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Musik, Film, Heiteres

Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

7. 1. 2012 - 11:31

A Blast from the Past

"Serious Sam: BFE" pfeift auf moderne Shooterkonventionen - und wirkt trotzdem kein bisschen angestaubt.

Serious Sam: BFE

Croteam

Deckung? Regenerierende Gesundheit? Für Schwächlinge! Fahrzeuge? NPCs zum Nachlaufen und/oder Retten? Ham' wa nich! Erfahrungspunkte? Level? Rätsel? Realismus? Wozu, bitte? Minispiele? Inventory? Shops? Story? Missionen? Geschenkt! Alles überflüssiger Kram, der das Genre des First-Person-Shooters zukleistert, das in seiner klassischen Einfachheit eigentlich nur wenig benötigt: Fette Explosionen, massig viele Gegner und die Freiheit, sich in dem aus den ersten beiden Elementen ergebenden Chaos rasant zu bewegen.

Überblickt man neuere Titel, muss man allerdings bezweifeln, dass das Label "First-Person-Shooter" überhaupt noch ein einziges Genre beschreibt: Militainment-Blockbuster wie "Battlefield 3" und "Modern Warfare 3", Rollenspiel-Hybride wie "Deus Ex: Human Revolution", First-Person-Puzzler wie "Portal 2" oder narrative Experimente wie "The Stanley Parable" waren allein 2011 bemerkenswerte Vertreter. Wikipedia listet unfassbare 614 Titel in der Kategorie "First Person Shooter". Kaum zu glauben, dass das derzeit wohl populärste - und immer noch medial umstrittenste - Genre am Videospielmarkt mehr oder weniger direkt auf eine Wurzel zurückzuführen ist: "Wolfenstein 3D" von id software, vor stolzen 20 Jahren erschienen.

Serious Sam: BFE

Croteam

20 Jahre sind eine halbe Ewigkeit im schnelllebigen Medium Games, und doch hat sich Croteam, kroatischer Entwickler der "Serious Sam"-Reihe, traditionell dem "Back to the roots" des FPS verschrieben. Und das mit Erfolg: Sowohl das 2001 erschienene "Serious Sam" als auch der vier Jahre später erschienene Nachfolger zeigten, dass die Sturm-und-Drang-Zeit des Genres Mitte der 90er noch nicht allen Reiz verloren hat. Der vor kurzem erschienene dritte Teil "Serious Sam 3: BFE" ("Before First Encounter") verweigert wieder trotzig alle "modernen" Shooterkonventionen - und wirkt trotzdem erstaunlich frisch.

Pyrotechnik zwischen Pyramiden

Die Basics haben sich seit dem Erstling kaum verändert: Zwischen ägyptischen Tempelruinen und Pyramiden bekämpft Sam "Serious" Stone im Alleingang groteske Alienmassen, darunter hausgroße Dämonen und - natürlich - Horden kopfloser Kamikaze-Bomber, deren konstant näherkommendes Brüllen sich dem Spieler schon seit dem ersten Teil in die Gehörgänge bohrt.

Im Gegensatz zum humorlosen Military-Shooter-Allerlei nimmt sich Serious Sam dabei allerdings zum Glück nicht ernst - und läuft dem gestrauchelten Duke Nukem damit endgültig den Rang als ironisches Action-Macho-Vehikel ab. Angesichts der fröhlich-brachialen und absurd überzeichneten Gewalt ist der infantil-bizarre Humor auch genau das Richtige, um das Spiel vor dem sonst im Genre oft vorherrschenden Tom-Clancy-Bierernst zu retten. Klar bleibt die Story dennoch belanglos - für den ein oder anderen Lacher ist "Serious Sam", dieses augenzwinkernde Abziehbild eines Abziehbildes eines beliebigen Last Action Hero aus den späten Achtzigern, aber immer gut.

Crescendo mit Raketen

Umso unverständlicher ist es, dass sich "Serious Sam: BFE" in den ersten eineinhalb Spielstunden eher mühsam dahinschleppt und erst langsam zur Hochform aufläuft: Die arabische Startlocation und das mäßige Gegneraufkommen lassen zuerst gar an eine mäßig gelungene Anbiederung an den Status quo aktueller Military-Shooter denken, doch zum Glück steigern sich sowohl Tempo als auch Chaos bis zum Finale furios. So findet man sich schon wenig später in jenem altbekannten irrwitzigen Rausch aus Explosionen und Geschwindigkeit wieder, der "Serious Sam: BFE" als Erben der schnellen Urahnen der 90er-Jahre auszeichnet.

Es ist nämlich bei aller Reduktion auch die heute ungewohnte Bewegungsgeschwindigkeit, die den Charme dieses Retro-Spektakels in Hochglanz ausmacht: Die riesigen Arenen zwischen größenwahnsinnigen ägyptischen Tempeln, in denen Welle um Welle der ganz klassisch spawnenden Gegner auf den Spieler zurollen, bieten im Vergleich zu aktuellen Titeln ungewohnt viel Bewegungsfreiheit - und die ist auch notwendig, um zu überleben.

"Serious Sam: BFE" ist für Windows, PS3 und XBox360 erschienen. Im Multiplayerteil können Spieler in verschiedenen Modi gegeneinander, innovativerweise bis zu 16 Spieler zugleich im Coop-Modus oder zu viert per Split-Screen antreten.

In der Balance zwischen hektischen Ausweichmanövern und Feuerkraft spielt sich "Serious Sam: BFE" dann auch oft eher wie ein Twin-Stick-Shooter aus der Egoperspektive als wie ein "moderner" First-Person-Shooter, in dem vor lauter Deckungs-Schnickschnack die Action zum statischen Zielschießen verkommt. Wer hier hingegen nicht dauernd in Bewegung bleibt, zieht bald den Kürzeren, denn jede Deckung zerbröselt unter Beschuss und auch Sams Gesundheit lässt sich ganz oldschool-mäßig nur per Medipacks wieder auffüllen. Schon der normale Schwierigkeitsgrad vergibt keine Fehler; wer sich mit weniger Frust dem Flow des unterhaltsamen Kampfballetts hingeben will, hat hier ausnahmsweise mit dem Schwierigkeitsgrad "Easy" die meiste Freude.

Serious Sam: BFE

Croteam

Alles nur Nostalgie? Nicht unbedingt; "Serious Sam: BFE" ist eher bewusst unmodern als altmodisch oder überholt. Croteam entstaubt gekonnt die Reize vergangener Games-Epochen und hält an einer eigentlich zeitlosen Formel fest.

Der neue "Serious Sam" ist somit das Spiel, das "Duke Nukem Forever" sein wollte und id softwares "Rage" vor lauter Überladenheit nicht sein durfte. Wie sagte Kollege Glashüttner im Review zu Ersterem so schön: "Fast Food mit jeder Menge Geschmacksverstärkern und pickigem Eistee dazu." - Nur dass das Ganze hier irgendwie besser schmeckt. Hail to the real king, baby!

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