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Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

15. 1. 2011 - 11:45

Wiki-Watch

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wiki-Watch hilft dir, die Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln einzuschätzen. Ein Freibrief für die Wikipedia-Benutzung ist das allerdings nicht.

Am 15.01 wird der Wikipedia Geburtstag auch im Radio behandelt, das genaue Programm findet ihr hier.

Der 15.01.2001, der Tag an dem die Domain wikipedia.com in den USA registriert wurde, gilt gemeinhin als der Geburtstag von Wikipedia. Dass Wikipedia zehn Jahre später zur weltweit größten Enzyklopädie geworden ist, hätten sich die Gründer damals wahrscheinlich nicht erträumen können. Letzten Monat waren fast 17 Millionen Artikel bei Wikipedia eingestellt, allein die deutschsprachige Ausgabe der Wikipedia enthält über eine Million Artikel, viermal so viele wie das 30-bändige Brockhaus Lexikon.

Im Gegensatz zu klassischen Lexika wie dem Brockhaus garantieren bei Wikipedia aber kein Herausgeber oder keine Redaktion den Wahrheitsgehalt der Einträge. Wikipedia verlässt sich allein auf die Selbstkontrolle durch seine UserInnen. Zumeist funktioniert das recht gut. In einer Vergleichsstudie des renommierten Wissenschaftsmagazins Nature, die bereits 2005 durchgeführt wurde, konnten die Wikipedia-Artikel mit den Einträgen der Encyclopedia Britannica mithalten, zumindest was naturwissenschaftliche Einträge angeht.

Jimmy Wales

APA/BENEDIKT LOEBELL

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

Auch deshalb ist Wolfgang Stock, Professor für Journalistik an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) ein Fan von Wikipedia. Wenn es Wikipedia nicht gäbe, müsse man es sofort erfinden, meint er, denn dort sei praktisch das ganze Wissen der Menschheit griffbereit, auf einem sehr aktuellen Stand und kostenlos. Komplett vertrauen könne man den Informationen aus Wikipedia aber nicht, meint er, und stimmt damit in den Chor der LehrerInnen und Uni-ProfessorInnen ein, die schon seit Jahren vor dem allzu sorglosen Umgang mit Wikipedia-Informationen warnen.

Auf fruchtbaren Boden sind diese Warnungen aber anscheinend nicht gefallen. In Deutschland hat man dies bei der Angelobung Karl-Theodor zu Guttenbergs als Wirtschaftsminister gesehen, als dem Politiker mit den zehn Vornamen auf Wikipedia ein elfter hinzugefügt wurde. Zahlreiche Medien haben diese Information ungeprüft übernommen.

Nicht nur diese Panne hat Stock zum Nachdenken gebracht. Die Qualität der Artikel bei Wikipedia kann stark variieren. Manche Artikel sind tendenziös oder nicht ausreichend belegt, was man aber nicht auf den ersten Blick erkennt: "Wir haben gedacht, da müsse es doch Möglichkeiten geben, dass man dem Benutzer Hilfsmittel in die Hand gibt, die ihm helfen, unter den 1,1 Millionen Artikeln in der deutschen Wikipedia festzustellen, ob er einem Artikel glauben kann oder nicht."

wikibu wurde an der Pädagogischen Hochschule Bern speziell für den Gebrauch von Wikipedia in Schulen entwickelt und soll die Informationskompetenz fördern.

Inspiriert vom Schweizer Dienst wikibu.ch hat Wolfgang Stock schließlich Wiki-Watch initiiert. Wiki-Watch ist ein Bewertungssystem für Wikipedia-Artikel, das wie eine Maske über Wikipedia gestülpt wird. Es bewertet Wikipedia-Artikel nach formalen Kriterien. Das Bewertungssystem basiert auf dem Gedanken, dass ein Artikel zuverlässiger und neutraler wird, je mehr Personen sich daran beteiligt haben.

Logo von Wikiwatch: eine Lupe vor einem Ball mit Puzzleteil-Oberfläche

wikiwatch

Die Anzahl der AutorInnen und der Bearbeitungen eines Artikels fließen deshalb stark in die Bewertung ein. Außerdem werden auch die Zahl der angegebenen Quellen und der Verweise von anderen Wikipedia-Lemmata auf diesen Artikel herangezogen. Aus diesen Kriterien wird ein Gesamtwert ermittelt, von einem bis fünf Sternen.

