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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

6. 9. 2011 - 23:58

Polly's cracker

Warum der Mercury Prize vielleicht wieder seine Existenzberechtigung gefunden hat.

Ich hatte fest vorgehabt, hier was über die wachsende Sinnlosigkeit des Mercury als Albumpreis zu schreiben. Nicht, weil ich Alben selber für irrelevant halte, sondern weil der Mercury doch immer ganz vorn sein will. Und ganz vorn – das weiß auch ich, der einen Scheissdreck drauf gibt, ganz vorn zu sein – sind Alben per se schon länger nicht mehr.

Aber dann hat PJ Harvey nach zehn Jahren zum zweiten Mal gewonnen (was es übrigens noch nie in der Geschichte dieses Preises gab), und plötzlich war alles umgekehrt, und plötzlich war ich doch wieder dabei.

Weil „Let England Shake“ eben genau das ist, was ein Album sein soll, nein sein muss im Zeitalter des Tonträgers als Zweitmedium: nämlich eine zwingende thematische Einheit (man muss deshalb genauso wenig Konzept dazu sagen, wie man das bei einem Buch oder Film täte).

Als PJ Harvey das letzte Mal, an jenem 11. September 2001, für ihr Album „Stories from the City, Stories from the Sea“ den Mercury gewann, saß sie mit ihrer Band in Washington fest und sah durch ihr Hotelfenster eine Staubwolke über dem Pentagon aufsteigen.

Es könnte kaum passender kommen, als dass sie zehn von endlosen Kriegen gebeutelte Jahre später mit einem intelligenten Album über Englands schuldige, kriegerische Seele denselben Preis wieder gewinnen sollte.

PJ Harvey bei der Preisverleihung

„The words that maketh murder“, in der Tat, die in England Lebenden kennen sie zur Genüge: Die immer wieder händeringend vorgebrachten großen Worte des jeweiligen Mannes im dunkelblauen Anzug und seinen moralisch begründeten Drang zum nächsten gerechten Gemetzel.

PJ Harvey bei der Preisverleihung

Ich kenne Leute, die meinen, „Let England Shake“ sei nicht ganz so schlau wie es tue. Ich behaupte: So ist das bei guter Popmusik. Du hörst Dinge, die bei näherem Studium des Textblatts gar nicht da sind. Sie existieren nur als schwebend mysteriöse Präsenz im Sound, zwischen den Worten, dem ätherischen Kirchenhall und der auf Geisterfüßen durch die Krypta pirschenden Autoharp.

PJ Harvey bei der Preisverleihung

„War is here now in our beloved city!“

Zwischen Dattelpalmen, Orangen- und Mandarinenbäumen ("Written on the Forehead"). Nur damit wir uns wieder ins Gedächtnis rufen, dass die Kriege, die England ficht, nicht in seinen eigenen geliebten Städten ausgetragen werden.

Also leider nein für James Blake, aber die Leute lästern schon die längste Zeit zu laut über das, was sie noch vor so kurzer Zeit so gut an ihm fanden (sein Fast-nicht-da-sein, das Plug-In-Ausprobier-Stimmen-Treatment).

Schade um Metronomy, da hatte bei allem charmanten DIY-Glamour die Gewinnerin einfach mehr Gewicht.

Und auch als großer Freund des King Creosote muss man einsehen, dass doch nicht seine, feine kleine, sondern PJ Harvey's Platte die war, die bei ihrem Erscheinen die so selten spürbare Aura der unbestreitbaren Wichtigkeit verströmt hat.

PJ Harvey's Let England Shake

Tut leid auch für Anna Calvi, Katy B, Tinie Tempah, Everything Everything, Ghostpoet aber das Debüt-Album zum Selbstzweck der Vorstellung seiner ProtagonistInnen ist eben genau das Gegenteil davon, was „Let England Shake“ verkörpert und auch jedes Album, das diesen Preis in Hinkunft gewinnen will, erfüllen sollte, nämlich seine Existenz in seinem Zusammenhang zu rechtfertigen (bei Elbow's „Build A Rocket, Boys“ wär sich das übrigens auch ausgegangen, aber die hatten ohnehin schon die drei Jahre seit dem letzten Preis mit Abräumen verbracht).

Vielleicht war es also nur nur ein Zufall, was heuer passiert ist, oder der Mercury hat begriffen, dass er nicht mehr wie früher eine A&R-Leistungsschau und nie wieder ganz vorn sein kann, sondern sich ab nun leidenschaftlich gerade der marginalen Nischenkunst des Albenmachens wird widmen müssen.
Sonst braucht ihn nämlich wirklich keiner mehr.

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  • christianlehner | vor 626 Tagen, 12 Stunden, 9 Minuten

    fein, ähnliches lässt sich ja auch über arace fires grammy für the suburbs sagen.

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  • yunichi | vor 626 Tagen, 15 Stunden, 18 Minuten

    Vereehrter Rotifer! Da du ja mittlerweile auch unter die Festivalorganisatoren gegangen bist, hätte ich gern mal gewusst, warum denn so tolle Leute wie PJ Harvey nie nach Ö/Wien kommen, außerhalb diverser Großfestivals? Woran liegt das?
    Wenn man etwas über die Grenze schielt, findet man dann doch PJ-Gigs: München Circus Krone: 70,- Euro!, Ferrara: ähnlicher Preis! Das kanns doch nicht sein.

