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Erich Möchel

Netzpolitik, Datenschutz - und Spaß am Gerät.

10. 1. 2011 - 14:47

Kinderpornos als Vorwand für Netzsperren

Internetsperren gegen Kinderporno-Sites sind technisch wirkungslos und stören die Fahndung nach den Tätern. Dass Teile der EU-Politiker sie trotzdem einführen möchte, lässt darauf schließen, dass damit andere Ziele verfolgt werden.

In Brüssel sind mit dem EU-Parlament auch die Internetabsperrer aus dem Winterschlaf erwacht. In der ersten Sitzung des Ausschusses für "Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres" (LIBE) stellt die Abgeordnete Roberta Angelilli (EVP) heute ihren Bericht über die Bekämpfung von "sexuellem Missbrauch und der Ausbeutung von Kindern sowie Kinderpornografie" vor.

Dieser Bericht, aus dem, im Zusammenspiel mit den Vorschlägen von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström, eine neue Richtlinie werden soll, stellt einen der in der EU üblichen "Kompromisse" dar. Das heißt, er versucht, eine Art Grätsche zwischen zwei Positionen, die an sich unvereinbar sind.

Der Rat der (nationalen) Innen- und Justizminister ist wiederholt für "Sperren" eingetreten, während das Parlament mit wachsender Deutlichkeit verlangte, diese Inhalte sofort nach ihrer Entdeckung zu löschen. Dies ist nicht nur EU-weit problemlos möglich, weil Bilder von Kindesmissbrauch weder іm EU-Raum, noch in Russland oder den USA legal gehostet werden.

Anlock-Sites, Bezahlsysteme

Diese Pages sind nur dazu da, sogenannte "Pädophile" - wie die ärgsten Feinde der Kinder unverständlicherweise genannt werden - auf Bezahlsysteme zu locken, die im WWW nicht sichtbar sind. Die Anlock-Sites werden entweder Großprovidern untergejubelt, oder sie befinden sich auf gekidnappten und ferngesteuerten Maschinen ahnungsloser Besitzer.

Ausweitung der Sperren

Zwei Tage nachdem EU-Kommissarin Cecilia Malmström versichert hatte, die geplanten Internetblockaden würden ausschließlich "Kinderpornografie" betreffen, verkündete die britische Regierung am 21. Dezember ihren Plan, sämtliche Pornowebsites vorab erst einmal sperren zu wollen.

Im ersten Fall liegt Betrug gegen den Provider vor, da das Hosting von "Kinderporno"-Sites logischerweise mit gestohlenen Kreditkartendaten "bezahlt" wird. Im anderen Fall handelt es sich um "Ausbringen von Schadsoftware" sowie "Eindringen in ein Computersystem", also ebenfalls um Straftaten.

Wird der Provider direkt informiert, werden diese Inhalte in der Regel sofort vom Netz genommen und samt Logfiles routinemäßig für allfällig ermittelnde Strafbehörden als Kopie gesichert. Im zweiten Fall informiert der Provider den betroffenen Kunden darüber, dass sein Rechner verseucht ist.

Beobachten statt löschen

Geht die Angelegenheit aber auf den Amtsweg, nämlich von Polizei zu Polizei, dann nimmt sie in der Regel einen ganz anderen Verlauf. Anlock-Sites und der verdeckte Server werden beobachtet und bleiben deshalb solange am Netz, bis man sich entscheidet, die "Vorermittlungen abzuschließen" und zuzugreifen.

Etwa 500 dieser Anlock-Sites sind im WWW gleichzeitig sichtbar, insgesamt 1.100 werden weltweit pro Jahr im Schnitt entdeckt. Diese Zahlen stammen von der britischen Internet Watch Foundation (Sperrbefürwortern) bzw. aus einer Beantwortung einer Anfrage der SPÖ an Innenministerin Maria Fekter. Die gesamte Faktenlage selbst steht weitgehend außer Diskussion, an den Schlussfolgerungen zur Bekämpfung dieses dreckigsten aller Geschäfte scheiden sich die Geister allerdings.

Der neueste Fall

Ein gutes Beispiel dafür, wie bis jetzt vorgegangen wird, ist ein aktueller Fall, der Österreich betrifft. Der verdeckte Downloadserver stand in einem Rechenzentrum in Luxemburg, die geschnappten Konsumenten des inkriminierten Bildmaterials waren samt und sonders zahlende Kunden, die untereinander keine Kontakte hatten.

Ein Teil der so abgefischten Konsum-Triebtäter aus Österreich war bereits in ganz ähnlichen Aktionen der Jahre zuvor ins Netz gegangen. Die Operation "Charly" war über das ganze Jahr 2010 gelaufen, hieß es offiziell aus dem Innenministerium, da man es mit sehr vielen Verdächtigen und einer Unzahl von Daten zu tun hatte.

Von den 107 österreichischen Verdächtigen in der Operation Charly waren einige bereits bei früheren Polizeiaktionen wie "Sledgehammer oder im Dezember 2009 "Typhoon" erwischt worden.

