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Musik, Film, Heiteres

Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

29. 7. 2011 - 16:00

Die Götter müssen verrückt sein

Das Multiplayer Online Game "Realm of the Mad God" ist Minimalismus mit maximalem Suchtfaktor.

"Realm of the Mad God" ist kostenlos im Browser spielbar. Das Wiki gibt Nachhilfe.

NEIN. Warum tu ich mir das an? Das darf nicht wahr sein. Ich könnte ins Keyboard beißen, die Maus gegen die Wand pfeffern, laut aufschreien oder leise wimmern. Eines kann ich allerdings nicht: Meinen Ritter wiederbeleben, den ich über mehrere Tage hinweg behutsam aufgepäppelt und durch unzählige Kämpfe geführt habe. "Death is not the end?" - im kostenlosen Massively Multiplayer Online Game "Realm of the Mad God" schon.

Permadeath heißt das fiese Konzept, das seit Computerspielurzeiten vor allem in Roguelikes für Emotionen sorgt: Tot ist tot, zurück zum Anfang, mit einem neuen Charakter. Start again. And again. And again.

And again.

Realm of the Mad God

Wild Shadow Studios

"Realm of the Mad God" ist per Eigenbeschreibung ein "co-op Fantasy MMO shooter" und hervorragend aus verschiedensten Genres zusammengeklaut. Die liebevolle 8-bit-Grafik erinnert nostalgisch an den Games-Opa "Gauntlet" oder das NES, die Steuerung mit Maus und Tastatur kennt man von "Geometry Wars".

Das Gameplay ist die eingedampfte Essenz aller MMOs - und die Sucht, ja, die Sucht ergibt sich durch das fiese Belohnungs-Timing, das spätestens seit "Diablo" durch stundenlanges "Nur noch schnell bis zum nächsten Levelaufstieg" die Nächte verkürzt.

Reduce to the max

"Kill enemies, take their stuff, and level up. Have fun!" Der Minimalismus der Spielbeschreibung im FAQ ist Programm. Kampf und Magie sind ebenso wie Inventory- oder Party-Management aufs Wesentlichste beschränkt. Es gibt 13 Charakterklassen, die nach und nach freigespielt werden.

Am Rand der riesigen Maps sind die schwächsten Monster, landeinwärts wagt man sich am besten nur in Begleitung, denn dort lauern nicht nur die stärksten Gegner und die besten Items, sondern irgendwann auch der titelgebende "Mad God". Ein einzelner Klick trennt uns per Teleport von allen anderen Spielern, die zum Teil in großen Gruppen das Landesinnere unsicher machen. Das war's.

ein screenshot aus dem spiel

Wild Shadow Studios

"Realm of the Mad God" ist trotz aller Einfachheit ein gemein ausgetüftelter, konstanter Balanceakt, ein ständiges Abwägen von risk vs reward: Soll ich mich größeren Gruppen anschließen, um mehr Erfahrung, aber weniger Beute einzuheimsen? Rette ich mich Sekunden vor dem Exitus per Teleport oder warte ich noch auf den einen Levelaufstieg, das nächste Mega-Item, den nächsten Endorphinschub?

Vor mir liegt immer die nächste verlockende Belohnung, hinter mir gähnt der Abgrund des Permadeath. So simpel kann Sucht sein.

Nur noch ein paar Minuten, Mutti.

Hardcore Casual

Es ist ein wenig beängstigend, wie treffsicher "Realm of the Mad God" die richtigen Knöpfe drückt und ganz ohne den Klimbim "richtiger" MMOs durch Minimalismus und Abstraktion einen fast hypnotischen Sog entwickelt.

Finanziert wird das kostenlose Browserspiel durch Micro-Transaktionen, mit denen man - nicht spielbeeinflussende - Vanity-Items wie Kleidung oder zusätzliche Charakterslots mit echtem Geld kaufen kann. Wie in den von "richtigen" Spielern oft geschmähten Casual Games ist der Einstieg simpel, doch die Abgründe der Suchtspirale fordern - und fördern - die Hardcore-Mentalität aus längst vergangen geglaubten 8-bit-Tagen.

screenshot aus dem spiel

Wild Shadow Studios

Wie im Indie-Hit "Minecraft" oder im Seelenverwandten "Terraria" genügt es auch "Realm of the Mad God", dem Spieler einfach eine große Sandkiste zur Verfügung zu stellen, in der sich jeder nach Belieben austoben kann.

Ob man mit Riesengruppen ähnlich Süchtiger erfahrungspunktegierig durch das Landesinnere rast oder allein der perfekten Beute nachjagt oder sich mit Freunden fast "klassisch" von Quest zu Quest hantelt - erlaubt ist, was gefällt. Ein minimalistisches Regelwerk reicht völlig aus, der Rest ergibt sich dann von selbst.

"Realm of the Mad God" beweist, dass man zum Spielen ziemlich wenig braucht - außer Leidensfähigkeit. Warum tut man sich das an? Ach ja: Endorphin und Adrenalin ergeben halt einen gefährlichen Cocktail. Start again. And again.

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  • robertglashuettner | vor 1239 Tagen, 7 Stunden, 12 Minuten

    die verlockung des risikos ist so stark, dass ich mich wieder und wieder zu einem der lvl-20-typen in die mitte der karte teleportiere, wo die ganzen irren viecher sind. und dann kommt der versuch, möglichst schnell wieder in den nexus (die spielerlobby, in der einem nichts passieren kann) zurückzuklicken ohne vorher zu sterben. gelingt im schnitt aber nur jedes zweite mal :)

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