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Peter Babutzky

Peter Babutzky

Interessiert sich für Wirtschaft, Politik und das dazwischen

16. 1. 2012 - 16:45

Der Haken an der direkten Demokratie

Die Rufe nach mehr direkter Demokratie in Österreich werden lauter. Aber auch der Zweifel wächst. Hat das Volk wirklich immer Recht?

Wegen der "Schuldenbremse" wird in Österreich wieder über direkte Demokratie diskutiert. Der Grund: Die FPÖ will der Schuldenbremse zustimmen, wenn die Regierung im Gegenzug die FPÖ-Forderung nach mehr direkter Demokratie unterstützt. Die ÖVP gibt sich gesprächsbereit und arbeitet nun an einem eigenen Konzept. Konkret dreht sich die Diskussion um die Volksabstimmung. Die BefürworterInnen wollen, dass das Volk ein Gesetz erzwingen kann.

Volksabstimmungen erzwingen

Nach dem Vorschlag der FPÖ soll es ab 250.000 Unterschriften für ein Volksbegehren eine zwingende Volksabstimmung geben. Somit könnte ein Gesetz auch gegen den Willen des Parlaments durchgebracht werden. Das ist derzeit nicht möglich. Dieser Idee schließen sich auch andere Parteien wie zum Beispiel die Grünen und einige NGOs an. Direkte Demokratie ist für sie ein Mittel gegen Politikverdrossenheit und politisches Desinteresse. Die BürgerInnen sollten wieder das Gefühl haben, dass sie etwas bewegen können, argumentieren die BefürworterInnen.

Wahlurne

"Gesetze gegen den Willen der Bevölkerung"

Für Erwin Mayer vom Verein "Mehr Demokratie" sollten schon 100.000 Unterschriften reichen, um eine Volksabstimmung zu erzwingen. Für ihn ist das repräsentative politische System in der Krise. "Viele Entscheidungen werden derzeit gegen den Willen der Bevölkerung getroffen. Das muss sich ändern", sagt Mayer. Denn schließlich sei ein demokratisches System dazu da, dass Gesetze im Sinne der Bevölkerung beschlossen werden.

Genau das geschehe aber immer seltener. "Die Bürger wollen endlich die Verantwortung übernehmen", sagt Mayer. Denn schließlich sei das Volk ja die höchste Instanz in einem demokratischen Staat. "Wer soll gescheiter sein als das Volk selbst", fragen die BefürworterInnen von mehr direkter Demokratie.

Direkte Demokratie als Gefahr für die Demokratie?

Doch an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Hat das Volk wirklich immer Recht? Liegt nicht auch eine Gefahr in den verlockenden Versprechungen der direkten Demokratie? Wolfgang Müller-Funk, Kulturwissenschaftler an der Uni Wien, beantwortet diese Frage mit einem Ja.

Wenn das Volk ein Gesetz am Parlament vorbei erzwingen kann, dann würden Massenmedien und billiger Populismus mächtiger werden, erklärt Müller-Funk. Ein Beispiel dafür finden viele GegnerInnen im direktdemokratischen Musterland Schweiz. Dort hat eine Volksabstimmung über ein Bauverbot von Minaretten weltweit für Proteste gesorgt. Monatelang hatte die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei (SVP) für ein Verbot getrommelt. Auf den SVP-Plakaten war eine Burka-Trägerin zu sehen – dahinter die Flagge der Schweiz, aus der Minarette wie Raketen in die Höhe ragten. 57,5 Prozent der SchweizerInnen stimmten schließlich für das Bauverbot von Minaretten.

"Politiker stehlen sich aus Verantwortung"

Die Volksabstimmung über ein Bauverbot von Minaretten in der Schweiz hat weltweit Proteste ausgelöst.

Eine Mehrheit der SchweizerInnen hat also über die Rechte einer religiösen Minderheit entschieden. Und das sei ein großes Problem und nur schwer in Einklang mit einem modernen Rechtsstaat zu bringen, so Kulturwissenschaftler Müller-Funk: "Solche Abstimmungen würde es dann auch in Österreich geben. Und davon träumt ja Heinz Christian Strache."

Außerdem untergrabe die Forderung nach einer erzwungenen Volksabstimmung die Regeln einer parlamentarischen Demokratie. Denn für ein Gesetz, das vom Volk beschlossen wird, sei letztendlich niemand verantwortlich. Gewählte PolitikerInnen könnten Verantwortung abschieben und sich auf Volksentscheide ausreden. "Wenn das Volk zum Beispiel ein Gesetz durchbringt, das sich ökonomisch und politisch als vollkommen unsinnig herausstellt, dann ist niemand dafür verantwortlich. Zugespitzt gesagt: Die direkte Demokratie beinhaltet das Moment der Selbstauslöschung der Demokratie", sagt Müller-Funk.

