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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

13. 1. 2012 - 17:40

Schluss mit kunstig

Die britische Regierung will in Zukunft nur mehr Blockbuster fördern.

So vernetzt wir uns auch fühlen mögen, wir leben alle in einer Blase, in der Realwelt fast so sehr wie online.

Ich kenne zum Beispiel niemand, der/die sich den letzte Woche in Großbritannien angelaufenen Film „The Iron Lady“ über das Leben der Margaret Thatcher angesehen hat oder plant, das zu tun.

Um ehrlich zu sein, dachte ich, Meryl Streep hätte sich mit dieser Rolle schwer verschätzt. Der weit verbreitete Hass gegen Thatcher, die selbst am Höhepunkt ihrer Popularität ('83 nach dem Falkland-Krieg) nie mehr als 42 Prozent der Bevölkerung hinter sich hatte und in weiten Teilen des Landes (Liverpool bis Inverness, Wales, ...) immer noch Image-Werte unterhalb von Lord Voldemort einfährt, sitzt schließlich sehr, sehr tief.

Aber so wie es aussieht, ist jener Film, der selbst konservative Gemüter verletzte, weil La Streep darin – geschmacklos! – auch die Demenz der gealterten Thatcher porträtiert, ein wahrer Renner. Und ich eben nur ein ahnungsloser Blasenbewohner.

Meryl Streep und Phyllida Loyd enthüllen Iron Lady-Plakat

Robert Rotifer

Öffentliche Hand für die Glorifizierung der Hohepriesterin aller Privatisierung: Phyllida Lloyd und Meryl Streep enthüllen The Iron Lady vor den Houses of Parliament

Der revisionistische Schwung dieses Kinogroßereignisses scheint nun Premierminister David Cameron beflügelt zu haben, sich wieder ein bisschen ins Filmgeschäft einzumischen.

Er hat ja eine Schwäche für die Branche. Den Neujahrstag 2011 verbrachte Cameron etwa in Gesellschaft von Helena Bonham-Carter und ihrem Gatten Tim Burton (Bonham-Carter hatte Cameron über dessen liberaldemokratischen Vize Nick Clegg kennengelernt, mit dem sie einst zur Schule ging – eine kleine Welt).

Maggies Geist im Fördertopf

Mit 1. April des solcherart glamourös begonnen Jahres hatte die Regierung Cameron/Clegg bzw. ihr Media Secretary Jeremy Hunt das UK Film Council abgeschafft, eine Förderorganisation, ohne deren Mittel unter anderem Abräumer wie The King's Speech (samt Bonham-Carter) nicht möglich gewesen wären.

Meryl Streep vor Iron Lady-Plakat

Robert Rotifer

Just jene Oscar-Schleuder dient dem Premier nun paradoxerweise als leuchtendes Vorzeigebeispiel einer für kommenden Montag angekündigten Neuorientierung der britischen Filmförderung. Vor seinem Besuch in den Pinewood Studios wurde Cameron von seinem Pressesprecher folgender Satz in den Mund gelegt:

„Unsere Rolle und die des BFI (British Film Institute) sollte es sein, den Sektor darin zu unterstützen, noch dynamischer und unternehmerischer zu werden, den Produzenten des Vereinten Königreichs zu helfen, kommerziell erfolgreiche Filme zu machen, die mit der Qualität und der Wirkung der besten internationalen Produktionen konkurrieren."

Übersetzt wird das bedeuten, dass die Förderung britischer Filme künftig nicht mehr von deren zu erwartendem künstlerischen Wert, sondern von ihren zu erwartenden Einnahmen abhängen soll. Dementsprechend werden bei der Vergabe weiterer Förderungen bewährte Publikumsmagneten automatisch den Vorzug gegenüber unsicheren Investitionen genießen.

Um die Iron Lady hätten wir uns unter diesen neuen Regeln also jedenfalls keine Sorgen machen müssen, schließlich führte da Phyllida „Mamma Mia“ Lloyd die Regie. Wer künftig nichts mehr kriegt, lässt wiederum sich aus den Nullen in den rechten beiden Spalten der Fördermittelbilanz des UK Film Council ablesen.

