausnahme: Zwischen all den Manipulations-Aufdeckungen findet sich auch ein betont herzliches Video, in dem Rosenkranz mit Gerhard Dörfler und Uwe Scheuch eine Runde Tischfußball spielt und illegalerweise ein Tor aus der Mitte schießt.

Pop Up auf der Website von rudolf Gehring
Release the Popup!

Präsentation statt Dialog

Und auf facebook? Die Zahl der Freunde und Unterstützer entspricht in etwa den aktuellen Wahlprognosen. Fischer führt vor Rosenkranz, Gehring liegt auf Platz drei. Der hat allerdings sogar ein persönliches Profil, auch wenn der Kontakt mit seinen Unterstützern hier sehr einseitig ist. Tom Schaffers Urteil über die facebook-Auftritte: "Es ist immer noch mehr eine Präsentationsplattform, wie eine Firmenwebsite und keine Form des Dialogs." Gruppenmäßig liegt die FPÖ-Kandidatin zwar vorn, scheinbar sind aber ein ziemlich großer Teil der Mitglieder keine potentielle Wähler sondern in erster Linie Gegner mit mehr oder weniger Sinn für Humor.

Fazit? Die drei haben sich immerhin bemüht, von einem wirklich professionellen Internet-Wahlkampf, der eben auch auf die Spezifika des Mediums eingeht, sind sie aber noch ein Stück entfernt. Vergeben sie dadurch eine riesige Chance, weil sich ja in letzter Zeit vor allem auf facebook politische Intitiativen bilden? Tom Schaffer gibt diesbezüglich zu bedenken: "Einer facebook-Gruppe beitreten ist noch kein politisches Engagement." Auch wahr.

Und ich hab kein einziges Mal Obama geschrieben.

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  • alpiarts | vor 661 Tagen, 2 Stunden, 22 Minuten

    Zu ihrem Geschichtsbild sagte Rosenkranz einmal: Es sei "das eines Österreichers, der zwischen 1964 und 1976 in die Schule gegangen ist". Sie habe nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Zu dieser Zeit war in Schulen von Nazi-Gräueln so gut wie nichts zu hören. Und erst recht nicht von Österreichs Mitverantwortung.

    Im Klartext: Sie gibt öffentlich bekannt, dass sie ihr (Nicht)-Wissen über (Zeit)Geschichte seit 34 Jahren nicht erweitert hat. Diese Gebährmaschine. Es interessiert sie einfach nicht.
    Und der Gedanke, die Gewissheit, dass diese Ignorantin Zig-tausende Wählerstimmen erhalten wird, ist gnadenlos desillusionierend.
    Und diese plumpe Dumpfbacke will "Österreich repräsentieren"
    Gute Nacht Österreich.

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  • sicklikejosef | vor 662 Tagen, 9 Stunden, 7 Minuten

    Nur so als Frage:

    Ist es für eine Bundespräsidentenwahl wirklich so wichtig, welchen Netzauftritt die Bewerber/innen haben?
    Man könnte ja sagen, es ist ein Test für wirklich wichtige Wahlen, aber gibt es eigentlich verlässliche Angaben, ob durch die Onlinepräsenz tatsächlich swings in den Wählerbewegungen statt gefunden haben?
    Mir geht es nicht darum, das jetzt prinzipiell abzulehnen, aber der mangelnde Content, der zu Recht beklagt wird hat doch weniger mit den Onlineauftritten zu tun, sondern damit, dass es kaum welchen gibt, den die Kandidat/innen einbringen können.

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    • fightclub | vor 662 Tagen, 5 Stunden, 40 Minuten

      ja ist wichtig. die betrachtung von roland spiegelt doch nur das grundverständnis der kandidaten.
      dialog? überschätzt.
      mit dem wähler in kontakt treten? macht der sprecher.
      die sorgen hören? wird uns schon der dichand ausrichten.
      damit lassen sie nicht nur die möglichkeiten des mediums online links liegen sondern verweigern sich ihren wählern. das web wird zu einer weiteren (auftritts-)bühne der provinziellen kasper.
      dieses "nutzt uns des wos?" in bezug auf wählerbewegungen finde ich auch den falschen ansatz.

    • gratzer | vor 662 Tagen, 4 Stunden, 35 Minuten

      bei der hohen Zahl der Erstwähler (die ja vorzugsweise internetaffin sind), stellt sich einfach die Frage, ob ein besserer Online-Wahlkampf nicht Sinn machen würde. Den Senioren wird das zwar egal sein, aber das Wahlvolk ist bekanntlich sehr heterogen.

    • sicklikejosef | vor 662 Tagen, 2 Stunden, 39 Minuten

      @fightclub

      Ich habe ja nicht gesagt, dass es unnötig ist oder dass man es nicht machen soll, sondern die Frage gestellt, ob der Netzauftritt so viel Relevanz besitzt.
      Wenn man sagt, hinter dieser oder jener Webperformance steckt kein Content, dann stellt sich die Frage: Welcher wäre denn besser? Oder anders: Gibt es (bei diesen Kanididaten) denn tatsächlich Content, der mehr ist als kleiner Polittalk für Was-wäre-wenn-Fragen.
      Die Frage lautet nicht Onlinewahlkämpfe ja oder nein, sondern welche Qualitäten kann ein Onlinewahlkampf denn besser zur Geltung bringen. Beklagt man sich jetzt ehrlich, dass man bei Rosenkranz nicht denselben reaktionären Dreck liest, der sonst auf heimatverbundenen Heimseiten zu finden ist? Oder um das Dichandbeispiel zu Ende zu denken:
      Willst du dass wahlkämpfende Gruppen Dichand im Netz Konkurrenz machen sollen?

    • fightclub | vor 662 Tagen, 1 Stunde, 33 Minuten

      nachdem das ein persönlichkeitswahlkampf ist liegt wohl hinter dem auftritt die ganze persönlichkeit der kandidaten. und dient dem wähler ohne fernseher oder zeitung als informations- und (eher beschränkt) als austauschmedium.
      ich beklag mich gar nicht. behaupte nur, dass das ein spiegel der zur wahl anstehenden personen ist. die einen brauchen es nicht, weil sie die richtigen infos eh von oben kriegen. die anderen brauchen es nicht, weil die 'offizielle' information eh als blendrakete identifizieren. und der dritte braucht es nicht, weil er aus mangel an alternativen auch keinen wahlkampf braucht.
      dann schon lieber dichand-gruppen, an denen kann man sich wenigstens reiben.