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1. 6. 2010 - 18:13

Ohne Geld kein Arzt

SVA-Versicherte müssen seit 1. Juni möglicherweise bar bezahlen – und haben eine erste Demo dagegen veranstaltet.

Heute beginnt der sogenannte "vertragslose Zustand" zwischen der Ärztekammer und der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA). Wer bei der SVA krankenversichert ist, muss den Arztbesuch höchstwahrscheinlich bar bezahlen. Das betrifft weit über 400.000 SVA-Versicherte. Die meisten von ihnen sind nicht Großunternehmer, sondern freiberuflich tätig. Die sogenannten "Neuen Selbständigen" leben oft am Existenzminimum, sie haben keine Arbeitslosenversicherung und keine Kündigungsfristen.

Neue Selbständige demonstrieren vor der SVA-Zentrale in Wien.

Günther Friesinger ist einer von ihnen: Er arbeitet als Künstler, Webdesigner, Kultur- und Projektmanager und fühlt sich schlecht informiert: "Ich weiß eines: Dass ich nämlich, wenn ich zum Arzt gehe, Geld eingesteckt haben muss und dass ich von der Krankenkassa vielleicht etwas zurück bekomme. Allerdings ist unklar, wie viel."
Bezahlte Arzthonorare müssen schriftlich bei der SVA eingereicht werden, die dann bis zu 80 Prozent der Kosten rückerstattet.

Wie lange dieser vertragslose Zustand dauern wird, hängt von den Verhandlungen zwischen Ärztekammer und SVA ab. Verhandlungen, die derzeit jedoch nicht stattfinden. Martin Gleitsmann, stellvertretender Obmann der SVA, kann nicht einschätzen, wann ein neuer Vertrag geschlossen wird: "Wir werden uns natürlich ab dem ersten neuen Verhandlungstag darum bemühen. Jetzt gilt unsere ganze Sorge den Versicherten, ihren Ängsten und ihren Nöten."

60 Prozent der SVA-Versicherten verdienen weniger als 1.000 Euro im Monat. Besonders hart treffen könnte der vertragslose Zustand auch Pensionisten und Pensionistinnen mit SVA-Versicherung - oder Familien, in denen beide Ehepartner und somit auch die Kinder bei der SVA versichert sind. In letzterem Fall könnte auch ein Besuch beim Kinderarzt teuer werden. "Ich habe Lungenprobleme", sagt Günther Friesinger. "Ich habe viele Allergien, ich habe im Schnitt einmal in der Woche einen Arzttermin. Das heißt, ich kann mir jetzt überlegen, einen Kredit aufzunehmen oder alle Arzttermine zu streichen." Die Aufnahme eines Kredites zur Vorauszahlung einer medizinischen Behandlung sollte im österreichischen Sozialsystem eigentlich nicht notwendig sein. Aber abgesehen davon ist es gerade für Selbstständige, deren Verdienst stark schwanken kann, schwierig, überhaupt einen Kredit zu bekommen.

Die SVA hat unter der Nummer 05/08083000 eine Infohotline eingerichtet und beantwortet FAQs auf ihrer Homepage. Und die Ärztekammer hat unter sva-vertragsloser-zustand.at gleich eine eigene Website erstellt. Und natürlich empfiehlt es sich, den Arzt oder die Ärztin vor eurem Besuch anzurufen und zu fragen, ob die eCard nicht doch akzeptiert wird bzw. wie viel Geld ihr mitnehmen sollt. Der Protest von Betroffenen formiert sich hier auf Facebook.

Die von der SVA geleistete Rückerstattung des Honorars dauert üblicherweise mehrere Wochen. Martin Gleitsmann von der SVA will sich dafür einsetzen, dass es in Zukunft schneller geht: "Wir werden natürlich bemüht sein, das so rasch wie möglich erfolgen zu lassen und innerhalb weniger Wochen diese Überweisungen zu tätigen. Es hängt auch ein bisschen davon ab, wie viele Ärzte das Angebot von uns annehmen, weiter über die eCard und bargeldlos abzurechnen. Wir hoffen, dass es viele sind und sie sich nicht von ihrer Ärztekammer einschüchtern lassen, die es ihnen verbietet."

