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Musik, Film, Heiteres

Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

29. 10. 2011 - 09:52

Mehr ist weniger

"Rage", der lang erwartete Shooter von id software, will unbedingt modern sein - und scheitert am eigenen Ehrgeiz.

Über id software:

Mit "Wolfenstein 3D" (1992) und "Doom" (1993) hat id software das heute alles beherrschende Genre der First-Person-Shooter begründet, "Quake" brachte 1996 einen bedeutenden Schritt hin zu 3D und "Quake 3" setzte 1999 Maßstäbe im Multiplayer-Gaming. Schon 2003 setzte US-Journalist David Kushner der Firma mit seinem Buch "Masters of Doom" ein Denkmal. Der Untertitel verspricht nicht zu viel: "How Two Guys Created an Empire and Transformed Pop Culture".

Dass id software Legenden der Spielebranche sind, ist eine Untertreibung: Das technische Ausnahme-Genie von John Carmack und John Romeros Rock'n'Roll-Charisma verbanden sich in id softwares Glanzzeiten zu unverwechselbaren, brachialen Pop-Bestsellern. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her - nach Romeros Abgang nach dem Erscheinen von "Quake" verlagerte sich id softwares Bedeutung zunehmend hinter die Kulissen: Das Hauptgeschäft der Texaner besteht in der Lizenzierung der beeindruckenden Technologie; die Spiele selbst, als letztes 2006 "Doom 3", blieben trotz kommerziellem Erfolg eher Showcases für potenzielle Engine-Lizenznehmer als revolutionäre Weiterentwicklung der erprobten Egoshooter-Formel.

Screenshot Rage

id software

Das Charakterdesign der NPCs ist durchgehend hervorragend - schade, dass sich "Rage" damit begnügt, sie zur Dekoration einzusetzen.

Mit allem und scharf

Ganze fünf Jahre hat sich id software nun Zeit gelassen, um mit "Rage" das First-Person-Shooter-Rad neu zu erfinden. Mit dem Ruf, altmodische Korridor-Shooter oder reine Tech-Demos für Carmacks neue Tricks zu entwickeln, sollte Schluss sein: "Rage", das (schon wieder) in einer staubig-postapokalyptischen Welt nach dem Muster von "Mad Max", "Fallout" oder "Borderlands" spielt, bietet ein Potpourri an allem, was "moderne" Games-Bestseller im Jahr 2011 anscheinend brauchen: eine offene Spielwelt, Fahrzeuge inklusive Rennen, Rollenspiel-Rudimente wie Inventory-Management samt Mini-Crafting und ein Missionssystem. Garniert wird das Ganze durch diverse Minispiele, die wie in der "GTA"-Reihe oder "Red Dead Redemption" den Spieler abseits der Hauptmissionen beschäftigen sollen.

Screenshot Rage

id software

Städte-Hubs mit Missionsgebern sind offenbar ein Must-have - spielerisch relevant wären sie nicht.

Das sind aber alles nur die Beilagen, die Hauptspeise bleibt klassisch: Betritt man nach dem Herumfahren in der - wie der Rest des Spiels - grafisch spektakulären, aber recht unbelebten Wüste die einzelnen Missionsorte, ist man im vertrauten Terrain des First-Person-Shooters angelangt. Die Locations sind atemberaubend gestaltet, die leider nicht besonders abwechslungsreichen Gegner bevölkern aufwendig animiert, aber wenig intelligent die - erraten - Korridore, die uns meist schon nach recht kurzem Rundgang und brachialen Feuergefechten wieder zum Ausgangspunkt zurückführen.

Screenshot Rage

id software

Fantastisches Set-Design, id-typische Monsterhektik: "Rage" wäre so gern altmodisch, darf das aber leider zu selten sein.

Feature Creep

In diesen Teilen läuft id software zur Hochform auf - als klassischer First-Person-Shooter ist "Rage" geradlinig, rasant und adrenalintreibend. Leider, und das ist der Fluch eines Spieles, das sichtlich mit Riesenbudget und enormem Erfolgsdruck entstanden ist, bleibt "Rage" diesem Purismus nicht treu und überlädt sich mit zusätzlichem Ballast, der fehl am Platz wirkt oder nur halbherzig umgesetzt wurde. Trotz "Open World"-Habitus ist das Spiel linear, der "Rollenspiel"-Anteil bleibt in Anführungszeichen und der Autorenn-Part wirkt aufgesetzt und unnötig. Es stellt sich angesichts der wirren Menge an Spielelementen und Gimmicks das Gefühl ein, hier würde ohne Blick fürs Ganze alles wahllos zusammengewürfelt, was vielleicht auch noch interessant sein könnte - auf Kosten der Kernkompetenz. Da ist es auch symptomatisch, dass just im Multiplayermodus auf das klassische "Deathmatch" zugunsten von Autorennen und Koop-Modus verzichtet wurde.

Die Summe der Zutaten, die rund um den "altmodischen" Kern des First-Person-Shooters zu beängstigenden Höhen aufgetürmt werden, hat leider letzten Endes auch verhindert, dass die klassischen Stärken fertig ausformuliert werden: Die Kampagne endet abrupt und antiklimaktisch, die Story ist selbst für Games-Verhältnisse löchrig und die frei wählbare Bewaffnung führt zu allerhand Balance-Problemen. "Rage" ist der bedauerliche Fall eines Spieles, das mangels Budgetbeschränkungen weit über jede Notwendigkeit aufgeblasen wurde - allerdings nicht in Bezug auf die Spielzeit, die ist mit guten zehn Stunden für die Kampagne eher durchschnittlich bemessen. Umso deprimierender für die talentierten Grafiker und Künstler, die sichtlich ihr Herzblut darin gelegt haben, "Rage" einen originellen Look zu verpassen - vor lauter Features geht beim Spieler schon mal der Blick fürs Detail verloren.

Screenshot Rage

id software

Von A nach B: Buggyfahren im Ödland ist kurzweilig, aber eigentlich nur Dreingabe.

Wanted: Anti-modern Warfare

Es ist zu wünschen, dass John Carmack den Rat des Indie-Developers Eskil Steenberg ("Love") annimmt, den dieser ihm in einem offenen Brief zukommen ließ: Beim nächsten Spiel, so argumentiert Steenberg, solle Carmack doch wieder den ganzen Ballast beiseite lassen und sich mit minimalem Team auf das beschränken, wofür id software steht: Nicht Story, sondern revolutionäre technische Brillanz hat die Geburt des Genres des First-Person-Shooters ermöglicht. "Only one studio in the world can have John Carmack as its lead engineer, so why can't that studio make games based on tech rather then art and design?"

"Rage" ist für PC, PlayStation 3 und Xbox 360 erschienen.

Es stimmt fast ein wenig traurig, dass "Rage" in seiner Überambitioniertheit, modern zu erscheinen und alles für alle sein zu wollen, nicht jener puristische Shooter sein darf, der es in seinen besten Momenten eigentlich ist. Der Rausch aus Bewegung und Gewalt, der stets id softwares Trademark war, ist wohl da in "Rage", allerdings fast begraben unter letztlich zweitrangigem Beiwerk. Denn trotz allem, was "Rage" "modern" machen soll: Die Technik spielt die Hauptrolle. Und das ist kein Makel, sondern eine von seinen Machern fast vergessene Tugend.

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