Nische braucht keiner: Creative Industries-Rhetorik für harte Zeiten

Wie auch Ken Loach zurecht anmerkt, lässt sich im Vorhinein kaum beurteilen, aus welchem Drehbuch ein Straßenfeger wird, siehe gerade erwähnte King's Speech – ein Film über die Überwindung einer Sprechstörung – oder den anderen großen britischen Seller der letzten Jahre Slumdog Millionäre. Hätte beides am Papier nicht unbedingt nach Kassengerassel geklungen.

Dazu kommt die Sorge, was nun aus jenen unabhängigen Filmschaffenden werden soll, die mit kleinen Budgets für ein Nischenpublikum arbeiten, bzw. aus jenen Filmen, die weder an der Idee, noch an der Produktion, sondern an den auf Multiplex-Ketten ausgerichteten Vertriebswegen scheitern.

Aber all das trifft immer noch nicht das Hauptproblem der Cameronschen Agenda, die letztlich bloß die "Creative Industries"-Denke der letzten, geschätzten 15 Jahre zu ihrer logischen, wenngleich absurden Konsequenz bringt.

Die Herausforderung des Publikums wird zur fahrlässigen Fehlinvestition

Wenn Kultur sich dazu hinreißen lässt, die eigene Existenz mit Verweis auf den Wirtschaftsfaktor zu rechtfertigen und sich selbst als Exportaushängeschild abzufeiern, dann führt das am Ende zu Camerons Umkehrschluss, nur jene Filme zu fördern, die diese Versprechen tatsächlich erfüllen. Also genau jene, die eigentlich von der Industrie selbst getragen werden und keine Förderung brauchen sollten.

Die ursprüngliche, einem demokratisierten (bzw. schlechterenfalls klüngelhaft korrumpierten) Mäzenatentum entsprechende Praxis öffentlicher Filmförderung entstand in Großbritannien wie überall sonst in Europa aus der (teils von einem patriotischen Anti-Hollywood-Reflex befeuerten) Einsicht, dass man im künstlerischen Interesse des Mediums die Finanzierung des Filmschaffens nicht allein dem freien Markt überlassen kann.

In der Welt des David Cameron ist die öffentliche Hand dagegen zur rein wirtschaftlichen Risikodeckung des Filmgeschäfts da. Die Herausforderung des Publikums durch schwierige Inhalte wird somit zur fahrlässigen Fehlinvestition.

Das erwähnte British Film Institute, das die Agenden des abgeschafften UK Film Council übernommen hat, nährt sich übrigens, wie fast alle Kulturförderung in Großbritannien, aus den Profiten der National Lottery.

Einem hierzulande gern wiederholten populistischen Argument zufolge geht es nicht an, mit Lotteriegeldern, die überwiegend aus den Taschen der Ärmsten der Bevölkerung kommen, elitäre Filmprojekte für wohlhabende, am Biobüffet futternde RollkragenpulliträgerInnen zu finanzieren.

Dabei gibt es nichts Elitäreres als die zynische Annahme, das Problem liege in für das einfache Volk zu obskuren Inhalten – und nicht etwa in jenen einkommensabhängigen Lebensumständen, die kulturelle Sozialisation bedingen und so Nischenkultur wie Programmkinos zum klassenspezifischen Phänomen machen.

Die bei weitem zynischste Variante wäre allerdings, aus genau jenen Taschen der Ärmsten ausschließlich jenen winzigen Teil der britischen Filmindustrie zu füttern, der sich ohnehin eine goldene Nase verdient.

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  • souzy | vor 960 Tagen, 9 Stunden, 42 Minuten

    erst vor ein paar Tagen, als ich (endlich!) Fish Tank auf DVD nachgeholt habe, hab ich mir gedacht, wie großartig es doch ist, dass es den UK Film Council gibt...

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  • wer66ner | vor 961 Tagen, 13 Stunden, 26 Minuten

    Das Jet-Set hatte schon lange den Boden unter den Füßen verloren...

    ...als damit begonnen wurde, die für ein "common wealth" notwendigen Einrichtungen nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen zu führen.

    Nun ja, gönnen wir den "remanants of a former democracy" noch ein paar Schäufelchen Asche.

    Auf dieses Posting antworten