    Zum 2.Mercury Prize: top-notch!

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    • phoneuser | vor 626 Tagen, 14 Stunden, 18 Minuten

      Lieber yunichi! Das darfst Du nicht den Robert Rotifer fragen, sondern dieses Anliegen musst Du wohl an die diversen Buchungsagenturen (e.g. Skalar Music) herantragen (falls die Dir darauf überhaupt antworten).
      Aber mich wundert es - offen gestanden - genauso wie Dich, dass man, um PJ sehen zu können, weite Reisen in Kauf nehmen muss (da in UK alles ausgebucht war, begab ich mich nach Ferrara, da war das Tix aber billiger als 70 EUR).
      Aber wo lässt man PJ bei uns in Wien stimmungsgerecht auftreten ?
      In einer Stadthalle schau ich mir PJ nicht an, da kommt keine Stimmung auf.
      Arena open-air, das wär schon was, spielt's aber vor kommendem Sommer eh nicht und da ist wohl diese Tour schon vorbei.
      Meines Erachtens könnte jeder Booker in Wien auch mit Ö3-unbekannten Indie-Acts jeden Spielort voll bekommen (klar, müssen Agenturen auch kommerziell denken), wenn man ein bisschen Promo in Ungarn oder der Slowakei macht.
      Dort finden kaum coole Gigs statt und dort gibt's vielleicht mehr "ausgehungerte" Indie-Fans als in Ö.
      Also etwaige Hinweise auf "kommerzielles Risiko des Veranstalters" kann ich auch beim besten Willen nicht erkennen, denn mit nur wenig Promo in HU und SK könnte man Polly...

    • phoneuser | vor 626 Tagen, 14 Stunden, 16 Minuten

      >>>

      ...Jean locker 2x in Serie buchen und einen Venue voll bekommen.
      Somit ist es für mich auch ein Rätsel, warum KünstlerInnen wie eben PJ bei uns nie zu sehen sind.
      P.S. Für Björk gilt übrigens genau dasselbe.

    • frankie1972 | vor 626 Tagen, 13 Stunden, 40 Minuten

      @phoneuser

      mag schon sein, daß das funktionieren kann, wenn man sich ansieht wieviele autos mit slowakischen bzw ungarischen kennzeichen zb bei arcade fire oder bright eyes zu sehen waren. andererseits sind die mittelgroßen locations in wien entweder ein graus (gasometer), ungeeignet (stadthalle), oder nur beschränkt bespielbar (arena open air) und die marktbeherrschenden booker in ö machen ihre leichtverdiente kohle lieber mit qualitativ minderwertigen "megafestivals" ala nova rock und frequency als sich mühsam auf kundensuche begeben zu müssen. schade aber leider fakt...

    • souzy | vor 626 Tagen, 11 Stunden, 16 Minuten

      Ms. Harvey gehört ins Burgtheater.

    • phoneuser | vor 626 Tagen, 4 Stunden, 18 Minuten

      @frankie1972:
      Du hast schon recht. Aber den "marktbeherrschenden Bookers" in Ö wird's auch etwas zu einfach gemacht. Klar, wenn die sehen, dass man leichter auch Kohle machen kann und es keinen anderen gibt, der sie herausfordert, dann werden die so weitermachen.
      @souzy:
      Ok, Burgtheater wäre sicher eine Location, wo sie auftreten würde. Aber dann hast dort Tickets zwischen EUR 90 und 140 und die entsprechende Art von Besuchern. Da wird dann wirklich eine "tolle" Stimmung aufkommen...
      Nein, Wien ist geografisch so prädestiniert (Bratislava als Hauptstadt keine 50km entfernt) und dort der Bedarf so groß, dass man mit diesem (kommerziellen) Vorteil einiges aufstellen könnte. Ja, um etwas aufstellen zu können braucht man halt auch finanzielle Mittel, ganz ohne geht das nicht.
      Und ich hoffe, dass sich nun bestimmte Firmen hier angesprochen fühlen und sich fragen, ob da vielleicht schon was im Busch ist und sie unerwartete Konkurrenz bekommen :)

    • yunichi | vor 625 Tagen, 19 Stunden, 30 Minuten

      Haben wir hier gerade DIE Marktlücke entdeckt? Hat jemand bisserl was Erspartes übrig, vielleicht sollten sich ein paar zusammentun und was auf die Beine stellen?
      Wiesen müsste dass doch eigentlich stemmen können, die Festivals dort sind doch eh praktisch umgebracht worden und mit Arcade Fire haben sie doch auch gute Erfahrungen gemacht, denke ich? (Ich weiß ja nicht, ob das auch was in die Kasse gespült hat?)

      Genau, Björk wär mein nächstes Beispiel gewesen...

      Übrigens hätte ich mir schon erwartet, dass nach dem Quasi-Niedergang des Tonträgermarktes die Künstler deutlich mehr auf Konzerte und das notwendigerweise auch in Österreich setzen werden. Aber leider kommen trotzdem fast nur "Acts" in Flex oder WUK Größe. Ganz Schade.