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Musik, Film, Heiteres

Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

29. 12. 2010 - 18:58

"Es geht wieder los."

Joshua Ferris versucht mit "Ins Freie" den Erfolg seines Debut-Romans zu bestätigen, übernimmt sich dabei aber.

Buchcover von Joshua Ferris' Roman "Ins Freie". Man sieht den verschneiten Central Park in New York durch eine Wand aus Schnee.
"Ins Freie" von Joshua Ferris wurde von Marcus Ingendaay übersetzt und ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Das zweite Buch, so heißt es immer, wäre das schwierigste. Es gilt, die Erwartungshaltung zu erfüllen, die man mit dem Debut geweckt hat, und die Erwartungshaltung an den US-Amerikaner Joshua Ferris war nach "Wir waren unsterblich" besonders hoch. Die Bürosatire war ein überaus großer Erfolg und hat ihm durchgehend gute Kritiken eingebracht. Für seinen zweiten Roman "Ins Freie" hat Ferris nun einen Genrewechsel vollzogen, von der Komödie zur Tragödie. An seinen neuen Roman ist Ferris aber zu ambitioniert herangegeangen.

Darum geht's:
Tim Farnsworth, führt ein überaus glückliches Leben, so scheint es zumindest: Er ist Senior Partner in einer erfolgreichen New Yorker Anwaltskanzlei, kann sich ein luxuriöses Haus im Grünen leisten und ist seit über 20 Jahren glücklich verheiratet. Über all dem liegt aber ein dunkler Schatten: ein medizinisches Rätsel, eine Art Zwang, der ihn jederzeit wieder packen kann, ein unwiderstehlicher Laufdrang. Jeden Moment können Tims Füße einfach losmarschieren, und er kann weder die Richtung vorgeben, noch stehenbleiben. Die Märsche sind erst zu Ende, wenn Tim völlig ausgelaugt zusammenbricht.
Dieser Laufdrang befällt Tim in Schüben und verschlimmert sich stetig. Wie ein Strudel zieht er ihn immer tiefer hinunter und reißt auch seine Familie mit hinab.

Neuschnee - Bücher wärmstens zu empfehlen:

So liest sich das:
"Er würde dieses Haus nicht halten können. Das Haus nicht, die Einrichtung nicht, gar nichts. Keine luxuriöse Badewanne mehr, keine dekorativen Kupfertöpfe über der Kochinsel, keine Familie. Erneut würde er seine gesamte Familie verlieren. Er stand in der Diele und kalkulierte den zu erwartenden Verlust. Alles hatte er für selbstverständlich gehalten. Wie konnte das passieren?"

Der erste Satz mit Schnee:
"Allein im Januar hatte es vier schwere Blizzards gegeben, und die geräumten Schneemassen gefroren zu grauen, abweisenden Schanzwerken, die an einen Frontverlauf denken ließen."Kalt wird es gleich auf der ersten Seite

Schnee fällt in:
New York und während einer jahrelangen Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten.

Neuschnee oder Schnee von gestern:
Neuschnee. Der Roman spielt in der Gegenwart.

Weiße Pracht oder weiße Gefahr:
Weiße Gefahr. Ohne seinen Notfallrucksack hat er der Kälte und dem Schnee wenig entgegenzusetzen. Erfrierungen werden zur Normalität. Tim verliert auf seinen Gewaltmärschen mehrere Finger und Zehen und fast sein Leben.

Und das Lernen wir daraus:
Dass wir immer einen Notfall-Rucksack mithaben sollten, wenn uns das Wanderfieber packt.

Schneesorte:
Schneematsch. Durch Joshua Ferris' Vergleiche quält man sich durch. Schneeschauer fühlen sich etwa an wie "Giftpfeile" oder sehen aus wie "Ascheregen nach einer Sternenexplosion", Regen wird wie ein "Schwarm Silberfische" zerteilt.

Ewiges Eis oder Tauwetter:
Die Handlung im Roman erstreckt sich über mehrere Jahre. Nach den Wanderanfällen gibt es immer wieder Hoffnung auf Besserung. Die Tauwetterphasen dauern aber nie lange an und werden von Kälteperioden abgelöst. Mindestens einen Eiszeitzyklus hätte uns der Autor aber ersparen können.

Wärmstens zu empfehen für:
jene, die sich über literarische Stilübungen freuen; SeitenüberspringerInnen, die auch über sinnlose Vergleiche hinwegsehen können; AnhängerInnen von ewiger Liebe, Anwaltsserien und medizinischen Rätseln.

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  • sauvage | vor 871 Tagen, 13 Stunden, 31 Minuten

    Diverse Sätze klingen im Original mit Sicherheit wesentlich besser.

    Auf dieses Posting antworten
  • motter | vor 872 Tagen, 4 Stunden, 36 Minuten

    Fand das leider gar nicht gut. Nach an die 250 Seiten habe ich aufgegeben. Die Idee des Romans ist hervorragend, doch die ist in den ersten Dutzend Seiten abgehandelt und mehr wird's leider nicht.
    Lieber durch dieses Special zu Narkolepsie klicken:
    http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2010-10/fs-narkolepsie

    Auf dieses Posting antworten
    • motter | vor 872 Tagen, 4 Stunden, 33 Minuten

      Doch Ferris' Romandebüt Then We Came to the End/Wir waren unsterblich interessiert mich noch - hat das zufällig jemand gelesen?