Die Ärztekammer empfiehlt in einem Brief allen Ärzten, bei SVA-PatientInnen die eCard nicht mehr zu akzeptieren. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer Wien, ist überzeugt, dass sich alle Ärzte an die Boykottmaßnahme halten werden: "Der Sinn einer solchen Aktion ist, dass wir hier eine geschlossene Linie haben. Sonst wäre das ja so, wie wenn bei der Lufthansa so eine Diskussion ausbricht und dann startet unkoordiniert jeder fünfte Flieger – das kann's auch nicht sein."

Für die SVA-Versicherten kommt ein weiterer Umstand erschwerend hinzu: Die Ärztekammer erhöht angesichts des vertragslosen Zustand die von ihre empfohlenen Mindesthonorare für SVA-Patienten. Johannes Steinhart von der Ärztekammer sieht darin kein Problem: "Es gibt einen Honorarvorschlag. Wenn ein Arzt massiv erhöht, wird sofort das Gesetz des Marktes eintreten. Also ich sehe da kein Problem."

Der Konflikt zwischen Ärztekammer und SVA existiert aus zwei Gründen. Erstens ist die SVA gegen eine Erhöhung der Arzt-Tarife und will diese sogar eher senken. Denn: Ärzte verrechnen der SVA Tarife, die um 50 Prozent höher sind als üblich, bei Laboren sind sie sogar um über 100 Prozent höher. Zweitens will die SVA ein sogenanntes "Vertrauensarzt-Modell" einführen, bei dem ein vor allem chronisch Kranke immer zum gleichen Arzt gehen. Vor allem dieses Modell lehnt die Ärztekammer vehement ab. Steinhart: "Bei den Honoraren gab es schon eine Einigung. Doch wir wollen die Möglichkeit haben, unsere SVA-Patienten genauso individuell, genauso persönlich versorgen zu können, wie die Patienten anderer Versicherungen. Das ist unsere Forderung, und da ist am Tisch derzeit keine Einigung zu erzielen gewesen."

Einen vertragslosen Zustand zwischen SVA und Ärztekammer gab es schon einmal in den sechziger Jahren. Damals mussten die SVA-Versicherten ihre Arztrechnungen vier Monate lang bar bezahlen. Nachdem die Verhandlungen zwischen Ärztekammer und Versicherung schon vergangenen Herbst gescheitert sind und sich die jetzt eingetroffene Situation seit damals angekündigt hat, hat für Friesinger auch die Politik versagt: "Wir haben eine Bundesregierung, die 440.000 Menschen im Stich lässt."

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  • unami | vor 724 Tagen, 19 Stunden, 26 Minuten

    und am allerlustigsten ist dann ein Gesundheitsminister im "Report", der keinen Grund nennen kann, warum es 37 verschiedene Kassen geben muss. sein einziges "Argument": die regionale Betreuung - als ob ein Wiener eine andere Behandlung bräuchte als ein Vorarlberger und als ob sich bei einer vereinheitlichten Kasse irgendwas an der regionalen Betreuung ändern würde. da fehlt's halt eindeutig am politischen Willen.
    widerspricht das nicht eigentlich jeglichem Gleichheits-Grundsatz, dass man sich seine Kasse nicht aussuchen kann, aber je nach Wohnort und Beschäftigung verschiedene Leistungen bekommt?

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  • doktorfu | vor 725 Tagen, 3 Stunden, 52 Minuten

    Ich bekomme von der SVA nicht 80% zurück, sondern 80% von dem, was die SVA bisher dem Arzt tarifmässig bezahlt hat. Wenn mir der Arzt jetzt also 100.- Privattarif berechnet bekomme ich nicht 80.- Euro zurück, sondern vielleicht nur 40.-.