Die genauen Kriterien gibt's hier

Keine Gesamtwertung gibt es, wenn der Artikel im letzten Monat gesperrt war, wenn eine Änderung im letzten Monat gelöscht wurde, oder wenn ein Artikel eine Überarbeitungs- oder Neutralitätsflagge hat.
Zusätzlich wurde in Wikiwatch auch der Dienst wikitrust der University of California implementiert. Damit können kürzliche oder unsichere Veränderungen im Artikel nachverfolgt werden. Den Inhalt der Artikel können aber beide Dienste nicht überprüfen. Hier seien immer noch die UserInnen gefragt, wie Professor Stock meint:

"Wir ersetzen auf keinen Fall das eigene Nachdenken und das eigene Bewerten von Artikeln, aber wir geben Hilfen, um das einfacher zu machen, und was Wiki-Watch eben auch noch bietet, auf der anderen Seite unseres Angebots: Wir geben ganz viele Informationen über das Innenleben von Wikipedia: Welche Artikel gerade stark editiert werden, welche umstritten sind, welche gelöscht werden sollen, wie viele Artikel überhaupt aufgerufen wurden, das alles kann man mit wenigen Mausklicks bei uns erfahren, streng genommen keine Geheimnisse, nur kaum ein Mensch weiß, wo man die in Wikipedia selbst findet."

So konnte man auf Wiki-Watch etwa lesen, dass um den Artikel "Wiener Schnitzel" letzte Woche ein sogenannter "Edit-War" geführt wurde, ein Bearbeitungskrieg. Die UserInnen stritten sich tagelang darüber, ob das Wiener Schnitzel im Original mit Sardellen und Kapern serviert werde.

Der Schweizer Pädagoge Nando Stöcklin, der an der Entwicklung von Wikibu beteiligt war, hat die Zuverlässigkeitsprüfung mit „Vorsicht Wildwechsel“ Schildern verglichen: "An Stellen mit solcher Beschilderung besteht erhöhte Gefahr, dass z.B. ein Reh vors Auto springt. Das muss aber nicht zwingend der Fall sein und es garantiert auch nicht, dass an Stellen ohne Schild kein Reh vors Auto springen wird."

Christoph Breitler, Sprecher von Wikimedia Österreich, dem Unterstützerverein für Wikipedia, und seit sechs Jahren Wikipedia-Administrator, hält solche Warnungen für sinnvoll. Vor allem weil sie die UserInnen und nicht nur die AutorInnen anspricht. Denn obwohl die Qualität der meisten Wikipedia-Artikel gut sei, gäbe es manchmal Probleme, vor allem mit Lobbyismus oder Vandalismus. Mit Wiki-Watch könnten vor allem die DurchschnittsuserInnen geschönte oder gefakte Artikel leichter erkennen.

Die Überprüfung von statistischen Werten könne aber keine inhaltliche Prüfung leisten. Hier sei weiter die Wikipedia-Community gefragt. Und die mache sich auch Gedanken über eine Qualitätsbewertung. In der englischen Wikipedia werde derzeit etwa ein inhaltliches Bewertungssystem getestet, wo alle UserInnen über Qualität eines Eintrages urteilen können. Dieses Ziel werde auch in der deutschsprachigen Version angepeilt, um die weltweit größte Enzyklopädie noch besser zu machen.

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  • kultursensibel | vor 2255 Tagen, 21 Stunden, 29 Minuten

    Naja, ich könnte mir vorstellen, dass der Aspekt zahlreicher Autoren vor allem bei naturwissenschaftlichen und davon abgeleiteten Artikeln seine Relevanz hat.

    Aber gerade im Bereich Gemischtes oder Sozial- und Kulturwissenschaften (bzw so gelagerten Themen) kann das auch das Gegenteil bedeuten (unbedingt Artikelgeschichte ansehen).
    Und so mancher Quellenverweis führt ins Leere, oder sie sind nicht wirklich überprüfbar (wer leiht sich schon ein Buch soundso aus und gleicht die Aussagen ab).
    Wenn ein Quellenverweis einem Admin oder einer selbsternannten Autorität nicht gefällt, wird er gerne auch ignoriert.
    Umstrittene Edits gewinnt der mit den meisten Unterstützern und der größten Penetranz.

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