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Musik, Film, Heiteres

Philipp L'Heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

12. 12. 2011 - 18:45

Hochgradig pure Ekstase

Amanda Brown von der renommierten Geräusch-Manufaktur NOT NOT FUN hat 2011 ein neues Tochter-Unternehmen für den Dancefloor geschaffen. 100% SILK ist das beste neue Label des Jahres - wenn nicht gar überhaupt.

Am Anfang von 100% Silk steht die erste Produktion eines Herren namens Ital: Im Frühjahr 2011 ist die Katalognummer 001 des kalifornischen Labels erschienen, schlicht und pragmatisch nach dem Künstler selbst "Ital's Theme" benannt. Ein minimalistisch knarzendes Stück Acid-Erinnerung, das dem Label und dem Musiker sogleich beste Kritiken eingebracht hat. Ital wird schnell zum Aushängeschild und quasi Mini-Star von 100% SILK.

100% silk

100% silk

Neben seiner Reinkarnation als Ital werkt Daniel Martin-McCormick, alleiniger Kopf des Projekts, im Duo Mi Ami, das bei der Chicagoer Postrock-Instanz Thrill Jockey veröffentlicht, und als Sex Worker für das Label NOT NOT FUN. NOT NOT FUN aus Los Angeles ist das Mutterschiff des heuer aus den Nebeln von Disko-Ekstase und Oldschool-House geborenen Labels 100% SILK. Auf dem von Amanda und Britt Brown aus ihrem Wohnzimmer heraus betriebenen NOT NOT FUN wird tendenziell dem Noise, dem experimentellen Herumgebastel, dem angepunkten Garagen-Gerümpel und schön summenden Drones gefrönt - große Meisterinnen in der Herstellung erweiterter Bewusstseinszustände wie Pocahaunted, Sun Araw oder die Peaking Lights sind oder waren hier zuhause, auch einige vergleichsweise poppige Acts wie Best Coast und Zola Jesus sind mit dem Label verbandelt.

Dance mit Aszendent Noise

Bei 100% SILK nun, dem Label mit treffend super-sensuellen Namen, soll es Amanda Brown - die selbst unter dem Namen L.A. Vampires spukhafte Dub-Experimente entwickelt - astrein um Dancefloor-Produkte gehen. Weshalb bislang die Darreichungsform "12"-Vinyl" die bevorzugte des Labels ist.

"Wir haben bei NOT NOT FUN immer für alle möglichen Styles die Türen offen gehalten und Veränderungen zugelassen und an ihnen gearbeitet", sagt Amanda Brown, "Richtige Dance-Maxis - und eben nicht bloß von Elektronik beeinflusste Musik - auf NOT NOT FUN zu veröffentlichen, haben wir dann aber doch für einen Schritt zu weit und auch nicht für sonderlich sinnvoll gehalten. Wir wollten einen frischen Beginn und auch sozusagen der Dance- oder DJ- Community, die unser Label bislang - wenn überhaupt - wohl eher mit geringem Interesse verfolgt hat, zeigen, dass wir da mit etwas Neuem am Start sind. "

la vampires

100% SILK

Britt und Amanda Brown

Die gut 15 Releases - eben nicht gerade wenig - die 100% SILK dieses Jahr in die Regale gestellt hat, sind nahezu alle vergriffen, das Label selbst rangiert in diversen Blogs auf den vorderen Plätzen in der Jahresendbestenlisten.

ital's theme cover

100% silk

Neben Ital heißen die Acts auf 100% SILK Octo Octa, Magic Touch, die andere Hälfte von Mi Ami, Pharaohs oder Maria Minerva, die mit ihren halluzinogen verhuschten Rumpelkammerpreziosen innerhalb des Label-Rosters wohl noch am ehesten Pop-Crossover-Appeal vorweisen kann, weil bei ihr dann doch noch - wenn auch reichlich verspult und verwaschen - im Songformat gearbeitet wird. Nachzuhören auf den beiden wunderbaren EPs "Noble Savage" und "Sacred & Profane".

ital

Ital

Ital

4/4 Beats aus der Garage

Der Rest des Katalogs verlässt sich in erster Linie auf den Rhythmus und durchmisst dabei ein weitläufiges Spektrum des Dancefloors. Neben sprödem Techno und Acid-Gezwitscher gilt es bei 100% SILK französisch inspirierten Filter-House der Schule Daft Punk zu erleben, der auch die Cheesyness nicht scheut, die "Shadow Disco" des Duos Innergaze oder kosmische Ausritte Richtung Krautrock, wie beispielsweise in Pharaohs großartigem "Flutter & Moan".

100 %silk

100% Silk

Hiermit seien prinzipiell alle Releases von 100% Silk ausdrücklich empfohlen. Das Vinyl ist - bis auf weiteres - zu großen Teilen bereits vergriffen, digital und legal kann man der Stücke relativ problemlos habhaft werden.