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    • diversity | vor 723 Tagen, 8 Stunden, 43 Minuten

      vielleicht nur 40? nie im leben!

      auch wenn du 100 euro bezahlen musst, bekommst du trotzdem nur den tarif zurück. nur macht der nicht 40 euro aus sondern weitaus weniger.

      bei der ersten ordination beim prakt. arzt sind das nur 13,35, beim facharzt nur zwischen 17,44 und 19,35. ab der zweiten ordination sind es jeweils nur mehr 8,72, die man zurückbekommt. das sind festgelegte sätze.
      :-(((

  • iniquity | vor 725 Tagen, 4 Stunden, 16 Minuten

    20% mehr binnen 4 jahren

    wenn das jeder verlangen tät *~*

    man sollte sich ärzte aus china holen!
    die sind A) billiger und B) bringen chinesische medizin, die schon mal bessere behandlungserfolge hat

    ich kenne keinen arzt, der zu wenig hätte. im gegenteil, alles spitzenverdiener und dann wollens 20% mehr.
    an der maßlosigkeit ist noch jedes system zu grunde gegangen

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    • diversity | vor 723 Tagen, 8 Stunden, 42 Minuten

      noch dazu, wo die sva weitaus höhere tarife bezahlt als zb die gebietskrankenkassen!

  • moosesgarcia | vor 725 Tagen, 7 Stunden, 55 Minuten

    Das Gesetz des Marktes

    Aha, nun sind wir also schon dort, dass bei Ärzten mit Marktwirtschaft argumentiert wird. Dachte, dass unser Sozialsystem diesen Bereich zumindest halbwegs unabhängig hält.

    Na schön, dann muss man sich halt den Arzt in Zukunft nach seinen Preisen aussuchen: Dr. Nick Rivera lässt schon bald grüßen. Grüß Gott, wer dann eine komplexe Operation braucht und zum Drive-In-Doktor am Mexikoplatz geht.

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  • oxymoron | vor 725 Tagen, 8 Stunden, 34 Minuten

    i don't get it. wie wird das von der ärztekammer gerechtfertigt, dass für sva-patienten höhere tarife verlangt werden als für andere patienten?
    hab ich da was nicht verstanden?

    was spricht überhaupt gegen eine zusammenlegung der kassen? welchen vorteil hat das bestehende system, solange kein wettbewerb zwischen den kassen besteht (also man sich aussuchen kann, zu welcher kasse man will)?

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    • moosesgarcia | vor 725 Tagen, 7 Stunden, 57 Minuten

      Kassenzusammenlegung

      Also das Chaos bei den KK ist für mich ein echt erschütternder Zustand. Da gibts Dopplungen und Wirrwarr und unendlich viel Geld wird vernichtet. Hier geht es um die Gesundheit der Menschen und kein Politiker hat den Mut sich über eine Reform drüber zu trauen. Warum gibt es nicht wirklich eine KK für alle Arbeitnehmer? Was spricht da dagegen?

    • isron | vor 725 Tagen, 3 Stunden, 29 Minuten

      @oxymoron

      Die Argumentation der Ärzte läuft wie folgt:
      Die Tarife der Gebietskrankenkassen waren ursprünglich billigere Tarife um Menschen zu versorgen die sich eben anders keine Krankenversicherung leisten konnten.
      Die Tarife der Spezialkassen stellten hingegen den tatsächlich geleisteten Wert dar.

      Das oben ist wie gesagt nur die Argumentation der Ärzte, nicht meine.

  • tunek | vor 725 Tagen, 8 Stunden, 40 Minuten

    Ich war auch einmal Selbständig, nach 2 Jahren habe ich mir das aber anders überlegt. Finanzamt und SVA nehmen dir fast alles weg, leisten aber gar nichts, es ist eine reine Abzocke. Typisch Österreich, die Armen zahlen drauf um die Reichen, reicher zu machen.

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    • diversity | vor 723 Tagen, 8 Stunden, 39 Minuten

      das widerspricht sich aber jetzt.....

  • joverl | vor 725 Tagen, 10 Stunden, 54 Minuten

    "Sozialstaat" Österreich

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