Massenmedien würden mächtiger werden

Sollte Österreich tatsächlich eine neue Form der direkten Demokratie bekommen, bräuchte es wohl mehr Änderungen, als nur die Möglichkeit eine Volksabstimmung zu erzwingen. Gerade die Massenmedien würden spürbar mächtiger werden, wenn die Bevölkerung plötzlich regelmäßig über bestimmte Sachthemen abstimmt. Damit nicht bloß die schrillsten und lautesten Stimmen im Medien-Dickicht gehört werden, müsste überlegt werden, wie mehr Qualitäts-Journalismus ausgebaut und finanziert werden kann.

Abstimmung über direkte Demokratie

Doch schlussendlich stellt sich auch die Frage, ob das Volk die Verantwortung überhaupt tragen will. Denn beim Ausbau der direkten Demokratie würde ein bereits existierendes direktdemokratisches Instrument zum Einsatz kommen, sagen viele VerfassungsjuristInnen. Die Möglichkeit eine Volksabstimmung zu erzwingen, wäre vermutlich eine grundlegende Änderung der Verfassung – und somit müsste eine Volksabstimmung darüber durchgeführt werden. Ob das Volk mehr direkte Macht bekommt, entscheidet das Volk also letztendlich selbst.

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  • extraworst | vor 32 Tagen, 23 Stunden, 41 Minuten

    Die Mehrheit

    hört Andreas Gabalier,
    liest Krone,
    schaut Villacher Fasching.

    Schöne Vorstellung von so einer Mehrheit regiert zu werden.

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  • biased | vor 36 Tagen, 1 Stunde, 16 Minuten

    Man vergisst, dass die "Direkte Demokratie" zumundest was die meisten...

    ...darunter verstehen

    schon längst Praxis herkömmlicher Politik ist. Das gesamte Feld der Meinungsforschung, der Marketingstrategen und der Politikberater konzenriert sich ausschließlich darauf, was "das Volk" will, was die Leute gerne hören und wem sie vertrauen, wenn man ihn oder sie im Fernsehen sieht. Direkte Demokratie ist damit nichts anderes als die Fortsetzung der Meinungsforschung mit den Mitteln der Gesetzgebung.

    Der griechische Historiker Polybios nannte das Ochlokartie, die Herrschaft des Pöbels und er hatte recht damit.

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    • maekkiiyy | vor 35 Tagen, 15 Stunden, 5 Minuten

      @Ochlokratie

      ja, davor hat mich bei einem Gespräch ein Physik-Professor vor kurzem auch gewarnt. Diese Herrschaftsform kannte ich vorher nicht.

  • zugverschrotter | vor 36 Tagen, 18 Stunden, 31 Minuten

    "Wer soll gescheiter sein als das Volk selbst", fragen die BefürworterInnen von mehr direkter Demokratie.

    der einzelne mensch mag genial sein, in der masse agiert er aber zumeist hirnlos.

    desweiteren kann man komplexe problemstellungen nicht mit einer ja-nein-antwort lösen. schon gar nicht, wenn die probleme in einer komplexen umwelt stark mit anderen bereichen verwoben sind.

    eigentlich das genaue gegenstück zur post-demokratie, die gerade in zu sein scheint: mitspracherecht für jeden und immer und überall! dass die politik dann ihre dasseinsberechtigung verliert wurde wohl auch nicht bedacht.

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  • zarniwoop | vor 36 Tagen, 22 Stunden, 27 Minuten

    Minarettverbot vs. Eurobonds

    Sehr nett irgendwie ausgerechnet das Minarettverbot hier zu erwähnen! Genau das illustriert die völlig verblendete Illusion der "Mehr-Demokratie-wagen"-Freunde.
    So ein Minarettverbot (so bescheuert das in der Realität war/ist) ist eine Entscheidung, die in einer - nennen wir sie mal ruhig: - rassistischen Volkskommune wie der Schweiz halt einfach geht.
    In einem zunehmend komplexen Rechtsraum wie einer EU ist das halt einfach nicht mehr zu machen. Viele Gesetze, die sich der "einfache" bis hin zum "mündigen" Bürger wünscht, sind schlicht nicht mehr möglich, weil EU-Bestimmungen dagegen sprechen.
    Interessant wäre es zu erfahren, wie die Direktdemokratie-Freunde über einen Fall wie Ungarn denken, wo ein durchgeknalltes Volk einen durchgeknallten Korrupteur mit einer satten 2/3-Mehrheit ausstattet, die dieser prompt nutzt, um die "Demokratie", bzw. deren unumgänglichen Organe (freie Presse !) abzuwürgen...

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  • wer66ner | vor 36 Tagen, 23 Stunden, 29 Minuten

    Wahlfreiheit und Stimmrechtsmissbrauch

    Jede Herrschaftsform nimmt und vergibt Macht. Insofern wäre aus der Sicht einer Einzelperson jede Art von Herrschaftssystem grundsätzlich abzulehnen.

