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Musik, Film, Heiteres

Felix Knoke Berlin

Verwirrungen zwischen Langeweile und Nerdstuff

2. 2. 2011 - 18:33

Transmediale 11, Tag 1: Radio Magic, Radio Tactics

Was machen die Medien mit uns, was machen wir mit den Medien? Mit dieser geradezu altmodischen Frage beschäftigt sich die elfte Transmediale in Berlin. Am ersten Tag ging es - ums Radio!

Ich muss ganz ehrlich sein: So hin- und hergerissen ich von der letzten Transmediale: Futurity Now! war, es blieb doch viel hängen. Die alte Transmediale.10 hat mir meine Begriffe der Zukunft kaputt gemacht und eine wunderschön entspannte Perspektive auf die Vergangenheit eröffnet.

Opening © Jonathan Gröger / transmediale

Ich hatte mir einfach noch keine vernünftigen Gedanken um das Thema Zukunft - oder wie es auf der Transmediale neutralisiert hieß: Zukunftshaftigkeit - gemacht. Dabei liegen alle wichtigen Gedanken so nahe und lassen sich tolle Projekte, Positionen, Diskussionen daraus machen.

Nun, umso größer war meine Vorfreude auf die Transmediale.11. Weniger, weil sich das Motto irgendwie spannend anhörte (Response:Ability, gähn) oder ich mich sonderlich für Medienkunst interessiere, sondern weil ich mir von der Transmediale ein langes, großes, interessantes Gespräch erwartete, dem ich einfach nur zuhören müsste um derartig angeregt all meine Freunde mit meinen ach so tollen Erkenntnissen tyrannisieren zu können ("Zukunft ist Vergangenheit!").

Herman Kolgen - DUST © Jonathan Gröger / transmediale

Die Aufmachungen und Verpackungen der Transmediale-Themen sind immer futuristisch, die Inhalte sind meist ein wenig hinterher. Was zählt ist der Austausch und die gute Idee. Und hin und wieder leider nur: wer die interessanteste Anekdote zu erzählen hat. Die Themen haben wilde Namen, die Gespräche verlaufen harmlos: angenehme Plauderei, eh ein Superformat!

Um was geht es bei Transmediale.11: Response:Ability? Das hat mir selbst mein Gesprächspartner Marcel Schwierin, Kurator des Filmprogramms der Transmediale, nicht so richtig erklären können. Das dürfte vor allem an der eigentlich offenen Struktur dieses Medienkunst-Festivals liegen. Bei der Transmediale (zumindest bei der letzten, bei der ich dabei war und dieser, bei der ich bisher nur das Programm studieren konnte) geht es grundsätzlich um alles, was irgendwie erklären hilft, welche Rolle Medien und Medientechnik für den Menschen und dessen Gesellschaften spielen.

Die Transmediale.11 wiederum ist Konferenz, Galerie und Workshop - ein großes Wuselwusel, randvoll mit Programm. Ich werde mich in den nächsten Tagen auf den Konferenz-Teil konzentrieren: Darin wird es - unter dem nicht minder mysteriösen Titel Body:Response - in drei so genannten Tracks um eine Ausbeulung der 90er Cyberspace- und Cyborg-Diskussion gehen, nämlich die gegenseitige Beeinflussung der Bio- und Tech-Sphäre und nun auch der "bio- und psychopolitischen Machtkonfigurationen im Webzeitalter."

Opening © Jonathan Gröger / transmediale

  1. Track. Bios und Präsenz: Was und wo ist Authentizität und Identität, wenn Körper nur noch einer von mehreren Aufenthaltsorten eines oder mehrerer Individuen sein können
  2. Track. Bios und Macht: Absenz, Exzess, Dis-Affektion als Widerstand gegen den Druck kapitalistischer Informationsgesellschaften
  3. Track. Bios und Technologie: Wie kann der Körper selbst die neue Medienwelt erfahren? Affekt als Medium zwischen Technik und Körper.

Hier noch schnell meine Eindrücke vom ersten Transmediale-Tag:
Gerade saß ich im großen Auditorium und hörte einer Diskussion um die Zukunft und die Gegenwart des Radios und seiner "anhaltenden Bedeutung für unabhängige Medienorganisationen, Community-Projekte und soziales Handeln" zu: Radio Tactics.

Inhaltlich kann ich nicht viel dazu sagen, das Panel erzählte vor allem Anekdoten aus Afrika, von Miniaturisierung und den Möglichkeiten, mit Radio nicht nur zu senden, sondern mit seinem Publikum zu reden - zum Beispiel in Krisensituationen (oder Afrika). Radio macht die Welt heile, jaja.

Also: egal, egal ... es folgte die viel spannendere Radio Magic-Diskussion. Es ging um Radiokunst und das subversive Potential von Radio. Einer der Diskussionsteilnehmer, Alejo Duque, wehrte sich gegen die Affirmation des Afrika-Krisenradios im Publikum oder die zuvor geäußerten Öffnet-die-Archive-Forderungen. Ihm ging es darum, mit dem Radio eben keine Spuren zu hinterlassen: "No fucking archives! No traces!"

Und dann sah ich es plötzlich auch: Radio ist eine seltsame Kreatur, der man mit einer Antenne, mit Drehreglern und Schaltern, mal besser mal schlechter, Nachts anders als am Tag, von Sonnenfinsternissen und Sonnenstürmen gestört, auf dem Berg anders als im Tal zuhören, sogar Teil von ihr werden - sie aber nie greifen kann.

Als Duque dann seine Antenne hob und irgendein brasilianisches Radiogeräusche durchs Auditorium schall, dachte ich mir: Was für eine perfekte Fortsetzung der Transmediale.10, was für ein großer Start für die Transmediale.11. Vielleicht lässt es mich alt aussehen, aber Internet-Magie? Kenn ich nicht ...

Flüchtiges Radio, unberührbares Radio, magisches Radio!

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  • lukastagwerker | vor 1266 Tagen, 2 Stunden, 15 Minuten

    live jetzt live vorbei

    radio also. ein überkommen geglaubtes paradoxon, just in time - produktion, die scheinbar von allen zwitschernden echtzeit-schwarmintelligenzen überholt wäre. dennoch gibt es einen jetzt-zeit fluss, der ohne bild als ton schneller ist und schon wieder vorbei ist, wenn es der demand on demand abrufen will.

    das speed differential ruft also zurück nach diesem zaubertaktikmedium.

    gespannt auf weitere berichte und zwischenzeiliges GOSSIP!, alles liebe nach bberlin

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  • robertglashuettner | vor 1266 Tagen, 8 Stunden, 38 Minuten

    no archives? du kennst meine minidisc-sammlung aus den spätneunzigern nicht.

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