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Simon Welebil

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14. 1. 2012 - 14:24

Saisonarbeit: Geld oder Sozialprestige?

Tausende Menschen gehen jedes Jahr auf Saisonarbeit, trotz ihres schlechten Rufs. Was ist ihre Motivation? Zwei Porträts.

Hochsaison in Österreichs Schigebieten bedeutet nicht nur volle Pisten und Betten, sondern auch viel Arbeit, häufig zu prekären Bedingungen. Saisonarbeit hat keinen guten Ruf, und trotzdem strömen jeden Winter neue, junge Menschen in die Schigebiete, um dort für ein paar Monate ihr Geld zu verdienen.

Kellnerin beim Après-Ski

Helga S. ist eine von ihnen. Letztes Jahr hat sie auf einer Après-Ski-Hütte in St. Anton am Arlberg verbracht. Dreieinhalb Monate lang, von Mitte Dezember bis Ende März, hat sie als Zahlkellnerin gearbeitet, zwischen sieben und zehn Stunden am Tag. Sie hat Bestellung aufgenommen, serviert und abkassiert. Dabei hat sie vor kurzem ihr Psychologie-Studium abgeschlossen.

Aprés Ski Party

avarty

"Meine Motivation, dass ich auf Saison gehe, war, dass ich mit meinem Studium keinen Job finde, und in der Zwischenzeit ein bisschen Geld verdienen will und nochmal ein leichtes Leben führen. Auf Saison dann halligalli, ein leichter Job, mit viel Geld, aber auch Freizeit, wo es eigentlich nicht um viel geht, quasi."

Arbeiten fürs Trinkgeld

Um an einen Job in St. Anton zu kommen, hat sie alle Schi- und Après-Ski-Hütten durchtelefoniert, doch nur weil eine andere Kellnerin ausgefallen ist, ist sie reingerutscht. Um 10:00 beginnt ihr Arbeitstag: Schneeräumen, Tische vorbereiten und Besteck polieren, um für die Mittagszeit, die stressigsten Stunden des Tages gerüstet zu sein. Ab halb zwölf treffen die Gäste ein, Familien und Schigruppen. Dann müssen hunderte Essen zur gleichen Zeit raus. Après-Ski, dass ab halb Drei beginnt, sei dagegen fast gemütlich.

Ihre Bezahlung als Kellnerin in St. Anton war gut, sagt Helga, über dem Kollektivlohn, aber der eigentliche Verdienst liege im Trinkgeld, von dem man gut leben könne. Vorausgesetzt, man ist auf Saison sparsam. Denn wenn man als Kellnerin den Gästen beim Runden schmeißen zusieht, kommt man oft selbst in Versuchung, es ihnen am Abend nachzumachen. "Als Saisonnier ist man viel unterwegs und braucht dementsprechend viel Geld. [...] Wenn ein Bier fünf Euro kostet, sind 100 Euro gleich weg."

Die Schattenseiten der Saisonarbeit

Ein Traumjob also? Mitnichten. Helga hatte normale Arbeitszeiten, nette Arbeitgeber und durch das Trinkgeld gut verdient, aber nicht alle SaisonarbeiterInnen haben so viel Glück. In der Küche oder als Reinigungskraft sieht man kaum Trinkgeld, und auch die Entlohnung ist am unteren Ende. Dazu kommt ein strukturbedingtes Problem der Saisonarbeit, ein zerrissenes Leben.

"Man ist drei, vier Monate weg von daheim, abgeschottet. Man arbeitet sehr viel, hat wenig Zeit Kontakte zu pflegen oder Freunde zu besuchen. Die meisten machen über den Sommer noch einen anderen Saisonjob, sind dann wieder ganz woanders. So lebt man eigentlich zwischen zwei oder drei Welten. Es ist sehr schwierig, irgendwo Fuß zu fassen, sich niederzulassen und ein stabiles Leben zu führen."

Saisonarbeit als Urlaub

An diese Schattenseiten verschwendet Robert aus Utrecht keine Gedanken. Für ihn ist die Saisonarbeit Urlaub. Der Mathematik- und Lehramtsstudent kommt schon die zweite Saison ins Tiroler Brixental, gemeinsam mit einigen Dutzend anderer holländischer Studierender, um hier als Schilehrer zu arbeiten. "Teaching kids is already what I'm doing, and I love skiing. My aunt has been a ski-instructor for 25 years now, so I had to do it."

Skilehrer in sexy Pose

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Skilehrer, wie sie sich selbst präsentieren. Eine Kampagne des Schweiz Tourismus

Geld ist für den Holländer keine Motivation, denn neben der Unterkunft, für die die Schischule aufkommt, wird er mit einem besseren Taschengeld abgespeist. Nicht einmal die Mittagszeit bekommt Robert bezahlt, wo er seine 15-köpfige Kindergruppe beaufsichtigen muss. Ihm geht es um die schöne Zeit auf den Pisten und am Abend.

Sozialprestige als Ersatz für schlechte Entlohnung

Denn da profitiert Robert vom Sozialprestige als Schilehrer, fühlt sich in der Gruppe der SchilehrerInnen wohl, kommt durch seine Uniform leicht mit anderen Leuten ins Gespräch und knüpft Freundschaften.

Um mehr Geld zum Ausgehen zur Verfügung zu haben, arbeitet Robert noch bis 23 Uhr in einer Bar, danach gibt's jeden Tag "Party-Harty, and I go to bed at 3 or 4 a.m. every day. I don't know, I'm able to do that here, because I won't be able to do that in Holland, but it's so much fun, I just stay out."

Dass er diese Intensität nicht ewig durchhalten kann, muss sich auch Robert eingestehen. Am Ende der letzten Saison konnte er sich nur noch mit Energy-Drinks wachhalten und zu Hause in Utrecht hat es vier Monate gedauert, bis er wieder zu einem normalen Schlaf- und Arbeitsrhythmus gefunden hat. Außerdem hat er einige Kilos zugenommen, die er nicht mehr loswird. "I wanna do another season, but I think it's not healthy for my body. I have to do something healthier."

Und vielleicht findet er auch einen Job, der ihm mehr einbringt, denn Robert fährt auch dieses Jahr ohne Geld nach Hause zurück. Im Gegensatz zu ihm hat Helga den Großteil ihres Einkommens auf die Seite gelegt, doch auch sie weiß nur zu gut um die Versuchungen der Saisonniers. Wenn alle anderen Spaß haben, möchte man da nicht zurückstehen, doch "man kann noch so viel Geld verdienen, aber wenn man voll auf den Putz haut ist es sofort weg. Dann hat man am Ende auch nicht mehr, als wenn man einen normalen Job macht und ein normales Leben führt."

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