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31. 1. 2012 - 13:53

Hype Cycle

Neue Technologien werden mit Begeisterung wahrgenommen, kurze Zeit später für tot erklärt - und schließlich zum Mainstream.

Die Markt- und Technologieforscherin Jackie Fenn beschrieb das Phänomen 1995 zum ersten Mal. Immer wieder war ihr aufgefallen, dass auf die erste Begeisterung über neue Erfindungen heftige Kritik, Zynismus und Nichtbeachtung folgte. Die von ihr "Hype Cycle Of Emerging Technologies" genannte Entwicklung stelle sie mit einer leicht verständlichen Kurve dar:

Gartner

Dotcom-Blase und virtuelle Welten

Fenn, deren Analysen seit den neunziger Jahren auf große Resonanz im IT-Sektor stoßen, beschreibt den Aufstieg, Fall und Reifeprozess von Technologien über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Ein aktuelles Beispiel für einen solch langen Prozess ist die Technologie virtueller Welten, die sich derzeit tief im Tal der Enttäuschungen befindet: Die kommerziell erfolgreichste Public Virtual World, Second Life, erfuhr in den Jahren 2005-2007 einen gigantischen Hype. Heute dagegen halten viele Menschen nicht nur die Plattform selbst, sondern die gesamte Technologie für irrelevant – obwohl die Userzahlen nach dem Hype stabil geblieben sind. Jackie Fenn: „Wenn eine Technologie im ‚Tal der Enttäuschungen‘ steckt, heißt das nicht, dass sie nutzlos ist und sie jeder aufgibt. Unter der Oberfläche entwickelt sie sich weiter. Wenn der Ruf durch den Absturz ruiniert ist, geschehen die größten Innovationen.“

Im "Tal der Enttäuschungen" finden User und Entwickler heraus, wie eine Technologie am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Auch die Geschichte des World Wide Web war von diesem Phänomen betroffen: Es bedurfte erst einer platzenden Dotcom-Blase, um den für seine Mainstream-Adaptierung nötigen Innovationsschub zu erzeugen. Auch wenn so mancher Autor jahrelang das ganze Internet für nutzlos erklärte, ließen Innovatoren nicht locker herauszufinden, wofür es tatsächlich zu gebrauchen war - gerade nach dem Absturz. Die Überlebenden der Dotcom-Blase sind heute die großen Player des Web-Business.

Gartner

Der Hype Cycle 2011

Die ausführliche Theorie zum Hype Cycle hat Jackie Fenn zusammen mit Gartner-Kollegen Mark Raskino in einem Buch beschrieben. „Mastering the Hype Cycle" ist erschienen im Verlag McGraw-Hill.

Erfinder ist nicht gleich Innovator

Zum Modell des "Hype Cycle" gehört auch die Beobachtung, dass die Erfinder einer neuen Technologie selten mit eigenen Produkten das „Plateau der Produktivität“ erreichen. Innovatoren dagegen überwinden Schwierigkeiten, nicht nur indem sie neue Anwendungen finden, sondern auch indem sie neue Geschäftsmodelle erzeugen. Als Beispiel führt Jackie Fenn die Erfindung des mp3-Players (1995 durch die deutsche Firma Pontis) an: „Die frühen Pioniere einer Technologie konzentrieren sich oft auf die Technik selbst, sie wollen neues Terrain erforschen, sie wollen, dass etwas funktioniert. Aber um eine Technologie in den Mainstream zu überführen, müssen andere Dinge geschehen: mp3-Player, von denen heute viele Menschen denken, Apple hätte sie erfunden, wurden zum Mainstream, als Apple herausfand, wie man ein System für legale Musikdownloads erschaffen konnte.“ Ähnliche Beobachtungen treffen auch auf die Entwicklung des Tablet-PC oder des Smartphones zu.

Nokia

Das erste Smartphone

Obsolet vor dem Mainstream?

E-Book-Reader haben den ersten Hype hinter sich und befinden sich für Jackie Fenn im Tal der Enttäuschungen. Grund zur Sorge sei das kaum: Langfristig, so Fenn, befänden sie sich wie mp3-Player auf dem Weg in den Mainstream. Nur in den seltensten Fällen komme es vor, dass eine Erfindung obsolet wird, bevor sie das Plateu der Produktivität erreicht. Es geschehe dann, wenn für den selben Anwendungsfall mehrere ähnliche Technlogien existieren. Auch dafür gibt die Forscherin ein anschauliches Beispiel: „Es hängt davon ab, auf welchem Level sie eine Technologie im Hype Cycle beobachten. Wenn sie das Potential einer Technologie verfolgen, wird dieses sehr selten obsolet. Sie verfolgen beispielsweise eine Technologie auf dem Level von Breitband-Internet. Breitband-Internet ging durch den kompletten Hype Cycle. Wir beobachteten das jahrelang. Wenn wir aber spezifische Wege beobachteten, um Breitband-Internet zu liefern – Kabel, DSL, ISDN – fiel uns auf, dass es einige davon durch den kompletten Hype Cycle gingen, aber Breitband-Internet übers Stromkabel nicht. Denn dort, wo konkurrierende Technologien existieren, die den selben Zweck erfüllen, kann eine davon obsolet werden, bevor sie das ‚Plateau der Produktivität‘ erreicht.“

Wikipedia

3D-Druck: Zukunftsträchtig, wenn vielleicht auch nicht ganz ACTA-kompatibel...

Jährliche Updates

Das Technologie- und Marktforschungsinstitut Gartner veröffentlicht jedes Jahr ein Update von Jackie Fenns Hype Cycle. „Wir arbeiten drei Monate pro Jahr daran“, sagt die Wissenschafterin. Eine der vielversprechendsten Technologien stellt für sie derzeit 3D-Druck dar. Im aktuellen Hype Cycle befindet er sich ebenfalls auf dem aufsteigenden Ast zum „Gipfel der überzogenen Erwartungen“. Die Enttäuschung folgt mit Garantie, doch langfristig hält Jackie Fenn 3D-Druck für eine Technologie, die unsere Gesellschaft völlig verändern wird – weil jeder zu Hause Plastikkomponenten aller Art selbst herstellen kann. „Das bemerkenswerte daran ist, dass diese Geräte einmal 200.000 US-Dollar gekostet haben. Jetzt erhält man sie um 20.000 Dollar, und es gibt Bausätze, mit denen man sie sich für 2.000 Dollar selbst zusammenbauen kann. 3D-Drucker gelangen also in jenen Preisbereich, in dem auch Laserdrucker am Anfang waren – und diese stehen heute in vielen Wohnungen. Wenn einmal jeder seine private Mini-Fabrik im Haus hat, wird das ein gigantischer Störfaktor für den bisherigen Ablauf von Produktion und Lieferung sein.“

Der Wert des Hype Cycle liegt für Jackie Fenn darin, das Urteilsvermögen der Menschen zu stärken: Ein Hype ist weder gut, noch böse, sondern eine normale Phase, die jede Erfindung durchlaufen muss - ebenso wie das Tal der Enttäuschungen. "Mach' nicht mit, nur weil es in ist. Verpasse es nicht, nur weil es out ist."

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