Hintermänner unbekannt

Die Bilder von missbrauchten Kindern blieben also wenigstens monatelang online verfügbar und, wie in allen vorangegangen Aktionen, wurden praktisch nur die Konsumenten erwischt. Über allfällige Verhaftungen der Drahtzieher, deren Geschäftszweck die Produktion und der Vertrieb von Bildern gequälter Kinder darstellen, wird in der Regel nie etwas bekannt. Die Ermittlungen zielen ganz offensichtlich darauf ab, möglichst viele Kunden abzufischen, und nur deshalb bleiben diese Inhalte eben für längere Zeit im Netz.

Um das Gros der Internetbenutzer in dieser Zeit davor "zu schützen", werden in mehreren europäischen Ländern regelmäßig schwarze Listen solchermaßen bekannter und unter Beobachtung stehender Websites an alle Provider ausgeschickt, die den Zugang für ihre Kunden blockieren müssen.

Die Kriminellen aber haben, wie der letzte Jahresbericht der dem "Law and Order Sector" zugeneigten Internet Watch Foundation zeigt, technisch aufgerüstet. Die Inhalte zeigten eine starke Fluktuation, hieß es da, das bedeutet, sie rotieren über eine Anzahl von Websites, verdeckte Kommandoserver steuern den Prozess.

Der kriminelle Untergrund

Die Betreiber, eine Handvoll international operierender Gangs, sind ein recht kleines Segment des kriminellen Untergrundgeschäfts, das in der letzten Dekade in einiger Vielfalt erblüht ist. Gemeint sind Spammer, Passwort-Phisher, Penny-Stock-Betrüger samt gleichgeartetem Gelichter und natürlich die "Infrastrukturbetreiber": Malware-Programmierer und deren Auftraggeber, die Betreiber der Botnets.

Diese illegalen Netze aus Zombierechnern sind ebenfalls von einer hohen Fluktuationsrate gekennzeichnet. Für jeden Exorzismus eines Rechners durch ein Antivirus-Programm müssen zwei neue Rechner akquiriert werden. Rotierende Kommandoserver überprüfen laufend, welche Rechner aktuell zur Verfügung stehen und verteilen die Inhalte entsprechend.

Mythos Sperren

Diese Methoden sind seit Jahren zu beobachten und gut dokumentiert, mit steigendem Ermittlungsdruck werden sie auch von den Distributoren von "Kinderpornografie" übernommen. Die ohnehin einfach zu umgehenden "Sperren" sind damit sinnlos, da die Inhalte längst wieder woanders sind, bevor die "Sperre" eingerichtet ist.

Was die EU-Parlamentarierin Roberta Angelilli da am Montag vorstellt, bedeutet eine Grätsche zwischen zwei Welten, die unvereinbar sind. Die Inhalte sollten zwar, wenn möglich, sofort gelöscht werden, wenn dies nicht möglich sei, dann müsse eben gesperrt werden, so lautet in etwa die Kernaussage des Berichts.

Sperren für Tauschbörsen

In Frankreich muss jeder Provider nach der dritten Mahnung der Unterhaltungsindustrie über die Behörde HADOPI das Geschäftsverhältnis mit seinem Kunden suspendieren. In Irland hat der Oberste Gerichtshof eine einstweilige Verfügung der Unterhaltungskonzerne EMI, Sony, Universal und Warner gegen den Netzbetreiber UPC abgelehnt.

Sperrinfrastruktur

Warum allen technischen Argumenten zum Trotz an der Einrichtung einer europaweiten Internet-Sperrinfrastruktur festgehalten wird, hat andere Gründe als die Bekämpfung von "Kinderpornografie". Das jährliche "Round-up" von ein paar Dutzend Konsum-Triebtätern sorgt für eine gleichbleibend hohe "Aufklärungsrate" von etwa 75 Prozent bei diesem Delikt.

Warum die eigentlichen Täter, nämlich die "Produzenten" und Geschäftemacher, so gut wie nie unter den Gefassten sind, wird in den Medien nicht hinterfragt. Die Identität der Opfer bleibt ebenfalls so gut wie immer unbekannt.

Verdeckte Agenden

Die wütenden Reaktionen europäischer Politiker auf die WikiLeaks-Enthüllungen haben gezeigt, worum es dabei geht. Ist eine solche Sperrinfrastruktur erst einmal erstellt, lässt sie sich ad hoc zur Blockade aller unerwünschten Inhalte benutzen. Obendrein funktioniert dieses Sperrsystem verdeckt, da die schwarzen Listen von den Providern geheimgehalten werden müssen.

Das ist die "verdeckte Agenda", die hinter dieser kommenden Richtlinie steht. Und: So wirklich "verdeckt" ist diese Agenda überhaupt nicht. Die Unterhaltungsindustrie fordert seit Jahren die Sperre von Linkpages, die auf Tauschbörsen verweisen, in Frankreich hat man sich damit auch vorläufig durchgesetzt.