Gemeinsam ist den Releases von 100% SILK ihr Lo-Fi-Charme und der runtergerockte Punk-Gestus. Hier machen Menschen, die eher vom Krach und vom elektronischen Gezischel und Gebrumme kommen, Tanzmusik mit gerader Bassdrum. Nun ist das zwar nicht neu, aber in den USA immerhin noch eine Seltenheit. 100% SILK steht so in einer noch jungen Tradition von ausgewiesen befreundeten Labels wie DFA oder Italians Do It Better, wenngleich auch bei 100% SILK weitaus puristischer an den Wurzeln geforscht wird. Wir haben es hier aber weder mit einem "ironischen" Electroclash-Zirkus noch einer bloßen Retro-Unternehmung zu tun. Aus den Geistern der Vergangenheit und dem Wissen um die Zukunft entsteht hier eine zwingend den Dancfloor heilende Musik, der man ausnahmsweise tatsächlich "Zeitlosigkeit" unterstellen darf. Don't Call It Hipster-House, wie das manch ganz schlauen Hatern schon eingefallen ist, diese Musik ist nicht bloß Pose und Kostüm, sondern ebenso Ahnung, Wissen, Form, Inhalt, Sexyness, Humor und Style.

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  • flexxo929 | vor 951 Tagen, 14 Stunden, 5 Minuten

    cuticle - wow.

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  • zugverschrotter | vor 952 Tagen, 11 Stunden, 10 Minuten

    guter tipp

    von der noble savage ep bin ich persönlich ein wenig enttäuscht: zu gelangweilter gesang und zu viel seltsam spherisches herumgeeiere, was ich schon bei björk nicht ausstehen kann.

    und die ganzen gitarrenuntermalten tracks kommen überhaupt ein bisschen dröge herüber, so als wolle man anknüpfungspunkte zu dfa und die new wave schiene suchen. wems gefällt...

    die disco/house/tech/leftfield tracks könnens dafür wirklich. größtenteils. manche wirken einfach zu willkürlich, als dass man die melodien im kopf behalten könnte. aber hey, die wenigsten eps schaffen es mit vier genialen songs aufzuwarten.

    summa summarum ein feiner neuzugang, der seine kadenz hoffentlich beibehalten kann.

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    • christianlehner | vor 951 Tagen, 20 Stunden, 52 Minuten

      awesome!

      wenn ich meinen ami-freunden wieder einmal eine typische austrian appriciation ("supa! oba eigentlich eh oasch) anschaulich erklären möchte, übersetze ich einfach dein posting. ok?

    • zugverschrotter | vor 951 Tagen, 16 Stunden, 58 Minuten

      bitte, tu das.

      wenn ich irgendwann in "österreich is oarsch. JU ESS ÄI! JU ESS ÄI! NYC BROOKLYN FTW!" stimmung bin zieh ich mir dafür deinen blog rein.

      was genau stört dich eigentlich an ein bisschen nüchterner betrachtung anstelle von superlativen, die sich in richtung lächerlichkeit bewegen, wenn man ständig mit kindlichen bret hitman hart aussagen (der beste den es gibt, gab und geben wird) daherkommt die den letzten eigenen superlativ nochmal übertrumpfen?

      ja, kindliche freude an musik ist was schönes. aber deswegen muss man nicht jeden schaß, vor allem wenn es sich um ein einigermaßen breit gefächertes spektrum wie bei besagtem label handelt, ungeschaut als wödbestes von immer und sowieso sehen. ich habe mich zb unsterblich in tensnakes "coma cat" und den dub-mix von "i need your lovin" verliebt, und nach seiner grandiosen auflegerei beim spring würd ich ihn vom fleck weg heiraten. aber deswegen behaupte ich auch nicht, dass alles was er angreift megaaffentittengeil ist. das selbe gilt für meine langzeitliebe laurent garnier. und ein label, bei dem ich alle releases ausnahmslos gut finde, habe ich sowieso noch nicht gefunden, obwohl equalized, f-com, planet e, noodles discotheque, areal, sandwell, r&s und...

    • zugverschrotter | vor 951 Tagen, 16 Stunden, 58 Minuten

      ... einige andere eine hohe trefferquote aufweisen.

      aber ok. das sind wohl die kulturellen unterschiede zwischen mitteleuropa und, like, the best country in the world, like, seriously, ever.

      U-S-A! U-S-A!

    • christianlehner | vor 951 Tagen, 16 Stunden, 7 Minuten

      es war zwar eher das "wie" als das "was" gemeint, aber deine antwort bestätigt zumindest das ursprügliche amüsement.

    • zugverschrotter | vor 951 Tagen, 8 Stunden, 23 Minuten

      oh. stimmt. in der hipsterkultur steht ja spaß an erster stelle. konkrete aussagen erfahren hingegen nicht so viel appriciation (sic)

    • christianlehner | vor 949 Tagen, 13 Stunden, 43 Minuten

      see

  • mastamind | vor 952 Tagen, 14 Stunden, 8 Minuten

    super! danke

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