    Gleichwohl ging mit der Übervölkerung des Planeten ein Bedarf nach Organisation und Kommunikation der Menschen einher.

    Die Organisation führte zu dauernder oder vorübergehender Ohn-/Macht der Einzelnen.

    Die Kommunikation wurde in der Folge ebenfalls organisiert. So entstanden "Staatsorgane" und "übrige Medien".

    War das Verhältnis von Mächtigen zu Ohnmächtigen gespannt, weil für die Ohnmächtigen das Wohlwollen der Mächtigen nicht mehr spürbar war, so wurden die "übrigen Medien" zum (protestierenden, dissidenten) Gegenstück der "Staatsorgane".

    Insofern kann die angesprochene Angst der Machtträger einer (indirekten) Demokratie vor dem Missbrauch der "übrigen Medien" nur darin gesehen werden, dass das Verhältnis zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen (zumindest aus Sicht der Mächtigen) derzeit gespannt zu sein scheint.

    Die Direktheit der Demokratie ändert daran an sich wenig, da ja dieselben "übrigen Medien", denen unterstellt würde, sie würden Einzelentscheidungen an den Volksvertretern vorbei herbeiführen, auch laufend Auswirkungen auf das Tagesgeschäft der indirekten Demokratie haben (Stichworte: "Wiederwahl", "Beliebtheit")

    Der eigentliche Haken an der Demokratie ist, dass von Otto Normalverbraucher (bzw. Ottilie Normalverbraucherin) nicht verlangt werden kann, sich aus widersprüchlichen Quellen zu informieren und die Endfolgen einer politischen (Direkt- oder Wahl-)Entscheidung...

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    • wer66ner | vor 36 Tagen, 23 Stunden, 26 Minuten

      ...abzuschätzen. Also wird der "faule" Staatsbürger bei der Abstimmung/Wahl immer sein Recht missbrauchen, gleich ob er gar nicht zur hingeht oder für wen oder was er stimmt.

  • vtbik | vor 37 Tagen, 2 Stunden, 1 Minute

    das Binnen-I.....nach Schnee in Wien, die dümmste "Erfindung".....

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    • extraworst | vor 33 Tagen, 4 Minuten

      BürgerInnenmeisterInnenkandidatIn

      in diesem fall, wäre eine volksabstimmung sinnvoll;)

  • arnonymous | vor 37 Tagen, 3 Stunden, 54 Minuten

    hmm

    einfaches beispiel, siehe californien für die reale umsetzung:

    1., volksabstimmung über mehr geld für feuerwehr, polizei, rettung. natürlich stimmt die mehrheit dafür. zum schutze der kinder.

    2., volksabstimmung über steursenkungen. natürlich stimmt die mehrheit dafür, jeder freut sich über weniger steuern.

    und fertig ist ein riesendefizit, ohne ausweg. "das volk" will beides. geht aber nicht.

    "A democracy cannot exist as a permanent form of government. It can only exist until the majority discovers it can vote itself largess out of the public treasury. After that, the majority always votes for the candidate promising the most benefits with the result the democracy collapses because of the loose fiscal policy ensuing, always to be followed by a dictatorship, then a monarchy." --Tytler

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  • truhe | vor 37 Tagen, 12 Stunden, 35 Minuten

    Mehr direkte Demokratie hätte auf einer regionalen Ebene sicher Sinn, also auf Gemeinde, Bezirks oder regionaler Einzugsbereichsebene, allein schon um einen Hebel gegen das grassierende Ortskaisertum zu haben. Darüber hinaus bin ich aber eher skeptisch aus Gründen der allgemein bekannten medialen und politischen Desinformation. Das Populisten wie die FPÖ sich für sowas stark machen ist verständlich, dass NGO's und Grüne in diese Falle mittappen wollen finde ich dagegen eher naiv, da die von ihnen anvisierten Möglichkeiten zum einen einfach nicht die Durchschlagskraft hätten wie wenn zum Beispiel Blau und Kleinformat auf etwas zum Angriff blasen. Man sollte in dem Zusammenhang auch einmal nachdenken ob man bei solchen Abstimmungen neben dem "Dafür und dem "Dagegen" nicht ein "handelts eine ordentliche Kompromisslösung aus Herrschtszeiten!" Option anbietet, nur um dem Bürger einmal die Möglichkeit zur Verfügung zu stellen von ihren Vertretern zu verlengen dass sie die Arbeit tun für die sie gewählt werden anstatt sich für extreme entscheiden zu müssen.

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  • agentprovooo | vor 37 Tagen, 21 Stunden, 6 Minuten

    Also mir grauts vor der Einführung übermäßiger direkt-demokratischer Mittel. Solange die Regierungsparteien und Teile der Opposition nicht fähig sind komplexe politische Mechanismen und Sachverhalte zu erklären, so dass es der gemeine Österreicher ohne entsprechendes Hintergrundwissen auch nachvollziehen kann, spielt man damit nur der FPÖ in die Hände.

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