In Großbritannien trat die Regierung kürzlich mit dem aberwitzigen Vorschlag an die Öffentlichkeit, zum Schutz von Minderjährigen sämtliche Pornografie-Websites sperren zu lassen, und nur gegen Anmeldung zugänglich zu machen. Der Aberwitz dabei ist, dass es zur Umsetzung eines technischen Regimes bedürfte, das sämtliche Inhalte vorab filtert - so wie es die "Große Firewall" rund um China seit Jahren exerziert.

Fazit

Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Hätte man nur einen Teil der Ressourcen, die da vor allem von den USA gegen WikiLeaks aufgefahren werden, für eine konzertierte Aktion gegen die "Kinderporno"-Gangs benützt, wäre die gesamte Sperrdiskussion noch obsoleter, als sie ohnehin schon ist.

Wenn eine Zeitlang keine Anlock-Sites im Netz kursieren, brechen auch die dreckigen Geschäfte über verdeckte Server ein.

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Forum

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  • wahlbeobachter | vor 1992 Tagen, 23 Stunden, 4 Minuten

    Nichts Vermischen!

    Die Absicht ist ok. es geht um den tatbestand Kinderpornografie! und um nichts anderes. zu tode gefürchtet ist auch gestorben. die gutmenschen, die sich jetzt so gebärden sind doch oft unter den tätern zu finden. hebt auch die produzenten. netzsperren sind die einzige antwort! auch bei den spams! mann soll nicht immer so tun, als sei immer alles unmöglich und so schwierig!

    Auf dieses Posting antworten
    • tantejutta | vor 1992 Tagen, 22 Stunden, 52 Minuten

      Die Frage ist jetzt schwierig zu beantworten

      ob dieses Posting das Resultat von "nicht gelesen" oder "nicht verstanden" ist.

    • onkelchen | vor 1992 Tagen, 21 Stunden, 54 Minuten

      @tantejutta

      Mir stellt sich da ja mehr die Frage, welche Medikamente dem OP helfen könnten.

    • tantejutta | vor 1992 Tagen, 21 Stunden, 30 Minuten

      womöglich hat er auch nur auf die

      Einnahme vergessen.

    • psyandchai | vor 1992 Tagen, 19 Stunden, 13 Minuten

      der op scheint mir ein kronenzeitungsleserbriefschreiber zu sein! ;)

    • maxitb | vor 1992 Tagen, 18 Stunden, 37 Minuten

      ::wahlbeobachter

      Ich bin sofort deiner Meinung dass gegen Kinderpornografie (und Spam) etwas getan werden soll und ich denke der Autor hat dies im Artikel auch klar gemacht.

      Das Problem ist hier vielmehr die technische Umsetzung. Mit Sperren kannst du per Definition nichts gegen Kriminelle unternehmen, da diese von botnets aus operieren. Sobald einer von den 1000 Rechner im cluster gesperrt werden, schaltet ein andere aktiv. Schaut die Polizei dort vorbei, findet sie wahrscheinlich eine Oma, die vom Enkel skype zum Telefonieren bekommen hat.

      Das Thema liegt hier Tiefer: Kriminelle kann man nur durch technische Bildung aller Beteiligten am Netz verhindern (z.B. Netzführerschein, wenns schon rechtlich sein sollte) - aber das auf einer globalen Skala. Sobald sich irgendwo 1000 finden, welche nicht den Unterschied zwischen DoS und DDoS kennen, hast die nächsten bots. Keinen Virenscanner, keine Firewall kann das verhindern. Denn so eine Software wird vom Anwender bewußt installiert (meist als Schaf getarnt).

      Chicken/egg - nur eines ist sicher: Sperren bringen gegen Kriminelle gar nix.

  • sonstnochwas | vor 1993 Tagen, 14 Minuten

    hmm...

    irgendwie riechts hier nach futurezone....

    Auf dieses Posting antworten
    • tantejutta | vor 1992 Tagen, 21 Stunden, 28 Minuten

      Ja der obige Altneffe

      hat wieder den Schwefeldampf-Dispenser voll aufgedreht. ;)

    • sonstnochwas | vor 1992 Tagen, 6 Stunden, 2 Minuten

      ja mei...

      andere rauchen im büro *gg*

  • teilzeitjugendlicher | vor 1993 Tagen, 38 Minuten

    erinnert mich ein wenig

    an die leidige Raucher/innen-Diskussion: Der Konsum von Rauchwaren wird gesellschaftlich immer unerwünschter, aber Tabakunternehmer sind offenbar durchaus angesehene (weil eben Unternehmer...) Bürger. Kinderpornoproduzenten sind offenbar weniger böse als Konsumenten, immerhin sind die Produzenten ja Unternehmer, und bei denen gilt im realexistierenden Kapitalismus ohnehin prinzipiell die Unschuldsvermutung.

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  • lastexit | vor 1993 Tagen, 1 Stunde, 59 Minuten

    Mogelpackungen überall

    Wie beim Krieg gegen den Terror...

    Auf dieses Posting antworten
    • tantejutta | vor 1993 Tagen, 1 Stunde, 52 Minuten

      Ja und in diesem Fall

      sind sie besonders heimtückisch verlogen.